Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 3 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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11 Jüdische Schule und deutscher Geist „Für Auf klär u n g. und Humanität" so lautet die- Inschrifteiner;Tafel, 'die als erzieherischer Leitgedanke den Besucher einer jüdischen Schule begnüsst. Diese Inschrift erlaubt uns einen weiten Blick in die Vergangenheit und führt uns gleichzeitig wieder in die zeitgenössische Wirklichkeit zurück.. ' ... Gehemmt durchdie soziale Stellung, die ihnen aufge^ zwangen war, konnten die Juden Jahrhunderte hindurch keinen Atiteil " an der kulturellen Entwicklung ihrer Umgebung nehmen. Langsam nur begann eine Auflockerung diesessklayenhaften Zustandes, ein Zeitalter neuer Einsiditen öffnete den Juden das Tor zur Teilnähme an der Entwicklung der deutsehen Kultur:. Es war das Zeitalter der Aufklärung und Humanität, das Zeitalter Lessings und Mendelssohns, das für die Juden Befreiung sowohl" im körperlichen wie im geistigen Sinne bedeutete. War die Erziehung jüdisdier Jugend, von der hier die Rede sein soll, bisher eine vollkommen jüdisch orientierte - Angelegenheit gewesen, so -wurde sie jetzt, langsam zu einer universellen. Bildungsstoffe aller Art wurden dem rein jüdischen Material zugegeben und mit der Zeit eine ±um Deutsdi-jirischen tendierende Erziehiungs -und Bildungsmethode erreicht. Es - ist sowohl das ideelle Verdienst Lessings, des Führers jenes für die 7uden revolutionären Zeitalters, als auch das Mendelssohns, 'diese Entwicklung hervorgerufen zu haben. Mendelssohn, Philosoph und Schriftsteller deutscher Sprache, deutschen' Geistes, vermochte durch seihe Üebertragung des biblischen Textes in die deutsche. Spradie das ganze Bildungsweseh der' Judenheit entscheidend zu beeinflussen. Historische Ereignisse von grosser Bedeutung, Vorbilder in anderen Ländern trugen fernerhin zu einer immer grösseren Emanzipation-der Juden bei. Damit ward immer mehr ein Zuwachs deutscher \ Erziehungsweise .und deutschen Lehrstoffes garantiert Im Sinne des grossen Erziehers' Pestalozzi wurden auch in den aufgeklärteren jüdischen Kreisen Versuche unternommen, alle Schichten der jüdischen Gemeinschaft zur Erziehung int deutsch-Jüdischen Sinne zu gewinnen. Obwohl diese Schulen rein jüdische'Anstalten waren^ verfielen sie niemals in den Fehler allzu grosser Exklusivität. Sowohl Angehörige anderer Konfessionen durften an den jüdisdien Bildungsstätten ihre Erziehung geniessen, wie auch, in rein geistigem Sinne, niemals vergessen wurde, dass Deutsches und Jüdisdies in gleidiem Masse zu vermitteln sei. Die Worte des am Philanthropin von 1807/1828 wirkenden Dr. Franz Joseph M o 1 i t o r legen hierfür ein beredtes Zeugnis ab: „Es ist eigentlich die grosse Aufgabe der Erziehung, jede Einseitigkeit zu vermeiden, alle Kräfte der menschlichen Natur zu einer gleichen vollständigen Entwicklung zu fördern und die verschiedenartigen Elemente in ein schönes, harmonisches Ganze umzubilden." Diese Worte Molitors weisen aber nicht nur auf das rein stoffliche Element der Bildung hin, sie meinen auch die rein menschlidie Erziehung, wie sie die jüdische Schule als deutsches Kulturwerk seinen Zöglingen angedeihen lassen soll. Diese Verbindung des Materiellen mit dem Pädagogischen in idealer Weise zu erreichen, darin sieht die moderne Schule ihre Hauptaufgabe, die in der jüdischen Sehlde noch ihre Eigenart dadurch erhält, dass ein besonderer religiöser Geist das Fundament dieser Erziehungsweise sein soll. Diese Auf gabe zu vollbringen, liegt vor allen Dingen in der Gestaltung des deutschen sowie des Religions-Unterrichtes. Hier wird der Gedankengang hin und her gelenkt zwischen den Polen Deutschtum und Judentum. Religiöses Erleben in solchen Unterrichtsstunden soll den inneren Rückhalt für das Erlebnis des deutschen Kulturgutes geben, umgekehrt soll deutscher Geist eindringen in die Sphäre des jüdischen, so die Jugend zu jüdischen Deutschen erziehend. Der moderne Gesamt-Unter rieht, eine Aussprachestunde zwischen Lehrer und Schüler, dient ganz dem Geiste, der in die Herzen der Zöglinge eindringen solL Zwanglos werden die Meinungen ausgetauscht, das Für und Wider der .Probleme gegeneinander gestellt, um schliesslich Entscheidung und Einstellung gemäss dem Geiste, der an der jüdischen Schule herrscht, als abschliessendes Ergebnis hervorzubringen. Der Weg ist deutlich: ein langsames Eindringen deutscher Kulturgüter in das jüdische Bildungswesen bis zu dem Ausgleich zwischen den beiden kulturfordernden Faktoren. Das Ergebnis reditfertigt die geschilderte Erziehungsweise. Eine Jugend geht aus den jüdischen Schulen hervor, die