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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-11-01 · 3 (11.1931) · p. Seite 58

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
3 (11.1931)
Date
1931-11-01
Page
Seite 58 (sequence 4)
Language
German
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58 nadi Assyrien verbannten zehn Stämme Israels, -deren letzte Reste sie darstellen wollen. Die Legende von den verlorenen zehn Stämmen — und mehr als eine Legende dürfte es wohl nicht sein — ist in der jüdischen Aggada verknüpft mit dem wundersamen Fluss Sambation oder Sabbation, an dessen jenseitigem Ufer sich die zehn Stämme aufhalten sollen. Von Josephus bis auf Manasse ben Israel und weiterhin wurde an die wirkliche Existenz dieses Flusses geglaubt, wenn man auch ihn geographisch nicht eindeutig bestimmen konnte. Manche Forscher glauben in der Tat, dass die Reste der zehn Stämme -in Kurdistan zu suchen sind; denn die beiden Flüsse Sab oder Z a b, die ja in diesem Teil von Kurdistan liegen, und deren Rausdien und Fluten audi mir nodi in den Ohren klingt — sind sie iiidit der Sabbatiou des Midrasdi, den man nur aus Unkenntnis seiner wahren ethymologisdien Bedeutung (Sab-Zab mit griediisdier Endung) zu einem „Sabbatfluss"' mit all den sdiönen legendären Zutaten umgedeutet hat? Wie dem audi sei — das Mysterium von den angeblidi verloren gegangenen zehn Stämmen Israels ist nie zur Ruhe gelangt und bewegt die Köpfe eigentlich von jenem Tage an, da „Salmanassar, König von Assyrien, Israel ins Exil führte und sie ansiedelte zu Chalob, Chabor am Flusse Gosen und in den Städten Mediens." (2 Kg 17,5) — Plätze, die in unmittelbarer Nähe des heutigen Kurdistan gelegen haben müssen. Das hat natürlidi die Forsdier nicht gehindert, die Reste der zehn Stämme Israels in allen möglidien Teilen der Welt zu 6udien, in Japan, in cer Sahara, bei den Indianern, in England, Aign/V ii^u u;w Gerade die Tatsadie, dass uns gar keiue zuverlässigen Nadiriditen über ihr Sdiicksal überliefert sind, hat den Weg für alle möglidien Theorien geebnet. Durdi seinen Ansprudi, von den Resten der zehn Stämme abzustammen, wie audi sdion durdi sein blosses Da-sein und So-sein, untersdieidet sidi also der kurdisdie Jude von den anderen Judentypen des Orients, nidit nur physiologisdi, sondern audi sozusagen genealogisdi. Aber er stellt ausserdem ein spradilidies Phänomen dar, audi darin ori. gineil und von anderen unterschieden. m. Es ist eine interessante Er_ sdieinung. dass die orientalisdien Juden, so sehr sie sidi audi an ihre Ortsvölker in Sitte, Tradit und Gewohnheit angeglichen haben mögen, doch in einem Punkte sidi mit ihnen nidit identifiziert haben: nämlidi in sprachlicher Beziehung. Sie leinen zwar die Sprache ihrer Umwelt, also in diesem Falle kurdisch, persisch, türkisch und arabisch, aber sie haben auch ihre eigne Spradie nidit aufgegeben. Im Gegensatz zu den Verhältnissen Westeuropas und Amerikas geht die Assimilation im Orient (wie audi bisher in Osteuropa) nur bis zu einer gewissen Grenze. Riditig wurde schon von Spradiforsdiern erkannt, dass die Juden sidi in manchen Ländern spradilidi nie vollständig ihrer Umgebung anglidien, die fremden Spradien zwar adoptieren, aber umformen und zu einem besonderen Dialekt oder Jargon entwickeln und ausbauen. Dafür liefert ja die Wirklidikeit Beispiele genug. Ausser dem Jiddisdi in Mittel- und Osteuropa, Amerika und Südafrika sprechen die Juden in der Türkei und ihren früheren Gebieten einen spaniolisdien, die Juden Iraks einen arabisdi-jüdischen, die auf Korfu einen griechischen, die in Persien und Turkestan einen besondern persisch-jüdischen Dialekt. Auch die Juden Kurdistans führen ein sprachlidies Eigenleben. Sie sind nämlidi nodi die einzigen von den Juden überhaupt, die sich des als „Laschon-hatargum" bekannten aramäischen Dialekts als lebendiger Umgangssprache bedienen. Er ist jenem Aramäisch nahe verwandt, aas uns von den aramäischen Bibelübersetzungen, den sogenannten Targumim, und zum Teil aus dem babylonisdien Talmud bekannt ist, durchsetzt allerdings mit kurdischen, persischen, türkischen und arabischen Worten. Aramäisch war für Jahrhunderte die offizielle Umgangsspradie nicht nur der Juden Babyloniens — für sie geradezu eine zweite „heilige Sprache", deren Spuren ja bis heute in Gebeten erhalten sind — sondern des alten Orients überhaupt. Es kann natürlich hier keine spradigesdiichtliche Abhandlung geschrieben werden; es muss aber zum Verständnis jener ganz