Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 5 (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 12)
- Language
- German
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114 Am 15. Dezember verstarb in seinem 81. Lebensjahr Herr Jacob Strauß, Scheffelstraße 13. Der Heimgegangene zeichnete sich durch tiefe Frömmigkeit aus und hat zeitlebens mit unermüdlichem Eifer das Thorastudium gepflegt. Er gehörte ■in jüngeren Jahren zu den ersten Schülern von Rabbiner M. Horovitz und zu dem Kreis um Dr. Heinrich Heinemann, Hermann Schwab, Lassar Mainz, Hermann Gumpertz u. a. Um die Kriegerfürsorge der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums hat er sich große Verdienste erworben. In Anerkennung seines frommen, allem Parteigezänk abholden Wirkens wurde ihm von Herrn Rabbiner Dr. Hoffmann der Morenu-Titel verliehen. Die Beisetzung fand unter starker Teilnahme, jedoch auf Wunsch des Heimgegangenen ohne jede Trauerrede, am 16. Dezember auf dem Friedhof der Israelitischen Gemeinde an der Rat-Beil-Straße statt. In ihrem 75. Lebensjahr verstarb Frl. Marta Ebstein, Inhaberin des bekannten Blumengeschäftes. In weiten Kreisen bekannt und verehrt, stand die Dahingeschiedene zu unserer Gemeinde in besonderer Beziehung, da sie seit langen Jahren für die Westendsynagoge bei Trauungen und anderen Gelegenheiten die Blumendekoration lieferte und so auf ihre Art nach dem Wort des Psalmisten ihren Gott schmückte.; Bei der Beisetzung würdigte Rabb. Dr. Seligmann, der auch der hingebenden Freundin und Pflegerin wohlverdienten Dank zollte, die gute und demütige Persönlichkeit der Heimgegangenen, der alle, die sie kannten, ein treues Andenken bewahren werden. Räbbinatsassessor Lipinsky Durch das plötzliche Hinscheiden' des Rabbinatsassessors Ch. L. Lipinsky hat die Gemeinde einen schweren Verlust erlitten. In Russisch-Polen geboren, genoß er die traditionelle Erziehung seiner Heimat und legte auf der Jeschiwa den Grundstock zu seinem umfassenden Wissen. In jungen Jahren kam er nach Frankfurt und schloß sich hier einem Kreis von Schülern des sei. Rabbiners Marcus Horovitz an. Hier hatte sich eine Reihe von Absolventen und Studierenden des Berliner Rabbinerseminars zusammengefunden (u. a. Dr. Unna-Mannheim, Dr. S. Grombacher s. A., Dr. I. Friedmann, Dr. Kahn-Mergentheim, Dr. Neuwirth-Ichenhansen), die zu Füßen des großen Lehrers ihre talmudischen Studien vertieften. Rabbiner Horovitz, dem das Ritualwesen der Gemeinde unterstellt war, zog den kenntnisreichen Schüler seit 1897 zu seiner Unterstützung heran, und 1904 trat Lipinsky in den unmittelbaren Gemeindedienst, wo ihm die Funktionen eines Dajan, d. h. die Entscheidung religionsgesetzlicher Anfragen und die Oberaufsicht über die rituellen Betriebe übertragen waren. 1911 wurde ihm offiziell der Titel eines Rabbinatsgehilfen verliehen, und in diesem Amt,-das er unter drei Rabbinern bekleidete, war er bis zu seinem Hinscheiden mit unermüdlicher Pflichttreue tätig. Was Dajan Lipinsky vor allem auszeichnete, war seine außerordentliche Belesenheit im talmudischen und späteren rabbinischen Schrifttum, jenes umfassende Wissen, das nur in einem von frühester Kindheit an vom Thorastudium beherrschten Leben errungen werden kann. Dabei war er, den Traditionen der litauischen Schule getreu, von jeder engherzigen Einstellung frei, und es wurde mit Recht an seiner Bahre hervorgehoben, daß es ihm bei seinen religionsgesetzlichen Entscheidungen niemals auf spitzfindigen „Pilpul", sondern stets nur auf die „thorath emeth", auf den immer lebendigen Sinn des Gesetzes ankam. Von dem letzten großen Gaon des 19. Jahrhunderts, R. Jizchak Elchanan Spektor in Kowno geht im Volksmund eine hübsche Erzählung um, wonach er bei seiner Ankunft im Paradies zuerst von all dem Geflügel begrüßt worden sei, das er bei Lebzeiten zugunsten der armen Leute, die mit ihren Anfragen zu ihm kamen, für koscher erklärt hatte. Auf dieser Linie, jedoch immer unbeschadet der