sich ihres Glaubens bewusst ist, die für'ihn zu kämpfen und einzustehen weiss, dies aber mit den Mitteln deutscher Kulturgüter: in deutscher Sprache, in deutscher körperlicher Schulung. Diese Jugend weiss, was sie den Männern zu danken hat, die riefen: „Für Auklärung und Humanität"; und diesen Dank beweist sie in ihrem Streben nach wahrer Gerechtigkeit und Toleranz. Kurt Schaumberge r Für und wider die judische Schule Nur ein paa r B Die -jüdische Schule soll — so sagt man — unentbehrlich sein für eine jüdische Erziehung. Gewiss, Kinder werden weit leichter vertraut mit j ü d i s c h - r e Ii g i ö s e m L ehe n in einer Schule, deren Kalender vom Schabbos und den jüdischen Feiertagen bestimmt ist, deren Unterricht das Judentum zur unausgesprochenen Voraussetzung hat. und iiicht etwa die Identität von moderner Kultur, und Christentum, deren Lehrplan den jüdischen Religionsunterricht organisch einfügt und nicht anklebt einschliesslich der hebräischen Sprache. Das sind Vorzüge, die man nicht be- 'streiten sollte. Wenn nun aber nur ein Bruchteil der jüdischen Schüler diese Schule besucht und beschränkte Mittel — mehr oder weniger sind sie immer beschränkt — die Gemeinde zwingt zu wählen zwischen der Sorge um die jüdische Schule für diesen Bruchteil und der Sorge - um einen hoc Iis t e he n d e n jüdischen Unterricht für die Mehrzahl: was dann? .Es ist schon am konkreten Beispiel nachzuweisen, dass jüdisches und religiöses Leben'besser gedeiht in den Gemeinden mit jüdischer Sdiule als in Gemeinden, die . sich auf Religionsunterricht an öffentliehen Schulen beschränken. Was kann die jüdische Schule gegen Anlage und Neigung von Schüler und Elternhaus erreidien, und erreicht mit ihnen ein tüchtiger Religiohslehrer an der öffentlichen Sehlde nidit dasselbe? Ja, ein tüchtiger, aber wo ist er — so wendet man ein. Wenn man — statt eine jüdisdie Schule zu erhalten — die Religionslehrer ebenso gut bezahlen würde wie die Studienräte der jüdischen Schule, oder hoch ein wenig besser, gäbe es dann nicht vielleicht dödi qualifizierte Kräfte in genügender Zahl? Einste Einwände, auch -wenn man die Vorzüge der jüdisdien Schule nicht, bestreitet. > ' Aber— so argumentieren andere — wie können wir Ja-- denk o n f ess i o n el 1 e Schallen errichten, obwohl weitaus die meisten nach ihrer politischen Ueberzeu^ung für die; simultane Schule sich einsetzen müssten? Wie können wir' uns in allen Einrichtungen und in unserem ganzen Leben absondern und zugleich Anerkennung für unsere ünbeemerkungen schränkte Zugehörigkeit zum deutschen Volke und für unsere Gleichberechtigung verlangen? Nun, man kann sich sehr wohl für die Simultanschule einsetzen, ohne die Sonder-, schule ganz zu verdammen, mindestens aber, ohne sie aufzugeben, ehe die Simultanschule wirklich besteht; die heutigen „Simultanschulen" sind aber in weitem Umfang christlich-simultane Schulen. Allerdings bestärken wir sie darin, wenn wir sie ganz von jüdischen Schülern entblössen; denn schon ein einziger jüdisdier Schüler in einer Klasse — besonders ein Schüler mit jüdischem Bewusstsein, jüdischen Kenntnissen und Rückhalt irn Elternhaus, also ejn Schüler: aus der Schicht, die zur jüdischen Schule neigt — ein einziger solcher Schüler zwingt jeden Lehrer mit Takt und geistigem Niveau zur Rücksicht, zur Annäherung an die echte Simultanschule. .Mit dem Antisemitismus ist es ähnlich. Wir tragen wirklich zu seinem Abbau bei, wenn die Juden den Nichtjuden wenigstens in der Schule kameradschaftlich vertraut werden — freilich soll das manchmal zur Qual der jüdischen Schüler nicht gelingen — und wir fö£-, dern durch Trennung die Fremdheit ohne Zweifel. Aberiai Leben stehen dann vielleicht doch Juden, deren Selbstbewusstsein dureTi jüdische Kenntnisse und jüdische Haltung von der jüdischen Schule gestärkt wurden, sicherer als solche, die früh schon scheelen Blicken begegneten und nur mit Mühe sich ihr Recht sichern konnten, Der Anspruch auf bürgerliche Gleichberechtigung wird auch nicht durch die Sonderung beeinträchtigt; denn eine Nation ist zwar eine Einheit, aber nicht eine Summe gleichartiger Individuen, und ob wir ihr zugehören, bestimmen ganz andere Faktoren, in uns und ausser uns, nicht die jüdische — notwendigerweise deütschjüdiscbe! — oder simultane Schule. * Vervielfachen Hesse sich die Zahl der Argumente für und wider die jüdische Schule — von jedem Stand- und Gesichtspunkte aus. Aber keines schlägt durch, jedem kann, man ein Gegenargument zur Seite stellen. Soviel Lob wie Tadel, soviel Einwände wie Fürsprachen.' Daraus sollte man zunächst die Konsequenz ziehen, dass mau darauf verzichtet, die eine oder die andere Haltung gegenüber der jüdi-