Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 4 (12.1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094377--3066-3097827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 gibt sich, wenn -ich zusammenfasse: Der Religionsunterricht kann kein abgeschlossenes Wiss en vermitteln, er kann eigentlich nur Anregung geben und muß das allerdings für alle Gebiete jüdischen Wissens tun,, um über das Bild der Religionsgemeinschaft hinaus eine Vorstellung von dem Judentum als Kultur-, Geistes- und Lebensgemeinschaft zu vermitteln. Kurz: er soll uns das jüdische Kollektivum sehen Iehren. Somit soll er vor allem die Schüler dazu bringen, sich selbst mit dem Judentum zu beschäftigen. Das kann er natürlich nur dann, wenn er zu zeigen vermag, daß das Judentum der Jugend von heute etwas zu sagen hat. Damit aber das, was .das Judentum zu sagen hat, von der Jugend überhaupt gehört wird, muß noch eine weitere Voraussetzung erfüllt sein: Nicht nur muß er immer nach diesen Grundsätzen durchgeführt werden; es hängt auch sehr viel von der besonderen Begabung des Lehrers ab, der, um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, ein moderner, zielbewußter, sozial denkender und dabei tief religiös veranlagter Mensch sein muß. Ich selbst genieße seit einem Jahr von einem strenggläubigen Mann, ohne Zwang und Enge, einen solchen Religionsunterricht und ich erlebe froh, was das bedeutet. Jörn Poisson.' Hehr Hebräisch! . Zwei Beobachtungen: Beim Griechisch- Unterricht. einer Sekunda eines hiesigen Gymnasiums kommen einige hebräische Vokabeln vor. Dabei stellt sich die bedauerliche Tatsache heraus, daß unter 13 jüdischen Schülern nur 6 Hebräisch lesen können, davon a.ber vier nur mit ziemlicher. Mühe. — In der Mittelstufe desselben Gymnasiums fragt, ein des Hebräischen kundiger, nichtjüdischer Lehrer die 7 jüdischen Schüler nach den hebräischen Anfangsworten des Pentateuch. Ein. einziger Finger geht in die Höhe; zwei Schüler sind imstande, die ersten 5 oder 6 Worte zu übersetzen. Der nicht gerade philosemitisch eingestellte Herr ' schweigt; müßte aber eben dieses Schweigen nicht alle jüdischen Schülor der;Klasse aufs peinlichste berühren? Da solche Vorfälle bzw. Zustände symptomatisch sind, muß dieses vieldiskutierte Thema wohl auch einmal hier angeschnitten .werden- Ganz abgesehen von der peinlichen Kompromittierung, die öfters hervorgerufen wird, ist das Fehlen eines sachgemäßen Hebräisch-Unterrichts eine der indirekten Ursachen der jüdischen Krise in Deutschland. Denn wer nicht Hebräisch versteht, kann auch dem. Gottesdienst nicht mit Interesse folgen, er wird diesen also mehr oder minder, je nach Einfluß und Einstellung des Elternhauses, meiden; und so erlahmt das Interesse am jüdischen Leben mehr und mehr. Betrachtet man nun die Möglichkeiten, die sich dem Schüler einer hiesigen Simultanschule bieten, so ist folgendes festzustellen: zunächst daß der Unterricht in der Schule, der meist von christlichen Lehrern geleitet wird, für Theologen bestimmt ist, für Juden kaum in Betracht kommt und ihnen meist sogar nicht zugänglich ist. Ein hebräischer Anfangsunterricht wird in der Talmud-Thora-Schule nicht erteilt, die sich nur an Fortgeschrittene wendet. Wer also aus irgendwelchen Gründen das Philänthropin nicht besucht,, ist entweder auf kostspieligen Privatunterricht oder auf die Religionsschulen Hermesweg und Unterlindau angewiesen. Dort gibt es Anfängerkurse, aber 13—15Jährige mögen und können sich nicht mit 7—lOJährigen zusammensetzen; außerdem scheuen sich viele Eltern leider, ihre Kinder außerhalb der Schulzeit mit irgendwelchem Unterricht zu belasten. Aus all diesem geht wohl mit ziemlicher Klarheit hervor, daß die einzig mögliche Methode, eine allgemeine hebräische Bildung zu erzielen, der Unterricht innerhalb der Schule ist. Dabei ist die Frage der Unterrichtsverteilung