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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-10-01 · 2 (10.1931) · page 30

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
2 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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Individualismus, Koll In seinem vielbeachteten Buch „D ie w i r t s c Ii a f t - Ii che Krise des d e u t s et e n J ü de n" (Verlag Georg Stilke, Berlin), stellt A lf r ed Ma-r cu s eine auf den ersten Blick erstaunliche Erscheinung statistisch fest: der wirtschaftliche Niedergang des kaufmännischen Mittelstandes, der sich seit etwa einem. Dezennium mit lawinenartiger Geschwindigkeit vollzieht, und den man auf die Rationalsierung und Vertrustung im Produktions- und vor allem im Verteilungsapparat der Wirtschaft zurückzuführen hat; dieser Niedergang trifft die jüdisch e Mi11e 1 s t and's schicht pro. ■ zentual wesentlich ^stärker als die nicht jüdische. Zwei Ziffern mögen das verdeutlichen; der'Anteil der Juden am Metallhandel in Deutschland ist von 70,5% in 1915 auf 57,3%' in 1950 gefallen. Für das Bankgewerbe sind die Ziffern für dieselben Daten 25,7% und 18,7%. In anderen Branchen liegen die Verhältnisse ähnlich. Seither dürfte sich die Entwicklung: weiter zu Ungunsten der jüdischen Unternehmungen ausgewirkt haben. Die Ursache hierfür kann nur zum geringsten Teil mit antisemitischen Strömungen begründet werden. Wenn die Geschäfte der Juden in allen Branchen mehr gelitten haben, häufiger zusammengebrochen, liquidiert worden sind, als die der Nicht juden, so liegt das — wie Marcus richtig ausführt — daran, dass sich die jüdischen Kaufleute, die durch eigenen Fledss, persönliche Befähigung und Vitalität sich_ ihre Existenz vielfadi selbst schufen; dem heuen k o 1 lekta v i st isehen W i r t s c h a f t 's g e i s t, dem nicht nur die Produzenten, sondern genau so auch die Konsumenten änheim gefallen sind, offenbar schwieriger sich anpassen, weniger ihn nutzen konnten, als ihre nicht jüdischen Konkurrenten. * Die Folgen dieser Entwicklung im jüdischen Menschenkreise sind bekannt Für die jüdischen Geschäftsieute bedeuten sie Absinken in die Stellung des abhängigen Angestellten, häufiger des »mehr oder minder brotlosen „wilden" Versicherungsagenten, Vertreters, der ,,Privatkundsehaft" besucht, und dergl. „Hilfsberufe" mehr. Für ihre Sö'line aber bedeutet der wirtschaftliche und damit auch soziale Niedergang der Väter eine, völlig neue Situation. , Die sichere Anwartschaft, dereinst Chef des väterlddien Geschäftes zu werden oder gar nach kurzer Lehr- und Angestelltenzeit mit Hilfe des väterlichen und schwiegerväterlichen Geldes sich .selbständig zu machen, diese Aussicht verschwand nahezu völlig. Die Aussichtslosigkeit, das frühere soziale und materielle Niveau der Eltern je wieder zu erreichen; die Hoffnungslosigkeit, einen geistig und vor allem finanziell befriedigenden Beruf zu. finden; die Erkenntnis, dass auch eigene Tüchtigkeit und eigener Fleiss ein' Vorwärtskommen in der früher selbstverständlichen Weise nicht ermöglichen kann: sie liessen die i n d i vid u a - Iis tische Ein Stellung, das sichere Selbstbewusstsein des werdenden Chefs, verschwinden; sie ermöglichten dafür die Hinneigung dieser ganzen kommenden Generation zu kollektivdstisdien Ideen und Strömungen, die nicht nur ihre antikapital istisdie Wirtsdiaftsauffassung hervorriefen, sondern weit mehr und nicht weniger bewusst ihre anti-liberalistisdie, anti-inidividualistisdie Einstellung auf allen Gebieten des Lebens verursaditen. Krieg und Inflation bedeuten eine Wende in der Geschichte 'des westeuropäischen Kulturkreises deshalb, weil an ihrem Abschluss der Zusammenbruch des bisher vorherrschenden Typs des Westeuropäers, des bürgerlichen Menschen im gauzen Umfang seiner Existenz, der geistigen und der materiellen, steht. Das ist der Grund dafür, dass der G e n e r a t i o njs k a m p f, der immer an soldien Wendezeiten zu bemerken.ist, auch jetzt wieder stärker zu werden . beginnt, wo die kommende Generation den Tod des Gewordenen und die Geburtswehen des Werdenden im eigenen Dasein sieh auswirken spürt Dass sie, die sich der wirtschaftlichen Entwicklung, die kollektivistischen Geistes ist, anpassen muss, wenn sie leben will, sidi auch im Ideellen kollektivistisch orientiert, beweisst nur ihren gesunden Sinn für einen wohlverstandenen Realismus, der sich von gefährlichem, weil unbegründetem Optimismus - fernhält Es kann hier unerörtert bleiben, ob diese koUektivistisdie Orientierung Ursache oder Folge der wirtschaftlichen Ent- \Wicklung war. Tatsache ist dass sowohl die ökonomische wie auch die ideeliche Position der kommenden Generation im Gegensatz zu der ihrer Väter kollektivistisch und - nicht individualistisch, materialistisdi und nicht idealistisch ist. Für die einzelnen Menschen, die einzelnen Familien, mag dieser Generationswandel eine Quelle des Unbehagens, manchmal die Ursache von Zerfall der Familie, von unglückbeschwerten Spannungen sein. Für das Judentum als Ganzes, für