einzigartigen sprachlichen Erscheinung gesagt werden, dass durch den Siegeszug des Islam und damit auch durch Hie Ausbreitung der arabischen Spradie im 7. Jahrh. n. Chr. das Aramäische immer mehr verdrängt wurde, bis es völlig der neuen arabisdien Spradie weichen musste. Nur in einem kleinen Winkel des Orients hat es sidi bis heute erhalten und als lebendige Spradie sein Eigenleben weiter leben können: eben in Kurdistan, wo es ausser von einzelnen diristlidien Gemeinden vor allem von den kurdischen Juden gesprodien wird. Sie nennen diese Sprache, die ihre grösste Verbreitung in Sacho und Umgebung und auch am Urmia See im persisdien Teil Kurdistans -gefunden hat, „laschon hatargum" oder audi „Lasdion hagalut" und sie war es, die mir audi die Verständigung mit den kurdisdien Juden da ermöglichte, wo andere Berührungspunkte zwisdien uns in spradilidier Hinsidit zu versagen sdiienen. Man kann wohl mit Recht sagen, dass die Originalität der kurdischen Juden, die sidi in ihrer Ersdieinung sowohl wie in ihrer Stellung äussert, in diesem Punkte am allere!eutlidisten zum Ausdruck kommt. IV. Zu diesem spradilichen Phänomen gesellt sidi nun aber audi ein religiöses und soziales. Es ist verständlidi, dass eine atomisierte, in wilden Gebirgsgegenden verstreute Dorfjudenheit auch ein ihr adäquates Judentum ausgebildet hat, das sidi grundsätzlich von dem Judentum Europas untersdieidet. In den meisten dieser Dörfer ist keine Talmud- ■Thora, kein Synagoge, kein Minjan, und nur in Abständen kommt ein Sdiochet, Mohel oder Dajan, also eine Art „Wanderabbi" in diese verlassenen Gegenden! Da der Durchsdinmsjiide Kurdistans meist jüdisdi völlig ungebildet ist, wädist hier ein Gesdiledit heran, dessen Judentum neben dem Schabbos — und der wird allerdings noch streng gehalten — nur noch aus abergläubigen Vorstellungen bestellt. Der Aberglaube der kurdisdien Juden, wie über- _ haupt aller Orientalen, ist -'.'^VK,- Kurdisches Dorf unbeschreiblidi. Ihre Vorstellungswelt wird völlig beherrsdit vom Glauben an Dämonen, Sdiejclim, bösen Blick u. dgl. Dem Einfluss der Sdiejdim wird Tod und Unglücksfall zugesdirieben, und sie sind als eine reale wirksame Madit im tagtäglidien Leben anerkannt. Vor allem spielen bei der Geburt eines Kindes solche Vorstellungen eine Rolle; der Kampf gegen die Lilith wird durdi Amulette, Silberanhängsel usw. geführt. Audi der (•latibean 1 räume unclun ihren Einfluss auf das Lebensschick- Sfil ist sehr verbreitet. Der „Chacham" des Dorfes, sofern es einen gibt, deutet die Träume nach bestimmten Methoden und Rezepten, die er von seinem Vater ererbt hat. Der jüdische „Chacham" ist zuweilen auch der Magier der „Wahrsager" und Zukunftsverkünder, der „Goraloth" und dergl. sdireibt als Sdiutz gegen Gefahren, Krankheiten usw. Audi Kurden, vor allem Frauen, pflegen den Chacham aufzusudien, um sich geistige Medizin zu holen. Auf meiner ,Sudie nadi hebräischen, persisdien und arabisdien Handschriften fand ich — und das ist typisdi — meist nur Schriften kabbalistisdien Inhalts, wie Goralot, Talismane, Traumdeutungsschriften usw. Die Sudie nadi Handschriften gewährte mir übrigens audi manchen Einblick nidit nur in die primitive Vorstellungswelt dieser Juden, sondern auch in ihre unglaublich primitive Lebensweise. Es bot sich mir da ein noch völlig unbekanntes Bild — ein dankbares Feld für folkloristisdie Studien. Es ist erstaunbeh, wie sehr sidi die kurdisdien Juden in Tradit, Sitte und Gewohnheit, trotz aller Rassengegensätze an die Kurden angeglichen haben. Die Kurden sind Arier und werden für die Nachkommen der alten Medier gehalten. Dennoch dürfte es selbst für ein geübtes Auge nicht immer leicht sein, den Juden von dem Kurden zu untersdieiden. Ich habe in dieser Beziehung drollige Szenen erlebt, die an anderer Stelle Erwähnung finden sollen. Jedenfalls hat das Milieu audi hier seine Wirkung nidit verfehlt. Das kommt auch vor allem in der Stellung der Frau zum Ausdruck. Im Gegensatz zu den Arabern in den anderen Teilen Mesopotamiens behandeln die Kurden ihre Frauen mit viel grösserem Respekt. Die Frau geniesst eine ziemliche Freiheit, zeigt sich im Haus und auf der Strasse unverschleiert und flüchtet auch nicht vor dem Anblick eines Europäers. Dabei ist die kurdische Frau ob ihrer Züchtigkeit und Sittsamkeit bekannt. Auch die jüdische Frau Kurdistans ist besser gestellt als ihre Schwester in Bagdad oder Basra. Ich erinnere mich nicht, in Bagdad zum Beispiel im jüdi-

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