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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-10-01 · 2 (10.1931) · page 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
2 (10.1931)
Date
1931-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel nummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Sohriftleitung und Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., Oktober 1931 Nr. 2 Menschen aus einer anderen Welt Eine Erzählung Von Arthur Sakheim Vorb emerk ung : Diese letzte Arbeit Sakheims, ein Kapitel aus der Geschichte seiner Familie, sollte nach seinem oft geäusserten Wunsch zu Rosch Haschana erscheinen. An der Reinschrift des Entwurfs arbeitete er, bis die tödliche Erkrankung ihm das Schreiben verwehrte. im Hause ihrer Grossväter, die Zwillingsbrüder waren und ein gemeinsames Heim mit kleinem Anwesen in dem verschollenen litauischen Städtchen Roshana besassen, lebte leuchtend die Erinnerung an den Urgrossvater, den ruhmreichen Gaon, der aus weiter Ferne gekommen, neben nimmermüdem Wissensdrang und besonderer Beflissenheit um den lichten Schwersinn rabbinischer Weisheit, eine hohe und seltsame Familienüberlieferung mitgebracht hatte. Der pflegte, als vielbewährter Raw der ehrwürdigen Gemeinde Brest „Schaul mi Venezia, ben Schnxuel Jehuda Venezia, ben Rüben Pesaro, ben Abraham Aschkenasi" zu signieren und in allerfeierlichsten Fällen noch „mi mischpachath Sar Schalom ben Abraham ha-Bawli" pompös und überwölbend hinzuzufügen . . . Bizarrer Widerspruch: Rabbi Schaul, der als Knabe in Venedig noch den Edelstein der Menschheit Salomo Molcho in entflammter, bestürzend schöner Glorie gesehen hatte, empfahl seinen Söhnen, am besten überhaupt kein Rabbinat, oder nur ein solches in einem kleinen, unscheinbaren Ort anzunehmen, damit sie allezeit sanftmütige Bescheidenheit und selige Demut lernten nnd durch den Strudel der Umstände nicht von der einzigen Thora abgelenkt würden. Seihst dieses Brest schien dem weltverwerfenden, verwandelten Venezianer noch zu grossartig. Dennoch erzählte er, zumal in vorgerücktem Alter, an stillfeierlichen Sabbathnachmittagen und bei festlichem Anlass seinen Kindern nnd Kindeskindern gern und mit einer gewissen, rätselhaften Emphase, ja mit ausbrechendem Gefühl, von der Herkunft, von den Pfaden und vom Aufstieg, vom, Glanz und vom Wandel des sehr alten Geschlechtes. Die beiden Urenkel Israel und Towija erfuhren diese merkwürdigen Vorkommnisse noch aus dem eigenen Mund des geheimnisvollen Ahnen, oder aber aus Berichten der Grassväter: von denen der eine, Abraham ben Schaul dermassen fromm und gottesfürchtig war, dass der Volksmund ihn auch noch mit dem Namen Jizchak, Jakob und Josef ehrte. Er bekleidete, trotzdem man ihn aus guten Gründen nach Wilna, nach Danzig und nach Amsterdam rief, bis an seinen Lebensabschluss in ungewöhnlicher Selbstbescheddung das Rabbineramt im winzigen Roshana; dieweil sein jüngerer Bruder Jair Chajim an gleicher Stätte als angesehener Dajan fungierte. Und zumal beide vielerlei von der erlesenen Herrlichkeit eingebüsst haben mochten und nur noch die Ersten im „Dorf" und im Bethaus bedeuteten, spannten auch sie den bunten Regenbogen und berichteten mit Vorliebe die phantastisch verschlungenen Geschichten und Legenden, für deren Glaubwürdigkeit die vertraute, unantastbare Autorität ihres vorweltschauenden Vaters bürgte. Dementsprechend blickte man bereits auf eine 600 Jahre lange ungewöhnliche, erprobte Vergangenheit zurück. Und entstammte einem gewissen Sar Schalom ben Abraham, der, ein Kind noch, nachdem seine Eltern im mondfernen Babylonien frühzeitig verstorben waren, von einem Freund des Hauses über Famagusta auf Cypern nach dem andalusischen oder kastilischen Sefarad gebracht werden sollte, aber unterwegs auf dem Meer, bei Genua in Gefangenhaft und Sklaverei geriet. Den kleinen Jungen muss eine jüdische Gemeinde, wahrscheinlich eine aus dem südwestlichen Deutschland ausgelöst haben. Zum mindesten führte die Spur der Kinder jenes Sar Schalom über Ulm nach Mainz, wo es den ersten Pogromtoten unter ihnen gab; dann plötzlich nach Biois in Mittelfrankreich, allwo ein Jochanan ben Elieser, Enkel des Sar Schalom, „für die Heiligung des Namens" auf der Folter starb. Dessen Aeltester geriet in der Raschi- Stadt Troyes durch höhere Führung und Fügung unter die eiserne Walze eines Kreuzheeres. Mancher der Nachkommen wird als Eckpfeiler und als Leuchte des Gesetzes gepriesen. Sie domizilierten in Basel, Worms, Boppard, auch in südfranzösischen Gemeinden — besonders in Narbonne, und trieben aus brennender Hingabe Bibel, Talmud, Kabbala, Astrologie und Moralphilosophie. Ein mit zwölf Jahren gewaltsam getaufter Elieser ben Jehuda kehrte unter Kaiser Heinrich IV. zum Judentum zurück, wurde in dieser nicht ungefährlichen Situation gross in der Thora und widmete ihr heisseste Liebe Tag und Nacht. Abraham ben Eliahu, einer von den ganz Schlichten und Beseligten, von den deutschen Chassidim des Mittelalters, wurde mit seinem Weib Mirjam bat Josef und seinem jüngsten Kind Asriei auf einer Wanderung nach Palästina erschlagen. Ungefähr ein Jahrhundert später heiratete der Fremdling und Arzt aus Schwaben Jair Chajim ben Elieser das zierliche Mädchen Tirza, eine Tochter des grandiosen hebräischen Dichters und Magiers der schönen Form Immanuel Romano, dessen Geist auf Sommerhöhen wandelte und den man ob seiner buntfarbigen, extravaganten, verwegenen, befremdlichen Genialität viel bewundert und viel gescholten hat. Anlässlich einer frenetischen Judenschlächterei um die christliche Oster zeit zu Speyer, ward Chajim ben Towija, dessen auf der Talniudhochschule bewiesene, auf alles gefasste Weisheit man pries, mit 17 Jahren gewürdigt, in flammenden Gewändern aufzusteigen in den Schatten des Allmächtigen. Sein Brüderchen Moschele wurde als Säugling gemordet „mit mehreren Tausend unschuldigen Seelen in

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