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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-10-01 · 2 (10.1931) · page 31

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
2 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
– (sequence 31)
Language
German
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Die gesellschaftliche Situation des Juden Kann das deutsche- Judentum heute noch erhalten werden? Das heisst, ist es möglich den einzelnen dem Judentum zii erhalten, und wenn es möglich ist, -wie? Diese Frage , setzt voraus, die .gesellschaftliche Situation der Juden aufzuzeigen; denn nur aus ihr lassen sich Schlüsse ziehen. Wie ist es um diese .gesellschaftliche Situation bestellt? Ohne .sich um Begriffe oder Worte zu streiten, eines ist offenbar: die grosse Masse der deutschen Juden ist gesellschaftlich entwu'rzeit, sie hat keinen festen Boden mehr unter den Füssen, sie hat nicht einmal einen Weg von sich, sie tappt im Dunkeln; sie weiss nicht, wohin. Sie weiss aber auch nicht, wo sie steht.'Denn die bürgerliehen Mittelschichten sind in Auflösung, und die allgemeine Wirtschaftskrise hat eine Stagnation im Gefolge, die zur Sprengung drängt. Was soll werden, ist die allgemeine Frage. Solange aber 'die wirtschaftliche Situation nicht geklärt ist, gibt es auch keine Klärung der" persönlichen Situation. Jeder Mensch ist ein Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse, und sein Weg ist von der allgemeinen Entwicklung abhängig.' Diese allgemeine Entwicklung aber drängt aus jener Staignation zur R a dika Iis ie r« n g. Die Dinge laufen lassen, wie sie laufen, endet ebenfalls nicht anders als im Radikalismus; nur mit dem Unterschied, dass hier'ungewollt geschieht, was dort Absicht ist. Wie der einzelne sich auch gegen sein Sdncksal wehrt, es ist ein Kampf um Unmögliches, um Verlorenes. Die neue wirtschaftliche Situation zwingt ihm eine. neue persönliche Situation auf. Es gibt für ihn kein Heraus, es gibt nur ein Darin. Welche Bindung findet er jetzt? Nur die an solche, die in (gleicher oder ähnlicher wirtsdiaftlicher Lage sind. Und wie suchen alle Herr ihres, Sdiicksals zu wenden? Indem sie sich irgend eine Ideologie zu eigen machen. Wer aber bietet heute noch eine soldie Ideologie? Wer ermöglicht- Hoffnungen? Nur der, der einen Ausweg zeigt oder zu zeigen vorgibt. Und wer kann das heute? Nur die pol i- :. tis che Pa r tiei; sie allein erfasst die Massen und gibt ihnen einen Schimmer der besseren Zukunft. Ob sie die Romantik eines ueuen Volkstums, ob sie die Forderung einer neuen Wirtschaft auf ihre Fahne sdireibt, ganz gleich, sie allein er.fasst alle die, die unsicher sind, unsicher in ihren Absichten, unsicher im Besitz und unsicher in ihren Bindungen. Die wirtschaftliche Nothat eindeutig gezeigt, dass nur die Erkenntnis der Lage zur Aktivität treibt, gleichgültig zu welcher. Das liberale Bürgertum wird zerrieben zwischen Finanzkapital und Proletariat; tos aus ihm wenden muss, is«t gewiss. Wer sich an einen Strohhalm klammert, muss erbärmlich ertrinken. Bügelfalten und .geputzte Schuhe machen noch keinen Bürger, und saubere Fingernägel sind nicht unproletarisch. In der kapitalistischen Wdrtschaft entsdieidet nur das Geld, hier gibt es nur eine Moral, nämlich den Profit. Alles andere ist leeres Ueberbieibsel aus der Zeit des Liberalismus. Was ist heute Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Anständigkeit? Sie stehen dem gut, der nicht gefährdet ist, der ein sicheres Einkommen hat, der nicht von heute auf morgen lebt. Und. seien wir offen, für ihn allein gibt es heute noch Religion. Denn auch die liberale Religion setzt das Individuum voraus, das 'gesichert ist. das nur «persönliche Sorgen kennt, aber keine wirtschaftlichen Nöte, aus denen' es keinen privaten Ausweg igibt. - (Bestehen dehn heute noch neue Möglichkeiten für die Religion? Die Problematik der Orthodoxie lassen wir hier 'beiseite; sie hat .die gleichen Gründe, jedoch stützt sich die Orthodoxie auf eine Tradition, von der beim liberalen Judentum nur der Synagogenbesuch an den hohen Feiertagen übrig geblieben ist. Alle Kraftanstrengungen, um Religion zu züchten, sind umsonst, das muss uns vor allem klar sein. Auch hier kommen wir mit der liberalen Ideologie •nicht Weiter. Und schöne Aufsätze über .die neue Religiosität usw. stehen nur auf dem Papier und täuschen im besten Fall eine Wirklichkeit vor. Ueber diese Entwickhing müssten sich auch die Rabbiner im Klaren sein; der beste Beweis für all das ist, dass vor einigen Jahren gerade ein sehr fühlbarer Rabbinermangel herrschte; und wenn dem heute nicht mehr so ist, so doch nur, weil das Rabhinatsstudium eine gute Berufsaussicht bot. Von dieser Seite aus ist eine Neubeiebung nicht zu erwarten, denn auch die Religion besteht nicht ohne gesellschaftliche Bindungen. So bleibt nur das Judentum als Schicksalsgemeinschaf't. Und heute, in'der Zeit des starken Gruppenbewusstseins, wird diese Gemeinschaft von aussen und von innen gefördert. Von