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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-11-01 · 3 (11.1931) · p. Seite 61

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
3 (11.1931)
Date
1931-11-01
Page
Seite 61 (sequence 7)
Language
German
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~^-.^G*z£KB*«*«»««!» ^f^miam<!m&?»m^^mmmm 61 Herbstlan dsdtaft atmosphärischen und luministischen Entdeckungen der impressionistischen Maler vorwegnahm — aber man wird ihm mit solcher Bezeichnung nicht gerecht; es widerspricht dem die starke Ausdruckskraft seiner Gestalten, es widerspricht ihm auch der tiefe Ideengehalt so vieler seiner Schöpfungen und schliesslich sein eigenes Bekenntnis. Kunst ist ihm nicht nur ein „Können", das „l'art pour l'art" genügt ihm nicht. Ist er darum Expressionist? Gewiss nicht, wenn darunter Zertrümmerung aller historischen Form verstanden "wird, denn seine Zeichnung ist nicht selten von einer kaum zu überbietenden Strenge und Sachlichkeit, dodi er ist Expressionist im Sinne, in dem jeder wahre Künstler es ist: Gestalter seelischer Erschütterungen mit der ganzen Intensität und Energie des Ausdrucks. Aber er legt keinen Wert auf solche Einreihung und Klassifikation, sie ist auch — weniger noch als bei irgend einem — bei ihm, dem „Einsamen", angplmuht. Fr. d ergin jungen und reifen Jahren so viel gesehen, so viel studiert hat, wusste seine Unabhängigkeit, seine Selbständigkeit sich zu wahren. Als zehnjähriger war er aus dem -Städtchen-Birnbaum in der Provinz Posen nach Berlin gekommen, hatte früh den Vater verloren und sich, um die in Not geratene Mutter zu stützen, dem kaufmännischen Beruf gewidmet, doch ohne jeglichen Erfolg. Er will Ma. ler werden. Mit 17 Jahren beginnt sein Wanderleben, eine Kunststadt nach der andern sucht er auf. Kassel und Düsseldorf, Brüssel und Paris, auch München, und kehrt schliesslich — mit einer Empfehlung Uhdes an Liebermann — nach Berlin zurück. Die Empfehlung hat ihm offenbar nicht Viel genützt, denn er war trotz der vielfadien Berührung mit modernen, künstlerischen Problemen und mit fremdländischer Malerei ein Eigener geblieben, nicht gewillt irgendwelche Konzessionen zu machen. Er ist nicht unempfänglich. Im Gegenteil! Fast scheint es, dass jede Berührung durch neue Kunst seine mit höchster Empfindlichkeit begabte Malerseele erzittern macht, dass sie zusammenzuckt wie unter, einem elektrischen Schlag, dann aber zurückweicht, wie die Fühlhörner einer Schnecke bei der geringsten Berührung mit einem Fremdkörper zurückweichen. Und wie eine Schnecke zieht er sich nach jenen grossen Lernimd Entdeckungsreisen in sich selbst zurück; an einem der lebhaftesten Plätze des neuen Berlin, am Nollendorfplatz hat er alsdann seine Arbeitsstätte aufgeschlagen und von hier aus seine Streif- und Studienfahrten unternommen in die Strassen Berlins, an die märkischen Seen, nach Holstein und Oberitalien. Er entdeckt Berlin, die werdende Weltstadt mit ihren eleganten Cafes, in denen vornehme Herren und Damen sitzen, mit ihren weitgedehnten Strassen, in deren Asphaltglätte die Reihen fahrender Droschken und eilende Menschen sich spiegeln, mit ihrem wilden Gewimmel an Zentren des Verkehrs und ihrem stillen Sonnenflimmer in den Alleen des Tiergartens. Es zeigt sich bald: nicht das Gegenständliche übt den Reiz auf ihn aus, sondern das Atmosphärische; die Atmosphäre — im eigentlichen und im übertragenen Sinne — malt er, drinnen und draussen, den warmen Dunst und Qualm, der behaglich und müde macht, den dicken Rauch der Lokomotive, der das Gefüge der Formen verhüllt, die bleigraue Dämmerung, die sich schwer auf Spaziergänger legt, das nächtliche Dunkel, das den Raum geheimnisvoll und unergründlich werden lässt, die leuchtenden Laternen, die wie Sterne am blauschwarzen Nachthimmel strahlen, und die " Sonnenflecke auf dem Weg, wie Gold, eins durch dichtes Laubdach fällt. Es ist nidit nur die Atmosphäre, es ist mehr noch das Licht, das ihn fasziniert, es ist Mos"an/ zugleich aber auch die Farbe, die ihn berauscht, ja er fühlt im Innern die magische Kraft .dieser Phänomene. Sie sind ihm nicht Mittel der künstlerischen Darstellung schlechthin. Licht und Farbe sind Wesenheit seines Gestaltens. Wäre das alles nur Wiedergabe, nur Abschrift der Wirklichkeit, es Hesse uns kalt. Aber Lesser Urys Bilder packen wie mit zauberhafter Gewalt. Ein paar Baumstämme nur, die einen Weiher, eine Wiese, einen Wald durchschneiden, deren Laub in den W-.