Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 2 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 38 (sequence 8)
- Language
- German
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Es entzieht sich meinem Wissen, ob auch innerhalb der miteinander verwandten Schulen des sogenannten „Behayiorisni" in Amerika und der Psychoreflexologie in Russland, Juden an führender Stelle arbeiten. Aber diese rein mechanistisch und materialistisch eingestellte Verhaltenspsychologie, die nicht nur die Existenz einer Seele bestreitet, sondern auch auf die Konzeption des Bewusstseins verzichtet und Alles nur auf Reflexe und Empfindungen zurückführen will, fusst doch ursprünglich auf' den sinnespsychologischen Experimenten und der ausgebauten Tropismenlehre des deutsch-amerikanischen jüdischen Biologen Jacques Loeb. Nur wenigen ist ferner bekannt, dass ein richtiger Vorgänger dieser nur auf Experiment und Beobachtung eingestellten Schulen der Wiener Pathologe Salomon Stricker war, in dessen „Studien über die Bewegungsvorstellungen" (1882) wir bereits die Keimanlagen dieser Lehre finden, während die bisher gründlichste Kritik und Würdigung des Behaviorism der Feder des in Russland geborenen und in Amerika aufgewachsenen A. A. Roback entstammt. Auch die Lehre Semons von der „Mneine", dem Gedächtnisvermögen der Tiere, lässt sich liier leicht einfügen. Die Leistung der Juden auf dem Gebiete der Völkerpsychologie ist von nicht geringem Wert. Dass Lazarus und Steinthal ihre Begründer waren, ist reichlich bekannt. Nach Heübom hat die Völkerpsycholoigie im Gegensatz zur Kellektivspycho'logie auch für die primitive Kultur das individualspychologische Moment hervorzuheben. Mythos, Sprache, Gesellschaft usw. können nur als Produkte selektiver Persönlichkeiten angesehen werden. Sicher ist die Masse der prämittierende, der eigentlich schöpferische Stossfaktor, aber die Formung und Gestaltung wird nur von Einzelindividuen geleistet. Diese Theorie von Heilborn wurde später von Wundt befestigt und bestätigt. In der jüngsten Zeit erwarben sich grosse Verdienste um die Erforschung der geistigen Kultur und des Denkens und Lebens der Naturvölker und primitiven Stämme Levy-Brrhl in Frankreich und Franz Boas in Amerika. Die Verdienste von Dessoir für die Kunstpsycho 1 o - gie, von Emil Utitz für die Charakterologie, von Grünbaum (Amsterdam) für die Kulturpsychologie dürfen nicht übersehen werden. Zu den besten wissenschaftlichen Leistungen zählt nodi immer die Darstellung der Prostitution durch Ivan Blodi, und auf dem Gebiet der Sexualpathologie ist die Autorität Magnus Hirschfelds heute allgemein anerkannt. Für die_ Psychologie der Gesdilediter besitzen audi heute noch manchen Wert die M + W Theorie des zweifellos genialen Otto Weininger und des sdiöngcistig unterhaltenden Physiologen Mantegazza (Italien) über die Physiologie der Liebe. Eine durchaus anregende Üntersudmng über die psychisdien Geschlechtsuntersdiiede haben wir O. Lipmann zu verdanken. In der medizinischen Psychologie bzw. Psydiiatrie, Psychopathologie und Neurologie stossen wir im vorigen Jahrhundert auf Cesare Lombroso und Hyppolyte Bernheim, der in Bezugnahme auf Hypnose und Suggestion als Vorgänger des Coueismus betrachtet werden kann. Die jüdischen Namen Albert Moll, A. Eulenburg, R. Hirschfeld, K. Mendel und Emanuel Mendel, Kronfeld, Kurt Goldstein, Lipmann, H. de Rothsdiild, M. Levi Bianchini sind in der zeitgenössischen Psychiatrie sehr geläufig. Der geisteswissenschaftlidi Interessierte findet in Birnbaums „Psychopathologisdien Dokumenten Selbstbekenntnisse und Fremderzeugnisse ans dem seelischen Grenzlande" ein psydiopathologisches System, dessen Stoff ganz aus Belegen von Dichtern und kulturell bedeutsamen Personen besteht. Unschätzbar in ihrer Bedeutung ist die Lebensarbeit des Neurologen Ludwig Edinger, weldier eine anatomisdmeurologisdie Strukturanalyse mitsamt einer Lehre von der Entwicklung des Gehirns in der Tierreihe in Beziehung auf das zugeordnete Erlebnis zeichnete. Edingers tief ins einzelne dringende Analyse der Tiergehirne eröffnete der Tierpsychologie neue Wege und Einsiditen. Vielleicht darf nicht unbeachtet die Tatsadie bleiben, dass über zwanzig psydiologisdie und psychiatrisdie Zeitsdiriften, die in den letzten drei Jahrzehnten in Europa und Amerika ersdieinen oder erschienen, von Gelehrten jüdischer Abstammung redigiert bzw. herausgegeben und geleitet werden. Man würde wohl kaum eine periodisdie Ausgabe, ein Handbuch oder eine Sammlung auf den hier behandelten Gebieten finden können, unter deren Hauptmitarbeitern Juden nicht aufzuweisen wären. Die psydiologisdie Bedeutung, die den Systemen mancher jüdisdien Philosophen zukommt, darf nicht unerwähnt bleiben. So kann nicht genug betont werden, dass Henri B e r g s o n zu den bahnbrechenden Erneuerern der zeitgenössisdien