Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 2 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelit Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. 2 . " -■• •■;:v , , . _ OKTOBER 1931 Alle Artikel - sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleilung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliussirasse 8, zu richten. UMBAU DER GEMEINDE Grenzen der Gemeinde Man sagt mir, dass im Räume der Jugend für alles und alle Raum sei, (die dem Leben der Jugend freundwillig dienen möchten. So sei dem Nachstehendein freimütiger Ausdruck verliehen. Junge jüdische. Menschen, ihre Führer zumal, haben sich während der letzten drei Jahre in steigendem Masse der Gemeinde zugewandt, von ihr neue Bindung, für ihr Judesein neuen Auftrieb, für ihre Seele neues Heil erwartend. So an .verschiedenen Orten im Reiche und so neuerdings auch hier. Wer gönnte nicht der Gemeinde den Zustrom j >u g e n d Tic h e r Kräfte, die sie vor allzu grosser Nüchternheit und Starre bewahren, und wer wünschte nicht der "suchenden, .-aufgewühlten jüdischen Jugend Stillung ihrer jüdischen Sehnsucht aus der Richtung der Gemeinde! Aber gerade'wer dies ehrlich wünscht und wer zugleich die Seele heutiger Jugend kennt und das Getriebe der heutigen Gemeinide nüchtern-kritisch beobachtet, muss helfen trügerische Illusionen zu verhüten. Drum ist's gut, beizeiten auf die Gre nz e n der Gemeinde und der in ihr gespeicherten Kraft hinzuweisen. . Wenn man scharf hinhörte auf die jungen Stimmen, die aus der ersten Nummer dieser Beilage erklangen, so ergab ,sich eine zwiefache Erwartung auf Seiten der Jugend bei der neuen Berührung mit der mütterlichen Gemeinde: den Einen, die um die Wandlung der Gesellschaft ringen, schwebt das Bild einer jüdischen Gemeinde vor, die aus bewusst jüdischer Haltung an den is o zi älpoli tischen Käohip f en ■tätig' teilnimmt,, in sie eingreift. Sie, die in dem sozialen, im engeren Sinne dem wirtschaftlichen Ausgleich die zentrale Aufgabe ihrer Generation sieben, wollen von der Gemeinde letzthin das Ja zu ihrer eigenen, ganz stark politisierten Haltung vernehmen und wollen demgemäss statt der seitherigen, vorwiegenden Gemeinde-Arbeit für das Kultische und für die Lehrstätten des Kultischen zuerst den Ausbau der sozialen Einrichtungen; sie wollen darüber hinaus links gerichtete Sozialpolitik aus jüdischem Geiste. Die Erwartung der Anderen lässt sich am ehesten in einem Zeitbild© wiedergeben: sie sehen in der Gemeinde ihres Wunsches so eine Art von grossem, jüdischem Senderaum. Von da her erhoffen sie jüdische Energien, die sie tauglich machen sollen, an den unterschiedlichen Aufgaben heutiger Zeit mit jüdischer Kraft formend teilzunehmen. Gewiss, es gibt auch Gruppen jüdischer Jugend, die von der Gemeinde nichts weiter wollen als schöne Vereinsräume und einen erhöhten Jahresbeitrag, oder die auch heute lediglich die Veranstaltung jüdischer Lehrkurse mit namhaften Dozenten von den Gemeinde-Vätern verlangen. Es gibt vermutlich auch - einzelne „Führer", die von der Begegnung mit der Gemeinde vor allem die Befriedigung ihres Geltungs-Bedürfnisses, will sagen einen. Platz in der Gemeindevertretung erhoffen. Doch das ist eine kleine Minderheit, und die übergrosse Mehrheit befindet sich in der Haltung der eben gekennzeichneten zwei Kategorien. Indes — die Gemeinde von heute wird diesen kühnen, diesen nötwendig kühnen Erwartungen und Forderungen unsrer lebendigen Jugend nicht oder doch nur höchst bedingt entsprechen können. Sie kann es nicht, weil die Erhaltung von Synagogen, Schule, Krankenhaus und Begräbnisstätten angesichts des mit jedem Quartal schlechteren Zuflusses von" Steuern tatsächlich bis auf wreiteres die grössten Sorgen bereitet, das Sinnen und Trachten der Gemeindevertreter bilden darf und muss. Sie kann sich nicht oder doch nur mit „wenn und aber" zu einem „Linkskurs" in der Sozialpolitik verstehen, denn die während des nächsten