Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 4 (12.1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 82 (sequence 8)
- Language
- German
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Dawids letzte Rede Im Andenken Franz Rosenzweigs Alljährlich am Jahrzeittage gedenkt das Freie Jüdisdie Lehrhaus in Frankfurt seines Gründers Franz Rosenzweig mit einer Lernstunde, in Anlehnung an die alte Sitte des Jahrzeitlernens. In diesem Jahr besprach Martin Buber mit einem kleinen Kreis'„Die letzte Rede Dawids" (II. Buch Samuel. 23jl—7). Einiges vom Inhalt und Ein druck dieser Stunde vermittelt der folgende Beridit von Teilnehmern Der Abend galt der Besinnung-auf den Messias-Gedanken; er stand im Zeichen einer eingangs von Martin Buber gelesenen Stelle aus den Anmerkungen Franz Rosenzweigs zu seiner Uebertragung der Hymnen des Jehuda Halevi: „Denn die Erwartung des Messias, von der und um derentwillen das Judentum lebt, wäre ein leeres Theologunien, eine bloße „Idee", ein Geschwätz — wenn sie sich nicht immer wieder verwirklichte und entwirklichte, täuschte und enttäuschte an der Gestalt des „falschen Messias". Der falsche Messias ist so alt wie die Hoffnung des. echten. Er ist die wechselnde Form dieser bleibenden Hoffnung. Jedes jüdische Geschlecht teilt sieh durch ihn in die, welche die Glaubenskraft haben, sich täuschen zu lassen, und die, welche die Hoffnungskraft haben, sich nicht täuschen zu lassen. Jene sind die- Besseren, diese die Stärkeren. Jene bluten als Opfer auf dem Altar der Ewigkeit des Volkes, diese dienen als Priester vor diesem Altar. Bis es einmal umgekehrt sein wird und der Glaube der Gläubigen zur Wahrheit, die Hoffnung der Hoffenden zur Lüge wird. Dann — und niemand weiß, ob dies „Dann" nicht noch heute eintreten wird —, dann ist die Aufgabe der Hoffenden zu Ende, und wer dann, wenn der Morgen dieses Heute angebrochen ist, noch zu den Hoffenden und nicht zu den Glaubenden gehört, der läuft Gefahr, verworfen zu werden. Diese Gefahr hängt über dem scheinbar gefahrloseren Leben des Hoffenden." Als frühes Zeugnis solcher messianischen Hoffnung verstanden Rosenzweig und Buber bei ihrer Verdeutschung die — sonst gewöhnlich nicht so erklärte — „letzte Rede Dawids". Die Begründung für diese Auffassung gab Bubers Erklärung des Abschnitts. Schon der Vergleich der Uebersetzung von Buber-Rosenzweig (im folgenden kurz: B-R) mit einer der üblichen Uebersetzungen oder mit dem hebräischen Text (am besten mit beiden) zeigt die Probleme. Wir geben den Wortlaut von B-R wieder (mit der Bitte an den Leser, einen anderen Texf zur Hand zu nehmen): Dies ist Dawids letzte Rede: Erlauten Dawids des Sohnes Jisehajs, Erlauten des Wehrlichen, hochhin gestellt. Gesalbten des Gottes Jaakobs, gefreundet dem Liederspiel Jißraels: Geistbraus von IHM redet in nur, sein Raunen ist auf meiner Zunge, der Gott Jißraels spricht: Mir ist — der Fels Jißraels redet — ein Walter über Menschheit, bewährt, ( ein Walter in Gottes Furcht, und wie Morgenlicht strahlt er auf, Sonne er eines Morgens, da vor Glänze nicht Nebeldunst blieb. vom Regen her treibt Gras aus der Erde. — Ja, ist so nicht mein Haus bei Gott? setzte er mir ja einen Weltzeitbund, ausgerichtet in allem und verwahrt! — Ja, all meine Freiheit, alle Lust, •iaihm zu lasse ichs spießen. Aber das Helllose, wie wallgewordenes GedÖrn sind -sie allsamt, nicht mit Leibeshand ja können hinweg sie genommen werden. der Mann der an sie rühren soll wird bevollmächtigt mit Lanzeneisen und -holz, und im Feuer verbrannt werden sie, ausgebrannt beim Neuansiedeln. Bereits die Einleitunirsworte Dawids sind seltsam, schon durch das Vorkommen auffallender alter Wendungen. Mit auf sie stützt Buber die wissenschaftliche Ueberzeugung, daß es eich um echte Worte Dawids handele, nicht zwar um seine letzten Worte im üblichen Sinn, die letzten vor dem Tod gesprochenen, vielmehr um seine letzte .,Ur-Kunde", sein Vermächtnis für die Nachwelt (daher übersetzt: ..letzte Rede"), („Erhiuten") wird diese Rede genannt, ein Wort, das sonst — abgesehen von zwei dunklen Stellen (Ps 36. 