Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 2 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 35 (sequence 5)
- Language
- German
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gehassten Juden aus. Die Schweden plünderten im Lande und legten Städte und Dörfer in Schutt aind Asche. Immer wieder hetzten sie durch Heraufbeschwörung und Ausstreuung der niederträchtigen Blutlüge von jüdischerseits .geschlachteten Christenkindern den verwilderten Adel auf. Die primitiven Volksmassenwaren durch andauernde rauhsüchtige Kriege, samt Zerstörungen, Vergewaltigungen, Wortbrüche, durch Rasereien,. Judenschlächtereien und andere miserable Bluttaten, völlig demoralisiert. Krieg entfaltete sich in Permanenz. Und die Inquisition züchtete in den abergläubischen, unverständigen Gehirnen die schändliche Fabelei, 'die höllische Idee des Ritualmordes.. So ein ranziges Ritualmondgerücht ward von den Männern der Lüge um die Osterzeit des Jahres 1657 in Roshana verbreitet. Der Graf Solska befand sich auf einer Wildschweinjagd, als sein -vierzehnjähriges Töchterchen Agnes meuchlerisch ermordet wurde. Wahrscheinlich war das anmutige und liebliche Mädelchen allein in den Wald gegangen und von einem schäbigen Wicht vergewaltigt worden. Und sie, die zwischen zeramoniösem Kultus und abgefeimter Gaukelei schwankten, machten sich die Gelegenheit heuchlerisch zunutze. Sie selbst, die das Gespinst der Lüge spannen, hatten das Fleisch des toten Christenkindes auf eine bestimmte, ungeheuerliche Art verletzt. Zweifellos in zynisch übelwollender Absicht. Die Priester der aufgeputzten Zwitterreligion hatten geheimnisvolle, bedenkliche Zeichen in den Leib geschnitten. Sie selbst, die Spinnen, die Wölfe, die Hyänen, hatten das Blut der kleinen Leiche abgezapft und sie nächtlicherweise in einen Keller auf dem Grundstück der Erben Schauis ben Schmuel Jehuda getan, wo auch das Bethaus der Familiengenieinschaft und der Gemeinde stand. Dann holte man die vertrauenden Scharen, kreiste gegen Morgen das Grundstück ein, überfiel die Nichtsahnenden und fand den „Versteck" und die abscheulich verstümmelte Kindesleiche. Die Jesuiten erhoben nun Anklage 'gegen die . Gemeinde, bezw. ihre Vertreter wegen erwiesenen Ritualmords. Die rabiaten jüdischen Bestien hätten vom Bhit des anziehenden Kindes getrunken. Die verruchten Juden hätten das Blut des hingeschlachteten, unerschlossenen Jungferleins, das ein Muster der Uniberührtheit, dazu noch ein berückendes Geschöpf und ein Grafentöchterlein war, ausgesogen und vom Mark einer christlichen Kinderseele gezehrt. So lastete die irrsinnige Blutbeschuldigung auf dem jüdischen Roshana. Viele Glieder der Gemeinde, allen voran R. Israel und R. Towija, wurden in .Ketten gelegt und ins Gefängnis geworfen. Die Anklage lautete aber nicht gegen Einzelne, sondern gegen den gesamten Kanal. Denn auf Entfesselung panischen Schreckens und peinliche Tortur des Lebens -und des Labensblutes kam es den Quälern an. Einige üble Leute gab es, wie unausbleiblich, unter den Juden, die sich durch fette Spenden und .Bestechungen loszukaufen suchten. Zweiundeinhalbes Jahr marterten die Satane und Vampire der Inquisition geniesserisch schlürfend die Jiudenschaft von Roshana und Messen ihr keine Atempause. Ein Volksgericht, bestehend aus unwissenden, voreingenommenen und verrannten Bauern, die von Schutzgeistem, Hassern und Fluchern aus dem Klerus gelenkt und geführt wurden, setzte man ein. Das Städtchen schwebte zwischen Leben und Tod. Ein Tal Josaphat war es, in dem Ungetüme, beschränkte Saufkumpane, Branntweinschläuche richteten: betörte, noch halbtierische Bauern, die in den Juden zugleich die kaum minder igehassten polnischen Herren treffen wollten. Mit diesem Bauernvolke hatte man zwar lange genug die Früchte eines Feldes gegessen und das Wasser eines Flusses getrunken, aber es gab keine Brücke zwischen Edom und Israel. Die Juden hingegen erstrebten flehentlich die Ausgeglichenheit, das Soll und Muss eines ordentlichen königlichen Gerichts. Aber dies wurde ihnen zunächst einmal von der gebrechlichen, lenksam