Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 1 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 39)
- Language
- German
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-hat sich vervielfacht. Dem. vielbesprochenen, in gesetzestreuen Kreisen übrigens nicht ganz zutreffenden, zahlen- - massigen „Untergang des deutschen Juden" ist qualitativ,- -d. Ii. in Bezug auf den Kenntnis reich tum und die Treue zum Gesetz eine „Wiedergeburt" entgegengetreten. " Und trotzdem "Krise auch hier! Wirtschaftlich hat sie den gesetzestreuen Teil der deutschen Juden so stark betroffen wie alle anderen. Die Zahl der Betriebe und Geschäfte, die am S chab b o s und den jüdischen Feiertagen Arbeitsruhe halten, ist geringer, die -Zahl der in ihnen Beschäftigten ist kleiner geworden. St eilen Vermittlungen wissen von der Schwierigkeit, gesetzestreue Angestellte .unterzubringen; die Not der Zeit droht, manchen gegen sein Gewissen und seine Ueberzeugung vom Wege des Gesetzes abzubringen. Die Verelendung hat viele gezwungen, sich g e Seilschaft- ■ Iicii umzustellen. Wer gestern nocli 'gab, anuss heute oft nehmen. Auf einem niedrigen Lebensstandard igesetzestreu zu leben, ist sehr schwierig, aber nicht unmöglich. In einer Beziehung haben jedoch die Xrisenzeiten es dem Gesetzestreuen leichter gemacht. Bis in die Vorkriegszeit hinein bedrohten na t u r philo s ophische Probleme und ihre Lösungen (Häckels Welträtsel), b i b e 1 - kritische uind hi s t o r i s c h e Untersuchungen (Graf- Welhausensdie Theorie, Bibel und Babel) die Grundlagen jüdischer Weltanschauung. Die Ueberschätzung wissenschaftlicher Untersuchungen und ihrer Ergebnisse ist an krisenhafter Zuspitzung von einer -Relativierung alles früher so „Gesicherten" abgelöst worden. 'Mit-der Wiedereinkehr der Erkenntnis von der Subjektivität wissenschaftlicher Arbeit wurde der Boden bereitet, auf dem auch der Religion wieder Lebeüaberechtigung zugesprochen werden konnte. Jene Kluft zwischen Wissenschaft und Judentum .gibt es heute für diese Jugend nicht mehr. Die bisherige Darstellung versuchte Kenntnis und Verständnis zu vermitteln von dem (im besonderen Wortsinn) g e - s e tz es t r e u en Teil der jüdischen Jugend, der durch die Exklusivität seiner bündischen Organisation, des „Esra", und der gemeindepolitischen Einstellung, weiten Kreisen, auch Jugendlichen, in der Gemeinde unbekannt ist. Man ist eher geneigt, von einer religiösen iKrise des Judentums zu sprechen, wenn man die konser v a t i v e J ugend im Auge hat.. Die Bindung an das Judentum entstammt häuiig dem Elternhaus, wo man Vater und Mutter Gebräuche üben sah, die man übernahm aus Pietät oder Tradition, aus einem mehr gefühlsmässigen Bereich, zu dem eine innere Beziehung meist nicht bewusst hengestellt wurde; oder gar aus einem nicht genug zu verdammenden Zwang. Konservative dieser Art gibt es in fast allen Bünden, und sie sind es auch, die das Heer der Indifferenten täglich vergrössern. ihr Judentum in ein lebendiges, innerlich verankertes überzuleiten, das ist eine von den grossen Aufgaben unserer Zeit. Damit kommen wir auch zur Frage, was kann das Judentum, was können Führer, Bünde, Gemeinde zur U e b e r w i n d u n g dieser Krise tun. Es gilt innerlich und ausser lieh zu erhalten, zu festigen und auszubauen; da der frühere Schwerpunkt der Erziehung, die