Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 2 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 36 (sequence 6)
- Language
- German
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ewigen Heils willen die -gepeinigten und getretenen, die armen und armseligen Menschlein, ihre Brüder. Sie empfahlen ihre Weiber und Kinder der schützenden Band der Gemeinde und nahmen das Urteil freudig emporgehoben und freiwillig entgegen: — nicht um vermessen ihre von Gotteshuld durchdrungenen Seelen, geschweige denn ihre Körperlichkeit zur Schau zu stellen; sondern es drängte sie mit allen Fasern, ihr Herzblut hinzugeben, als Opfer für das Volk Gottes, das in Tränen der Verzweiflung erblindete, aufzusteigen unter die Fittiche des Allmächtigen. Und das Volk Gottes von Roshana, dem die brennende Fratze des gewaltsamen Todes entgegengrinste, wollte zuerst das Opfer nicht annehmen, trotz grösster Not. Aber ■dann nahm es doch an, umstrickt von der süssen Sehnsucht zu leben, die es einigermassen mit anderen Völkern teilt. . . „Bruder", sagte R. Israel — denn durch den bevorstehenden gemeinsamen Opfertod wurden sie erst recht Brüder — „wie schön und wie herrlich ist unser Los! Wir bezähmen die Flamme des Blutes und geben in der Ueberfülle des unermesslichen Glücks unser irdisches Leben für das reinste Feuer unsers Volks hin!" Es war das jüdische Jahr mit der seltsamen Zahlensumme „Schiluwim", d. i. Entsühnung, am Fest des Gedächtnisses Rosdi Haschana. Am Freitag morgen, am zweiten Tag des hohen und strengen Festes, stand auf dem Richtplatz der unvergleichliche Opferaltar. Der oberste Henker gab ihnen eine Stunde Frist und hatte nichts dagegen, dass sie Gott lobten und priesen. In quellender Bewegtheit und seliger Sehnsucht hatten sie das Morgengebet verrichtet. Man forderte sie noch, wie üblich, zur Taufe auf. Die Lippen der Ruchlosen, die sich erkühnen, uns, die wir so alt sind wie die Welt, von der wonnigen Einheit und von den Tiefen Gottes zu künden, stellten ihnen Rettung der Seele und des Leibes vom sonst sicheren Tod in Aussicht. Der weite Faltenwurf der kirchlidien Barmherzigkeit erglänzte. Aber R. Israel und R. Towija weigerten sich dem unsdiicklidien Angebot. — „Weichet von uns, Ihr Dolmetscher der Andersgläubigen und Verkünder fremder -Seligkeit. Das ist für uns nicht die Erlösung. Keinen Anteil wollen wir am Sdiatz und kostbaren Erbe der Anderen. Hebet Euch hinweg, Ihr Kaufleute der Gnade. Glaubt Ihr wirklidi, dass wir den lebendigen Gott der Unsterblidikeit allesSterblidien verleugnen werden?! . . . Sondern an die Gottesnähe unserer Vorväter denken wir, — und nidit der Geist des Todes, sondern Adonai Zebaoth lässt sein Angesicht über uns leuchten." Die ewige Finsternis zermalmte sie nidit. Denn sie hatten ein starkes Herz. Und wollten mit letztem Eifer und tiefster wundervoller Liebeskraft den Namen heiligen, wie ihn die Nacht der Schrecknisse zum Tag erhellend, Chananja, Midiael und Asarja heiligten. Als Erster wurde der heilige Rabbi Israel al kiddusch haschem vom Leben zum Tode befördert. Da sein geredlies Haupt unter dem Beil des Henkers fiel, erhob der noch lebende Rabbi Towija, der dies Unausdenkbare ansehen musste, seine Stimme — und die Stimme zitterte kaum merklich: „Aschredia Jissrael, — wohl Dir, Israel, denn Du gelangst vor mir an Gottes Herz. Idi aber folge Dir gleich nadi." Die Zunge Rabbi Israels leckte schon den Staub, aber seine köstliche Seele reckte sidi unbeschränkt unerniesslich empor. Und der abgesdilagene Kopf — so wird uns berichtet — antwortete: „W'tow ledia!" — „Und audi Dir wird es wohl ergehen. So unendlich liebt Dich Gott, weil Du geläutert Deinen Anteil am irdischen Leben hingabst für das Künftige." — Dann fiel auch der Kopf Rabbi Towijas. . . . Was die umstehenden Barbaren dabei taten, als die Stimme des enthaupteten jüdisdien Märtyrers wie ein Freudenschrei über Stadt und Gefilde in die Ueberwirklichkeit erscholl, verschweigt die Legende. Nur soviel will man wissen: dass die hödisten Erzengel jubelten durch alle Regionen unendlicher Weite, durch alle sieben Himmel aus flüssigem Licht. Ohne gleichen waren die beiden an erhabener Selbstverleugnung. Und dodi tritt ihr unsdiätzbarer persönlicher Wert hinter die einzige und ungeheuer sdiöne Blüte ihrer