Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 3 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 60 (sequence 6)
- Language
- German
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60 portiert, wo der Sdieiterhaufen ihrer harrte. Unter den Opfern der Inquisition l)efand sich der grösste Dichter Portugals, Antonio Jose da Silva, der 1705 in Rio geboren und 1759 in Lissabon verbrannt wurde. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts fanden die brasilianischen Marranen Frieden, doch gingen die meisten Familien in der katholischen Umgebung auf. Während des letzten Jahrhunderts rekrutierten sieh die Einwanderer zumeist aus Deutschland, Elsass-Lothringen, Holland und Marokko. Die. Einwanderung aus Osteuropa, hauptsächlich aus ßessarabien, begann erst vor 20 Jahren. Eine neue Epoche der Siedlung begann zu Anfang dieses Jahrhunderts, als die lca zunächst die Kolonie Philippson und danach die Kolonie Quatro Irniaos in der Provinz Rio Grande do Sul begründete. Die Anfänge waren infolge einer ungeregelten Einwanderung überaus schwer, dazu kam die sehr unterschiedliche Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung, die sich aus westeuropäischen, orientalischen und osteuropäischen Gruppen zusammensetzte und in der neuen Umgebung — vor allem gilt dies für die; junge Generation — sehr bald den Zusammenhang mit jüdischer Tradition verlor.. Mit unendlicher Mühe gelang es zunächst, die Fürsorge für die Einwanderer zu organisieren-: und 'wp&^jgF1*? * ' < *Va?;-* : """ Jüdiche Bauern bei der Arbeit. es sind nunmehr in allen Häfen Brasiliens von Peruambuco bis Porto Alegre Einwandererbüros eingerichtet, denen der Verkehr mit den Behörden, den Konsulaten und den Schifffahr tsgesellsdiaften, sowie die Betreuung der einzelnen Einwanderer obliegt. Sehr viel schwieriger war die andere Aufgabe, der Aufbau j u d i s c h - r e 1 i g i ö s e n Lebens, da es in dem weiten Land nur den einzigen, von der lca entsandten, geistlichen Führer gab. In ausgedehnten Reisen musste jede, audi die kleinste Ansiedlung von Juden besucht und organisiert werden, was bei den grossen Entfernungen und den beschränkten Mitteln nur in langen Zeitabständen zu ermöglidieu war. Dazu trat die Versendung geeigneter Literatur: zu den Festtagen und anderen Gelegenheiten wurden Ansprachen in jlddisdi und portugiesisdi an alle jüdisdien Gemeinden verschickt, dem gleidien Zweck dienten Veröffentlidiungen in der jiddisdien und allgemeinen Presse, sowie die Herausgabe eines Budies über die Lehren des Judentums und einer Gesdudite des jüdisdien Volkes, beide in port.ugiesisdier Spradie. Am wirksamsten hat sich jedoch das neuanfgebaute Schul werk erwiesen. Während es 1925 nur drei sdiledit organisierte Sdiulen mit weniger als 100 Kindern gab, ist die Sdiule heute zu einem unentbehrb'dien Bestandteil des jüdisdien Lebens in Brasilien geworden, und es gibt kaum mehr eine Gemeinde, deren Kinder ohne hebräischen und religiösen Unterridit aufwadisen. Unter der Leitung der lca und von ihr unterstützt vermitteln heute 28 Schulen nidit weniger als 1500 Kindern eine jüdisdie Erziehung. Die bedeutendste unter ihnen ist eine höhere Sdiule in Rio de Janeiro mit annähernd 500 Schülern, mit einem Kindergarten, sedis Elementarklassen und zwei Gymnasialklassen. Im Interesse der Fortbildung der Lehrkräfte wurde im vergangenen Sommer ein fünfwödientlidier Lehrkurs über verschiedene pädagogische Probleme abgehalten. Eiue neuerdings unternommene Studienreise in den Norden des Landes hat interessante Ergebnisse gezeitigt. Para, die älteste, seit 1818 bestehende Gemeinde hat eine jüdisdie Bevölkerung von etwa 200 Familien, die zumeist von marokkanisdien J uden abstammen. Seit 1855 gibt es eine Synagoge und einen Friedhof, heute sind zwei Synagogen vorhanden, dazu versdiiedeue Vereine und auch ein Sportklub. Die Wirtsdiaftslage ist infolge des Niedergangs der Gunxniipreise wenig befriedigend, jedoch befindet sich noch immer eine ganze Reihe von Juden in einflussreicher Stellung. Dank der wohlwollenden Haltung der Behörden scheint eine weitere Einwanderung aus Mittel- und Osteuropa, wenn der Einwanderer über etwais Kapital und Geschäftserfahrung verfügt, Erfolg zu versprechen. Die nun schon in der dritten Generation mit Brasilien verwachsene Bevölkerung ist in einem tieferen Sinn dem Judentum stark entfremdet, da es an einem geistigen Führer fehlt. Die versdiiedenen Ansprachen von Oberrabbinen Raffalovidi fanden unter der Bevölkerung, die einer