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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-10-01 · 2 (10.1931) · p. Seite 37

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
2 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
Seite 37 (sequence 7)
Language
German
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der Tiefenschichten der Seele zu verstehen. Der Traum erscheint in der Regel als „Wiunscherfüllung" des Unhewussten, und der scheinbare Unsinn erwies sich als entstellter und zensurierter Sinn. Auch. Versprechen, Vergessen und die kleinen Fehlhandlungen ides Alltags entschleiertm sich in gleicher Weise. Während vor Freud; das Seelenleben, als beherrscht von mechanischen Assoziationen erschien, erwies es sich jetzt als von sinn- und zweckhaften Trdebeinstellunigen gelenkt. Auf diese Weise ergab sich auch für Freud, dass die wichtigste RolJe unter den Verdrängungskomplexen des Unbewussten die Sexualität, die Libido, spiele, und so kommt es, dass die Psychoanalyse sich besonders der Erforschung des Sexuallebens zugewandt hat und von einem Pansexuabsmus grossen Stiles durchdrungen ist. Die Menschheit und die Fachwissenschaft, seit Anbeginn wenig geneigt, Neuem zu lauschen, waren dem kühnen Forscher wenig dankbar dafür, dass er den Schleier von den bedrohlichen Triebkräften der menschlichen Seele hinweggezogen hatte. Die Lehre wurde als Gefährdung erlebt, und der Intellekt, den verdrängten Kräften folgend, suchte die neuen Erkenntnisse als unsinnig darzutun. Man hat Freud zum Vorwurf gemacht, er sehe überall nur das Geschlechtliche. Aber Freud bar ja dem Verdrängten nachgespürt, dem Verbotenen, dem Anstössigen. Und was könnte anstössiger sein, was unterliegt mehr der Verfolgung, der Verdrängung, als das Sexuelle und nun gar die perversen Regungen. Lange genug hat es ja die Menschheit fertiggebracht, die eigene perverse Sexualität, das wilde Chaos gewaltsamer und ungesättigter Triebe vor sich selber zu verbergen. Da kam Freud und wagte alles aufzudecken. Sein Begriff des Triebes zielt nicht nur auf seebsche Vorgänge. Er meint gleichzeitig auch das organischhiologische Geschehen, den Vorgang im eigenen Körper. So konnte denn Freud versuchen, von der Psychoanalyse her das Wesen des Organismus zu verstehen und in seinen letzten Schriften sucht er zu zeigen, dass Ichtriebe (er bezeichnet sie auch als Todestriebe) und Sexualtriebe die treibenden formbildenden Kräfte des Organismus sind. Hiermit hat die naturwissenschaftliche Lehre Freuds die Grenzen der Philosophie erreicht. Seine Lehre hat uns unerhört neue Einblicke in die Seele des Einzelnen gegeben, sie hat uns den gesunden und kranken Menschen verstehen gelehrt. Aber sie zeigt uns auch, wie sich die Einzelnen zur Gemeinschaft zusammenschliessen, sie zeigt uns die bindenden Kräfte der Gesellschaft. Sie verspricht uns ein besseres Verständnis der belebten Natur überhaupt. Die Entwicklung der Seelenkunde, der Nervenheilkunde und Psychiatrie der letzten drei Jahrzehnte war eine Entwicklung zu Freud hin. Es war eine Entwicklung nach oben. Unmerklich begann die Freudsche Lehre, die treue Schüler und Verkünder fand, die am Werk des Meisters weiter bauten, in der ganzen Welt sich durchzusetzen. Bemerkenswert ist aber, dass mit Ausnahme von C. G. Jung (Zürich) und Einest Jones (London) die bedeutendsten Eiferer der Psychoanalyse Juden sind. Ausser den gesondert zu betrachtenden Alfred Adler und Wilhelm Stekel sind in den deutschsprachigen Ländern