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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-11-01 · 3 (11.1931) · page 26

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
3 (11.1931)
Date
1931-11-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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sdräulichen' Einstellung,, begrüsst .werdenj dass;es in Deutsdi-- land auch Schülern höherer Lehranstalten, die bis zur Universitätsreife führen, ermöglicht wird» - ohne. irgendweldie Schwierigkeiten und Hemmungen ihre religiös-traditionellen Pflichten und: Gewohnheiten zu wahren, die Haltung, zu der sie zu Hause erzogen worden sind, audi in der Schule zu zeigen,vdas dürdizuf ühren, an dessen Aufredit- Der jüdische Mensch ■■"■Welches ■ Stichwort einmal im Gesdiiditsbuch unserer Ur-, enkel die Jahre nach 1914 kennzeichnen wird, entzieht - sich - unserer zeitgenössischen Beurteilung. Die Versdiiedenheit der Schlagworte wie „Untergang des Abendlandes", „Spätkapitalismus", „Vorbereitung der Weltunion" zeigen, wie wenig ■ Abstand wir von den Geschehnissen haben, und wie sehr die Meinungen über den Weg, den die Entwicklung nehmen wird, auseinandergehen. Das einzige, was wir sdion heute sicher erkennen können, ist, dass wir in einer Zeit gewaltiger Umwälzungen leben, die sidi infolge der ungeheuren Entwicklung der Technik von früheren, ähnlichen Perioden durch eines . wesentbdi untersdieidet: durdi ihr Tempo. Jeder Tag verändert die politische und wirtsdiaft- - liehe Lage der Welt, und. jeder einzelne inuss all seine Kräfte aufs äusserste anspannen, will er in dem Wirrwarr der sich überstürzenden Ereignisse den Kopf nidit verheren. Die Not, unter der die Völker, in erster Linie wir Deutsdien, leiden* ■- übt indirekt auf das Judentum einen besonders harten Druck aus. Wie meist in. kritisdien Zeiten sucht die Masse nach einem Sündenbock, der an allem Unglück schuld sei, und findet-— traditionsgemäss — die-Minorität - Judentum". Der Antisemitismus, zum mindesten der organisierte, erhalt dauernd .starken Zuwachs. Für'uns Juden wird also nidit nur der Daseinskampf zu einer aussergewöhnlich harten Aufgabe, sondern es erwächst uns vor allem die Pflicht, die Fahne unserer Gemeinschaft gegen die heftigen Angriffe zu verteidigen und durch den Gedanken des einzigen Gottes den Materialismus in uns selbst und in der Welt zu bekämplen. Infolgedessen kommt es darauf an, sdion im frühesten Alter alle Fähigkeiten des einzelnen zu erkennen und zu entfalten, damit der reife Mensch zur grösstmöglidien sittlidien und wirtschaftlichen Leistung befähigt wird. Mehr als je ist die Frage von einschneidender Wichtigkeit, weldie Schule diese Aufgabe am besten erfüllt,- ob die diristlich-simultane Schule (eine andere Art Simultansdiule gibt es in Deutsdiland hodh nicht) oder die jüdische Lehranstalt den heran^! wachsenden Juden für den Lebenskampf besser rüstet.. . Von den Elternkreisen, die die S imu lt ans ch ule vorziehen, werden eine ganze Reihe Argumente dafür ins Treffen geführt; man wirft der j ü d i s c he n Schule häufig geringere Leistung in den wissenschaftlichen Fächern vor, verbunden mit einer gewissen Einseitigkeit der- Erziehung; man spridit viel von einer lockeren Disziplin und fürchtet auch eine Verzärtelung des Charakters durdi das Fehlen der . Widerstände von selten Andersgläubiger. Geht man soldien Ansichten, die der Schule schwer unrecht tun, auf den Grund, so zeigt sich oft, dass sie die Folge jener Neigung zu skeptischer Selbstkritik sind, anit der sich leider weite jüdische Kreise allen eigenen Einrichtungen entgegenstellen, oder aber es stellt sich heraus, dass ganz vereinzelte, schlechte Erfahrungen — wie sie ja. bekanntlidi überall gemadit werden — ungeprüft verallgemeinert Sverden. Vergleidit man aber Norm mit Norm und betrachtet die .Erfahrungen, die: bei den alljährlichen, zahlreichen Umschulungen gemacht werden, so findet man das Niveau der jüdischen Schule keinesfalls -unter dem der anderen liegen. Und die grosse Anzahl guter Juden und erfolgreicher Menschen, die sich mit Stolz Schüler jüdischer Anstalten nannten und nennen, sind sprediende Zeugen für den Wert der dort vermittelten Bildung.. Sie beweisenaudi, dass die Ausbildung keineswegs eine einseitige, nur jüdische, gewesen ist. Allerdings ist es richtig, dass die jüdische Schule auch allgemein wissenschaftliche Themen unter jüdischem Gesiditspunkt behandelt. Aber Rücksichtnahme auf das jüdische Element im Wesen ihrer Zöglinge (in der Auswahl der Lektüre und der Aufsätze) ist V nicht etwa ein Fehler sondern gerade ein nicht . 'zu;1, unterschätzendes Bildungsmittel. Sie ist aber vor äRem dianh nicht zu beanstanden, wenn dabei die sonstige Bildung, vor allem die deutsche, nicht zu kürz kommt, und wenn, wie dies z. B. im Philanthropin der Fall ist, besondere Stunden eingelegt werden, in welchen versucht wird, der Ideologie Andersden-: kender gerecht zu werden. . ' \ « Genau so wenig stichhaltig ist der Vorwurf einer aUzu freien Disziplin. Die Eltern, welche'irgend reine moderne Schule.