Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 2 (10.1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 34 (sequence 4)
- Language
- German
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Israel"'. Aber dem jüngsten, damals' noch angeborenen 13ruder, Jehuda, war es besdiieden, auf seine Weise einen Ausgleich zwischen Hellas und Juda zu finden und, nach unermüdlichem Studium, in enthusiastischer Arbeitsliebe ein Buch über Euklid zu schreiben und satt an Jahren zu sterben. In der Folge, schon um die Mitte des I4ten Jahrhunderts, vermachen drei Brüder, jeder ein treuer Hirte seiner gutwilligen Herde, drei durch Ehrenzeichen ausnehmend belobigte Rabbiner — zu Yalendar, Quedlinburg und Regeusburg — gemeinschaftlich, eine altehrwürdige Thoraro He, „Quelle ungeahnter Erkenntnisse, ein mächtiges Licht, — wohlmeinend, von Generation zu Generation einem Mitglied unserer Familie". Gezeichnet von Jissachar Bär Yalendar, Jehuda Lob Quedlinburg und Rüben Regensburg „aus dem Hause des Sar Schalom ha-Bawli". Die zu ihnen gehörigen Lebensgefährtinnen heissen Chana, Bela und Edele. Rafael Jizchak, Sohn Rubens und der Edele, schuf, wie es heisst, einen gigantischen, kräftestrotzenden Golem und gab ihm wider alle Gepflogenheit den Namen Hefodes. Auch sehrieb er ein etwas unentwirrbares, aber, wie man damals glaubte, ausnehmend nützliches Buch über Teufelsaustreibung und daneben — aus unauslöschlicher Sehnsucht nach höheren Regionen und tiefer Vertrautheit mit den himmelstürmenden Fragenkomplexen — einen Kommentar zum Buch Hiob. Ein jüngerer Vetter, posthum geborener Sohn des Quedlinburgers, Abraham ben Jehuda, nadi denkwürdigen Wanderfahrten wohnhaft zu Regensburg, gerät dort in der Zeit des Schwarzen Todes, als es hiess, die Juden hätten in übermächtigem Bündnis mit Satan niederträchtigerweise Rhein und Donau vergiftet, unter die skandalöse Anklage schnöder Hostienschändung ins Gefängnis und entging knapp dem Scheiterhaufen. Er wanderte, nach Jahren fürchterlicher Qual freigelassen, nachdem ihm die Frau, Zerline mit Namen, inzwischen gestorben war, mit seinen Kindern, drei Söhnen und zwei Töchtern, nach Oberitalien aus und wurde Meister und Haupt einer hochansehnlichen Jesdiiwa zu Mantua. Obendrein korrespondierte er, durdi untrügliches Mensdientum dazu berufen, sdion bei Jahren, mit Kopernicus und mit Reudüin in lateinischer Sprache und verhandelte in weitaus minder gutem Einvernehmen mit Jizdiak Signor Texeira vergehlidi wegen Uebersiedlung eines seiner angeheirateten Verwandten nadi dem hoffnung. umsdiimmerten Zufluchtsort Hamburg. Der älteste Sohn Rabbi Abrahams, Rüben geheissen, erlebte in früher Jugend die herzerfreuende Begegnung mit Italien, studierte klas^ sisdie Spradien in Pavia und wurde Arzt in Pesaro. Er liebte die „siebenfadi gesegnete" neue Heimat, praktizierte a-udi unter Christen und übersetzte Fabeln des Aesop ins Hebräisdie und in ein behutsames Italienisdi. Der Enkel Sdimuel Jehuda heiratete in Venedig eine Tochter des Chajim Eliahu Meha-Chasanim, Esther Schosdiana. Diese adriatischen Chasanim heissen später Cantarini; und Esther Sdiosdiana, um ihres tizianrotblonden Haares die goldene Rose gerufen, war die Mutter jenes Rabbi Sdiaul, der schon mit 17 Jahren aus dem Vaterhaus und dem süssen Lande Venezien, da sich Himmel und Erde gatten, Mensdien und Seraphim einander umarmen, fortging, durch höhere Gewalt gezogen, um an den respekterzwingenden Jesdiibot der gewaltigen polnisdien Gaonim grenzenlos und ohne Anfeditung zu lernen. Zuerst nadi Prag, dann, weiter stürmend, nadi Krakau, Lublin, Wilna und Brest. Von der Mantuaner oder Paduaner Jesdiiwa nadi der Prager oder Wilnaer war es im übrigen in jenen Zeiten gottbesessener, blitzesprühender talmudisdier Geistespflege seelisch nicht gar so unbändig weit. Indessen Sdianls jüngere Brüder sidi mit den römisdien Salmonis, den veronesischen Bassanis, deren Kinder und Kindeskinder mit den Sasportas, Meldola, Piemonti, Carmi versdiwägerten und sidi in Modena, Florenz, Venedig, Turin, Cremona, Pisa und Rom beheimatet fühlten. Mandle unterlagen dem faszinierenden Einfluss