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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-12-01 · 4 (12.1931) · page 34

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
4 (12.1931)
Date
1931-12-01
Page
– (sequence 34)
Language
German
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. Wenn so unsere Schüler sich in ausgeprägter Weise dessen: bewußt werden, daß der Lehrer nicht der Automat ist, aus dem auf Kommando "die Lösungen hervorkommen, kann uns — weder Lehrer hoch Schüler — keine Frage erschüttern oder nur in "Verlegenheit bringen. Ob nach der substantiellen Existenz Gottes, nach der verpflichtenden Kraft des Pentateuchs, ob nach dem Sinn von Koscher und Trefah, 'ob nach der Berechtigung der Todesstrafe gefragt wird, wir sind gewappnet. Nicht etwa mit. paraten Antworten, im Gegenteil: es wäre unpädagogisch, fertige Antworten und Lösungen zu geben,- und' es ist ein alter pädagogischer Grundsatz zur Antwort hinzuleiten. Hier handelt es sich nicht um die Technik, sondern unr die Haltung der Lehrerantwort, die nicht mehr mit autoritativem Anspruch sich vor den Schüler hinstellt, sondern es handelt sich um die Antwort, die der Schüler mit Hilfe des Lehrers sich selbst gibt, die sich bemüht, zu den Wissensgrenzen vorzudringen und dann weiß: zur Zeit gelangen wir nicht weiter. - Issi .bayer. Religionsunterricht, vom Schüler aus! Bei dem heutigen Prinzip in der Schule, dem Arbeitsunterricht, der Fragestellung vom Kinde aus, bedeutet der Religionsunterricht ein besonderes Problem. Man ist sich noch gar nicht klar darüber, wie weit beim Kinde überhaupt ein Verständnis für das Religiöse vorhanden ist Der Religionsunterricht hat dann die Aufgabe, das Kind dazu zu erziehen. Wie kann er das aber erreichen? Wie ist es möglich, daß der Religionsunterricht zum Kinde -spricht, seinen Charakter bildet? Das kann nur dadurch geschehen, daß man aus dem großen Gebiet des jüdischen Religionsunterrichtes nur das an das Kind heranbringt, was es auf der Entwicklungsstufe, auf der' es gerade steht, innerlich erfassen kann. D. h. mit anderen Worten: Der Religionsunterricht muß nach psychologischen Gesichtspunktengeleitet werden. Welche Stoffeinteilung und welche Arbeitsmethoden ergeben sich daraus? In der Unterstufe wird man wie bisher die biblische Geschichte ausschließlich zum Thema nehmen. Man wird dem Kinde die kindttimlichen Geschichten aus dem schlichten Leben der Erzväter erzählen. Hierzu muß der Lehrer sich vertraut machen mit vielen Midraschim, die die einzelnen Gestalten noch leuchtender hervortreten lassen. Das Kind muß in diesen Erzählungen leben und intuitiv die sittlichen Züge eines Abraham, z. B. seinen gottesfürchtigen Wandel innerhalb der heidnischen Umwelt,"-erfassen. Die Wiedergabe wird man nach den neuen pädagogischen Methoden dem Kind in der ihm gemäßen Ausdrucksform, dem kindlichen SpieL überlassen. Auch die malerische Darstellung kann als Ausdrucksmittel gewählt werden. Auf keinen Fall wird man den sittlichen Gehalt in Form von Sprüchen oder auch nur durch die Formulierung der Ueber- 6chriften, wie es noch zum Teil in Auerbachs Schulbibel der . Fall ist, dem Kinde aufdrängen. Besonders eindrucksvoll kann aber das Sittliche dem Kinde gezeigt werden, wenn man anschließend an ein Klassenerlebnis, bei einem Streit z. B. ganz einfach die Geschichte von Abrahams Friedfertigkeit erzählt Es kommt darauf an, daß diese Geschichten das innere Leben des Kindes beeinflussen, ihm zum persönlichen Bildungsgut werden. Man wird natürlich auch an die jüdischen Feiertage; die besonders in konservativen Kreisen eine große Rolle im Leben des Kindes spielen, anknüpfen. ' Ganz anders wird sich der Unterricht auf der Mittel- und Oberstufe gestalten müssen. Im Alter von 9—12 Jahren setzt eine stark realistische Phase, ein starker Wissensdrang, verbunden mit einem hervortretenden Gerechtigkeitssinn ein. In diesem Alter wird es dem Bedürfnis des Kindes entsprechen, wenn