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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-11-01 · 3 (11.1931) · p. Seite 59

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
3 (11.1931)
Date
1931-11-01
Page
Seite 59 (sequence 5)
Language
German
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59 sehen Hause, selbst beim Essen, die Hausfrau gesehen zu haben, während in den jüdischen Häusern Kurdistans diese Abgeschlossenheit der Frau wegfällt. Bei dem Besuch eines „Chacham" kam mir dessen Frau entgegen, durchaus kurdisch und das heisst bunt gekleidet, mit einem hohen buntgestickten Turban als Kopfbedeckung, mit dem üblichen Oliren- und Nasenschim ck, Aim und Fussbändern und sogar mit in das Gesicht eintätowierten Zeichen. Vielleicht hängt diese andere Stellung der Frau auch mit den primitiveren Wohnungsverhältnissen zusammen, denn die Wohnung eines Kurden in diesen kurdischen Dörfern geht meist über den Umfang eines Zimmers nicht hinaus; darin finden sich weder Stuhl noch Tisch, noch Bett, sondern nur Matj atzen, Matten und Teppiche. Y. Die primitive Lebensweise der kurdischen Juden ist eine Folge ihres sozialen Tiefstandes, von dem hier einige Beobachtungen mitgeteilt werden sollen. Während die Juden in Bagdad und Basra immerhin doch mit einem Minister, mehreren Millionären, einflussreichen Aerzten und Anwälten und sehr wohlhabenden Kautieuten aufwarten können und der Einfhiss gewisser jüdischer Kreise Bagdads auf das öffentliche Leben sehr sichtbar zum Ausdruck kommt, geht den kurdischen Juden jede ökonomische oder soziale Bedautaing ab. Sie sind vielmehr die wahrsten P a - ri as, und wenn sie auch nicht mehr wie zuweilen in der Türkenzeit Sklaven und Eigentum der kurdischen Feudalherrn und Stammeshäupter sind, so stehen sie doch in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht auf der untersten Stufe. Diese Pariastellung ist soziologisch bedingt durch die noch immer stark betonte Stammesorganisation der Kurden. Umgeben von Menschen, die sich als Angehörige eines Stammes fühlen, muss sich der nach Rasse, Sprache und Religion andersgeartete und deshalb ausserhalb eines solchen Stammesverbandes stehende Jude als geächtet und verachtet empfinden. In der Tat werden ihm auch nur die •niedrigsten und von den Kurden verachtetsten Berufe zugewiesen. So sehen wir die kurdischen Juden neben dem Klein- und Althandel die schwersten und niedrigsten Arbeiten verrichten: Lastträger, Färber, Gerber, Weber usw., Berufe, die die Juden übrigens schon zurzeit von Benjamin b. Tudela innehatten. Auch die Zubereitung von Arak ist ihr Monopol, wie auch der Verkauf von Gewürzen, Drogen und Heilkräutern ihnen überlassen bleibt. Wie sehr die Juden im allgemeinen verachtet werden, kommt in manchen kurdischen Redensarten zu typischem Ausdruck. Um einen Beamten herabzusetzen und zu beleidigen, pflegt man zu sagen: „Selbst ein Jude wäre besser als dieser", oder um die Disziplin und vorbildliche Ordnung eines Stammes besonders hervorzuheben:* „Selbst ein Jude könnte uns in Ordnung halten". Ich hatte Gelegenheit, so manche andere Aeusserung zu erfahren, die von derselben Stimmung und Einstellung zeugt. Allzuleicht entlädt sich der Zorn des Kurden auf „seine" Juden, die in A'if dem T gris i ihrer verachteten Stellung als die gegebenen Blitzableiter so mancher Unwetter (Blutbeschuldigung, Stammesfehden) erscheinen. Wie gefährdet selbst heute die Lage der kurdischen Juden ist, trotz Irakregierung; und englischem Mandat, erfuhr ich in Rowandus — übrigens landschaftlich einer der schönsten Plätze dieser Gebirgsgegend — aus dem Munde des Polizeiinspektors selbst. Als die Nachricht von den Unruhen in Palästina 1929 nach Kurdistan gelangte, die natürlich in der arabischen Presse als ein Ueberfall der Juden auf Araber dargestellt wurden, wollten sich auch die Kurden — die sonst in den Arabern ihre Feinde sehen — an den Juden rächen, und es bedurfte der ganzen Anstrengung der Polizei und der englischen Truppen, um die Kurden zu hindern, in die jüdischen Häuser einzudringen. Die Gefahr einer grossen Judenmetzelei wurde nur in letzter Minute durch das Eingreifen englisch-irakischer Truppen