folgende Namen von Bedeutung aufzuzählen :%der leider so jung verstorbene Karl Abraham, der eigentliche Begründer der Lehre vom Narzissmus. Abrahams Bedeutung liegt, neben seinen fachärztlichen Arbeiten, insbesondere psychotherapeutischer Natur, in der Anwendung der Gruudanschauungen und Methoden der Psychoanalyse auf geisteswissenschaftUche Probleme und Fragen der Kunst. In ähnlicher Weise verfahren auch Otto Rank, Theodor Reik und Hans Sachs. Mit pädagogischen Problemen befassen sich Siegfried Bernfeld und Melanie Klein, während Fritz Wittels, F. Alexander mit der Analyse des Verbrechertums sich abgeben. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die Untersuchungen und Forschungen von Max Eitingon, Löwenstein, Ernst Simmel, Paul Schilder, Sadger, Federn und Storfer. Nichtsdestoweniger begegnen wir auch in den anderen Ländern den jüdischen Psychoanalytikern von Ruf und Rang wie z. B. Sandor Ferenczi (Budapest), der den Libidobegriff zu verallgemeinern versuchte, Van cl. Chijs (Holland), Barbara Low (England), Ernst Blum (Schweiz), Luria, Wulf und B. Friedmann (Russland), die die Freudsche Lehre mit der marxistischen Doktrin zu vermengen streben, ferner dem bedeutenden Psychiater Levi Bianchini (Italien), (Jekels Polen) u. a. Von Freuds Fassung des Libidobegriffes weicht sehr stark ab der zuerst aus seiner Schule hervorgegangene Wiener Arzt Alfred Adler, der Begründer der „I nd i v i cl u a 1 p s y - chologie". Bei Adler wird der Begriff der Libido so erweitert, dass die Sexuabtät stark zurücktritt und Libido fast gleichbedeutend mit Lebenskraft, „elan vitai" im Sinne ßergsons, dem „Willen" Schopenhauers wird. Er übernahm Nietzsches Formel des „Willens zur Macht" und suchte sie in allen Handlungen nachzuweisen, auch in den Hemmungen. Freud hatte das Ich auf einen Komplex von Trieben reduziert, während Adler gerade das Ich in den Mittelpunkt seiner Forschungen stellt. Der Grundunterschied zwischen der Adlerschen Inclividualpsychologie und der Freudschen Psychoanalyse besteht darin, dass erstere nicht wie jene die Sexuabtät als zentrale Macht im Seelenleben ansieht, sondern das Streben nach Macht und den Gemeinchaftstrieb. Adler hat ein System der praktischen Seelenkunde .entworfen, das sich den populären Anschauungen über das Seelenleben annähert und pädagogisch wie therapeutisch zu wirken strebt. In den letzten Jahrzehnten ist in den Vordergund eine Gruppe von Forschern getreten, deren Lehre man zumeist als „Gestaltspsychologie" bezeichnet und unter denen einige Psychologen jüdischer Herkunft an hervorragender Stelle ihren Platz einnehmen. Die eigentümlichen Strukturen des höheren.geistigen Lebens, insbesondere ihre sinngerichteten Tendenzen, werden von dieser Theorie auf die Strukturen der physikalisch-chemischen Hirnprozesse zurückgeführt, die die Gestalttheoretiker als Substrat der psychischen Vorgänge voraussetzen. Die formale Struktur des höheren geistigen Lebens soll schon den physikalischen Prozessen zukommen und darum keines ausserphysikalischen Erküirungsprinzips bedürfen. Während die ältere, atomistisch denkende Assoziationsspsvchologie den vergeblichen Versuch machte, den Gegenstand der Wahrnehmung aus den Einzelempfindungen aufzubauen, ringt sich seit den Forschungen der Gestaltstheoretiker die Erkenntnis durch, dass etwa die Sehgestalten unmöglich aus einem Mosaik von Einzelempfindungen und -assoziationen konstruiert werden; der Sehgegenstand ist vielmehr psychologisch unmittelbar gegeben. Das Gegebene