Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 1 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
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Verkelirs zwischen Mensch und Mensdi, die Achtung vor jedem Anderen und seinen. Anschauungen? Wer sich zu soldiem Monotheismus durchgerungen hat, der wird auch in seinem alltäglichen Tun und Lassen, durchdrungen von solchem Geiste, jüdisch zu leben verstehen. . J ü d i s c h erleb e n? Neben den -hohen Feiertagen, die ja auch der liberale Jude begeht und in ihrer Erhabenheit wahrhaft religiös zu erleben versteht, die aber doch nur relativ wenige Tage im Jahr ausmädieni bringt religiöses Erleben in seiner ganzen Tiefe, die G e'm einscliaft. Es ist die vornehmste «und wichtigste Aufgabe der Gemeinschaft, das J ude-sein erleben zu lassen, sei es, indem sie uns . jene hohen Gedanken unserer Reügion vermittelt, die in der Religionsstunde bei dem allzu jugendlichen Alter der Schüler noch nicht fassbar sind, sei es, indem sie sich mit den jüdischen .Fragen der Gegenwart auseinandersetzt, sei es in der direkten Form der Weihestunden und gemeinsamen Feier der Feste. Sie hat im . gemeinsamen Erleben dem Einzelnen zu zeigen, wie er auch dort jüdisch leben kann, wo sie keine Regebi mehr aufzustellen vermag-und die Form seiner Persönlichkeit überlassen muss, will sie nicht die Grenze überschreiten, die der liberalen Auffassung der Religionsausübung gezogen ist. Die Gemeinschaft selbst bedarf natürlich der Formen, wie sie jede Gemeinschaft, gleich welcher Art, zu ihrer Erhaltung benötigt. Aber audi diese sind lebensnah zu gestal- Bewährung des Die Schrifileitung von „Jugend und Gemeinde" bittet mich, zu sagen, wie sich mein Liberalismus in meinem A11 - tag sieben bewährt; ob ""das Erhobensein, das midi aus dem Indifferentismus einst dem Liberalismus zugeführt hat, Bestand hatte über die Weihestunden einzelner religiöser Erlebnisse hinaus. Es ist nicht ganz leicht, Dinge formulierend zu fixieren, die man in sich selbst noch im Fluss spürt. Es hat eine Zeit gegeben, in der ich glaubte, das Judentum in seiner grandiosen Ethik ersdiliesse sich mir, forme mein Weltbild, bestimme mein Handeln, ohne dass ich aber unermüdlich zu „lernen" brauche, und vor allem: ohne dass.idi jedes Ge- - bot, jede Weisung als für mich verpflichtend anzuerkennen brauche. Heute weiss ich, dass idi damals geirrt habe. Das s ub j ekti ve E r 1 eb ni s d e s R e 1 i g iö s en schlecht-::.. hin, das jeder nach der eigenen und der Welt Vollkommenheit Strebende empfängt, ist noch nicht gleichzusetzen mit „jüdischer" Religiosität, auch dann nicht, wenn jüdische Atmosphäre dies religiöse. Erlebnis auszulösen vermochte. Das Bekennen zu einer Religion erfordert mehr als pietätvolles Ergriffensein, bedeutet mehr als zu glauben, man. wisse, welches die letzten sittlichen Gebote seien, die Linter der Religion stehen. Es bedeutet, dass man sidi (allerdings bewusst .und freiwillig, nicht gedankenlos übernehmend) dem kultischen Zwang unterwirft und unermüdlich lernt,, denn sonst kommt eines Tages die Entdeckung, dass das, was man'in sich als eigengestalteten jü- Beispiele jüdischer Die jüdische Gemeinde Köln besitzt seit zwei Jahren ein Jugendheim. Vor der Errichtung des Heims hat die Gemeinde im wesentlichen nur die Sportbünde unterstützt, die meisten übrigen Bünde waren sehr sdilecht untergebracht und hatten keinerlei Fühlung untereinander und zur Gemeinde, sodass von einer Jugendarbeit in der Gemeinde kaum gesprochen werden konnte. Seit 1926 hatten sich die Bünde zunächst zu einer Arbeits-Gemeinschaft für soziale Arbeit in der Gemeinde zusammengefunden, aus dieser Arbeits-Gemeinschaft erwuchs eine gemeinsame Vertretung sämtlicher Bünde nach aussen. In dem neugesdiaffenen Jugendamt war im Vorstand ein Vertreter der Bünde, und Jugendamt und Arbeitsgemeinschaft vertraten nachdrücklichst der Gemeinde gegenüber den Standpunkt, dass die Schaffung eines Jugendheims unbedingt notwendig sei. Diese Aktion hatte Erfolg, und die Gemeinde kaufte mit Unterstützung der Regierung und der Stadt ein im Zentrum der Stadt gelegenes Patrizier^Haus mit 15 sdiönen, zum Teil recht grossen Räumen und einem Garten. Die RM. 106.550.—, die der Erwerb und der Ausbau des Hauses kosteten, wurden mit 25.000.— von der Gemeinde, mit 8000.— von der Regierung, mit 8000.