die vornehmste, weil bisher einzig kontinuierliche J&dstenzform des Judentums, die G gm e i n d e, für die die 6 .. - . „r ektivisntus, Judentum Wandlung der kommenden Mensdien, ihrer. zukünftigen- Träger, von weitestgehenden Folgen ist, ist die- Gefahr ün- - gleich drohender. Denn während . die alten Menschen ein-; fach von der Bildfläche auf natürlichem Wege verschwinden, und den jungen die Aufgabe, i h f Leben zu leben und. seine Schwierigkeiten nach ihrZe rn Willen zu lösen, hinterlassen, kann eine Institution, wie die Gemeinde, die doch die Generationen überdauern soll, nur dann bestehen, wenn sie seihst sich mit denen wandelt, die ihre Träger sind, die ihr Sinn geben sollen und denen sie in gleicher Weise Sinn geben muss. . '-'-': Diese Wechsel w i r k u n g beginnt heute sich aufzuheben. Die Gemeinde in ihrer heutigen Form beruht auf . zwei Prinzipien. Sie beruht auf der freiwilligen Zusammenkunft von Individuen,, "die sich erstens zu_ einer religiösen,; metaphysischen Gerichtetheit und zweitens zu einer idealistischen und individualistischen -WeltansAaüung bekennen. Die heutige Jugend, also etwa ndie Menschen des literarisch ... berühmt gemachten J a h r g a n g s 1902, anerkennen bereits das erste Prinzip nicht mehr. Für die meisten von ihnen ist Judentum nicht mehr Sadie einer gelebten und erlebten Religion, die ihre göttliche, metaphysische Haltung in der Gestaltung ihres (täglichenLebens, ihres Alltags verwirklidit; Judentum ist für sie vielmehr die Kraft, die au« einem - Menschenschlag besonderen,; weil .gesonderten Blutes, aus einer eigenen Kultur, aus einem; eigenen Schicksal zu ihnen spricht und auf sie wirkt. Für sie ist aber auch das zweite Prinzip, das deridealistischen uiiid individualistischeh Welt- " anschauüng, nur noch teilweise gültig. Denn materiell leben sie noch von ihr, wenn sie audi ideell sich bereits von dem neuen, sozialistischen Tatwillen erfasst fühlen. — Für die Mensdien des J a h r g a n g s 1912 aber sieht die Sache noch wesentlich anders aus. .Denn für sie ist die materielle ü h d , ideeliche Haltung einheitlich und von vornherein bestimmt: sie sind . Anhänger der' kollektivistischen und' der =materialistisdien Geschichtsauffassung, weil sie in ihr die Grundläge ihres persönlidien ökonomischen Status sehen. Wenn diese Mensdien und .noch mehr gar die noch Jüngeren herangereift sein werden: wie wird das Verhältnis dieser Männer in der Mitte ihrer Jahre zu einer Gemeinde sein, die ganz anderen, fremden Geistes, ganz anderer fremder Form ist? Werden sie, die ihr Leben auf der linken Seite der Barrikade leben, die die neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen, die neue Welt aufbauen oder in ih'r leben, einer Institution sich verbunden fühlen, die noch von den alten Ideen und Anschauungen erfüllt ist? Werden erwachsene Menschen, die in einem kollektivistisch-materialistischen Milieu leben anhängen einer indivaidualistischen, idealistisdieh Form? Nein. Niemals. Denn noch nie hat e in Mensch, noch nie hat eine Masse von Menschen vollkommene Extreme,, die sich gegenseitig verneinen, in sich sinnvoll vereinigt. - Was ergibt sidi daraus? Da sich die Menschen nicht der- Strömung ihrer Zeit entfremden werden, um sich einer überkommenen Institution anzuschliessen, die der Geist von gestern erfüllt — so wird die Institution sich der Strömung der Zeit anzupassen haben, um sich die Menschen nicht zu entfremden. Kurz: die jüdische Gemeinde wird, werarsie bestehen will, keine Kultussondern eine Kultur g eineinschaft werden müssen. Sie wird nicht metaphysisch, sondern physisch geriditet sein müssen, nicht die ideellen Nöte der göttlidien, sondern die materiellen der irdischen_ Seite des jüdischen Menschen als primäre Sorge behandeln müssen. Die jüdisdie Gemeinde wird, wenn sie be-, stehen will, nicht mehr :uur für Menschen da sein, von denen ein Jeder für sich zu seinem Gott betet Von denen viele, allzuviele „Gott sagen und Baumwolle meinen". ~ Sondern sie wind Mensehen befriedigen müssen, die in ihrem Zusammenstehen die Bluts-, Kultur- und Schicksalsgemeinschaft verwirklidien. die ihnen aus ihrer materialistischen Geschichtsauffassung heraus bewusst. geworden ist. -•'-.- Diejenigen, die geschiditliche Zusammenhänge zu überschauen gewöhnt sind und die deshalb aus ihnen die Not-: wendigkeit des Umbaus der jüdisdien Institutionen und Organisationen, vor allem des Umbaus der Gemeinde folgern, fordern.den Umbau jetzt und heilte. Sie fordern v ihn. deshalb heute, weil sie wissen, dass das Bewusstseiu von der jüdisdien Bluts-, Kultur-und.Schicksalsgemein-; sdiaft, das in der kommenden Generation noch stark ist, zum erheblichen Teil auch auf Gefühlswerten, auf Rückständen aus der Vergangenheit beruht. Gefühle, die keine Erfüllung finden, schwinden sdinell. Sind sie erst geschwunr den, kaun nur ein Wunder sie wieder wecken. Auf Wunder zu warten, lehrt auch den religiösen Juden nicht die Religion. Die unreligiösen aber glauben nicht an Wunder. Ernst Hol zer.

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