Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 4 (12.1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 83 (sequence 9)
- Language
- German
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83 Gottes Furcht. Dieser Zusammenhang der Messiaskündung mit dem geschichtlichen Geschehen tritt noch deutlicher hervor, wenn man das Ende des Buches Schmuel auch mit dem Wortlaut (nicht nur mit dem Inhalt) des Anfangs in Beziehung setzt. Dort kündigt Channas Psalm (I Sam. 2, 1—10) den König als den Vollstrecker göttlicher Gerechtigkeit an und zugleich weist der Text bei Channas Erklärung für den Namen ihres Sohnes mit dem Wort immer wieder auf Schaul, den ersten König, hin, wenn er auch von Schmuel spricht (I 1, 20, 27 und 28). * Zum Gedächtnis Franz Rosenzweigs führte dieser Abend in doppelter Weise hin: er schuf die Verbindung zwischen dem messianischen Text und Rosenzweigs. Worten über die Erwartung des Messias, und er vermittelte den Teilnehmern eine unmittelbare Beziehung zu der gemeinsamen Arbeit RosenzAveigs und Bubers an der Schrift. Sie erlebten, wieviel mehr diese Arbeit bedeutet als nur ein philologisch gewissenhaftes oder gar nur ein „künstlerisches" Uebertragen von einer Sprache in die andere, daß vielmehr Jahrhunderte altes Traditionsgut mit eingeht in die Uebersetzung, die so zugleich Kommentar und Deutung birgt. So mußten die Teilnehmer dieses Abends wünschen, daß Kommentar und Deutung auch gesondert bewahrt und zugänglich gemacht werden. Vorspruch zu einer Chanukkafeier 1931 Von Gerson Stern Die Zeit ist ernst. Die Zeit ist schwer. Wo nimmt man Mut zu feiern her? Zu feiern? — Nein! Es ist bekennen, Was heut uns hier zusammenführt. Wir wollen es beim rechten Namen nennen, Wir mllssen zu uns selber uns bekennen Und geben, was dem Tag als Wert gebührt. Nicht nur dem Tage — nein, es ist das Leben, Was für den Sinn des Lebens zeugt. Wir müssen strebend unsre Kräfte geben Den Zielen, die uns über uns erheben. Der steht am höchsten, der sich so am tiefsten beugt. Seid mir gegrüsst, die hier zusammenkamen. Gebt mit mir diesen Stunden diesen Sinn. Wir alle stammen her aus einem Samen, Wir alle tragen einen alten Namen, Und dies sei Kraft uns, Trost und auch Gewinn. Kaum kann der Tag die Flüche noch verdecken, Die Lug und Trug vor unser Dasein stellt. Es hallt zu uns aus fast vergess'nen Schrecken, Als wollte man nur Hass um Hass erwecken, Anstatt dass Güte aller Weg erheilt. So wollen wir uns hier die Hände reichen; Der Tag sei mehr als ein vergänglich Spiel. Wir wollen nicht vor falschen Worten weichen, Doch streben, uns dem Willen anzugleichen, Der wie ein heller Strahl in dunkle Zeiten fiel, Und dieser Stunde Reigen möge laut bekunden, Dass wir uns zu einander hingefunden. Besinnliche Geschichten der Alten Nacherzählt von Fritz Rosenthal Der böse Trieb im Käfig Einst hatten die Rabbinen den jezer hara, das ist der böse Trieb in uns und der Born alles Uebels, gefangen. Da beriefen sie den großen Gerichtshof der siebenzig Weisen ein, um über den Argen zu Gericht zu sitzen. Endlich, nach langem Disputieren und vielem Zupfen an den gelehrten Barten kamen sie überein, den jezer hara in einen Käfig zu sperren. Und so geschah's. Am nächsten Tage aber war in der ganzen Stadt Jerusalem und, wie sich später herausstellte, im ganzen Lande Israel kein frisches Ei zu bekommen. Der glückhafte Acher Elischa ben Abuja, den man um seiner Sünden willen den „Acher", das heißt „der Andere",- außerhalb der Gemeinschaft Stehende, nennt, wurde einst von den Rabbinen befragt, warum er nicht Umkehr tue. Da erwiderte ihnen der Acher: „Eine Gottesstimme hat mir verkündet: Aller Kreatur will ich vergeben, nur Elischa ben Abuja bleibt ein Ewig-Verworfener!" Der Rabbi Chanina, sein Andenken gereiche uns zum Segen, pflegte diese Stelle zu erläutern: „Wie glückhaft war doch Elischa ben Abuja; er konnte IHM dienen, nicht um des Lohnes, sondern