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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-12-01 · 4 (12.1931) · p. Seite 80

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
4 (12.1931)
Date
1931-12-01
Page
Seite 80 (sequence 6)
Language
German
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80 Die Literatur selbst bietet eine Menge Stoff, der durch Vergleichung und Veranschaulichung der Belebung dienen kann. Aus der Fülle der Beispiele seien nur wenige hervorgehoben. Ich erinnere an Heines „Der Rabbi von Bachrach". Freiligraths „0 lieb, solang du lieben kannst", sein „Nebo", an Unlands „Kapelle", an Kerners „Der Wanderer in der Sagemühle". (Gute Dienste leistet liier das vom Leipziger Lehrerverein herausgegebene mehrbändige Werk „Im Strome des Lebens".) Vor allem muß unser eigenes jüdisches belletristisches Schrifttum dauernd in Beziehung zum Religionsunterricht gesetzt werden. Besonders für die Jüdische Geschichte kann dieses Gut in hohem Grade zur Auswertung kommen. Ideal wäre es, wenn jede Schule — ich denke besonders an die städtischen Schulen — eine kleine Bibliothek mit guter jüdischer Literatur hätte. Diese könnte dann jederzeit unterrichtlich nutzbar gemacht werden. Auch die jüdischreligiöse Zeitung und Zeitschrift kann zum Ausgangspunkt religiöser Betrachtungen gemacht werden. In größeren Klassen, bzw. Abteilungen, mit mannigfachen Begabungen wird der Arbeitsschulgedanke auch die Schaffung und Gestaltung einer eigenen Zeitschrift, wenn auch nur für den Kreis der Klassengemeinschaft bestimmt, tätigen können. Als ein weiteres Mittel zur Herbeiführung eines inneren Erlebens kann die dramatische Behandlung geeigneter Stoffe gelten (z. B. der Josephs-Geschichte). Bei der Dramatisierung hört der Schüler nicht bloß, sondern er sieht auch den Ablauf der Handlung, er schaut die Gesten und Gebärden und gelangt so zu einer vertiefenden Betrachtung der Personen und Vorgänge. Die drajnatische Darstellung hat ferner den Vorzug, daß eine Kindergruppe sich so tief in die Seele der handelnden Personen versenken muß, daß sie zu mimischem Ausdruck gelangt. Dieses Mittel ist mit einer gewissen Vorsicht anzuwenden. Es setzt Geschick des Lehrers und eine gute Grundstimmung der Klasse voraus, wenn der Ernst der Handlung gewahrt werden soll. Auch die manuelle Tätigkeit wird mit in den Arbeitsbereich des neuzeitlichen Religionsunterrichts hineinbezogen. Selbstverständlich kommt es hier nicht auf das rein Technische an, sondern handelt es sich, nur um eine stimmungsmäßige Wiedergabe empfangener Eindrücke: So kann z. B. ein begabter Schüler mit einigen Strichen auf der Wandtafel, das zum Ausdruck bringen, was er seelisch empfunden hat. Vor allem das Kult- Ieben stellt reichliche Aufgaben für eine zeichnerisch-technische Ausdrucksform, insbesondere die Behandlung der Festtage (Lulow, Esrog, Einrichtung der Sukkoh, Sederschüssel, Chanukkaleuchter, Purimfestspiele u. a. m.) Als ein gutes VeranschauHchungsmittel — besonders .in der jüdischen Geschichte — kann auch das- Lichtbild gelten. Dieselben Vorzüge, die es für den allgemeinen Geschichtsunterricht hat, bestehen auch für den Unterricht in der Jüdischen- Geschichte. Das in Berlin befindliche „Lichtbilderarchiv für den jüdischen Religions- und Geschichtsunterricht" bietet in seiner .reichen Sammlung eine wertvolle Hilfe bei der Veranschaulichung jüdisch-geschichtlicher Stoffe. Ein Epidiaskop haben heute die meisten Schulen. So führt der Lehrer aus dem Religionsunterricht zum Leben. Aber auch