klerikalen Regierung Jan Kasimirs verweigert. Ueberdies hausten justament die Schweden nahe der Zone des Landes und unterbrachen des öfteren die Verbindung nach der Hauptstadt. Der König, ehemals Jesuit und Kardinal, war weit. Die Staatsmaschine stockte, und im Reich herrschte eine nicht weniger turbulente Wirtschaft wie im Deutschland des Dreissigjährigen Krieges. So trug denn auch die Wirrnis der Zeit — kurz nach dem Westfälischen Frieden — Mitschuld an dem Ungeheuerlichen, das jetzt geschah. Die nicht einmal heimtückischen Bauern fällten ihr Urteil: Die Mörder müssten natürlich sterben. Man wisse zwar nicht, wer die zartgezimmerte Komtesse Tropfen um Tropfen umgebracht hätte; aber schliesslich kämen nur die widergöttlichen Christusmörder in Frage. Auf Gedankenarbeit, Untersuchung und Auffindung wurden naturgemäss nur die simpelsten Künste verwendet. Die „Richter" schlugen hemmungslos zu und folterten mit und ohne höhere Anleitung. Auch mit raffinierteren Mitteln der Tortur war nichts herauszuholen, denn nichts lag vor. Solche unterirdischen Grabungen und ruhelosen Forschungen in den Judenseelen von Roshana wiederholten sich nun des öfteren, ohne das winzigste praktische Ergebnis. Indessen drängten seine Herrlichkeit Graf Solski und dessen einflussreiche Verwandtschaft und drohten, sie würden die Sache doch noch vor eine königliche Kommission und vor die monarchische Spitze bringen, falls die trägen Bauernschädel sich erdreisten würden, auch noch fernerhin zu versagen. So trat denn in der Woche vor Rosch Haschana 1659 das Gericht, bestehend aus Vertretern der*Bauernschaft und einigen Söhnen Belials, des besessenen Hasses zur letztgültigen Entscheidung zusammen. Und es erklärte zielbewusst, die ganze Gemeinde müsiste ausgerottet und ein Haus des Todes werden, wenn die Juden nicht zwei Männer nach Gutdünken zu stellen imstande wären, die dann für die grause Schuld aller zu büssen hätten. Und verwies darauf andeutend und beratend, dass die geeignetsten wohl jene beiden begüterten angesehenen Vettern seien, auf eieren Hof die Leiche gefunden worden war. Nach solcher Ablösung sei die Gemeinde wieder frei; denn der Sühne wäre dann bis zum nächsten Mal genug geschehen. Natürlich steigerte sich noch die grosse Erregung und Verzweiflung des jüdischen Städtchens, und der bescheidene und schüchterne Kahal hätte nie gewagt, die Hand auf die Erstlinge seines Machtbereichs zu legen. Rabbi Israel und Rabbi Towija sassen immer noch, mit vielen anderen Gefährten zusammen, seit zweieinhalb Jahren im Inquisitionskerker. Der eine 35, der andere 31 Jahre alt, — Männer, keine Jünglinge mehr, der Phantasie azurblauen Himmelsschwelle und rauschender Begeisterung voll auf abenteuerlicher Irrfahrt. Vom Samen Rabbi Schauis, vieler Wissenden und Wundertäter und des fast schon sagenhaften Sar Schalom, wohlbeleumdet und rechtschaffen und wie selbstverständlich, Häupter und Protektoren der Gemeinde. Mit den Schlagadern des Volkslebens waren sie verbunden. Aber — sterben ist ein hoher Preis und sie waren ja auch von Natur lebenstüchtig, nebenbei schlichte Privatpersonen und für ihre eigenen lieben und teuren Familien, als für des Daseins Kern verantwortlich. Sie waren nicht nur miteinander blutsverwandt, sondern auch von frühester Jugend auf durch lebendige Freundschaft verbunden, die sich in der Gefangenschaft vertiefte und unlösbar verstärkte. Seele zit terte zu Seele. Und sie sahen das scharfe Schwert, die verführten Menschen und die AUberauber. Sie erblickten das furchtbare Verhängnis, die Pranken der Gewalt und das ewige Gesetz. Und nachdem sie in ihr Innerstes geschaut, kannten sie keine Angst. Sie reichten einander die Hände und sie rühmten die Weltordnung, Sinngebung und die unablässige Gerechtigkeit Gottes. Schale um Schale löste sich. Sie schauten nur noch innere Dinge, hielten Zwiesprache mit Urahn und Aelterahn, die schon lange nicht mehr auf Erden weilten, von Angesicht zu Angesicht und sahen ihren eigenen letzten Daseinszweck. Nicht konnten sie mehr das Feuer ihres Herzens bezähmen, retten wollten sie um des