— von privaten Spendern aufgebradit, während der Rest teils -als Anleihe der Stadt, teils als Hypothek stellen blieb. Das Jugendheim wurde von der Gemeinde in grosszügigster Weise ausgestattet, und bei seiner Errichtung konnte jedem Bund ein eigenes Zimmer zur Verfügung gestellt werden, dessen Einrichtung von der Gemeinde geliefert wurde. Ausserdem wurden ein geräumiger Lesesaal und ein Klubzimmer eingerichtet. Im Lesesaal sind ausser den bedeutendsten jüdisdien Zeitungen und Zeitschriften aller Richtungen auch ten. Diese Forderung verlangt nidit — etwa aus Bequemlichkeit — die unbedingte Abschaffung der alten Formen, sondern . lediglich ihre Anpassung an die Sitten und Bräu die unserer Zeit. und Zone.. Denn nur, wenn sie vernunftmässig und in ■ ästherisdier .Hinsicht unseren Anschauungen entspredien, können die "Formen die Religion vor Lebensfremdheit und Erstarrung bewahren. Nur wenn die Gemeinsdiaft ihre religiöse" Betätigung lebensnah und ansprechend zu gestalten versteht, kann sie den religiös empfindenden Mens dien erfassen und ihn auf den.Weg weisen, den er als Jiberaler Jude in seinem Leben zu gehen hat. Gelingt-es der Gemeinschaft,.,der Jugend : die hohen und edlen Gedanken unserer Religion nahe zu bringen, gibt isie ihr Einsidit in das für die damalige Zeit un- : vergleichlidie sittlidie Empfinden unserer „Väter" mit ihrer sozialen Liebe und Gleichstellung aller Menschen unter . einem Gott, legt sie ihr die Auserwähltheit der Juden als Träger und Verbreiter solcher Gedanken durch die Jahrtau-;-/ sende klar und lässt; sie ihn die ungeheuere Aufgabe für jeden Einzelnen als Glied dieser unübersehbaren Reihe, hinführend von erster sittlicher Regung bis zur .Krönung in messianisdier Zeit,, erkennen, dann hat sie ihre Aufgabe erfüllt,; dann mag" sie es dem Einzelnen überlassen, nunmehr individuell sein Leben jüdisch zu gestalten. Arthur . Astheimer. Liberalismus! disdien Liberalismus wähnte, nichts ist als atmosphärisch gefärbte „Religiosität" schlechthin. Dann kommen die zwei grossen, alles" Bisherige in die Brüdie sdilagenden Zweifel: bedarf es überhaupt einer k o nie s s i o n e 11 e n Religiosität, um den Willen zu ethi- : sdiem Leben und Handeln, der uns Impuls gibt, zu begrüni , den, da doch alle religiös geriditeten Wesen der Welt, Juden, Christen, Buddhisten, selbst Freireligiöse,.dem gleichen . Ziel (wir nennen es unseren Messianismus) zustreben? Und wenn ja: warum ist diese uns bindende Konfession dann - das Judentum? Tun wir nicht etwa dem Hinduismus im- / recht, wenn wir uns — wie.mit Scheuklappen vor den Augen — dem Judentum zuwenden? Kennen wir — ehrlich! — das.Christentumi den Buddhismus, den Islam, auf deren Ko_-. sten wir uns jüdisdi verpfliditet fühlen?; _ - Wenn man ernsthaft um seine " Klarheit ringt, ist es-, sdiwer, die Antwort zu finden. Eines aber glaube ich zu - wissen: das vorherrsdiend „Atmosphärische", fast möchte ich ketzerisdi sagen „Deutelnde" unseres Liberalismus- .gibt kaum das nötige Rüstzeug, diese Kämpfe zugunsten des Judentums .zu bestehen. Es genügt nicht, sich jüdisch-bündisch zusammenzusdiliessen aus einem fast nur instinkt- 7 massigen Zusammengehördgkeitsgefühl heraus, sondern man muss mit tausendmal stärkerer Intensität als bisher und ian : Bewusstsein der Tragweite seines Arßeitens in die K e n n t - . nis des letzten Jüdisdien, des v e r p-f 1 ic h t en d e n, im überkommenen Kult gebundenen Judentums eindringen. Edi.th Falk; Jugendpolitik (2. Köm) Tageszeitungen aller Art und Jugendzeitschriften vorhanden. . Im ersten Stock ist ein grosser Vortragssaal, der jedem Bunde nach Bedarf zur Verfügung steht, ferner sind-nodi - zwei Reserve-Zimmer vorhanden für solche Bünde, die "seltener zusammenkommen. Im K 1 u b.z i m m e r befinden sidi von Privaten gestiftete Spiele, hier ist auch Gelegenheit zum Radio-Hören. Die Hoffnungen, die man an die Erriditung des Jugendheims geknüpft hatte, haben sidi durchaus erfüllt. Die Jugend hat enge Beziehung zur Gemeinde, sie ist stärker untereinander verknüpft, was sidi in gelegentHchen gemeinsamen Aktionen schon heute zeigt. Zur Zeit befinden sich im Heime 11 Bünde mit ca. 1200 Mitgliedern, wovon ca. 900 unter 21 Jahre sind. Ausserdem ist im Heim eine J u ge nd p f 1 e ge - G r u p p e eingerichtet, die 31 14—17jährige durdi das. Milieu gefährdete junge Menschen umfasst und in der Vertreter der Bünde weiterarbeiten. Das : Heim wird geleitet von einer von der Gemeinde ernannten J u gendhei m k o m mi ssi o n von H Mitgliedern, von -; denen 3 durch die Bünde ernannt werden. Das Lehrhaus hat für die .Jugendlichen einen besonderen Gesdiiditskursus -und" - hebräische Sprachkurse gesdiaffen', an denen fast alle Bünde beteiligt sind. In neuester Zeit hat die Gemeinde sich der erwerbslosen Jugendlichen angenommen, für die. Kurse in allen möglichen Gebieten im Jugendheim gegeben werden. - . - < Die Bünde zahlen im Heim keine Miete, sodass die Gemeinde ganz allein die Kosten für das Haus, die im Etat mit RM. 7520.— eingesetzt sind, zu tragen hat. Es ist verstand- . lidi, "dass dadurch keine weiteren gekllidien Zuschüsse an die Bünde gegeben werden können. Levy W o Ii f. Schluss der Beilage. — Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M. /D rr-/