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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-10-01 · 2 (10.1931) · p. Seite 39

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
2 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
Seite 39 (sequence 9)
Language
German
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39 stürzt seien, um — ein Glas Tee hinunterzustürzen. Also hübsch langsam! Faste den ganzen Tag, bete den ganzen Tag; ist er zu Ende, so bete zuerst für die Wohlfahrt des Mondes; dann geh heim und lass dir wieder Zeit: lege deinen weissen Kittel ab, treibe ein Paar Nägel für die Laubhütte in die Wand und dann setzte dich an dein Glas Tee. Du wirst immer noch Zeit genug haben für die Köstlichkeiten des Fleisches ... Während der vier Tage zwischen Jörn Kippur und dem Laubhüttenfest waren die Juden eifrig' mit dem Bauen der Hütten beschäftigt. Es gab nur wenige Familien in Swislowitz, die mit dem Luxus einer permanenten Laubhütte prahlen konnten. Alle anderen stellten ihre Hütten — Buden, die aus dünnen Brettern, alten Türen, alten Fenstern und ähnlichem zusammengeflickt wunden — nur für die Festtage auf. Es lohnte sich nicht, zu viel Mühe auf einen Bau zu verseil wenden, der umr acht Tage au stehen brauchte und dann wieder abgerissen wurde. Natürlich hatte eine permanente Sukka (Laubhütte) eiue Menge Vorzüge. Erstens war sie so fest (gebaut, daß sie Sturm und Wind — um diese Jahreszeit häufige Gäste — nicht zu fürchten .brauchte. Zweitens hatte sie ein Dadi aus zwei Flügeln, die an einem Seil heraufunid heruntergelassen werden konnten, so daß sie keinen Regen zu fürchten hatte. Und drittens — ein nicht minder wichtiger Vorzug als die beiden ersten — hatte sie feste Türen, die vor Dieben .geschlossen werden konnten: und Swislowitz ifehlte es auch an diesen nicht. Aber den Vorzügen der permanenten Hütte stand die offenbare geistige Ueberlogenheit des Menschen -gegenüber, der seine Sukka jedes Jahr frisch aufbaute und seine Freude an dem Werk hatte. Tatsächlich gab gerade ihre Unsicherheit, die Abhängigkeit von dem Willen Gottes, der provisorischen Hütte einen feineren, höheren Anstrich. Man mußte Zuversicht zu Gott an den Tag legen und zu glauben bereit sein, daß „Er seinen Keldi nicht in das Antlitz seiner würdigen Gäste ausgießen werde." In der Sukka fühlte ich mich wundervoll. Das Licht der Feiertagskerze schwang sidi ziu dem Taunendach empor, das gar kein Dach, sondern ein Stück Himiinel war, das sich über unsere Häupter senkte. Und durch die Taunenzweige blinkten die Sterne so kristallklar, als ob audi sie gereinigt und zum Fest gewaschen worden wären. So strömte das Kerzenlicht nach oben und das Sternenlicht flutete herunter, und wo sidi beide begegneten, sproß eine Wärme und Zärtlich-' keit hervor, die nur der kennt, der die Abende in der Laubhütte verträumt hat. Hier fühlte sich der Jude, das Symbol des von seinem Mutterboden losgerissenen, dem magischen Kontakt mit der Natur entfremdeten Menschen, wieder auf realem Boden. Durch sein historisches Mißgeschick zu einem kümmerlichen, farblosen Dasein verdammt, empfand er plötzlich den Reichtum des alten Lebens, das aus dem unersdiöpf liehen Schoß der Erde quoil. Ueber ihm «diwebte ein Dach aus frischen duftenden Taunenzweigen; in einem Tonkrug, in einer Ecke der Hütte, 'stand der durch Tausende von Meilen herbeigesdiaffte schlanke Pahneuzweig, umgeben von