wohl die schwierigste. Doch müßte der Elementarunterricht schon in Quinta begonnen werden, so daß mit Quarta-Reife bereits einige Kenntnisse vorausgesetzt werden könnten: gutes Lesen, Uebersetzen einiger leichterer Gebete, Kenntnis des Aufbaus von Tenach und Konjugation eines regelmäßigen Verbes etwa im Kai und Niphal. Das kann innerhalb zweier Religionswochenstundea bei der kleinen Schülerzahl, um die es sich hier jahandelt, wohl erreicht werden, bei richtiger Einteilung und — . das ist die wichtigste Voraussetzung — wenn die Schüler intensiv mitarbeiten. Dies dürfte aber nicht allzu schwer fallen, wenn der Lehrer den Schülern vorher Zweck und Sinn dieses Unterrichts ernsthaft auseinandersetzt. Kommt dann in Quarta im Allgemeinunterricht eine neue Fremdsprache hinzu, so muß sich der Schüler schon so weit in den Stoff hineingearbeitet haben, daß keine Kollision der verschiedenen Sprachen entsteht In dieser Klasse müßte sich der Stoff aus Grammatik, Gebeten, leichten Pentateuchstellen und einer Unterhaltungslektüre zusammensetzen. Hat sich der Schüler auf diese Art und durch Sprechübungen einen Vokabelschatz angeeignet, so hat der . Lehrer in U DJ schon ganz freie Hand bei der Stoffauswahl. Neben dem Pentateuch und den Büchern der Könige und Richter wird er zu einer modernen Lektüre greifen, die helfen soll, den Unterricht vielseitig und interessant zu gestalten. A.J.W. Barmizwo-Unterricht, eine Ergänzung des Religions-Unterrichts Die zweifellos wichtigsten Aufgaben hat der jüdische Religionsunterricht in den vier obersten Klassen der höheren Schule und der letzten Klasse der Volksschule zu erfüllen; denn vorher sind die jungen Menschen noch nicht fähig, die Propheten, die Religionsphilosophie und die Mehrzahl der jüdischen Schriften zu verstehen. Um aber alle diese Gebiete auch nur oberflächlich zu behandeln, genügen die zwei wöchentlichen Religionsstunden nicht. Hier liegt die eine Notwendigkeit, den Barmizwo-Unterricht neuzugestalten; die andere beruht in seiner jetzigen Handhabung. Während sechs Monaten geht der 13jährige Junge in der Regel ein- bis zweimal wöchentlich zum Kantor in den Unterricht und lernt dort in dieser langen Zeit neben der Brocho einen Thöraabschnitt von 30 Zeilen auswendig singen und manchmal noch das Legen der Gebetsriemen oder das Tischgebet. Diese vielen, vielen Stunden bedeuten in den meisten Fällen für das Leben der jungen Menschen keinen Einschnitt in ihrer geistigen und seelischen Entwicklung; aber mit Dreizehnjährigen kann man den Unterricht kaum anders gestalten. So komme ich zu der Forderung: Das Bar m i z wo alt er sollte um ein bis zwei Jahre heraufgesetzt und gleichzeitig der Barmizwo-Unterricht zu einer Teilfunktion des Religions-Unterrichtes ausgebaut werden. Diese Altersverschiebung um ein bis zwei Jahre ist von großer Bedeutung, denn um 15 Jahre herum vollzieht sich eine wichtige geistige Entwicklung bei den jungen Menschen. Der Hauptwert des neuen Unterrichts beruht nicht mehr auf dem Lernen der Brocho und Parscho, sondern auf der Beschäftigung mit einem abgegrenzten Teilgebiet des Religionsunterrichtes. Ich denke gerade an „Die Stellung des Juden zum Leben" oder an „Die Ethik des Judentums". Solche Themen wären besonders wichtig, da ein großer Teil jener jungen Menschen vor dem Verlassen der Schule steht. Nicht mehr der Kantor, sondern der Lehrer oder Rabbiner übernimmt den Unterricht und trägt durch dessen zwanglose Gestaltung dazu bei, dem Barmizwofeste wieder einen Inhalt zu geben. Von einem Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen, der vielleicht schon die Schule verläßt, fordert das Leben „Pflichten", die ein Dreizehnjähriger nicht kennt. Uebrigens kann ich noch darauf hinweisen, daß meine Vorschläge schon teilweise verwirklicht sind bei der Art und Durchführung der Mädcheneinsegnung in liberalen