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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-12-01 · 4 (12.1931) · p. Seite 78

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
4 (12.1931)
Date
1931-12-01
Page
Seite 78 (sequence 4)
Language
German
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78 sie verlieren in des Wortes nächster und reichster Bedeutung ihre Seelen, sie verfallen in uns geläufigerer Sprache der Entartung, sie verrotten und verkommen, sie trifft eine Schmach, die größer ist als die Schmach, die Menschen anderen Menschen antun können, sie verlieren sich selbst und damit alles, allen Besitz, alle Würde und Ehre. Daß sie das nicht tun, ist Lehrstoff des jüdischen Kinderlehrers und damit hat sich nur eine Lage des Lebens und nichts an jüdischer Ueberlieferung geändert. Diese Ueberlieferung nahm wie alles seinen Ursprung von dem Schöpfer aller Dinge und aller Geschöpfe, sie hat wie all dies ihr eigenes Wesen, aa dem man nur künstlich etwas ändern kann, und da diese Ueberlieferung mehr an europäischem Leben unserer Zeit gebildet hat, als irgendetwas anderes, ist sie auch an unserem Leben kein Anhängsel und das Schicksal sie lernen zu müssen, keine Aufgabe, die in der Kindheit eines Juden einen anderen Platz erträgt, als den ersten. :. * . Davon sind wir praktisch sehr weit entfernt. Man hört oft das bündige Scherzwort: Kopfrechnen schwach. Religion sehr gut. Das gilt für jede Religion und ist die Quittung für die meisten Religionsstunden jüdischer, protestantischer und katholischer Lehrer. Bei katholischen Kindern sieht man es am schwersten, bei jüdischen am leichtesten. Der Unterschied ist mehr äußerlich. Katholische Form erfüllt am sinnfälligsten und vielfältigsten die tatsächlichen Bedürfnisse des Gemütes und der Seele, jüdische Form bezweckt unmittelbarer das. was auch die anderen europäischen Religionen weit mehr wollen, als Gemütsbedürfnisse erfüllen. Das ist bei allen nur ihr erster Lohn, nicht ihr endgültiger. Die jüdische Forderung ist bekanntlich unmittelbar und schwer. Dadurch hat es der jüdische Kinderlehrer, auch der lebendigste und seiner Zeit entsprechendste heute am schwersten. Seine Zeit bietet ihm nichts, nicht einmal die immer und bei allen Menschen vorhandenen Bedürfnisse des Gemütes. Alle jüdische Ueberlieferung will von vorneherein das Letzte und Endgültige. Sie hält sich aber an das allererste, an jedes Tun und Lassen. Sie hat nicht viel Platz für die angeborene Sehnsucht unseres Gemütes. Es ist immer am schwierigsten, Kinder das zu lehren, was der Erwachsene erst ganz richtig braucht. Das einzige 'wirkliche Kind unter den Schriftgelehrten der Juden. Jesus im TempeL wandte sich als Erwachsener gegen sie. Aber es gibt christliche heilige Kinder. * Der erwachsene Jude braucht, was das jüdische Kind lernen muß. Das jüdische Kind will im allgemeinen nicht lernen, was es lernen muß. Man sucht es zu fangen., Die früher so beliebte Rute des Schulmeisters ist hier ganz bestimmt ein Werkzeug vergangener Zeit. Der Geist vergangener Zeiten verfängt nicht. Nichts lockt so wenig wie irgendeine Religionsstunde unserer Zeit. Die Sachlichkeit unserer Kinder läßt sie auch langweilige Stunden hinnehmen, wenn man da wenigstens etwas lernt, was man vielleicht später einmal brauchen kann, wie etwa eine fremde Sprache oder gar etwas, das interessiert, wie eben besonders die Biologie die älteren und die Spielstunden die jüngeren Kinder. Darum muß man Kinder nehmen, wie Kinder heute einmal sind. Man muß die jüngeren beim Spieltrieb packen, man muß sie mit Buchstaben und Worten spielen lassen, so lange das Spielalter dauert. Auch ältere Kinder beziehen heute mehr Wissen aus den Kreuzworträtseln, als aus dem schönsten Unterricht. Den Kreuzworträtseln zu liebe wälzen sie früh die dicksten Bücher und befragen die Menschen, von derem Wissen sie am meisten halten. Die älteren kann man in diesen Jahren am besten mit der Biologie und mit der Politik packen. Und alle hören gerne, wenn einer etwas