man es mit der Entwicklung des jüdischen Volkes, mit; seinen großen Lehrern und Führern bekannt macht. Man wird die ethischen Fragen besprechen und besonders auf die sozialen Probleme, auf die soziale Ethik des Judentums eingehen. Es ist selbstverständlich, daß man wie in den anderen Fächern den Schülern so viel wie möglich leichtere Quellenstücke in die Hand ' geben wird. Sehr wesentlich für den jüdischen Religionsunterricht werden daher die Kenntnisse im Hebräischen sein. Auf dieser Stufe wird der Unterricht hauptsächlich von den Fragen des Schülers ausgehen können. Es werden hier-auch Gegenwartsfragen des jüdischen Lebens, das Verhältnis des Judentums zu anderen Religionen u. ä. Fragen hineinspielen. Der Lehrer wird an diesen Fragen die innere Entwicklung des Kindes zu erkennen suchen. Ganz allmählich wird es vielleicht möglich sein, dem Kinde Verständnis für .religiöses Fühlen zu erwecken. Die Beschäftigung mit unserer Jahrtausende alten Ethik, die bis auf-den heutigen Tag nicht übertroffen ist, wird vielleicht ein Gefühl für den göttlichen Ursprung derselben aufkommen lassen. Man wird Stücke aus den Propheten heranziehen und wird die Kluft zwischen dem Propheten, der die göttliche Ethik verkündet, und den Menschen zeigen. Man wird jetzt die Bibel mit dem Kinde unter dem Gesichtspunkt-des Hereinragens einer höheren Macht, eines Andersartigen, „Heiligen" lesen, für das die Propheten und unsere Väter gelebt haben. Wie weit die Kinder schon für diese letzten im eigentlichen Sinne religiösen Gedanken empfänglich sein werden, wird von der Zusammensetzung der Klasse, von der Persönlichkeit des Lehrers und letzten Endes von der glücklichen Stunde abhängig, sein, in der ein Wort auf fruchtbaren Boden fällt und auf-: gehen kann. Ruth Witt Jüdischer Gesamtunterricht! Der heutige Religionsunterricht soll das jüdische Denken und Empfinden fördern. Er soll die jüdische Religion als eine Reiigion der Innerlichkeit zeigen und deshalb die Aeußerlichkeiten und Riten in den Hintergrund des Unterrichtes stellen. Die Geschichte unseres Volkes soll nicht nur biblisch, sondern auch historisch (d. h. als Glied des Gesamtverlaufs der Weltgeschichte) erklärt werden. Es muß aber auch das ganze Judentum von heute gezeigt werden in seiner ^Wechselwirkung mit der allgemeinen Gestaltung der Jetztzeit. Es müssen also außer Geschichte und Gesetzeslehre auch andere Themen behandelt werden. Fragen, die im Brennpunkt des Interesses stehen. Das sind hauptsächlich menschliche und sitt- ' liehe Probleme, zu deren Losung das Judentum beigetragen hat und beitragen kann. Es ist meines Erachtens also die Hauptaufgabe des Religionsunterrichtes, weniger religiöse Form zu pflegen, als die Verpachtung zur letzten menschlichen Bereitschaft zu wecken. Dieses Ethos ist tief im Judentum begründet, und soll uns auf diese Weise besonders nahegebracht werden. Denn während derjenige Teil der Juden, der in orthodoxen Familien aufwächst, ja in den Riten lebt und deren Vermittlung durch die Schule nicht bedarf, fühlt sich die liberal erzogene Jugend — zahlenmäßig sicherlich überwiegend — durch ein strenges Ritual bestenfalls abgestoßen. Denn was kann dieser Jugend das Ritual schon sagen? Vielleicht, daß man im Elternhaus sündigt? Vielleicht, daß die Eltern, von deren religiösem Gefühl das Kind doch überzeugt ist, Sünder oder Ignoranten sind? Aufgabe des Religionsunterrichtes ist es, Wissen in allen lebenswichtigen Dingen des Judentums, wovon die Religion ja nur ein Teil ist, zu vermitteln. Dinge wie: Jüdische Kunst, jüdisches Wirtschaftsleben, soziale Schichtung des Judentums : usw. Natürlich kann der Religionsunterricht diese Aufgabe nicht restlos erfüllen; hier kann nur die Richtung angegeben werden; in der er planmäßig, arbeiten muß. Aus der Kürze der Unterrichtszeit, die dein Religionsunter-. rieht zur Verfügung steht und aus seiner „Einzigartigkeit" er-

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