um des Dienstes willen." Vom Nadelöhr und vom Tore Einmal saß Rabbi Jehuda, der Fürst, über die Thora Gottes gebeugt und beschäftigte sich mit der Prophezeiung unseres Lehrers Mosche, die vom Ende der Leidenszeit Israels spricht. „Alle die Leiden, von denen die Schrift spricht, sind über uns gekommen," klagte der Rabbi. „Wo aber bleibt die Umkehr und das Enden in Herrlichkeit":1" Da er noch sann und weinte, trat Eüahu, der Künder, zu ihm ins Gemach und redete ihn also an: „Rabbi, was lernst DuV" „Ich lerne" entgegnete dieser, „den Abschnitt von der Umkehr im Buche der Weisungen." Und der Prophet antwortete ihm: „Mit eben diesem Abschnitte beschäftigte sich am heutigen Tage der Allgegenwärtige. Und ER berief Michael, den Fürsprech, und Samael, den Widersacher. Michael stützte sich auf den Vers der Schrift: „Denn ER, dein Gott, ist ein Gott des Erbarmens." Aber Samael schleuderte ihm einen Vers aus der mündlichen Lehre entgegen: „Unter Edoms Gewalt schmachte Israel, bis es rein steht vor IHM, seinem Gotte." Da trat der Allseiende zwischen den Thron des Rechts und den Thron des Erbarmens und gelobte bei Seinem heiligen Namen: „Wenn mein Volk Israel sich der Umkehr öffnet, wie ein Nadelöhr, will Ich ihm ein Tor auftun, größer als die ganze Welt!" Frauenarbeit im Rheingau Ein Stück „Innere Missio n" Der Rheingau ist typisch für die Veränderungen der jüdischen Gemeinden in ländlichen Gegenden. Früher eine Auffrischungsqueüe für die Stadtgeineinden, sind sie heute in Gefahr der Auflösung. Das in Frage kommende Gebiet besteht aus zwei Gemeinden: Eltville und R ü d e s h e i in , deren Mitglieder sich auf zehn Ortschaften verteilen, lufolge der schlechten Finanzlage ist ein Lehrer nicht vorhanden. Religionsunterricht wird einmal wöchentlich durch den Lehrer von Schierstein erteilt., Gottesdienst wird an Ruschaschono und Jomkippur durch einen für diese Tage verpflichteten Vorbeter abgehalten, an den übrigen Feiertagen und zuweilen am Sabbat übernimmt ein Laie (mein Mann) die Abhaltung des Gottesdienstes, und muß, dies ist bezeichnend, auch eine Predigt halten. Aber trotz allem war das religiöse Leben der Gemeinden fast erstorben, die Männer interesselos, die Frauen ohne Mittelpunkt. Gemeinschaftssinn bestand nicht. Es war wohl ein jüdischer Frauenverein des Rheingau vorhanden. Dieser tagte jedoch alljährlich nur einmal, ohne seinen Mitgliedern aber eine Anregung zu bringen. Er begnügte sich mit einer alljährlichen Kassenabrechnung und Kaffeegesellschaft. Meine Arbeit setzte zunächst damit ein, daß ich die Frauen der Eltviller Gemeinde im Herbst 1930 zu einer Besprechung zu mir bat. Ich schlug vor, alle drei Wochen abends zusammen zu kommen, um uns mit jüdischen Fragen zu beschäftigen. Zweck: das Sichfinden in unserem Judentum, die Notwendigkeit zusammenzuhalten und neues Leben in unsere tote Gemeinde zu bringen. Es wird kein Verein gegründet, sondern eine Gemeinschaft aufgebaut, in der Jede der Anderen gleichgeordnet dasteht. Aemter gibt es nicht, nur gleiche Pflichten. Die Worte fanden willige Ohren: abgesehen von zwei Frauen haben sich alle angeschlossen und sich mit steigendem Interesse der Sache hingegeben. Der Aufbau ist folgendermaßen: dreiwöchentliches Zusammentreffen abwechselnd bei Jeder. Hierbei darf Kaffee oder Tee mit einfachstem Gebäck gereicht werden. Nebenbei sei erwähnt, daß keine Frau ein höheres Trinkgeld als 15 Pfennig geben darf. An diesen Abenden wird gelesen, beraten und diskutiert. Zunächst hielt ich einen Vortrag über die soziale Gesetzgebung im Judentum. Dann begannen wir mit der Lektüre der Memoiren der Glückel von Hameln. Vor allem aber wurde eine Regelung des Sterbe dienstes eingeführt, der bislang durch bezahlte auswärtige Frauen vorgenommen wurde. Wir ließen uns zunächst über die Handreichungen unterrichten. Dann wurde eine genaue Diensteinteilung für jede Einzelne festgelegt. Niemand schloß sich aus.