Familie, aus wirtschaftlicher Unmöglichkeit, Zeitmangel oft auch tatsächlicher Unfähigkeit versagt, gilt es öffentliche und geheime M i t - erzieh er zum J u d e n t u m zu schaffen: Schulen, wirklich jüdische Schulen, Jeschiwoth, Bünde und Vereine, wo durch Uebermittlunig des Wissens, durch Eindringen in die Lehre des Judentums tiefe Kenntnis erreicht werden kann, durch "Schaffung eines g ut j üdischen Milieus das ganze jugendliche Leben von Judentum erfüllt wird. Es gilt, den von der Wirtschaftskrise am härtesten Getroffenen in verständnisvoller, sozialer Arbeit zu helfen, sie durch Stellenvermittlung und in jeder sonst geeigneten Weise in das Wirtschaftsleben einzufügen. Es gilt jede Art jugendlicher Betätigung, selbst Spiel und Sport, in Bahnen zu lenken, die jüdisch sind und beim Judentum erhalten, weil es uidits im Leben des jungen Juden geben darf, das ausserhalb der jüdisdien Sphäre liegend ihn in einen gefahrbringenden D u a 1 i s in u s treibt, an dem er zerbricht. . Nur andeutungsweise konnte hier von dem, was für die gesetzestreu-jüdische Jugend geschehen muss, gesprochen werden. Dass es Forderungen sind, die die gesamte jüdische Jugend heute erhebt, ist nur ein Zeichen dafür, dass trotz der Not der Zeit, trotz der Krise im Leben überall, der Zug zum Judentum eine gewisse einheitliche Basis gibt, auf der ein Zusammenarbeiten aller Teile der jüdischen Jugend möglich ist, unbeschadet der unberührbaren grundsätzlichen Einstellung des Einzelnen. Dr. Emst Freimann. Die Frage nach der „Religiosität" der heutigen Jugend bedarf zunächst der Klarstellung dieses recht wandelbaren . Begriffes. Idi möchte ihn vorerst so weit.als möglidi fassen und von der Religiosität als einem. v o n einer bestimmten Religioa; unabhängigen Gefühl - sprechen. Wenn audi der ungeheure Fortschritt von Technik und Wissenschaft ein Fallenlassen., der Religion in vielen Fällen zur Folge hat lind gar in betonter Ablehnung .gipfelt, so besteht, doch in jedem Jugendlichen die Empfindung für einen irgendwie gearteten kausalen Zusammenhang in allem Geschehen. Gerade die Kampfstellung der Jugend mit ihrem Streben nach Neuerungen beweist, dass ein Drang nadi menschheitsumfassenden Verbesserungen vorhanden ist, der sie veranlasst, sich zur Verwirklichung ihrer wie auch immer gearteten Ideale zu Gemeinschaften . zusammenzuschließen. Fast möchte ich sagen, dass jeder Jugendverein die Verkörperung des Ideals einer neuen Religion darstellt, für die sich die Jugend mit ihrer ganzen Begeisterung einsetzt. Denn kann man nicht immer da von einem religiösen Empfinden sprechen, wo ein Weg .gesucht wird, der Menschheit zu helfen? Der begeisterungsfähige Idealismus zeugt für das Vorhandensein der Religiosität im Empf inden der jungen Menschen, und so darf man die Frage nach der Religiosität der Jugend ruhig bejahen, wenn man den Begriff weit genug fasst und selbst dort das religiöse Empfinden erkennt, wo bewusste Leugnung des Gottesbegriffes zur „Erlösung" der Menschheit angestrebt wird. Ganz anders zeigt sich natürlich das Bild, wenn wir diese Frage vom spezifisch jüdischen Standpunkt aus betrachten. Aus den oben genannten Gründen ist 'die Religion im Zeitalter der Masdiine selbst vielen Erwachsenen lebensfremd geworden; verdrängt von den näherliegenden persönlichen Nöten betrachtet man sie als „O p i u m für