Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 3 (11.1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel Dummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Sohriftleitung und Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., November 1931 Nr. 3 Die Juden in Kurdistan Ein Reisebericht von Dr. Walter Fischel (Jerusalem) *) L Wohl kein Volk des Orients ist nach Ursprung und Geschick, nach Sprache und Sitte so wenig bekannt und erforscht wie das Volk der Kurden. Nur weniges — und auch das erst durch den Weltkrieg — ist von Kurdistan nach Europa durchgedrungen und wenn man auch früher von dem berühmten Sultan Saladin gehört haben mag, der den Islam vor dem Ansturm der Kreuzfahrer rettete, so weiss man doch nicht, dass dieser Saladin von Geburt ein Kurde war und seine Wiege in jenem rauhen Gebirgsland gestanden hat, das bis heute noch im wahrsten Sinne des Wortes eine terra incognita geblieben ist. Man inuss einmal diese gewaltigen kurdischen Berge gesehen, die Schluchten und Gebirgsketten durchzogen, die reissenden Ströme und Flüsse überquert haben, um zu verstehen, wie sich hier die Natur selbst das Eindringen in dieses Gebiet, das einer natürlichen und unbezwingbaren Festung gleicht, verwehrt und das Dunkel, das über diesem Land und seinem Volke liegt, für alle Zeiten begünstigen möchte. Kurdistan ist an sich kein eindeutiger politischer Begriff. Das eigentliche Mutterland ist heute aufgeteilt unter drei Staaten, Persien, Türkei und Irak, und daneben gibt es eine grosse kurdische Diaspora in Nordsyrieu, in Russland, in Afghanistan, Behidschistan u. a. Meine Reise nach Mesopotamien und Persien führte mich im wesentlichen durch jenen Teil Kurdistans, der politisch zu I r a k gehört und sich östlich von Mossul, dem alten Ninive, vom Tigris bis an die pensische Grenze hinzieht und von dem kleinen und grossen Zab durchflössen wird. Dieses Gebiet, das einstige türkische Wilajet Mossul, bietet wie kaum ein anderes eine unglaubliche Abwechslung an Sekten. Rassen und Völkerschaften. Kaum zwei benachbarte Dörfer sind von derselben Rasse bevölkert oder sprechen dieselbe Sprache, oder haben denselben Glauben. Neben dem arabischen Bevölkerungselement leben unzählige sich befehdende Kurdenstämme, Christen aller Schattierungen, Nestorianer, Assyrer, Jakobiter, Armenier, Chakläer, .syrische Katholiken, ferner Mandäer, die bemerkenswerte Sekte der Jesiden oder Teufelsanbeter, Tscherkessen und Turkmanen — also kurz ein lebendiges ethnographisches aind religionsgeschichtliches Museum besonderer Art, ein wahres Paradies für Philologen und Historiker. Und unter all diesen verstreut und versprengt lebenden Resten uralter Völker und Rassen fehlen auch die Juden nicht, Abkömmlinge der babylonischen Gefangenen oder der zehn Stämme, von denen hier einige persönliche Beobachtungen berichtet werden sollen. IL Die natürliche Unzulänglichkeit und Abgeschlossenheit des Landes, auf die schon hingewiesen wurde, erklärt und entschuldigt zugleich unsere fast völlige Unkenntnis der Lage der Juden in diesem kurdischen Bergland. Die Zahl der Forscher, die das Land bereisten, ist zwar gar nicht mehr so klein, doch über die jüdische Bevölkerung, ihr Leiben und Treiben wussten wir bisher so gut wie nidrts. Der Löwe von Babylon Dass es grössere J.udengemeinden in Städten wie Kirkuk, Erbil und Mossul gab, war bekannt, Dass aber Juden in den kurdischen Dörfern mitten in den gewaltigen Gebirgen leben, wurde mir erst durch einen Zufall vertraut. Der Anlass meiner Bekanntschaft mit den kurdischen Dorfjuden war ein recht trauriger. Ein Autounfall auf einem gefährlichen schwer befahrbaren Höhenzug hatte einem Menschen das Leben gekostet, und als wir in das nächstliegende Dorf, Schaklawa genannt, kamen, fanden wir Manner und Frauen zu gemeinsamer Trauerklage auf dem Marktplatz versammelt ob des Todes eines ihrer Einwohner. Auf näheres Befragen erfuhr ich, dass der Vemnglückte ein „Jehudi" war und die Versammelten: Juden aus den umliegenden Dörfern. Eine buntere Trauerversammiung habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen, und ihr Eindruck war ebenso niederschmetternd, wie seltsam. In diesen Gegenden Juden! und hier diese Riesengestalten, diese wild aussehenden, zum Teil bewaffneten Männer — meine Brüder! Fast unglaublich! Auch sie wollten anfangs in mir nichts anderes sehen als einen „Anglisi", einen Engländer, bis das Medium der hebräischen Sprache, einige Worte wie „Sehma Isreael", „Zion", „Jeruschalajim" usw. beide Seiten überzeugte. Dieses hier nur angedeutete Erlebnis vermittelte mir jedenfalls ganz neue Kenntnisse über diesen Teil des jüdischen Volkes. Es gibt kaum ein Dorf in dieser Gebirgsweit, das nicht seine „Juden" hat, meist nicht mehr als 5 bis 10 Familien, die natürlich völlig isoliert, ohne Zusammenhang mit einer grösseren Gemeinde, iganz auf sich angewiesen sind. Eine Statistik, die uns über die Zahl der kurdischen Juden belehren könnte, existiert genau so wenig, wie eine irgendwie geartete Gemeindeorganisation. Auf Grund der mir mündlich mitgeteilten Daten dürften 15—18 000 Juden in Kurdistan leben, die sich auf Hunderte von kleinen Dörfern und Städtchen verteilen. Wann die Juden sich in diesem Gebiet niederzulassen begannen und wieso sie sich in dieser Umgebung bis heute haben halten können, woher sie überhaupt stammen — das waren die Fragen, die mich zunächst bewegten. Zu ihrer Beantwortung galt es, sich an die ansässigen Juden selbst zu wenden. "Und obzwar diese Aussagen keinen objektiv historischen Wert beanspruchen können, so konnte ich mir doch dadurch ein Bild von den Ansichten und Traditionen verschaffen, die dort die Juden selbst über ihren Ursprung und über ihre Abstammung besitzen und Aufschluss erhalten über Fragen, die auch folkloristisch von grösstem Interesse sind. Es scheint eine lebendige Tradition bei den kurdischen Juden zu sein, sich als die Abkömmlinge der zehn Stämme Israels zu betrachten. Denn die Antworten, die mir erteilt wurden, zeigen eine auffallende Einmütigkeit, und zwar iu der Bezugnahme nicht so sehr auf die baylonischen Gefangenen unter Nebukadnezar, sondern gerade auf die *) Vergl. den Artikel „Bei den Marannen in Persien" in der Mai-Nummer 1931.