allausfüllenden Tat zurück. Denn es flammt und leuchtet Grundsätzliches um ihren Tod. Etwas, das nahezu Tiger zähmt und die Wogen des Meeres glättet. Das an der Grenze des Menschlichen siedelt und dennpdi menschlich und jüdisch bleibt. Rabbi Israel und Rabbi Towija waren vom seelischen Wudis und von der Lauterkeit der Besten ihres Stammes und wurden mehr als diese. Aber der Wesensurgrund, das Sehnsuchtsziel, die unstillbare Opferbereitsdiaft eignet dem Stamm, ja, der unergründlichen jüdisdien Nation, der erdhaften, die der Himmel durchdringt. Zwei Männer, reinen Herzens und gerechten Sinnes, waren zum Opfertode auserkoren und bereit. Der trunkene Haufe und seine schlangengleidien Einbläser und stumpfen Sdiergen beförderten sie zu den Seelen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Sie litten um Gott, als Saiten auf Seinem Instrument. Der Tod heiligte sie. Ihre Liebe starb auch im Grabe nicht. Ihre Seelen erklangen und stiegen in Schaddais allerheiligste Bezirke empor. Andercsagen, Israels abgesdilagener Kopf hätte gebetet: „Sdima Jissrael!" Und Du sollst lieben den Ewigen unaufhörlidi mit ganzer Seele und mit ganzer Inbrunst. — Bald nach diesem empörenden Justizmord erging ein Befehl des Königs, der in der Tat eine dornenvolle Krone trug, die Juden von Roshana mitsamt R. Israel und R. Towija am Leben zu lassen. Mit aller Deutlichkeit. Aber es hatte keinen Sinn mehr. Nodi heute spricht man in manchen Gemeinden Litauens im Rahmen des Jörn Kippur-Mussaf eine Selicha zu Ehren der Heiligen von Roshana. Die Selicha, verfaest von einem Sohn H. Israels, dem Kaddisch, von R. Schimon, der darin meint, man würde seines Vaters und des heiligen Towija noch gedenken, wenn der Mosehiach kommt, Zion den Erlöser findet, Israel den Tempel auferbaut und Gott selbst die Toten auferweckt. Die Juden in der Psychologie der Gegenwart Von Dr. H. Rudy Das Unternehmen, den Anteil der Juden in der Psydiologie der Gegenwart aufzuzeichnen, erfordert keine besondere Reditfertigung. Die Psychologie, ein an der Grenze der Geistes, und Naturwissenschaften stehendes Gebiet, macht durdiaus keine Ausnahme von den übrigen Wissensdiaften, in denen das enorme Wirken und Sdiaffen von Gelehrten und Forschern jüdischer Herkunft in prägnanter Weise zum Ausdruck kommt. Und in der Tat: unter den in Ausgangspunkt, Methode und Grundansdiauurugen versdiiedenen, nicht mehr und nicht weniger als zwanzig Richtungen und Schulen, die in der Psychologie der Gegenwart nebeneinander und .gegeneinander arbeiten, .stehen die jüdisdien Forscher an führender Stelle. Die hier gegebene, durchaus nicht auf Vollständigkeit und Gesdilossenheit Anspruch erhebende Abhandlung soll den Nachweis für diese Tatsache zu erbringen versuchen. Ohne eine Klassifizierung oder iSystematisierung des jüdisdien Anteils an den verschiedenen psychologischen Schulen zu geben, wollen wir mit der weitumstrittenen Riditung der von Sigmund Freud gesdiaffenen Psychoanalyse beginnen. Man täte Freud .gewiss kein Unrecht, wenn man ihn, im Hinblick auf den .gegenwärtigen Stand der psychologischen Forschung, als den Anatomen der Seele bezeichnen und seine Methode mit der niikroskopisdien Methode der Histologie vergleichen. würde. Denn auf dem festen Boden naturwissenschaftlicher Beobachtungen und Erfahrungen ruht sein Werk und niensdiliches Verhalten und Treiben wurde von ihm, wie von einem Spiegel mit tausend Facetten in ungezählte Einzelreaktionen aufgespalten. Von einer Beobachtung geht die Lehre aus: wenn quälende seelische Eindrücke vergessen werden, verlieren sie ihre krankmachende Wirkung nicht. Sie werden vergessen, weil man von ihnen nichtä wissen will. Sie werden „verdrängt". Aber gerade durch die Verdrängung können sich die durch das Erlebnis wachgerufenen Energien nicht entladen. An ihrer freien Entwicklung gehemmt, bewahren sie ihre schädigende Kraft. Denn die Verdrängung schützt das Erlebnis vor den regulierenden Einflüssen, die vom Bewusstsein ausgehen. Das Erlebnis wirkt eben dadurch krankmachend, dass es verdrängt, vergessen ist. Die ursprüngliche Methode von Freud ist die Wiedererweckung der verdrängten Erlebnisse in der Hypnose. In ähnlicher Weise suchte Freud auch das Traumleben nicht als Ausgeburt der Phantasie, sondern als .sinnvolle Offenbarung