verhütet. Durch den bevorstehenden Eintritt Iraks in den Völkerbund und den damit verbundenen Rückzug Englands aus dem Irak wird die Frage akut, inwieweit genügende Garantien gegeben sind, u.n die Minoritäten in Mesopotamien, von denen die Ju len euien zahlenmässig besonders wichtigen Faktor darstellen /u schützen. VI. Dass die kurdischen ju 'c\\ angesichts dieser Verhältnisse und ihrer abhängigen Stellung überhaupt auch nicht einen Tag länger in Kurdistan leben würden, wenn sie nach Palästina auswandern könnten, wurde mir von fast allen Seiten zum Ausdruck gebracht. Schwer lastet auf ihnen das doppelte Galuth „Gallith Ischmael und Galuth Kurd", wie sie sagten und kein Wunder, dass sich bereits seit Jahrzehnten ein dauernder Strom von Auswanderern nach Palästina ergiesst und Tausende auf die Gelegenheit warten, in das Land ihrer Sehnsucht zu kommen. Viele haben schon früh ihre Wohnorte verlassen und sind in die Städte nach Mossul oder nach Bagdad gezogen, um von dort leichter auswandern zu können. Meine Fahrt durch Kurdistan, die blosse Tatsache, dass ein „Jebudi" aus „Zion" in diese abgelegenen wilden Gegenden überhaupt sich hineinwagte, hat sie in ihrer Absicht nur bestärkt und schien ihnen ein Vorzeichen ihrer baldigen Umsiedlung zu sein. Der aussergewöhtiliche Empfang, der mir von diesen bescheidenen und so einfachen Juden bereitet wurde, die Freude, einen Juden aus der heiligen Stadt bei sich sehen zu können, ist nur als ein lebendiger Ausdruck ihrer starken inneren Beziehung zu Erez-Israel zu verstehen. Die Zahl der heute in Palästina ansässigen kurdischen Juden dürfte über 4000 betragen. Mehr als die Hälfte davon lebt in Jerusalem in einem besonderen Quartier. Der Rest verteilt sich unter die Städte Tiberias (400), Safed (200), Jaffa (150) und die galiläischen Siedlungen, wo sie als Landarbeiter, Hirten, Lastträger, Steinklopfer usw. tätig mitwirken. Ihre körperliche Tüchtigkeit, ihre zähe Natur und ihre aussergewöhnliche Anspruchslosigkeit macht sie neben den jemenitischen Juden zu einem der geeignetsten Elemente für die Aufbauarbeit Juden von Kurdiston Palästinas. Von den Juden in Brasilien Ende 1923 hat die Jewish Colonization Association flca) den früher in England tätig gewesenen Rabbiner Dr. I. Raff alovich in ihre Dienste übernommen und ihm die doppelte Aufgabe übertragen, das (jemnndeleben in den neuen jüdischen Siedlungen Brasiliens aufzubaueu und die Einwanderung zu organisieren. Wir sind in der L"ge, aus den neunten von Dr. Raffalovidi erstatteten Berichten zum ersten Mal einiges Wissenswerte zu veröffentlichen Manche Historiker Brasiliens gehen davon aus, dass schon die Entdeckung dieses Landes jüdischen Astronomen und Mathematikern wie Abraham Zacuta, Jose Vizinho und anderen zu verdanken sei, und es wird sogar vermutet, dass ein getaufter Jude namens Gaspar de Gama den Entdecker Brasiliens Pedro Alvares Gabrai als Dolmetscher und Ratgeber begleitet habe. Zweifellos befanden sich unter den ersten Ansiedlern zahlreiche portugiesische Juden, die auch die Grundlage zum Exporthandel legten. Im Lauf der Zeit kamen immer mehr Marranen nach Brasilien, die dort das unter Zwang angenommene Christentum wieder ablegten, sodass gegen das Ende des 16. Jahrhunderts in Bahia eine Synagoge und in Olinda ein Rabbiner nachzuweisen ist. Auch die Entwicklung der Zucker- und Tabakindustrie, wohl auch der Anbau von Reis und Baumwolle waren jüdischer Initiative zu danken. Einen entscheidenden Aufschwung brachte die Eroberung Nordbrasiliens durch die Niederlande, und wir finden allein in Pernambuco zu dieser Zeit nicht weniger als- 5000 Juden. Neben ihrer Betätigung in Industrie und Handel nahmen die Juden sehr bald beachtenswerten Anteil am kulturellen Leben des Landes, und die Frühliteratur Brasiliens hat jüdischen Schriftsteilem wie Mochoro, Velloso, Men- ■ doca u. a. viel zu danken. Die Rückeroberung durch Portugal und das gleichzeitige Wiederaufleben der Incpjisition zwang zahlreiche Juden zur Flucht oder zur Verheimlichung ihres Judentums; trotzdem wurden zahlreiche von ihnen von den Agenten der Inquisition gefasst und nach Portugal trans-

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