- leuchtenden Himmel taucht, und wir sind gebannt durch das Elementare und Momentane der Erscheinung, das nor-h gesteigert wird, durch die scheinbare Zufälligkeit oder Willkür des Ausschnitts, durch die Freiheit in der Komposition. Es gibt eigentlich nur einen Meister, dem er darin zu vergleichen wäre: Degas. Auch bei ihm ist srösste Freiheit höchste Kunst, Freiheit in "Komposition, in Licht und Farbe, auch in der Technik. Wohl möglich, dass seine Bilder vom Rennplntz und aus dem Ballettsaal Lesser Ury bekannt waren, dass der Glanz des natürlichen und das Flimmern des künstlichen Lichts, das Degas mit unvergleichlicher Gestaltungskraft im Bilde zu bannen weiss, auch ihn geblendet hat. Sehr wahrscheinlich, dass er zur Pastellmalerei, mit der Freiheit, Leichtigkeit und Lebendigkeit der Arbeitsweise und Unmittelbarkeit des Gestaltens verbunden ist, durch den französischen Meister angeregt wurde. Was will das weiter besagen, als dass hier in Lesser Urv ein ähnlich gerichtetes malerisches Talent erstand, a^er doch von anderem Temperament, von durchaus persönlicher Art, von starker seelischer Erschütterung. Noch zittert in seinen Bildern die Erregung nach, aus der heraus sie entstanden, denn Kunst ist ihm mehr als Augenweide: „Kunst soll gebären", ruft er einmal aus. Nur scheinbar sind seine leuchtenden Landschaften still und friedlich, sie sind explosiv im Schöpfungsakt entstanden und zucken erschauernd darob, dass sie lebendig geworden sind. Lesser Ury ist eine ekstatische Natur. Doch seine Ekstase ist nicht Toben, nicht Raserei — wie die Ludwig Meidners — sondern ist heiss lodernde Glut und zehrende Sehnsucht, wie sie in seinem Jerusalem-Bild Gestalt geworden ist. Gebet und Klage, Verzweiflung und Hoffnung, einen diese jüdischen Greise, Männer, Frauen und Kinder zu einer erhabenen Schicksalsgemeinschaft, die aber auch als Gemeinschaft noch einsam verbleibt. Einsam wie der einzelne Mensch, dessen Werden und Vergehen Lesser Ury in einem grossen Triptychon zur monumentalen Darstellung gebracht hat: Jüngling, Mann und Greis. Nur der Jüngling in bewegter Landschaft mit gleitenden Lichtern und wehender Luft, in erregter Haltung liegend, schauend und empfangend, als ertönte das Donnerwort: Es werde! Aber der Mann reckt sich empor in gewaltigem Trotz, schiebt die mächtigen Schultern gen Himmel, dass die straffen Stämme der Bäume auseinanderweichen, und erhebt den eckigen Kopf, das furchtlose Auge zu den Wolken empor, zu den ewigen Mächten, mit denen zu kämpfen sein Schicksal ist. Doch er hält wie gefesselt die Arme über der Brust, schleudert sie nicht wie „Der Mensch" auf einer Radierung Max Klingers — mit einem siegesfrohen „Und doch!" den finsteren Mächten entgegen. Und der Greis: Auf ödem Wüstenboden kauert er, erstarrt, die knöchernen Hände decken die Knie wie die weissen Strähnen das dunkelhäutige Haupt. Wie zur erdgebundenen Wurzel, geworden ist, was vorher zu fernen Sternen emporzustreben scliien. Und die sinkende Sonne lässt das sterbende Wesen zurück in Nacht und Grauen. Ein Anderer erscheint Lesser Ury in diesen Bildern, als in jenen Landschaften, Kaffeehaus und Strassenszenen, entrückt der Wirklichkeit, als einer, der mit den tiefsten Problemen des Daseins ringt. Bei solchem Ringen steigen ihm die Gestaltender B i - b e 1 auf, die in hartem Kampf mit dem Leben ihren Weg gehen mussten: Das vertriebene erste Menschenpaar in der öden Welt, der jugendliche David betend im Felde, der geblendete Simson zwischen den Säulen, der Befreier und Führer Moses, der die Finsternis beschwört, der zürnend die Tadem e 0 fein zerschmettert, der am Ende seiner Tage vom Berge Nebo das verheissene Land von ferne sieht, ergreifend in der schlichten Haltung stiller Resignation. Ein Symbol seiner eigenen unerfüllt gebliebenen Sehnsucht! Am grossartigsten aber erschaut er den Propheten Jeremias: auf dunkler Erde liegt wie ein gewaltiger Felsblock die düstere Gestalt, das mächtige Haupt mit der sich wölbenden Stirn und dem wallenden Bart in die breite Hand gestützt. Wie versteinert und doch wie erfüllt von innerer Glut. Das ist der ä^SSsSi

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