—- nidit etwav nur jüdische — einmaL^hesuchen, finden erhaltung ihren Eltern oder ihnen selbst liegt. Auch wird eine soldie Sdiule den Jugendlichen Gelegenheit geben; bei "besonT deren Veranstaltungen einmal den jüdischen Gemeinschaftssinn ganz stark hervortreten zu lassen, in rebgiöser, allgemein kultureller, -künstlerischer und gefühlshatter Hinsicht jüdischen Geist zu entfalten und auf sidi wirken zu lassen. Studienrat Dr. Ernst Marbach. , in der jüdischen Schule in ihr heute mehr Unruhe als in der Sdiule ihrer Jugend. - Kein. Zweifel darüber. Aber diese. an allen Anstalten lülilbare Lebhaftigkeit bedeutet nicht geringere- Disziplin sondern grössere Aktivität, Aktivität auch im Unterridit, Auflockerung der fnüheren Schüditernheit, Seü>ständigkeit des Denkens. Wenn diese Momente in der jüdischen Sdiüle dank unserem lebhafteren Temperament stärker zu Tag treten soll-. . ten als anderswo, dann umso besser, Dass aber diese grössere-Freiheit nidit zu- Ungebündenheit ausartet, dafür bürgt die GesdiickKchkeit der bewährten Lehrkräfte, und das wird bewiesen im "Umgang mit anders gearteten und andersgläubigen -Kameraden. Denn es ist ein Irrtum anzunehmen, dass. der. U ui g a n g s k r e i s : der Schüler ein rein jüdischer sei.; Bei zahlreichen sportlidien Wettspielen, auf Sdiülerfahvteh, Ausflügen und Scnulfesten wird ein kameradschaftliches Verhältnis zu Schülern anderer Schulen und Konfessionen angebahnt, das sich in vielen Fällen — ich spredie.hier aus der Erfahrung* meines Jahrgangs — zu näheren Beziehungen, ja sogar zu Freundschaften verdiditet; und in den 12 Jahren meiner Sdiulzeit ist mir kein Fall eines wirklich unliebsamen, feindseligen .Zusammenstosses bekannt geworden, ein Beweis dafür, dass der richtige Umgangston stets gefunden wird, - . Bisher habe ich nur versucht, die Argumentation der Gegner zu entkräften; es bleibt noch übrig, die grossen-positiven Werte aufzuzeigen, die den Bestand der jüdisdien Sdiule zur Notwendigkeit, vielleidit zur Voraussetzung für ein späteres~ aktives Gemeindeleben madien: die Erziehung zu innerer Freiheit und zu positivem-Judentum: - r. Wie jede junge Pflanze hat der junge Mensch zur vollen Entwicklung seiner Kräfte die ihm entsprechende Atmosphäre nötig. Wie eine Pflanze auf günstigem Nährboden gerade und aufredit wächst und sich zu voller Schönheit entfaltet: oder aber verkümmert, abgeknickt wird oder vielleidit audi wuchernd in . die Höhe scMesst, wenn sie in ungünstige Wadistumsbedingungen gerät,-so unterliegt der jugeridHdie Charakter den Einflüssen des Milieus. Die Simultansdiule bringt -das jüdische Kind oft in eine Zwitterstellung. Dauernde Rücksichtnahme auf Andersgläubige und Vorsicht, vor Entgleisungen führen zu Hemmungen, zu Minderwertig- , kedtsgefühlen, die je; nadi Veranlagung sidi entweder, in aussergewöhnlidier Zurückhaltung zeigen oder durch üebersteigerung des Selbstgefühls verdrängt werden. Wieviel günstiger ist dagegen deu Nährboden der jüdisdien Schule! Keine Angst vor dem Lächeln oder dem Hohn andergläubiger Ka-- ineraden unterdrückt die; natürlichen Meinungsäusserungen. In verwandter Atmosphäre kann, sich der junge Jude organisch zu einer geraden, ungebrochenen Persönlichkeit entwickeln. Hat aber die homogene Gemeinsdiaft erst einmal den Charakter geformt, dem jungen Menschen das Bewusstsein seines Wertes, seiner Kraft und seiner Zugehörigkeit gegeben, und hat andrerseits der junge Mensch den Rückhalt an dieser Gemeinschaft schätzen gelernt, gespürt, dass. hier sein Wesen wurzelt, so wird ihm dies in allen späteren - Stürmen, in Zweifelsfragen Änfeditungen und Anfeindungen inneren Halt und Stärke geben. , Aber nicht nur der Charakter wird in der jüdischen- Sdiule zur glüdcHchen Entfaltung gebradit, sondern audi das positive Wissen erfährt eine ausserordentliche Bereidierung durdi 'Religions- und hebräisdien Unterridit. Erst die Kenntnis der hebräischen Sprache ermöglidit ein Quellenstudium im Urtext,, dag uns mit den. Waffen des Wissens und Glaubens ausrüstet, die zur Aufrediterhaltung und Verteidigung' unseres. Judentums, nötig sind; sie ersdiliessen sidi aber nur dem, der neben der genügenden Vorbildung auch die Lust und Zeit für die Beschäftigung mit der Lehre hat. Und hierbei möchte ich als letztes — uns Sdiülern gewiss nidit unwesenÜiehes — Aktivuni an die beiden sdiulfreien Tage, an das ideale Weekend erinnern, das das Philanthropiu uns gönnt. Viele mögen meine Freude daran für kindlidi undunreif halten; aber tatsächlich wird uns dodi rieben einem Sonntag für Sport, Spiel und körperlidie Entspannung eine wirklich religiöse Sabbathfeier. mit ihrer ganzen Sdiönheit und .traditionellen'geistigen Erhebung ermöglidit. - : .>.:•;: Rudolf Vogel, Oberprimaner.

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