Psychologie gehört. Seine originale Vision ist, dass es in der Welt neben der raumhaften Materie einen davon scharf zu trennenden Faktor, die „Duree" gäbe, womit gemeint ist, dass sich in unserem Bewusstsein die Vergangenheit in die Zukunft verlängert. Der raumhaften Materie, die der Inbegriff der'sinnhaften „Bilder" ist, wird die-„Memoire pure" gegenübergestellt, die im Gehirn mit der Materie in eine wesentlich praktische Beziehung tritt. Der psychophyfifiischie Parallelismus wdrdi vonl Bengson entschieden abgelehnt und durch 'die Umdeutung der Entdeckungen der Gehirnpathologie gewinnt er eine-neue Wahrnehmungs- und Gedächtnistheorie, die besonders in Frankreich stark Schule gemacht hat. Auch gebührt ihm das grosse Verdienst der Aufstellung einer eingehenden Theorie des Instinkts. Sehr merkwürdig ist, dass der Logiker Edmund Husserl, der den Psychologismus so heftig bekämpfte, doch stark anregend auf die neuere Psychologie gewirkt hat. Die sogenannte „Dankpsychologie" hat sidi mehrere seiner Begriffe wie z. B. „Akte", „intentionale Erlebnisse", „Erfüllung' zu eigen gemacht. Der von ihm und von Bergson und Nietzsche angeregte geistreiche Max Scheler (mütterlicherseits Jude) schuf eine erschöpfende Psychologie der Sympathie. Damit/hätten wir im wesentlichen die hier gestellte Aufgabe erfüllt. Es lag einzig in der Absicht, den Beweis zu erbrigen, dass trotz vulgären Schikanen und robusten Beschränkungen denen wir ausgesetzt werden, der Anteil der Juden und der Forscher jüdischer Herkunft an derPsydiologie sowohl quantitativ als qualitativ in schöpferischer Weise wirkt. Hier kann sich natürlidi die Frage aufdrängen: was ist das spezifischjüdische Element, das die jüdischen Psychologen in diese Wissensdiaft hereinbraditen? Worauf beruht die besondere Anlage des Juden, die ihn zum glänzenden Psychologen prädestiniert? Fragen, die übrigens von Juden und Antisemiten in seltener Uebereinstimmung gestellt werden. Der Autor dieser Zeilen vermag derartige Fragen nicht zu beantworten, da Wissenschaft, trotz wütendem Völkerhasse, jenes verbrüderte Mensdienreich ohne staatlidie Grenzen sein muss, wo man keines Passes bedarf und .nicht nach der Nationalität frage. Bei Erörterung der zweiten Frage kann man nur an das kluge Wort des alten Herak'lit denken: „Die Grenzen der Seele wirst Du nidit finden, und wenn Du alle Wege durchliefest; zu tief ist ihr Wesen." Festzeiten im russischen Ghetto Der bekannte jüdische Politiker Schmarja Levin hat vor zwei Jahren mit der Veröffentlidiungseiner Lebenserinnerungen begonnen, deren erster Band nunmehr auch in einer deutschen Ausgabe vorliegt (.Kindheit im Exil", Ernst Rowohlt Verlag Berlin). Levin, der als glänzender Redner weit bekannt ist, wird demnächst in Frankfurt sprechen; aus diesem Anlass sei eine Episode aus seinen Kindheitserinnerungen hier wiedergegeben. Vor vielen Jahren las ich einmal im Haschachar (Morgenröte) des Perez Smolenskin, jener Zeitsdirift, die die Sturm- und Drangperiode. unserer neuesten Geschichte eröffnete, ein Gedicht „Neumondsweihe" von Salman Luria. Der Dichter besdireibt ein armseliges jüdisdies Heim in einem russisdien Städtchen. Eß ist Winter. Die Wohnung ist .nidit geheizt. Die hungrigen Kleinen liegen auf Stroh; sie sdiluminiem und träumen von Brot, und die kranke Mutter kauert sich didit neben sie, um ein wenig Trost und Wärme zu finden. Aber draußen in der hellen Frostnacht steht der Vater und starrt mit bekümmertem Gesicht zur sinkenden Mondsidiel empor. Und er fleht zu Gott, daß er den fehlenden Teil des Mondes ausfülle. Er betet, als ob keine andere Sorge für ihn bestünde als die eine — daß Gott vergessen könnte, den unvollständigen Mond wieder zu runden. Und hätte Gott nur (mit dem hilflosen Mond Erbarnien, so würde alles gut sein ... Und was fehlte wirklich den Juden von Swislowitz an diesem Jörn Kippuraibend, als sie mit geläuterten Seelen ihren Fast- und Bettag beendeten? Sie hatten sich gegenseitig alles Unredit und Gott hatte ihnen ihre Sünden gegen Ihn verziehen. „Er besprengte sie mit reinem Wasser, und sie waren von allen Schlacken gereinigt." Was brauchten sie mehr? Und so blickten sie klaren Auges zum Himmel auf: und ein Gefühl des Mitleids für den unvollkommenen Mond überflutete sie. Sie erhoben ihre Hände zum Mond und baten Gott, auch mit ihm Erbarmen zu haben. Aber die Heiligung des Neumonds beendete den Fasttag noch nicht. Sobald mein Vater nach Hause gekommen war und. den weißen Kittel abgelegt hatte, holte er einen Hammer und zwei Nägel hervor, verließ labermals das Haus und hämmerte die Nägel in den Teil der Wand, an der am folgenden Feiertaig die Laubhüfte stehen sollte. Es ist Sünde, heilige Pflichten zu überstürzen. Satan-Kategor soll wahrlich nicht gegen die Juden vorbringen können, daß sie nach ihrem Bet. und Fasttage wie Schlemmer nach Hause ge-