aussen durch den Antisemitismus, der sich vom Judentum als Gruppe, nicht als Religion abgrenzt. Der heutige Antisemitismus entspricht der heutigen wirtschaftlichen und •gesellschaftlichen Situation. Seine Träger sind besonders auch jene entwurzelten Mittelschichten, deren Ideologie eine Erklärung der heutigen Zustände geben soll mit der Absicht, die frühere Stellung wiederherzustellen, und die Gründe für das Absinken ins Proletariat angeben muss. Welche Gründe werden angegeben: der Marxismus und das Judentum; und was ist dann einfacher, als beides zu vereinigen. Dem Antisemitismus geht es weder um den einzelnen Juden, noch um die jüdische Religion, sondern um das Judentum als Gruppe, d. h. als Ge- * sellschafts- und Wirtschaftsfaktor. Die whischaftliche Not gebärt einen wirtschaftlichen Antisemitismus, und seine ideologische Begründung deckt sich durch nichts eindeutiger auf, als 'durch die paradoxe Behauptung, dass sowohl der Marxismus jüdisch sei wie auch die Hochfinanz. Sicher spielen hier wie dort Juden eine Rolle, der grösste Teil von ihnen jedoch gehört den Mittelschichten an. Das müsste uns die Augen öffnen. Das Bürgertum hat — trotz Liberalismus — die Masse der Juden nie für gesellschaftlich ebenbürtig gehalten. Auch in besseren Zeiten war das jüdische Gruppenbewusstsein nie erloschen. Heute aber wird es geradezu gefördert und gepflegt. Es gibt, so wird uns gesagt, nur einen Weg aus dem Judentum heraus, den zum "konsequenten Marxismus, der weder Religion noch Rasse, noch Nation als letzte Gruppen anerkennt, sondern hur den Klassengegensatz von Bürgertum und Proletariat. Taufe und Mischehe sind höchstens Auswege und dazu nicht einmal förderliche. Für die anderen aber «gibt es nur eine Parole: Bleibt im Judentum und stärkt es! Und hier gilt es einzusetzen. Wie .ist es möglich, den einzelnen .dem Judentum au erhalten und' ihn für das Judentum auch innerlich zu gewinnen? Nur so* dass man die Parolen ausgibt, die zeitgemäss sind. Und das kann man nicht mit einer veralteten Gemeindepolitik,, in der das Bürgertum seine letzten Trümpfe ausspielt; das kann man nicht, indem man ,,jüdische" Geselligkeit pflegt, als ob es so etwas heute gebe; das kann man nur, indem man auf die geschichtliche Notwendigkeit des heutigen Judentums hinweist und seinen geschichtlichen Weg klar aufzeigt. Das ist die Aufgabe aller jüdischen Organisationen: sie alle können den einzelnen nur erfassen, wenn sie ihm seine persönliche Lage als gesellschaftlich und wirtschaftlich notwendig erklären können. Es ist ihre Pflicht, zuerst und ganz besonders die Stellung des Judentums als Gruppe aufzuzeigen, ohne Sentimentalität das Heute aufzudecken und am Untergang des Bürgertums die Rolle der Juden abzulesen. Ist es 'danach noch eine Frage, warum die jüdischen Sportverbände so stark sind, und müssten wir nicht ganz radikale Folgerungen für alle jüdischen Jugendverbände daraus ziehen? Seit der Emanzipation ist die Rolle des Judentums eine andere als früher. Es wird nur bestehen können, wenn es gelingt, Schritt zu halten mit der geschichtlichen Entwicklung, und das ist nur dann möglich, wenn die Not des einzelnen zur Not der Gesamtheit wird, d. h. wenn man versteht, das Bewusstsein der Zugehörigkeit zum Judentum zu stärken, indem man zeigt, dass nur die Kräfte der Gemeinschaft den einzelnen halten, dass er als Individuum machtlos ist gegen alles. Es gilt also, das vom Judentum nicht vergehen zu lassen, was gegenwärtig ist, und das ist: die starke Bindung an die Gemeinschaft und die prophetische Idee des messianischen Reiches. Kurt Herz. Die soziale Verpflichtung der Jugend. Morsch ist eine Jugend, die nicht um die Sinngebung ihres Lebens ringt. Junge Menschen müssen alle Probleme ihrer Umwelt, alle Probleme des Geisles und der Lebensgestaltung zu den ihren machen, müssen sich auseinandersetzen mit allen Fragen, in denen Entscheidung von ihnen verlangt wird. Jugend darf nicht kritiklos Altes akzeptieren, sondern muss immer die ihr eigenen Lebensgesetze finden. Aber so wertvoll es ist, und so selbstverständlich für jeden Jungen, der sich als selbstgefügte Persönlichkeit ins Leben hinaus stellen will, dass er .erst in jahrelangem Suchen und Sichquälen zu seiner spezifischen Lebenshaltung durch- '"kömmt: das selbstherrliche Ringen um die eigenen Gesetze genügt nicht; junge Menschen sind nicht berechtigt zu glauben, dieses Mitsichselbstbesch äftigtsein entbinde von der sozialen Verpflichtung. Nicht etwa zur Güte sei aufgerufen: zur Erkenntnis der Stellung jedes Einzelnen innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, zur Erkenntnis der verantwortlichen Verpflichtetheit der Gesamtheit gegenüber, die den Reifenden stützt, seine Eigenentwicklung ihm ermöglicht, — und zu der Konsequenz der Gerechtigkeit, die aus dieser Erkenntnis gezogen werden muss. . Es gab eine Zeit, in der die Gesamtheit der Juden sich noch so gebunden fühlte an die Gesetze unserer Thora, dass

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