das V o 1 k" und steht ihr nur nodi indifferent, wenn nicht ablehnend gegenüber. Um wie viel mehr wächst sich diese Abneigung bei der Jugend zu einer Krisis der Religion aus, bei einer Jugend, die schon in ihrer Grundeinstellung alles Ueberkommene ablehnen zu müssen glaubt. Aufgabe aller Richtungen im Judentum, insbesondere aber des Liberalismus ist es daher, jene Indifferenz, die eine ernste Gefahr für den Fortbestand des Judentums darstellt, zu bekämpfen und ihrer Ausbreitung entgegenzuwirken. Die Bekämpfung d e s Indi f f e r enti s mus ist dort, wo er bereits festen Boden gefasst hat, ungeheuer schwierig, wenn nicht aussichtslos, denn es ist ja kaum möglich, religiöse Fragen an Menschen heranzutragen, die eine Beschäf- Religiosität? tigung mit solchen von vornherein bewusst ablehnen. Sind wir uns dieser Begrenzung unserer Wirkungsmöglichkeit bewusst, dann können wir umsomehr im zweiten Punkt, der Bekämpfung weiterer Ausbreitung, leisten. Es gilt, der mit ihrer religiösen Einstellung ringenden Jugend, die den Ausgleich zwischen religiösem Empfinden und Wirklichkeit sucht oder wenigstens hierfür zu interessieren ist, zu beweisen, dass unsere Religipn nicht lebensfremd ist. Es gilt zu beweisen, dass wir liberalen Juden unsere Auffassung von der 'Religion im täglichen Leben verwirklichen und sie somit lebensnah zu erhalten vermögen. Natürlich ist es für den liberalen Juden, der sich nicht an überkommene Formen gebunden fühlt, die bis in das Kleinste gehend seine Verbundenheit mit der Religion gesetzlich regeln, ungleich schwieriger, diese Lebensnähe zu verwirklichen, als für den Konservativen. Der Liberale muss sich selbst in jedem einzelnen Falle individuell mit seiner religiösen Einstellung auseinandersetzen. Somit kann es für ihn kein allgemein gültiges Rezept geben, denn der Liberalismus will diese persönliche Auseinandersetzung und hierdurch die klare Erkenntnis der religiösen Einstellung, während ja neue verbindliche Formen, für den Einzelnen festgelegt, neue Fesseln wären. Die bekannten „Richtlinien" und die jetzt in deutsdi erschienenen „Outlines" von Claude Montefiore können und sollen nur einen losen Rahmen bilden, die Festlegung des dogmatisch Wesentlichen, aber sie sind noch keine lebendige Verwirklichung f ür den Einzelnen^ dem es überlassen bleibt, neben den allgemein ethischen Grundsätzen jüdisch zu leben und zu erleben. Jüdisch leben? Kann dies etwas Besonderes, über das allgemein Ethische Hinausgehendes sein, wenn man die Bräuche nicht beachtet? Gibt es ausser diesem noch ein spezifisch jüdisches Leben? Die Eigenart der jüdischen Entwicklung und die einzigartige Stellung innerhalb der Weltgeschichte lässt die geistige Aufgabe, durch alle Zeiten Träger der monotheistischen Idee und ihr Verbreiter zu sein, unschwer erkennen. Wenn man sich diese Sonderstellung vor Augen hält, so wird man begreifen, dass die Einheit allen Geschehens jede Tat, jedes Wirken im Kleinsten mit der Gesamtheit allen Weltgeschehens verbindet: Ein Gott — eine Menschheit. Eine Menschheit — gibt die Erkenntnis dieses grossen Gedankens nicht zugleich' auch die Antwort auf nahezu alle Fragen der Gegenwart? Ist dies nicht die Lösung des Sozialismus, Pazifismus, im engeren Kreis die Antwort auf den Sinn aller Arbeit und im engsten persönlichen Verhalten die selbstverständliche Art des