religionsgesetzlichen Wahrheit, lag die Wesensart des Heimgegangenen. Ihr entsprach auch seine große menschliche Güte, Friedensliebe und Bescheidenheit. Neben der Familie, der er.in innigster Liebe zugetan war, gehörte sein Leben ausschließlich dem Studium der Thora, und seiner Gemeinde. Wie tägliches geb. 16. Februar 1873 gest. 27. Dezember 1931 Brot war ihm sein tägliches Lernen in T'nach und Talmud, und noch in der Stunde, als der Todesengel ihn abrief, saß er über seinem Talmudfoliant. Stets war er bemüht, dem Studium neue Seiten abzugewinnen, neue Erklärungen schwieriger Stellen zu finden, und keine größere Freude hatte er, als wenn er darüber mit verständnisvollen Hörern sprechen konnte. Ein großer Kreis von Schülern, vor allem auch in der Jeschiwa und im Talmud Thora-Verein, dankt ihm eine Fülle von Belehrung. Ein frommes und, man darf es sagen, glückliches Leben hat seinen Abschluß gefunden. Sein Andenken sei gesegnet! Die Beisetzung fand unter ungewöhnlich großer Teilnahme am 28. Dezember statt. In der überfüllten großen Trauerhalle des neuen Friedhofs hielt Rabbiner Dr. Hoffmann zugleich im Namen des Gemeindevorstandes und der Ritualkommission, sowie des Vorstandes der Synagoge am Börneplatz, der Jeschiwa und des Talmud Thora-Vereins dem dahingeschiedenen Mitarbeiter einen tiefempfundenen und ergreifenden Nachruf; auch sein Amtsgencsse Rabbinatsassessor Kirschbaum und sein Jugendfreund Rabbiner Dr. Unna-Mannheim widmeten ihm herzliche . Worte des Gedenkens. Auf seinem letzten Gang wurde ihm eine Thoratolle vorangetragen, die neben ihm ins Grab gesenkt wurde — die größte Ehrung, die das Judentum zu vergeben hat — und so behütet die Thora, deren treuer Diener er im Leben war, seinen ewigen Schlaf. Gedenket der Jüd. Notstandsküche! Postscheckkonto 86776 Jüd. Wohlfahrtspflege Konto N Langestraße 30 Telefon: 28249 Nobel-Vorlesung Das Freie Jüdische Lehrhaus veranstaltet wie alljährlich anläßlich der Wiederkehr des Todestages Rabbiner Nobels eine Vorlesung. In diesem Jahr spricht Rabbiner Dr. Dienemann (Offenbach) über: „Der Kampf der Väter. Betrachtungen zu einem Midrasch". Die Vorlesung findet Samstag, den 9. Januar, abends 8 Uhr, im Volksbildungsheim. Saal V, statt. Der Zutritt ist unentgeltlich. Jüdisches Jugendheim und Mensa. Am 8. Dezember veranstalteten die Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde und der Vorstand der Mensa academica judaica eine schlichte Feier zur Einweihung des Heims der jüdischen Jugend und der Mensa in dem hierfür von der Israelitischen Gemeinde überlassenen Anwesen Eschersheimer Landstraße 65. In Anwesenheit von Vertretern der Gemeindeverwaltung und zahlreicher jüdischer Körperschaften eröffnete' Herr Sanitätsrat Dr. Ettlinger als Vorsitzender der Jugendkommission der Gemeinde die Feier und sprach den Wunsch aus, daß das neue Heim stets von jüdischem Gemeinschaftsgeist erfüllt sein möge. Es erfülle den Gemeindevorstand mit besonderer Genugtuung, daß es ihm möglich gewesen sei, mit diesem Heim einen langgehegten Wunsch der Jugend in die Tat umzusetzen. Der Redner schloß seine warmherzige Ansprache mit dem Hinweis, daß die Gemeinde der Jugend dieses Haus geschaffen habe, und daß es nun Sache der Jugend sei, ihrerseits Bausteine für die-Gemeinde herbeizutragen. Die Weiherede hielt sodann Rabbiner Dr. H o. r o v i t z als Vorsitzender der Mensa. An das kürzlich erschienene Buch von Alfred Marcus über die wirtschaftliche Krise der deutschen Juden anknüpfend, hob er u. a. besonders hervor, daß eine Anpassung an die Umwelt, der die jüdische Eigenart zum Opfer gebracht werden müsse, niemals eine Lösung sein könne, daß gerade in dieser Eigenart die letzten Reserven der Kraft und der . Berufstüchtigkeit der Juden liege. Es sei zu begrüßen, daß in dem neuen Heim ein Mittelpunkt und zugleich ein Ruhepunkt für die jüdische Jugend geschaffen sei, und er gebe dem Wunsch Ausdruck, daß die zunächst nur für die Studentenschaft bestimmte Mensa dazu bei-