Leo di Modenas,. Josef Salomo del Medigos und ihrer radikal oder reformatorisch orientierten Zirkel. Dieser und jener beräusdite sidi am vielfarbigen Lidit, am herrlichen Funkenregen der Renaissance und vergass darob das Brausen der jüdischen Urzeit. Der eine und andere trank auch wohl vom Brunneu der Niditigkeit. Etlidien wurde Sabbatai Zewi wundersames Vorbild der Vollkommenheit, magischer Leitstern des Lebens, über alles erhabener Abgott. Die meisten hielten sich so ziemlidi an die ununterbrochene Kette der Ueberlieferung. Neigte einmal jemand aus selbstisdier Absidit zur Angleidiung an die gangbare Münze, das müssige Geschlender, das liebgewordene Land und Volk, so sorgten die schidcsalschweren päpstlidien Inquisitionsgeridite, nebst wahnsinnigen Talmudverbrennungen — einmal wunden, unzurechnungsfähig genug, 24 Wagen mit Talmudexemplaren verbrannt —, dass der komplette Typ eines jauusköpfigen Assimilanten schleunigst aus den Bezirken voreiliger Leichtfertigkeit zum gebundenen Judentum, wo nicht zu jüdischer Urnatur zurückfand. Aber der erwählte, gottbegnadete, fruchtende Zweig war nunmehr der litauische, als-welcher dem Schani ben Schimiel Jehuda aus Venedig entsprossen war. Dessen beide Urenkelkinder Rabbi Israel ben Sdialom und Rabbi Towija ben Josef Schlomo wurden eben aus tiefster Notwendigkeit die Heiligen von R o s h a n a. Es gesdiah dies im Jahre 5420 der jüdisdien Weltsdiau und 1659 der diristlidien Zeitrechnung. Kaum Barmizwa geworden, lernte Israel in Wilna nodi einen anderen Josef Salomo kennen; den richtunggebenden Repräsentanten italienisch-jüdischer Kultur, den Galilei- Schüler und berühmten Mathematiker, Naturforscher, Arzt, den feinschmeckerischen, sprachenkundigen Sammler und Weltreisenden, das Unikum an vielseitiger Meistersdiaft Del Medigo. Ja, der Vater Israels, Schalom, freundete sich eine Zeitlang mit dem merkwürdigen und gepflegten Manne an, der aus dem Mittag in die Mittemadit gekommen und. Leibarzt der grossmächtigen Radziwills war. Israel, dessen Sinn sdilidit, ungestüm, kategorisdi und .garnicht falterleicht war, behagte der Schatzkämmerer der Erkenntnisse Del Medigo weniger, ohne dass dessen bildender Umgang ihm antipathisch. gewesen wäre. Es war eine Zeit gefährlicher Gedanken und Erschütterungen, verheerender Feuersbrünste, sdiwerster bestialischer Vergehen, Gewalttätigkeiten und Pogrome, und anwachsender mystisdier Strömungen. Die Riesenwoge des heimlidien und offenbaren Sektierertums, der unterminierenden Häresie, des lästerlichen Sabbataismus war noch nicht da. Aber sie bereitete sidi in den Gemütern vor. Zunächst, bei der jüdischen Masse war noch alles unbeirrte Sicherheit und Unzerstörbarkeit des inneren Wesens. Gott, der ungeteilte, unteilbare Gott Israels war noch eine unkomplizierte Herzensangelegenheit. Manchmal wehte es herüber aus Gottes unsichtbarer Welt — aus den erhabenen Offenbarungen und der unermesslichen Mystik Jizchak Lurias und Chajim Vitais, der Kabbalisten von Safed. Die unerhört grausamen Chmelnizky-Pogrome, der Siegeszug der Teufel und Massenmörder im Lande hatte die Gegend von Roshana mittelbar berührt: nicht so durch feindliche Einbrüche versprengter Kosaken, wie durch elende unglückselige Scharen der heimgesuchten jüdisdien Flüchtlinge. Jan Kasimir II. aus dem Hause Wasa, fanatischer Anhänger der Kirdie Roms und der katholisdien Restauration, früher Erzbischof von Gnesen und römischer Kardinal, regierte als glückloser König die schadhafte Adelsrepublik Polen-Litauen. Die flinken Jesuiten hatten in diesem Chaos völlig freies Spiel und nahmen sidi vor, das zu Dissidententum und Calvinismus neigende Polen als erzkatholisdies Laad und Bollwerk zwisdien dem balibprotestantischen Deutschland und dem, trotz falscher oder echter Demetriusse, schismatisdien Moskau, mit heisser Willkür und inbrünstiger Rücksiditslosigkeit zu erhalten. Vernichtende Gegenströmungen blieben nidit aus. Wüster Hass. brüllende Rebellion, Geldnot und Ausschreitungen, Missetaten, wechselseitiges Morden waren an der Tagesordnung. Die Jesuiten Hessen ihren Rachedurst an den auf jeden Fall grenzenlos