Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 2 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3094266-3094373-3094375--3001-3097760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
man als eine Selbstverständlidikeit „gab"; man gab nicht im Gefühl, etwas Dankenswertes, Gutes zu tun, sondern um das Gesetz zu erfüllen, — und der Nehmende, der Arme empfand sich fast als dankenswerter Mittler, der es dem. Reichen ermöglichte, seiner Pflicht zu genügen. Dann verlor das verpfliditende Gesetz für Viele unserer Glaubensgenossen von seiner absoluten Gültigkeit. Man .gab weiter, . selbstverständlich. — aber man wurde .,w o ih 11 ä t i g", die Wohltätigkeit wurde Privatsadie -des .gütigen Herzens, oder aber man gab, um sidi selbst zu beruhigen, um das von innen her; neraufkriediende Gefühl zu betäuben: du geniesst, während ein anderer nicht mehr aus und ein weiss. Aber dieser Eine Andere wurde zur Masse. Mit den Auswüchsen des Kapitalismus steigerte sidi das Elend des proletarisierten Teiles der Menschheit. Und mit zunehmender politisdier und wirtsdiaftlidier Aufklärung wurde sidi dieser proletarisdie Teil seines Elends folgernd und fordernd bewusst. Aus dem Armen, der dankend eine freiwillige Gabe empfing, wurde .der Fördernde, der sidi als Opfer eines missleiteten Wirtsdiaftssystems - fühlte. Diesen tausen-* den und abertausenden von Fordernden musste ihr Recht werden: so rückte die Sache des Wohltuns zwangsläufig aus der Sphäre der-privaten Hi 1 f sbereitsdiaf t ab zur staatlidi geregelten, o rganisierten Wohl .f a h r t s p f 1 e g e.. Natürlich bestand iauch weiterhin die Möglichkeit des Gebens von Mensdi zu Mensch, aber im Grossen gesehen wuixle die Wohlfahrt dodi vom Persönlichen abgezogen, und jeder im Wirtsdiaf tsprozess Stehende wurde zwangs-mässig zur. sozialen Leistung herangezogen. Auch der Jugendlidie. Dies ist die heutige Situation. Nodi immer aber klaffen Riesenwunden, ist unisagbares Elend . ungestillt. Nodi danmer starrt das Wirtsdiaftssystem vor Ungereditigkeit. Wer in sidi die Aufgabe fühlt — sei es als ■Pazifist, als, Sozialist oder wie immer — die Führer der. Mensdiheit zu einer ethisdieren Grundhaltung in Politik und Wirtschaft anzuhalten, der widme sidi ihr; solange diese ethische Grundhaltung aber noch nicht gewonnen ist, gilt es, .zumindest nach besten Kräften an der Heilung der Schäden mitzuarbeiten. Diese Heilung heisst: mehr und immer mehr. Sozialarbeit. Die staatlidi geforderte Mindestleistung genügt nidit! lieber ' . die besonderen Nöte und das Elend der heutigen Zeit. zu sdireiben, erübrigt sidi: — jeder kennt sie. Diese Kenntnis aber verlangt eine Folgerung: jeder junge Mensdi muss sich darüber klar werden, 'dass heute (bei aller Wichtigkeit per- - sönlidier Entfaltung) Aussen dienst not tut. Hilfe. Sozialarbeit. Ein Sidi-zur-Verfügiung-Stellen. Und da-ist der Jugend zu sagen: hört auf mit dem endlösen Debattieren über seelische Nöte und Probleme, die man doch ein einziges Mal nur (und da meist für siduiganz allein) zu lösen hat. Gemeint ist hier nidnt das Debattieren über Mittel -und Wege zur Aktion, das gemeimschaftlidie , Suchen iiadi einer Arbeit für die Allgemeinheit, die des Einsetzens wert ist; — aber wie oft geschieht es, dass in den Jugendbünden heiss und lange diskutiert wird über Fragen, die oft dem Niveau des Kreises gar nidit angepasst, dem Alter und der Urteilsreife der Jugendlichen noch gar nicht gemäss sind, Fragen," deren Beantwortung von ihnen nodi gar nidit verlängt werden kann und verlangt wird, selbst . Fragen oft, deren Behandlung in (unpersönlich ..grossem Kreis unzart und unkeusdi anmutet: Sexnalnot, Todesstrafe, Wirtschaftspröbleme; oft selbst eine überspitzte Re- Hgionspliilpsophie, — all dies sind Dinge, die oft mehr-als unängebradi't in grosser Breite und immer neuer Wiederholung durchdiskutiert werden, und bei deren Besprechung doch zumeist kaum mehr als Phrasen herauskommen. Es kann ja auch oft nidits anderes herauskommen, denn das AVissen, die Erfahrung, die Distanz zu den Dingen fehlt . nodi. Würden,die Kräfte und die Energien, diese der inneren Förderung gewidmeten Stunden - jtatsäehlidier praktischer . Arbeit und Hilfeleistung gewidmet: — nidit nur der Allgemeinheit, audi dem jugendlichen Kreise selbst wäre damit