Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 4 (12.1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 79 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094377--3036-3097797- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
79 Wenn die Religionsstunden an den Schulen nun einmal nicht zu ändern sind, wie manch andere altmodische Veranstaltungen, da wollen wir die Synagogen für die nächste Zeit in Kinderschulen verwandeln. Das wäre eine Notlösung. Viel besser ist, solche Lehrer an öffentliche Schulen zu schicken.' die sonst trauten und begruben und umgekehrt, um an dieser Stelle ein schönes Wort des Neuen Testamentes nicht ganz wörtlich zu verwenden: Lehrer, die Kinder nicht lehren können, da zu verwenden, wo junges Leben nicht zur göttlichen Reinheit und Freiheit geführt werden soll, sondern gestorbenes Leben zu Frieden und tote Leiber wieder zur Erde. Neue Erziehungsgedanken im Religionsunterricht Von A. A1 b r e ch t Die gewaltige Umstellung in dem gesamten unterrichtlichen Leben der letzten Jahre hat auch auf den israelitischen Religionsunterricht alarmierend gewirkt und vielfach zu einer vollständigen Umkehr von früheren Wegen geführt. Zu allen Zeiten haben bedeutende Pädagogen die religiöse Erziehung als eine der wichtigsten Seiten der Jugendbildung betrachtet. Auch die Schulmänner der Neuzeit sind von der Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit des Religionsunterrichts überzeugt. Die heutige Schule macht Anspruch darauf, eine Lebensschule zu sein. Leben verlangt auch religiös-sittliches Leben, d. h. eine Beziehung des Menschen zu Gott. Da die übrigen Erziehungsfaktoren die religiös-sittliche Erziehung des Menschen nicht pflegen können, so muß der Pädagoge der Neuzeit mit Recht den Religionsunterricht in der Lebensschule fordern. Aber der Religionsunterricht ist nicht nur eine der wichtigsten Angelegenheiten unserer Schulbildung, sondern auch zugleich die schwierigste. Religion erfolgreich zu lehren, d. h. sie in ihrer ganzen Tiefe und Erhabenheit dem Schüler so zu eröffnen, daß er sich ihr willig hingeben kann, ist eine schwere Aufgabe, die zu lösen hingebenden Eifer und geduldige Ausdauer erfordert. Gewissenhaften und ernsten Religionslehrern ist daher ihr Amt jederzeit als ein sehr schweres und verantwortungsvolles erschienen, zu dessen Führung sie sich mit bestem geistigen Rüstzeug versehen mußten. Aller Erfolg im Unterrichthängt von der Persönlichkeit des. Lehrers ab. Daher auch in neuerer Zeit die Forderung einer reicheren und freieren Entfaltung der Lehrerpersönlichkeit. Denken wir an unsere eigene Jugend.' Wer hat am meisten Einfluß auf uns ausgeübt? Es waren große Persönlichkeiten, die uns in unseren empfänglichen Jugendjahren richtunggebend beeinflußt haben. Auch Religionsunterricht und Religionslehrer stehen in einem inneren Zusammenhang. Das Niveau des ersteren — sei es hoch oder tief — ist bedingt vom Wert oder Nichtwert des letzteren. Gerade der Religionsunterricht erfordert Lehrer, für die die Religion der Rahmen ist, in den sie ihr gesamtes geistiges Ich einspannen. Wie soll sich die Persönlichkeit des Lehrers im Religionsunteiricht auswirken? Er soll bemüht sein, die Kinder nicht nur mit jüdischem Wissen zu erfüllen, sondern ihnen auch jüdisch-religiösen Geist einzuhauchen. Der Schüler muß die Ueberzeugung gewinnen, daß das Wort des Lehrers aus seinem Herzen quillt. Nur bei voller Hingabe an die sittlichen Ideale des Judentums wird es ihm gelingen, die Zöglinge zu gleicher Liebe und Treue zu der gemeinsam bekannten Religion zu führen. Der moderne Mensch vermag sich nicht immer dem Einfluß religionsfeindlicher Einwirkungen zu entziehen. Aber der Religionslehrer soll nicht durch eine Vogelstrauß politik den Dingen aus de) i Wege gehen, sondern den Tatsacher. in die Augen sehen.. Auch wird nuv der Religionslehrer Mensch eii erwärmen und begeistern können, der auf dem Wege des Sichversenkens und inneren Kampfes zu klaren und sicheren Anschauungen gelangt ist. Das religiöse Urgefühl im Menschen ist so stark und bricht doch immer so heftig durch, daß er nicht zu fürchten braucht, im Strome des Zweifels zu versinken. Sollte er jedoch zu dem Resultat kommen, daß seine inneren religiösen Anschauungen nicht mehr zur Erteilung des Religionsunterrichts ausreichen, dann sei er ehrlich und lege sein Amt nieder. Daß der moderne Religionslehrer eine gute theologische Bildung besitzen muß, ergibt sich aus der Art seines Berufes. Nicht so selbstverständlich mag es sein, daß er auch eine gute psychologische Schulung genossen haben muß. Gerade von der Individualpsychologie und der modernen Jugendkunde aus müssen starke Fäden zum Religionsunterricht herübergesponnen werden. Für die Beurteilung und seelische Ergründung des Zöglings und die Heranbringung des religiösen Gutes an diesen bedarf er psychologischen Könnens.. Andererseits wird nur der Lehrer Persönlichkeiten vorführen und mit Fleisch und Blut erfüllen können, dem eine gesteigerte Erlebnisfälligkeit gegeben ist. Diese Einfühlung gelingt wohl manchem auf dem Wege der