im guten Sinn modern religiösen Unterweisung völlig entbehrt, einen zugleich begeisterten und rührenden Widerhall. Hier könnte ein junger Rabbiner ein überaus dankbares Tätigkeitsgebiet finden. In S a o L u i z, der Hauptstadt von Maranhao, leben nur wenige jüdische Familien, und audi hier können Einwanderer vermutlich bald zu Erfolg kommen. Auch iii Ceara wohnen nur einige Juden, von denen die meisten ihr Brot als Hausierer verdienen, daneben gibt es aber auch eine grosse französisch-jüdisdie Exportfirma. Der Besudi des Oberrabbiners hatte zur Folge, dass eine Thorarolle beschafft und an den Feiertagen Gottesdienst abgehalten wurde. In Natal, der Hauptstadt von Rio Grande do Norte, besteht eine kleine jüdisdie Gemeinde von etwa 25 Familien, wo nunmehr ebenfalls mit Hilfe der lca eine Schule eingeriditet werden soll. Für die Möglichkeit des Aufstiegs bezeidmend ist eine Familie von vier Brüdern, die als Hausierer begannen und jetzt eine führende und angesehene Stellung in der Industrie und Landwirtschaft einnehmen. Parahyba do Norte zählt etwa 20 Familien, Maceio, die Hauptstadt von Alagoas, etwa 12 Familien. Auch hier soll eine Thorarolle beschafft und ein Lokal für Gottesdienst, Unterricht und Bibliothek eingerichtet werden. In Peruambuco, wo die Mehrheit der jüdisdien Bevölkerung ebenfalls vom Hausierhandel lebt, hat Wirtsdiaftskrise und Revolution verheerend gewirkt. Die Gemeindeverhältnisse waren hier von unverantwortlichen Elementen von Grund auf gefährdet, und die lokale Presse nahm den Juden gegenüber eine recht feindselige Haltung ein, doch wurde nunmehr die Reorganisation leingeleitet. Erfreulidi ist in dieser bedeutenden Gemeinde die Entwicklung der Schule. Ba h ia verfügte immer über eine gut organisierte Gemeinde und einen Gemeindeverein, dem alle Juden angehören. In der Synagoge ist an jedem Sabbat Gottesdienst, von der Stadtverwaltung wurde ein Friedhofsgelände zur Verfügung gestellt. Aracaju, die Hauptstadt des Staates Sergipe, hat eine Bevölkerung von knapp 40 000 Seelen und hat nur durch den einmal wöelventlidi nach Bahia verkehrenden Dampfer Verbindung mit der Aussenwelt. Die aus etwa 50 Familien bestehende Gemeinde hat sich die notwendigsten Einriditungen geschaffen, die sie unter grossen Opfern aufrecht erhält. Während der letzten acht Jahre sind annähernd 20 000 Juden in Brasilien eingewandert, aber das weite Land bietet trotz der audi hier eingeführten Einwanderungsbeschränkuug Raum für nodi viele Tausende. Trotz aller Rückschläge ist ein Aufblühen des jüdischen Lebens unverkennbar: Vereine und Bibliotheken, Wohlfahrtsinstitutionen aller Art sind gegründet worden und suchen Zusammenhang und Solidarität zu fördern. So kann das seinerzeit sehr gewagte Experiment der Verpflanzung einer jüdisdien Bevölkerung nach Brasilien als geglückt bezeichnet werden. M. Lesser Ury Von Dr. Arthur Galliner. Bei all den grossen jüdisdien Meistern, von denen in diesen Blättern schon die Rede gewesen, l>ei Liebermann, bei Israels, bei Pissarro, war es wohl möglidi, sie und ihre Werke in den Zusammenhang der künstlerisdien Entwicklung ihrer Zeit einzugliedern; sie sind, wenn audi selber neusdiöpferisdi, doch verbunden mit dem Schaffen anderer Maler, sind organisdi herausgewadisen aus einer alten Tradition — Liebermann hat wie Israels an den alten holländischen Meistern studiert — sie haben Anschluss an Mitstrebende, Gleidistrebende gefunden: Pissarro wTar mit Manet und Monet, mit Degas und Renoir, den „Impressionisten", aufs engste verknüpft, sie haben Anhänger gehabt, haben Sdiule gemacht, haben eine „Riditung" begründet und als Führerpersönlidikeiten eine ganze Generation künstlerisch beeinflusst. Und nodi eines: ihr Gesamt-Werk ersdieint bei aller Wandlung und Mannigfaltigkeit doch als eine grosse Einheit, von einer Grundansdiauung aus gestaltet: Das alles sdieint bei Lesser Ury anders, seine Stellung innerhalb der Kunstbewegung der letzten fünfzig Jahre ist schwieriger, .komplizierter. Nicht nur durch die Vielseitigkeit seines Schaffens: Zarteste Landschaften und düster-schwere Grosstadtbikler, bürgerliche Innenräume und mondäne Kaffeehaus-Szenen, biblische Gestalten und Gestaltung allgemein menschlicher Ideen, Sinnliches und Uebersinnliches, geschaute Wirklichkeit und erlebte Vision steht nebeneinander. Das alles wäre auf einen . Generalneuner zu bringen. Man hat ihn einen „Impressionisten" genannt — er ist es gewiss, sogar einer der ersten, ja vielleicht der allererste in Deutschland, der die