umgekehrt sei es. Er führe aus dem Leben zum Religionsunterricht. Das Alltagsleben bietet tagtäglich eine Fülle von Erscheinungen, die sowohl religionsfreundliche als auch religionsfeindliche Motive in sich bergen (Unglücksfälle, Verbrechen, Not, Hunger — Höflichkeit, Hilfsbereitschaft auf der Straße u. a. m.). Aus diesen Gelegenheiten treffe der Lehrer eine geeignete und maßvolle Wahl und mache sie zum Gegenstand eines anschaulichen und gemütvollen Unterrichts. Er treibt so Gelegenheitsunterricht und kommt damit der modernen Forderung sozialpädagogischer Einstellung am ehesten entgegen. Einer Vertiefung des religiösen Erlebens dient auch das sinnenfällige K u 111 e b e n, wie es gerade die jüdische Religion entfaltet. Dieses muß für den religiösen Anschauungsunterricht eine weitgehende Verwertung finden. Sind doch unsere jüdischen Großstadtkinder oft so arm an religiöser Erfahrung und sind ihre religiösen Vorstellungen doch so unklar. Da ist es Aufgabe des Lehrers, die Kinder zu einem richtigen Anschauen anzuleiten und zu erziehen. Die Synagoge mit ihren Einrichtungen und ihrem Zubehör, der Thoraschmuck, der Gottesdienst in seinen verschiedenen Formen, die Gemeinde in ihrer gläubigen Andacht, die besonderen Festtagsgebräuche sind besonders zu beobachten und alsdann in den Mittelpunkt einer allseitigen Betrachtung zu stellen. Schon in den vorhergehenden Stunden ist eine Vorbereitung auf den bestimmten Beobachtungsgegenstand nötig. Besonders vor den Feiertagen ist eine spezielle Aufgabe zur Beobachtung zu stellen. Nach den Festtagen wird dann über die von den Kindern gesammelten Eindrücke zusammenhängend gesprochen. Gerade ein Feiertagsgottesdienst gibt Gelegenheit zur Erörterung einer Menge von Fragen. Einen besonderen Reiz erhält der religiöse Anschauungsunterricht immer, wenn dem Lehrer eigene religiöse Kindheitserlebnisse zur Verfügung stehen. Durch Schilderung dieser wird die Phantasie der Kinder stark angeregt, und leicht schlägt der Lehrer die Brücke von seinem religiösen Empfinden zu dem der Kinder. Wir wollen nicht versäumen, auch im Religionsunterricht die Kinder reichlich aus dem Gemeindeleben schöpfen zu lassen, wenn wir auch einmal in die Politik geraten. Hier muß der Arbeitsschulgedanke mit dem Heimatschulgedanken seine lebendige Verbindung erhalten. Beide Begriffe sind verwandt. Nimmt doch auch die Arbeitsschule von der Heimat ihren Ausgang. Gerade F r a n k f ü r t ist so reich an sozial-jüdischen Einrichtungen; es sei nur an die jüdischen Krankenkassen, an das Krankenhaus, die Waisenhäuser und sonstigen Wohltätigkeitsanstalten erinnert. Wie ließe sich die Nächstenliebe, die jüdische Opferwilligkeit, die. Pietät besser würdigen und unterrichtlich gestalten, als wenn wir aus der Heimat schöpfen. Man kann, um ein Beispiel herauszugreifen, an der Geschiente der jüdischen Krankenkassen in Frankfurt eine solche Fülle religiöser Themen in lebensvoller Weise behandeln, wie wir sie in keinem Lehrbuch finden. Ziehen wir die Heimat auf diese Weise in den Bereich jüdisch-religiöser Betrachtungsweise, so werden wir schon di« Jugend in die Struktur unserer Gemeinde einbetten. Gerade dieses „Kehillohbewußtsein", sich als lebendiges Glied unserer Gemeinde zu fühlen, fehlt vielen Jugendlichen. Durch einen auf heimisch-jüdischer Grundlage beruhenden Religionsunterricht soll das Gemeinschaftsgefühl so zur Entwicklung und Entfaltung" kommen, daß sich schon das Kind mit Stolz zur Frankfurter Gemeinde zählt. Dem Lehrer erwächst hierbei die Aufgabe, sich eingehend