Jahrfünftes in der Genieindestube noch vorherrschenden Vertreter der älteren, Generation sind ihrer ganzen'Natur nach „bürgerlich" und können nicht aus ihrer Haut fahren. Die Gemeinde ist aber, vor allem weil sie Gemeinde von heute ist, also aus strukturellen Gründen nicht in der Lage, dem Bild der bewegten Gemeinde als Kraftspenderin und Sinngeberin zu entsprechen. Sie wäre noch vor etwa 120 Jahren dazu imstande gewesen. Seitdem hat sich nicht weniger der Begriff von der Gemeinde (im Einzelnen) als die Wirklichkeit der Gemeind e gewandelt. Noch vor 120 Jahren war die Gemeinde,, ihre Synagoge und Versammlungshaus der .Akkumulator, in dem "alles Frohe und Schmerzliche im Leben cler Einzelnen sich sammelte und letztlich auswirkte. Seitdem, seit die „Vereinzelung" innerhalb der Judenheit des Westens Platz griff, seit sich Parteien bildeten (vom Glauben und später vom „Volks"-Begriffe her), wurde die . Gemeinde zum Parlament und zur Verwaltungsbehörde für jüdische „Belange" der „Gemeindemitgliader". Die metaphysische Haltung, auf die es der sehnsüchtigen Jugend beim Suchen der „Gemeinde" im Gründe ankommt, ging bei diesem Wandlungsprozess verloren; willentlich'-kann sie in der Gemeinde in ihrer jetzigen Struktur nicht gezeigt werden. Bei solcher Erkenntnis von den Grenzen der Möglichkeiten ergibt sich für die jüdische Jugend die Notwendigkeit, sich zu bescheiden. Ich weiss — für die lebendige Jugend ein unmögliches Wort, wo es um Entscheidendes geht. Es ist auch nur gesagt, um nicht störend oder gar zerstörend in die neuerliche Bewegung zwischen den Generationen im Räume der Gemeinde einzugreifen. Aber es ergibt sich aus solcher Erkenntnis der Erwartungen unsr er lebendigen Jugend und dessen, was „die Gemeinde" ihnen heute" bieten kann und nicht kann, die Notwendigkeit, rasch, ohne Umwege anderes, Neues zu wirken, das den jüdischen Notwendigkeiten des Grossteils dieser Jugend zu entsprechen verheisst. Man könnte dieses Neue nach einem viel gebrauchten Wort unserer Tage „Zellenbildun!:" nennen. Es wäre denkbar, dass Tugend (und Gemeinde?) sich entschlössen, innerhalb der Gemeindevertretung „Zellen" — junger Men„ sehen — zu bilden, die eins sind im Verlangen nnch jüdischer „Kraft" für ihr Leben in dieser Zeit und in der Fordernnq.- der angemessenen Sendiinsren für diese Kraft aus der Gemeinde her. Doch dieser Weg wäre ein Umweg für viele der Gespanntesten unter den Tungen, da er naturnotwendiig mit Tempo-Verlust, mit Kämpfen unter den Generationen verbunden wäre; er brächte darum vielen nur Enttäuschung und Verzweiflung. Darum ist der andere Weg gebieterisch vorgezeichnet: Es müssen sich in aller Bälde kleine Kreise der jüdischen Menschen bilden, die willens sind aus jüdischer Kraft, geeint mit Erkenntnis- •sen von den Notwendigkeiten für unsere Zeit, tätig an den Gestaltungen des neuen Werdens teilzunehmen. Es sind da und dort in den jüdischen Bünden der Jugend und unter den Aeiteren und deren Ziisammenschlüssen zunächst nur Einzelne, die es von vornherein aus ihrer Gespanntheit und inneren Not in diese Kreise hineinreissen wird. An diese Menschen ergeht zunächst der Ruf. Sie werden bannend auf Seelen-Verwandte wirken, und so werden sich die Kreise bald erweitern. Ihre Bildung ist überall anzustreben, wo jüdische Menschen ringend im Leben stehen "und zugleich nach neuer Verbundenheit mit dem jüdischen Mutterboden sich sehnen. Zweck und Aufgabe dieser Kreise muss eine doppelte sein: einmal das Jüdische in sich als Kraft erstehen zu lassen nicht nur als Lehre oder Weltanschauung oder bestenfalls als streithaftes Leben in sich zu trafen: und dann diese spezifische Kraft in den gewaltigen Aufgaben unserer Zeit zu bewähren, also vor allem an der Ueberwindung der Klassenherrschaft und an der Schaffung einer gerechten Wirtschaft. So kann in kritischer Stunde der westlichen Judenheit vielleicht ein wahrer Versuch ihrer Verlebendigung anheben. Dr. Gustav Löf Her.