Weidenruten, die aus den umliegenden Wäldern stammten. Zu .keiner anderen Zeit des Jahres konnte das unterdrückte Heimweh in diesen Abkömmlingen von Hirten, Beduinen und Bauern heftiger erwachen oder einem Gefühl der Befriedigung näherkommen. Die Halb-Heiligkeit der fünf Zwischentage des Laubhüttenfestes (zuerst kommen zwei hohe Festtage, dann fünf minder heilige Tage und dann wieder zwei hohe Festtage) war für die Kinder nicht ohne Reiz. Die Synagoge war während dieser Woche iso festlich beleuchtet wie nie während eines anderen Feiertags. Das Laubhütten fest ist ein fröhlicher Feiertag. Die Erwachsenen waren sorgloser, fröhlicher als sonst, und kein Abend verging, ohne daß nach dem Gottesdienst Zuckerwerk und Kuchen unter die Kinder verteilt winden. Wir durften solange aufbleiben wie die Großen, und am Tage war kein — oder .so gut wie kein — Cheder. Ihren Gipfel aber erreichte die Fröhlichkeit natürlidi zu Simchat Thora, dem Tage der Gosetzesfreude. An diesem Tage ist der letzte Abschnitt des Pentateuehs zu Ende gelesen miid der Beginn der neuen Runde für das Jahr gemacht worden. Sollten wir uns da nicht freuen? An diesem Tage pflegte Juda, der Sohn des Predigers und Vorstehers der Synagoge, von einem Heer von Kindern (begleitet, von Haus zu Haus zu laufen. Er trug einen mit der Futterseite nadi außen gekehrten Ueberrock und einen bis >zur Unkenntlichkeit verbeulten und zerknitterten Zylinderhut. Auf dem Rücken trug er einen Sack, und jede Hausfrau mußte ihr Sdierflein — Kuchen, Aepfel, Birnen, Beeren — hineintun. Das war der Proviant für sein Heer. Alle fünf Minuten drehte er sich nach uns um und rief „heilige Hende von Israel", und wir antworteten im Chor „Bä—ä, bä—ä, bä—ä." in seiner Eigenschaft als Versorger der Swislowitzer Jungen mit Leckereien hatte Juda, der Sohn des Predigers, einen Nebenbuhler in dem Hausierer Eliakim Josches, einem auf tiefer sozialer Stufe stehenden Juden, der meistenteils außerhalb der Stadt in Dörfern lebte. Einmal im Jahre, am Tage der Gesetzes fr eude, genoß Eliakim Josches» öffentliches Ansehen — der einzige Moment persönlicher Genugtuung für ihn, wenn jeder einräumen mußte, daß auch er im Lauf der Dinge eine Rolle spielte. Obgleich ausschließlich Juda — als Vorsteher und Hauptrezitator der Synagoge — dieses Recht zustand, gelang' es Eliakim Josches, durch Versprechen einer reicheren Beute für seine Söldner «in eigenes Heer zu bilden. Er zog gleichfalls einen umgekehrten Ueberrock an, suchte einen verbeulten Zylinder auf und führte seine Truppe zum Angriff auf die Speisekammern der Stadt. Zwischen den beiden Feklmarschällen bestand eine jahrelange Feindschaft. Juda ärgerte sich über die Unverschämtheit Eliakims, dieses Ignoranten, und dieser wieder haßte die angestammte Arroganz Judas. Und mit der die Söldnerheere auszeichnenden paradoxen leidenschaftlichen und ephemeren Treue nahmen audi diese Söldnertruppen Partei, als ob sie getrennte Stämme /gewesen wären, die Jahre lang unter der Führung ihrer Häuptlinge mit einander Krieg geführt hätten. Trafen die beiden Horden im Verlauf ihrer Raubzüge auf der Straße zusammen, so flogen haßerfüllte Blicke von leiiiem Lager zum anderen, und oft brach die unverhohlene Wut der Truppen in offene Feindseligkeiten aus. Dann konnte man Gruppen von Jungen sehen, die sidi tüchtig balgten, bis die Zuschauer dazwisdien traten und wenigstens äußerlich den Frieden wiederherstellten. Die