erzählt oder vorträgt. So kann man sicher viel Hebräisch, viele Bücher der Heiligen Schrift, viel Gebot, Brauch und Sitte und endlich viel vom Sinn und Willen der Lehre so beginnen, daß die Sache selbst schließlich nicht anders seheint, als sie ist, ein Fach, an dem die Unlust gerade der sachlichsten Kinder zerbricht, je mehr sie das Leben ahnen und kommen sehen. Es ist sehr sächlich, daß religiöse Dinge, daß jüdische Dinge wieder so sachlich geworden sind, wie die heilige Technik, daß der Mensch so biologisch interessant ist wie irgendein Seeigel, und daß sie nicht weniger ertüchtigen, froh und stark machen, wie der erregendste Sport, * Bei all dem darf man nicht vergessen, was Psychologie und Medizin uns im letzten Jahrhundert und besonders in den letzten Jahrzehnten von Leib und Seele der Kinder und Halbwüchsigen gelehrt haben. Juden neigen besonders zu Neurosen. Neurosen wurzeln besonders oft in der Kindheit. Man kann ihnen nirgends besser vorbeugen, als in einem jüdischen Schulunterricht, der sich an die Kinder wendet, die heute da sind. Selbstmord und Kinderlosigkeit wüten unter uns. Minderwertigkeitskomplexe und sexuelle Nöte verderben viele Leute. Die Liebe weiß nicht, was sie mit der Triebhaftigkeit und die Triebhaftigkeit nicht, was sie mit der Liebe anfangen soll. Hier kann unverwässerter, aber wahrer Religionsunterricht, sehr sachlich, sehr traditionsgebunden und sehr neu sein. Das ist bis tief in die Berufsberatung hinein möglich. * Und die Liebe zum Vaterland, die mehr als alles die Herzen gesunder Kinder unserer Jahre entzündet? Hier hat uns und unsere Kinder böser Haß krank gemacht. Die harmlosesten Kinder wachsen früh in diese Krankheit hinein. Aber wenn schon das eigene Haus in der Ueberlieferung eine so große Rolle spielt, warum dann nicht im Gleichklang Heimat und Land, das uns so eigen ist, wie anderen Leuten auch. * Der jüdische Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen ist mehr noch als der anderer Bekenntnisse oft kaum mehr als ein Stück vermodernder Welt, das unsere Kinder mit Recht so heftig ablehnen, wie das mit allem Faulenden geschehen muß. * Unsere Kinder werden nicht mehr an Wunder glauben. Sie glauben leicht an die Wunder der Technik und sie werden noch leichter an Wunder glauben, die heute viel nötiger sind: an die Wunder, die aus dem Felsen quellen, an den Moses schlug. Ein freundliches Wort ist wunderbarer als der stärkste Reißverschluß, ein Flug in die Ewigkeit umrauscht uns anders, als ein Flug durch die Luftschicht der Erde. * Unsere Kinder werden nicht mehr beten können. Darum braucht sich kein Lehrplan eines Religionsunterrichtes zu sorgen. Not hat immer beten gelehrt. Sie ist da und lehrt. * Unsere Kinder verstehen die Moral des Geschäfts und der Politik. Sie werden nicht mehr an Gut und Böse glauben. Geschäft und Politik lehren gerade dies. Kein Gut und Böse eines geruhsamen Feiertages, aber das rauhere der Tage der Arbeit und des Kampfes, ein sehr jüdisches Gut und Böse. Unsere Kinder werden keine alten Gebräuche mehr halten. Wir sollten sie nicht lehren, wenn sie wirklich nur alt sind. Man nehme sie einzeln vor. Einzelnes wird fallen, wie es einst geworden ist; man lehre die Kinder zunächst die Bräuche, die schön, neu und stark sind, und wir werden sehen, daß nur Einzelnes veraltet ist. * Unsere Kinder werden nicht mehr an Gott glauben, sondern an die Gesetze der Natur. Dann wird ihnen der nächste Physiker sagen, was ihnen ein ungeiehrter Religionslehrer nicht sagen kann. * Wir wandern in der Wüste. Unsere Besten werden unsere Kinder lehren können, was ihnen versprochen wurde. * Die Funktionen eines Rabbiners sind heute nicht viel wichtiger und nicht viel schwieriger, als einst die eines untergeordneten Beauftragten einer alten Gemeinde. Ein Vertreter der jüdischen Wissenschaft ist in mancher Spielart ein Mensch, der überwiegend dem neunzehnten Jahrhundert angehört. Die kommenden Jahre brauchen Kinderlehrer. *

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