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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-12-01 · 4 (12.1931) · page 33

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
4 (12.1931)
Date
1931-12-01
Page
– (sequence 33)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. A , / ., , : , - V - ■'■ , _ DEZEMBER 1931 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleilung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche \erantworlung. —• Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Hölzer, Corneliusstrasse 8, zu richten. VOM JÜDISCHEN RELIGIONS-UNTERRICHT Zur angeblichen Krisis der Erziehung Man braucht nicht lange zu suchen: überall finden sich Trümmer, zusammengebrochener Pf eiler - einer früheren Ordnung, die damals wirklich unantastbar "waren und um-deren fiktive Aufrechterhaltung man sich leider immer noch bemüht. Natürlich vergeblich. Da haben wir — nichts liegt näher — die Religion und den Religionsunterricht, wo Altes und Neues sich begegnen. Da möchte ich fragen: wollt Ihr aus Euren Schülern eine willenlose Herde machen, die blindlings nachfolgt, oder wollt Ihr denkende Menschen erziehen, die um ihren. Weg wissen? Selbst wenn Ihr das erste wolltet, es wäre Euch gar nicht möglich. Denn allzuviele Fragen stehen am Wege. Sogar eine „Herde" würde Euch blindlings Gefolgschaft nicht mehr leisten. Wir Erzieher haben einfach nicht mehr die Regie in der Hand, um nach Wahl und Belieben zu enthüllen und zu verhüllen, weil vieles sich von selbst enthüllt. Und es bleibt uns nur die Wahl zwischen Stillschweigen und Erklärung. Wenn wir aber die Führung abgeben und schweigen wollten, wenn wir den Schüler sich selbst überlassen wollten, so hätten wir die Lehrberechtigung verloren. Das Rezept des Schweigens scheidet also aus, und es bleibt uns eindeutig die Aufgabe der Erklärung. Die Mit führ er schaft des Schülers ist nicht von beute auf morgen da. Sie muß erst entwickelt werden. - Und ehe sie an inneren Fragen ihre Stärke erprobt, muß sie an äußeren geschult .• und erzogen werden. Es galt bisher als Selbstverständlichkeit, .daß der Lehrer in der Kinderpsychologie Bescheid wissen muß. Das Korrelat aber ist nicht weniger wichtig, wenigstens heute. Heute muß tatsächlich das Kind in die-Lehr er-Psychoiogie eingeführt werden, und zwar ganz systematisch. Mit Lehrerpsychplogie meine ich nicht etwa die Erwachsenendenkart, sondern die speziellen Denkvorgänge, die den pädagogischen Maßnahmen des Lehrers vorauszugehen pflegen, müssen den Kindern, zum mindesten umrißhaft, vertraut werden. Für die Reihenfolge entscheidet der Grundsatz: vom Leichteren zum Schwereren. Wie sich das vollzieht, kann natürlich nur im Schema gezeigt werden, was etwa so gesehenen kann. Der Lehrer kommt vor dem Wochenfest in seine Klasse und beginnt mit der Frage: Womit haben wir uns heute zu beschäftigen? (Aber um Gotteswillen, keine Positur und kein Pathos in die Frage legen!) Ob die richtige Antwort gleich kommt oder erst erfragt und erarbeitet werden muß, das. ist gleichgültig; es muß nun den Schülern in aller Deutlichkeit klargemacht werden, warum es heute nötig ist, vor jedem Fest vom Feste zu sprechen. Deshalb nämlich, weil wir als Minderheit in eine Mehrheit eingesprengt sind, uns kulturell assimilieren müssen, ob wir wollen oder nicht, weil unsere Elternhäuser zum Großteil der Jüdischkeit entbehren, weil unsere Eltern zum Teil wenigstens Assimilierung und Uniformierung" verwechselten, weil unsere Feste in ihrer überkommenen Form eigentlich ein jüdisches Land und einen jüdischen Staat voraussetzen, beides aber derzeit nicht existiert, wir somit uns mit einem Festgedenken und einem Sinnen über die Feste begnügen müssen und selbst dieses Sinnen sich uns nicht mit Notwendigkeit aufdrängt — wie einst dem kanaanitischen Bauern —, sondern nach dem Kalender hervorgerufen und herbeigeholt wird. Unsere Feste