2 und Spr 30, 1) — nur gebraucht wird von der Rede Gottes unmittelbar oder durch den Mund des Propheten (so Bileam Num. 24). So muß David diese seine Kunde empfunden haben. Er sagt es dann auch, daß es Gott ist, der spricht, und er wiederholt es mit Nachdruck. Im dritten Vers folgt die für die Deutung entscheidende Stelle: „Mir ist" übersetzen B-R das i^ des Textes und betrachten es als den Anfang der Gottesrede, während es sonst fast allgemein als ein Wort Dawids („zu mir" oder gar „durch mich") betrachtet und zu den vorangegangenen oder nachfolgenden Worten Innzugezogen wird. Für ihre Auffassung haben B-R zwei Gründe, einen aus der Form und einen aus dem Inhalt Aus der Form: der Parallelismus der Versglieder, den der Text sonst streng einhält, würde durchbrochen werden, wenn das *^ zum vorangehenden oder auch zum nachfolgenden gezogen würde, nicht aber wenn es als selbständiges eingeschaltetes Glied gilt. Aus dem Inhalt: diese Erklärung gibt dem folgenden einen gewichtigen — den messianischen — Sinn, wie das dem Gewicht der Einleitung entspricht, während alle anderen Deutungen ein Mißverhältnis ergeben zwischen der gewichtigen Einleitung und dem dann weit weniger bedeutsamen Hauptteil. Ueberdies steht die Verbindung von 1^3 mit der Bezeichnung eines Menschen wiederholt an Stellen, an denen gesagt wird, daß sich Gott diesen Menschen erwählt hat. Hier also wäre zu verstehen, daß „ein Walter über Menschheit, ein Walter in Gottes Furcht" erwählt sei, eben der Messias. Dies ist eine Auffassung mit Sinn und Gewicht, während sonst die Interpretation zumeist nur eine nicht besonders originelle Bemerkung aus dieser Stelle herauslesen kann (daß ein gerechter Herrscher gottsfürchtig sei). Auch der folgende Vers wird dann sinn- und bedeutungsvoll, wenn man . den vorangegangenen so messianisch versteht, während er sonst nur ein Lyrismus ist. Allerdings lesen B-R hier (Vers 4) den Text gegen den überlieferten Rhythmus, wie die Uebersetzung zeigt. Das folgende, in dem die Rede ist von „mein Haus", kann nicht mehr Rede Gottes sein, sondern nur Rede Dawids. Diese Unterbrechung der Gottesrede kann verstanden werden als menschlich notwendiger Hinweis Dawids auf die frühere Verheißung für sein Haus (H Sam. 7, 16). Damit ist zugleich die von B-R durch die Gedankenstriche gekennzeichnete Abgrenzung dieser Einschaltung gegeben. Würde man statt dessen den Rest des fünften Verses noch als Dawids Rede verstehen, so hätte dieser Teil des Verses wieder einen nur lyrischen Charakter, während er als Fortsetzung der Gottesrede die messianische Verheißung ergänzt. Wie, ist freilich eine Frage. Im masoretischen Text schließt dieser Vers: rPftU"1 Auch dies ließe sich in den Zusammenhang von. B-R's Uebertragung einfügen: „ja, läßt er es nicht sprießen?" Aber B-R" hielten die kühne Vorstellung, daß der Messias selber das Heil hervorrufe, nicht Gott, in der Zeit Dawids für unmöglich. Deshalb entschlossen sie sich zu der Annahme, daß hier der Text ursprünglich anders gelautet habe: PPÖSN l^D Aus dem sechsten Vers: ^jp^D ist das Heillose, nicht die Heillosen. ~i jÖ wird gewöhnlich von -jij (bewegen) abgeleitet, bei B-R aber von einem Stamm, der sonst nur erhalten ist in (Wall, z. B. II Buch Moses 15, 8, wo von den Wellen des Schilfmeeres gesagt wird, daß sie beim Durch-' zug zum Wall werden): daher also die Uebertragung: „wie wallgewordenes Gedörn" (das sich über die Erde legt und das Gras nicht sprießen läßt). . Auch Vers 7 gewinnt infolge der B-R'schen Deutung erst einen vollen Sinn: er bezieht sich wieder auf den „Walter über Menschheit", den Messias, nicht auf einen beliebigen Mann. Von ihm heißt es, daß er mit Lanzeneisen und -holz ..bevollmächtigt" werde: so übertragen B-R {^0% dasselbe Wort, mit dem sonst die Bevollmächtigung der Priester ausgedrückt wird. Am dunkelsten im ganzen Abschnitt ist auch für B-R das letzte Wort: t12 2? ü Sie übertragen „beim Neuansiedeln", in dem Gedanken, daß nach dem Anbruch der Endzeit und nach der Vernichtung des Heillosen der Rest sich neu ansiedeln Averde. Diese Uebertragung erscheine immer noch als die sinnvollste. Mit ihr rundet sich das Ganze zur messianischen Kündung. Aber nicht allein die Möglichkeit, den Text so besser zu verstehen, spricht für die messianische Deutung der Rede Dawids, sondern auch der Zusammenhang mit dem übrigen Inhalt des Buches. Das Buch Schmuel handelt von dem Versuch, an die Stelle des reinen Gotteskönigtums in Jißrael (vgl. Richter 8, 22), das in eine Anarchie ausgeartet war, den König als Verwalter der Gottesherrschaft zu setzen. Dem gealterten Dawid, dem sein eigenes — nach Schauls — Versagen vor dieser Aufgabe vor Augen gestanden haben mag, zeigt sich die Lösung in der Zukunft:" der Messias als Walter in