Intuition, in der Regel muß sie aber auch durch psychologische Schulung in harter Arbeit erworben und geübt sein. Die eingehende Kenntnis wichtiger Probleme, wie Individualität, Vererbung, Milieu, Entwicklung, Pubertät, Leistungsfähigkeit, Pathologisches im Kinde, müssen durch spezielles Studium ein wichtiger Bestandteil der Ideenwelt des Religionslehrers werden. Um sich voll auswirken zu können, muß der Religionslehrer auch in das öffentliche Leben eintreten und sich hier sozial betätigen. Gemäß seiner individuellen Veranlagung und Neigung leiste er sowohl in rein jüdischen Organisationen als auch in allgemeinen Vereinigungen und Verbänden treue aktive und bestimmende Mitarbeit. Nur so kann er seinen Schülern ein vollwertiges und zur Nacheiferung anspornendes Vorbild sein. Gar oft mußte der Lehrer früher die Erfahrung machen, daß er trotz aller ernsten Arbeit und Selbstprüfung mit den Resultaten des Religionsunterrichts nicht zufrieden sein konnte. Gerade in der Vorkriegszeit hat sich der Religionsunterricht trotz vollendeter didaktischer Kunstfertigkeit oft nur als reine Theorie erwiesen. Diese versagte aber in demselben Augenblick, in dem sie die Quelle des Trostes und der Zuflucht für die Einzelpersönlichkeit sein sollte. Sollte die Probe auf das Exempel gemacht werden, so zeigte es sich oft, daß der Religionsunterricht keine Seelenhilfe bringen konnte, daß alles Gelernte nur Gedankenballast war, den man längst abgeworfen hatte. Wohl waren für diesen Mißerfolg mancherlei Gründe maßgebend, aber es mußte doch bei der Verbreitung des religiösen Indifferentismus dem Religionsunterricht ein schwerer Vorwurf gewacht werden. Er war zu sehr intellektualisiert und historisiert. Er war nicht lebenswahr und lebensnah genug. Die Religion soll vor allem eine Kraft sein, die sich im Leben offenbart. Deshalb oberster Grundsatz: Stellt den Religionsunterricht in die Wirklichkeit! Stellt ihn in das Leben! Hier seil die Religion ihre Wurzeln schlagen und wachsen. Sie muß ein Erleben im Leben sein. Diese Forderung berührt sich innigst mit einer der jüngsten Bewegungen auf dem Gebiete der Pädagogik, dem Gedanken der Arbeitsschule. Was will diese? Sie will anstatt der Ueberlieferung größerer gedächtnismäßig angeeigneter Wissensmassen eine selbständige Erarbeitung von Kenntnissen und Erfahrungen auf dem Wege des Erlebens. Es muß also der Schüler an die Erlebnisquelle geführt werden. Hier offenbart sieh die Bedeutung der Biblischen und Jüdischen Geschichte. Alle großen seelischen Erlebnisse finden in der Bibel und in der jüdischen Geschichte ein Analogon. Gerade mit der Behandlung dieses Stolfes ergibt sich am ehesten die Möglichkeit, die Kinder zu einem religiösen Erleben zu bringen. Die biblischen Gestalten und die Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte sind so lebenswahr und menschlich gefüllt, daß ihre Schilderung am ehesten zu einem Nacherleben führt. Auf die Kunst des Lehrers wird es ankommen, ob er die Gestalten so in ihrer Tiefe erfassen unä handeln:! vorführen kann, daß sie vom Schüler erlebt werden können. Daß hierbei die Erzählkunst des Lehrers von großer Bedeutung ist, ist einleuchtend. Sie muß sich durch besondere Kindertümlichkeit. d. h. Einfachheit und Anschaulichkeit auszeichnen. Auch diese Kun«^ will, wenn nicht angeboren, erlernt sein. .Seino Gedanken in formvollendeter Weise zum Ausdruck bringen, heißt noch nicht erzählen können. Aber mit der Kunst des Erzählens allein ist es noch nicht getan. An das Erzählen schließt sich die eigentliche Vertiefung, die nicht wie ehemals in ein Frage- und Antwortspiel ausarten darf, so daß dem Religionsunterricht die eigentliche Weihe genommen wird. Haben wir schon in der Erzählung Situationen und Menschen lebendig, anschaulieh und detailliert geschildert, so kommt es uns jetzt darauf an, die Kinder in die Seele der handelnden Personen tief hineinschauen zu lassen. Wir werten die Handlung aus und betrachten sie vom Standpunkt sittlicher Verantwortung. Je mehr die psychologische Einfühlungsfähigkeit des Lehrers entwickelt ist. desto mehr wird er an den seelischen Aufbau der Gestalten herankommen. Hier ist Gelegenheit, individualpsychologische Grundgedanken zu einer fruchtbaren Verwendung zu bringen. Es muß dem Lehrer gelingen, die eigentliche ,,L e b e n s 1 i n i e" seiner zu schildernden" Persönlichkeiten abrollen zu lassen. Das Kind muß so weit kommen, daß es einsieht, daß das, was es erlebt, auch schon andere erlebt haben, vielleicht noch schlimmer und stärker. Es muß sich fragen: Was haben diese getan, wie haben sie sich verhalten und wie hat sich das alles entwickelt? Es soll auf diese Weise mit den geschilderten Persönlichkeiten seelisch verschmelzen. Gelingt dies, dann geben wir ihm die Kraft, die es Glück und Leid gottergeben ertragen läßt. Zu den Voraussetzungen eines fruchtbringenden Religionsunterrichts im Sinne der Arbeitsschule gehört auch die Fühlungnahme mit den weltlichen Lehrfächern. Besonders stark müssen zur Belebung und Ergänzung die Dichtkunst, die Musik und die religiöse Kunst herangezogen werden.