Abende waren noch vergnügter. Beidieser einen Gelegenheit durften die Frauen aus den isolierten Galerien in die Männerabteilung heruntergehen, und das war für die Jungen das Signal, daß alle alltäglichen Gesetze aufgehoben waren. Denn an diesem einzigen Tag des Jahres geschieht es, daß die Thora, die Gesetzeslehre, diese strenge Herrin, die während, aller übrigen dreihundert und etlichen Tage eine so unnachgiebige Herrscherin ist, sich zu ihren Anhängern herabläßt und ihnen ihre freundlichere, zärtlichere Seite zeigt. Sechshundertdreizehn Gebote, Vorschriften und Venbote legt sie ihren Anhängern auf, und die Uebertretung jeder einzelnen Bestimmung ist große Sünde. Um jede Situation, jeden Schritt ihrer Anhänger hat die Thora einen Zaun errichtet und keine einzige tägliche Handlung, von der wichtigsten bis zur geringfügigsten, liegt ausserhalb ihrer Kompetenz. Das trifft alles zu. Aber sie tut das zum Heil ihrer Anhänger, wie eine Mutter ihren Kindern zu deren eigenem Wohl Beschränkungen und Pflichten auferlegt. Und wie eine Mutter hat sie ihre Stunden der Weichheit und Zärtlichkeit, und dann tanzen ihre Kinder, wild vor Freude, um sie herum. Georg Hermann zum 60. Geburtstag „Und wo und wann wir audi Georg Hermann in Hinkunft begegnen werden, wir werden dessen eingedenk sein müssen, dass er uns „Jettchen Gebert", ein Werk von bleibendem Werte und dokumentarischer Bedeutung, gesdienkt hat!" (Deutsches Abendblatt, Prag). An „Jettchen Gebert" denken wir fürs erste, wenn wir ihm zu seinem 60. Geburtstag am 7. Oktober Dank sagen wollen. Ist es doch das erste. Buch, das uns das altberlinischjüdische Leben der Biedermeierzeit in künstlerisch vollendeter Darstellung schildert, ein Kultur-, ein Spiegelbild der Zeit des „Vormärz", in dem uns der Dichter diese traurigschöne Geschichte um die junge Jüdin erleben lässt; und nicht nur ihr Schicksal zeigt er uns darin, es ist das Schicksal einer ganzen Judenfamilie, von dem prachtvollen Familienoberhaupt, dem alten Eli Gebert mit seiner achtzigjährigen Weisheit, bis zu Wolfgang, dem Jüngsten. Mit besonderer Liebe, mit seiner fontanischen Ruhe und Sorgfalt sind alle Menschen, ist alles Geschehen, gezeichnet, bis ins Kleinste sind alle Details liebevoll dargestellt, durchwebt von feinem Humor. Es ist Georg Hermatnns Kunst, das Vergangene uns in zartem Kolorit zu erhalten, ja, es uns wieder neu zu s;henken. „Jettchen Gebert" gehört neben „Henriette Jakoby" zu den meist gelesenen Büchern des Dichters. „Henriette Jakoby", die Fortsetzung, zeigt in gleichem Masse alle die Feinheiten des ersten Buches. Auch hier scharfe Beobachtung, liebevollste Zeichnung aller Menschen, der Geberts, der Jakobys. Und auch alle Dinge leben das Leben der Menschen mit und sind wiederum ein Teil ihres Lebens. Nicht nur das Vergangene und das Vergehende allein aber ist es, was gerade uns fesselt, es ist, als hätten wir uns selber darin gesehen, mit der ganzen Tragik unseres Erdenlebens. Ein anderes, ungewöhnliches Buch folgt: „Kubinke". Da ist eine andere Welt, da sind andere Menschen! Und auch hier ergreift uns das Schicksal dieses kleinen Friseurgehilfen Emil Kubinke, der ohne Besinnen seinem kleinen Leben am Dachsparren ein Ende macht. Hier schildert uns Hennann „das Volk", die bescheidene Welt des Kleinbürgers, hier weht eine andere Atmosphäre. Nicht alle Leser sind gerade diesem

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