mit jüdischer Heimatsgeschichte vertraut zu machen. Hier gilt Rousseaus Wort „er lerne die Wiseenschaft nicht, er finde sie," Manches Vatererbe ist noch verbanden und der Wiederbelebung wert. Auch Familienforschung kann reichlich Stoff für eine allgemein jüdischgeschichtliche Erörterung liefern, ebenso Ausflüge in die nähere Umgebung, wo Synagogen, Friedhöfe, alte Chroniken, lokale Gebräuche heimatliches Walten zeigen. Ihre Betrachtung bildet den Boden, auf dem religiöse Gefühle erwachsen. In überragender Weise dient den Forderungen eines heimatlich orientierten Religionsunterrichts das „M u s e e u m j ü.d ischer Altertümer". Wegen seines reichhaltigen und vor allem systematisch geordneten Materials kann es geradezu als eine Fundgrube für heimisch-jüdische, aber auch allgemein-jüdische Belehrung gelten. Es sollte recht oft zu Unterrichtszwecken besucht werden. Unser gesamtes religiöses Arbeitsgebiet gewinnt an Kraft und Resonanz, wenn der Schüler durch zeitgenössische Urkunden in das jeweilige Leben eingeführt wird. Daher der Ruf „Zu den Quellen!" Erst die Quelle ruft in uns den Origilialgeist der Vergangenheit wach, führt uns zu einem starken Nachempfinden und erzeugt damit mannigfache Gefühlsinhalte. Wenn es uns so gelingt, den Geist der Vergangenheit in uns erstehen zu lassen und damit Menschen und Zustände der Vorzeit mit plastischer Deutlichkeit vor uns zu sehen, dann wird das Nacherleben zu einem Selbsterleben und es werden Gefühlswerte geschaffen, die zur Bildung sittlicher Normen führen. Wie können wir nun zu den Quellen gelangen? Dadurch, daß wir unsere Schüler befähigen, die Quellen zu lesen und zu verstehen. Hier gilt des Dichters Wort: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Deshalb die Forderung der besonderen Pflege des hebräischen Unterrichts, der auch mit der Biblischen Geschichte in vielseitige Verbindung zu setzen ist, z. B. durch Betrachtung des jeweiligen Wochenabschnittes. Aber nicht nur in der Biblischen Geschichte und d-3r Liturgie soll die Quelle zu ihrem Rechte kommen. Auch für die Jüdische Geschichte muß der leitende Gesichtspunkt sein, die Quelle zu benutzen. Diesem Bedürfnis kommt das sehr empfehlenswerte Höxtersche Quellenbuch entgegen. Wohl kann ich mir denken, daß auf der Oberstufe der höheren Lehranstalten und in den Aufbauklassen auch Quellen in rein aktenmäßigem Gewände Verwendung finden, z. B. Gemeindeakten, vom Lehrer gemachte Auszüge aus Akten der Kommunalgemeinde, alte Briefe u. dgl. m. Daß auch der hebräische Uebersetzungsunterricht nach besseren Methoden sucht, zeigen die Lehrbücher der letzten Zeit. Auch hier muß es mehr auf ein Erarbeiten im arbeitsschulmgßigen Sinne ankommen als auf ein Verharren bei der alten mechanischen Methode des Vor- und Nachübersetzens. Schon die Erlernung des hebräischen Lesens muß nicht an der Hand der fertigen Fibel erfolgen, vielmehr kann der Lehrer — wie im ersten profanen Leseunterricht — an die Erarbeitung einer Eigcnfibel durch die Kinder denken. Eine besonders in der Gegenwart oft betonte Forderung der Pädagogik ist: Schule und Elternhaus sollen zusammenwirken. Was die Schule an sittlicher Tüchtigkeit verlangt, sollte im Elternhaus als selbstverständlich gelten. Andererseits kann das Elternhaus verlangen, daß die Schule die häusliche Erziehung unterstützt und auf ihrem sittlichen Gehalte grundlegend weiterbaut. Und doch muß gerade, was den Religionsunterricht angeht, die betrübende Tatsache festgestellt werden,

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