geholfen. Denn es soll nur ja nidit geglaubt werden, die eigene „Mensdiwerdung" werde versäumt dürdi die Arbeit: tausendmal mehr als durdi alles Grübeln und Debattieren - wädist man durdi eine kleine opfervolle Guttat, durdi - einen Handlangerdienst für; einen lärmen Menschen. Man sieht, dass die Sinngebung des Lebens, nach der man gesucht und gegrübelt hat, ein klein wenig gefunden ist:; ini Sicheinreihen in die A r b e it a n d e n M e n s c Ii e n. Auch innerlich, persönlidi " kömmt man weiter, mehr als durch alle Literatur, und sozialistische Theorie: durch die Einblicke, die man gewinnt, und dadurch, dass man lernt, mit Menschen umzugehen, auf Menschen einzugehen, die - auf einem ganz anderen seelischen Niveau leben als man selbst. Was nun kann getan werden von der Jugend? Einzelne' oder Jugendgrupperi mögen sidi für. gewisse Arbeiten, für /• gewisse Stunden der Wodie den Wohlfahrtsorganisätionen zur Verfügung stellen; mit ihren vielen Arbeitsgebieten der Mittelstands-, Jugend-, Gefängnis, aisw.-Fürsorge ersdiliesseu diese Institutionen eine Fülle von Betätigüngsmöglich-. :. keiten; geldliche und persönlidie,. Hilfe bei Erwerbslosen- . küdien wird notwendig werden, das Betreuen armer Kinder oder armer Familien erwünscht; sein' -'umd. rVieles, ändere ■ , mehr, das "die in Betradit kommenden Institutionen sagen wenden;- wenn sidi junge- Mensdien und Jugendbünde erst einmal bei ihnen, melden und sich ihnen zur Verfügung .; stellen..Wie .sagt Bertha Pappenheim? „Heilige Klein-, arbeit!" : . - - Hier nun aber ist ein V o r w ü r f den Wohlfahrtsorganisationen nidit zu ersparen. Es soll vorgekommen sein, dass der Vertreter einer der grössten Frankfurter Institutionen nach einem Vortrag vor einem Jugendbund eine ganze Anzahl von Meldungen zu einer.'bestimmten sozialen Arbeitsleistung erhalten1 hat. Die ©ich gemeldet haben, warten bis heute noch darauf, dass man sie min auch tatsächlich heran-. zieht und mitarbeiten lässt. Wenn die Jugend, aufgerüttelt ' durch eigene Erkenntnis oder durch einen Mahnruf, sich nun wirklich bereit findet, sich in die Arbeit einziureiihen:. dann darf die Organisation, an die die Meldung\ gelangt, auch nicht so indolent sein, diese Meldung zu ignorieren. Es soll ein Hand-in-Hand-Arbeiten werden Aller, Jugendlidier und sdion Erfahrener, "die eingesehen haben, daas die zwangsweise staatlidie soziale Hilfeleistung bei weitem nicht ausreicht, auch nur die krasseste Not zu lindern. „ v ." _ Edith Falk.: - \ Bericht der Jugendkommission Eine Versammlung von 35 Vertretern der Jugendorganisationen wählte am 3. 9. 31 die sechs Mitglieder, die die Jugendorganisationen in die Jugendkommission zu entsenden haben. Die Kommission konstituierte sich in ihrer Sitzung vom 16.-9. 51 neu und besteht nunmehr aus S.-R. Dr. Albert Ettlinger (Vors.), Julius Blodi, Paula Frenkel (Gemeinde-Vorstand), Dr. Paul Arnsberg, Dr. Ernst Freimann, Dr. Hugo Hoff mann (Gemeindevertretung), Edith Falk, Dr. Josef Frank, Dr. Karl Guggenheim, Georg Guthmann, Ernst Holzer, Trude Stern (Jugendorganisationen). Eine permanente Unterkommission wurde mit der Vorbereitung und Durchführung .der Besdilüsse beauftragt. - Die Jugendkommission >besdiloss die baldige Abhaltung einer öffentlichen J u g e n d v e r s a m m 1 u n g mit dem Tihema „Jugend und Gemeinde", zu der Einladungen noch ergehen. Ferner nahm sie dankend den Beschluss des Vorstandes zur Kenntnis, wonach das Jugendheim um mehrere Räume im 1. Stock des Hauses Eschersheimer Landstrasse 65 erweitert werden soll. Nadidem im Erdgesdioss die Mensa Academica Judaica eingerichtet werden wird,-wird die Möglichkeit gesdiaffen, dass die Besucher des Jug^endheims Imbisse und Getränke zu angemessenen Preisen im Heim erhalten können, wodurch die „heimische" Atmosphäre gehoben wird. - - . Die Jugendkommissiom fasste sodann wichtige Beschlüsse zur Frage des Jugendleiters und zur Frage, der so zialen Arbeit der Jugendlichen. iEs ist damit zu rechnen, dass beide Fragen in der aUernädisten Zeit bereits wesentlidi gefördert werden können, sodass gegebenenfalls bereits in der nächsten Nummer dieser Beiläge darüber berichtet werden kann. ' E. H. Schluss der Beilage. — Verantwortlich für die Schriftleitung^der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a* M.