ist an sich, in verschiedenem Grade „gestaltet": gegeben sind mehr oder weniger durchkonstruierte, bestimmte Ganze und Ganzprozesse, mit vielfach sehr konkreten Ganzeigenschaften, mit inneren Gesetzlichkeiten, charakteristischen Ganztendenzen, relativ selbständige geformte Einheiten, die sich aus einem Gesamtfelde aussondern, die als „Gestalten" genannt werden können. Solche Gestalten findet man nicht nur im Psychologischen, sondern in der Gesamtnatur. Zu den repräsentativsten Ausbauein dieser Lehre zählen Wertheimer und Kurt Koffka, ferner der Kinderspychologe Kurt Lewin, David Katz mit seinen zahlreichen glänzenden Untersuchungen über die Mannigfaltigkeit der Empfindungsphänomene, des Tast- und Lichtsinns, Edgar Rubin und Alfred Lehmann (Kopenhagen), sowie der Neurologe Kurt Goklstein, der in den von ihm gemeinsam mit dem Psychologen A. Gelb durchgeführten Analysen hirnpathologischer Fälle vielfachen Bezug auf die Gestalttheorie nimmt. Zur Verbesserung des heutigen Wirtschaftslebens und dessen zweckmässigerer Gestaltung wurde ein neuer Zweig der psychologischen Forschung ins Leben gerufen — die Psychotechnik. Der Psychotechniker prüft die Berufseignung, Gang und Oekonomik des Arbeitsprozesses wie der Anlernling, sowie die Rationalisierung der Absatzverfahren, bei denen eine experimentelle Bestimmung der Reklamewirkung ausgebaut ist. Diese Psychotechnik wurde vom jüdischen Gelehrten Hugo Münsterberg begründet, welcher freilich den Begriff so weit fasste, dass jegliche Berührung zwischen Psvchologie und Praxis eingezogen wird, also auch Psychotherapie, Suggestion, Erziehung, Oekonomie des Gedächtnisses usw. Im allgemeinen beschränkt man sich aber hier auf Industrie und Wirtschaft. Zu erwähnen sind hier auch die jüdischen Namen Lipman, der einen Ueberblick über die „Psychologie der Berufe" lieferte und Heilbronner für Bildverständnismethode und Ergänzungsmethode. Dem Zunftpsychologeu soll es auch nicht entgehen, dass in Sow.jetrusslaud im verflossenen Jahrzehnt sehr viel auf dem Gebiete der Psychophysiologie der Arbeit und Psychotechnik gearbeitet wurde, und dass unter den jungen Forschern uns sehr viele jüdische Namen begegnen, so z. B. Rabinowitsch, Adler, Zalkind, Gellerstein, Kogan, Ginsburg u. a. Hillersohn ist der Leiter der psychotechnischen Anstalt in Moskau. Unter den streng wissenschaftlichen Psychologen ragt William Stern hervor. Stern ist der Begründer der differentiellen Psychologie und einer neuen Psychologie des Kindes, welche sich auch die neuen Ergebnisse der Tierpsychologie zu eigen macht und die sich gelegentlich gegen Freuds „infantile Sexualität" wendet. Die experimentelle Psychologie nennt durch ihn verschiedene Methoden, wie Erhebungsmethode, Bildverständnismethode, Kritiktest usw. Von grossem Interesse ist Sterns scharfer Bruch mit aller einseitigen Atomisierung und Mechanisierung der Psychologie. Sein philosophisches Denken führte ihn dazu, die Psychologie prinzipiell umzugestalten und dem früher stveng verworfenen Grundsatz der zielstrebigen Ganzheit auch in der Seelenforschung Geltung zu verschaffen. Diese Philosophierung der Psychologie bezeichnet Stern als „Personalismus", der auf der Antithetik von „Person" und „Sache" aufgebaut ist, wonach alles Existierende einer der beiden Kategorien sich zuordnen lässt. Im Anschluss an Sterns Kinderpsychologie sind auch die kinderpsychologischen Forschungen von Erich Stern und W. Peters zu erwähnen.

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