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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-12-01 · 4 (12.1931) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
4 (12.1931)
Date
1931-12-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel nummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Schriftleitung und Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., Dezember 1031 Nr. 4 In einer Zeit, der Religion und Unterricht gleidiermassen Probleme sind, muss der Religionsunterricht erst recht ein Gegenstand der Diskussion sein. Wir lassen dazu in der Jugendbeilage dieser Nummer jugendliche Mensdien in voller Freiheit ihre Meinung sagen. An dieser Stelle kommt ein Vater zu Wort und dann ein Volksschullehrer, der zugleich Religionslehrer ist. Die Schriftleitung. Religionsunterricht jüdischer Kinder Von Universitätsprof. Dr. Richard Koch Solange jüdische Gemeinden an die Ueberlieferung gebunden lebten, solange sie nicht wie Juden von heute neben ihrem natürlichen Leben auch eine Religion hatten, so wie' man Kunst oder Wissenschaft oder Wohltätigkeit im Bau des Lebens haben kann, ohne Künstler oder Gelehrter oder Wohltäter zu sein, solange hatte es der jüdische Kinderlehrer nicht besonders schwer. Er hatte die Elemente des Lebens zu lehren, so wie heute der Volksschullehrer Lesen, Schreiben und Rechnen lehrt, und damit zunächst den Erwerb der Schulkenntnisse und schließlich den aller Künste und Fähigkeiten unseres modernden Lebens möglich macht. Das jüdische Kind vor der Emanzipation und vor der Ghettoisierung hatte von seinem Kinderlehrer nichts anderes zu lernen als Lesen und Sehreiben, um von den für sein Leben bestimmenden Lehrern zu lernen, um sein natürliches Leben leben zu können. In einem langen Zeitraum, der in unserem Empfinden die Vergangenheit schlechthin, nicht eine erst durch die Wissenschaft angegebene Periode der Weltgeschichte ist, war der Mensch vor allem und von selbst Jude oder Christ, Germane, Hellene oder Römer. Er war seiner Gemeinschaft so auf Gedeih und Verderben, fürs Leben und Sterben verbunden, daß er als Einzelwesen in einer Weise unmöglich war, wie wir das heute kaum noch ausdenken können und wie wir es gewiß in unserem tätigen Bewußtsein längst vergessen haben. Rußland mag für kurz oder lang diesen Zustand aus dem einfachen Grunde wieder erreichen können, weil es ihn niemals ganz verloren hat. Die Menschen Europas und die Europäer seiner Kolonien sind seit ihrer eigensten Zeit, die man historisch nur unscharf abgrenzen kann, Bürger einer neuen Welt geworden, und so lange sie dauert, werden ihre Nationalismen, ihre Versinterungen zu ungegliederten Massen nichts anderes sein können, als in guten Zeiten romantische Archaismen, in schlechten Rückbildungen aus Verzweiflung oder im besseren Falle wenigstens aus Not. So mag auch Not oder Verzweiflung wieder einmal jüdische Gemeinden bilden, wie sie einst die Blüten am Baume des Judentums gewesen sind, nur daß die Glieder dieser Gemeinden in aller Zeit, die wir vorausschauen können, nicht vergessen werden, daß die neuen Mauern ihr Leben nicht umwallen, sondern von der wirklichen Welt trennen und scheiden. Vorläufig sind alle Menschen, proletarische und völkische, jüdische und christliche mehr als alles andere zunächst eigene Menschen und erst dann gehören sie einer Partei an, oder sie lieben Kunst oder Wissenschaft, oder sie haben eine Weltanschauung, eine Philosophie, eine Religion. Aus diesen Bedingungen leben auch unsere israelitischen Gemeinden, ihre Religion, ihr Religionsunterricht, und nur aus der Erkenntnis dieser Bedingungen heraus kann all das gedeihen. Jeder Versuch, Europa und europäisches Leben zu übersehen, er mag stark und schön sein, er mag sogar eine Sendung erfüllen, er wird eine Erinnerung, ein Ereignis oder eine Bewegung in der Geschichte der Juden sein, er wird die Formen des jüdischen Daseins in unserer Zeit nicht verändern. Aus dieser Einsicht können sich unsere jüdischen Kinder zu ihrer Religion, zu ihrem Judentum, zu ihrem gefestigten Menschentum hinfinden. Ihre Religionslehrer führen sie nicht wie früher zu großen Lehrern des Lebens ihrer Bestimmung hin, sie führen sie in ein eigeneres und unmittelbareres Leben, sie überlassen sie schließlich sich selbst, als Menschen Europas und seiner Kolonien. Aber so und hier lebt trotzdem jeder Jude als Jude, der Vergangenheit seiner Familie so unlösbar verbunden, daß er sich nicht davon lösen kann, ohne zu zerbrechen, oder in sich oder seinen Kindern sich wieder dahin zu finden, von wo er gekommen ist. Dieses Schicksal ist wahr und echt, es bildet unsere Gemeinden, Gemeinschaften, zu denen Menschen zusammentreten, nicht mehr Gemeinden, die der Mutter gleich empfangen, gebären, säugen und behüten, aufziehen, und nicht verlassen bis über den Tod hinaus. Die Juden einte schon manches Gebilde Gottes, die weite Flur und das Land der Knechtschaft, das eigene Land und die eigene •^tadt, die versprengte und die eingesperrte Gemeinde, heute die Gemeinde, der angehören zu wollen, geschaffene Natur, gottgewollte Bestimmung ist, in ferner Zukunft das uns Unbekannte, am Ende der Tage die Erfüllung des Wunsches und Willens unserer Seelen. Damit hat der jüdische Kinderlehrer seit langem eine neue, vielleicht nogh immer zu unklar geschaute Aufgabe. Er versucht noch viel zu oft die romantische Lösung seiner Aufgabe, die in der alten Gemeinde klein war und in der neuen größer geworden ist, als die irgendeines anderen jüdischen Lehrers und Führers. Er führt nicht mehr zu eigentlichen Lehrern hin, er ist selber der wichtigste Lehrer geworden. Kein Judentum und kein Menschentum kann zu groß sein für die Aufgabe des jüdischen Kinderlehrers. Er bildet seine Schüler für kein Lehrhaus und für keine Synagoge, sondern für die Welt, so wie sie nun einmal heute ist. Jeder seiner Schüler ist verdorben, der seine Schule anders als in seinem Glauben, anders als in seiner Bestimmung verläßt. Seine verdorbenen Schüler sind nicht nur für Gott und das Judentum verloren,

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