werden weniger gefeiert als begangen. Das ist nicht . etwa ein Produkt der religiösen Laxheit, sondern eine Folge unserer kaum noch volklichen jüdischen Existenz. Wir sind'eben gezwungen, mit Hilfe der Literatur unser Erinnern aufzufrischen und unsere Ueberlieferung frisch zu erhalten. Und die Feste geben sich uns erst dann in einem einigermaßen lebendigen Sinn, wenn wir ihren Inhalt erlernt haben, da wir ihn nicht mehr recht erleben können. Lediglich in der Orthodoxie ist die Sinngebung der Feste so stark, daß das Surrogat — man verzeihe den harten Ausdruck — starkes Leben, Eigenleben gewinnt und an sich befriedigt. Und deshalb, jetzt schließt sich der Ring, müssen wir vor jedem Feste vom Feste sprechen. Diese lange Ueberlegung geht wohl in jedem Lehrerhirn vor sich. Das genügt aber nicht: diese Ueberlegung* muß dem Schüler, noch weit ausführlicher als hier dargestellt, zum geistigen Eigentum werden, damit er um seinen Weg wisse. An diesem Beispiel ist wohl klar geworden, was ich meine. Ein zweites kurzes Beispiel: Stundenmahgel läßt uns in unserem Religionsunterricht die schriftliche Hausaufgabe außerordentlich pflegen. Aber unsere Schüler wissen genau, warum diese Hausaufgaben sein müssen, daß wir eine ständige, wenn auch naturgemäß schwache Berührung mit allem Jüdischen suchen und — durch die Hausaufgabe — finden. So lernen unsere Schüler also auch das Wie und das Warum der Erziehung kennen, arbeiten mit an der Wahl des Erziehungsweges und verfügen über ein ausgeprägtes Erziehungsbewußtsein, fühlen sich bewußt im Erziehungsstadium. Nur so können sie die Labilität unserer Erziehungssituation ertragen, nur so können sie unsere Unvollkommenheiten an Wissen und Pädagogik in Kauf nehmen, nur so können mit Wahrheit und Ehrlichkeit Lehrer und Schüler zusammenarbeiten. Und wenn wir in Verfolgung dieser Einsichten zuweilen einen Schüler vor die Klasse treten lassen mit der Aufgabe, durch Fragen und Erklärungen irgend ein Thema oder Themateil zu erläutern, so ist das keine müßige Spielerei, sondern der Versuch, den Schüler im bescheidenen Umfange die Situation des Lehrers verstehen und würdigen zu lassen. Wie wir an den Schülernöten und -freuden, so muß der Schüler an den Lehrerfreuden und Lehrernöten teilnehmen. Dann können wir leichten Herzens auf die alte Autorität verzichten, die ja doch nur auf dem Schulprügel basierte, oder wo sie echt war, auf Dogmen, die inzwischen zusammengebrochen sind. Haben wir nun an leichten Exempeln das Erziehungsbewußtsein gebildet und gestärkt, so wird es uns bald möglich sein, schwere und schwerste Fragen zu beantworten. Und jetzt muß ich ein kleines Seitenthema aufgreifen, das der Antwort nämlich. In Kürze: die Periode der absoluten Autoritäten kannte nicht die Antwort, sondern nur die, mehr oder minder fertige, Lösung. Unsere autoritätenlose Zeit aber hat gelernt, auf die Lösung auf jeden Fall zu verzichten und sieh mit der Antwort zu begnügen. Wie schon gesagt, das Leben ist eben kein Rechenexempel, in dem alles restlos aufgeht. Wir müssen, uns daran gewöhnen und wir haben uns daran gewöhnt, mit oft mehreren Erklärungen und Erklärungsversuchen zu arbeiten und uns dabei zu bescheiden. Wir wissen um die Grenzen menschlichen Wissens und menschlicher Erkenntnis. Und immer wieder muß es .gesagt sein: auch unsere Schüler wissen das, auch unsere Schüler wachsen auf im Bewußtsein menschlicher Begrenztheit. Und weil wir zwar versuchen, diese Grenzen möglichst auszudehnen, aber niemals versuchen, diese Grenzen zu durchbrechen, deshalb können wir uns mit der Antwort und dem Erklärungsversuch begnügen, wo es keine Lösung gibt. Und so vieles uns auch fraglich bleibt, wir verfallen nicht ins Zweifeln. Wir sinnen. Aber wir grübeln nicht und zerquälen uns nicht. Wir verlieren, bei aller Labilität, nicht das geistige Gleichgewicht. .

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