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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-09-01 · 1 (9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
1 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
[Seite] (sequence 38)
Language
German
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Sie wird, wie jede: eine K u 11 ü t eigen e r A r t und muss notwendig die Fortsetzung der jüdisdieh' Gesdiidite ■' **\r , ' . V,- Y rVyJ.:m^jMimM^ Wenn es wahr ist, dass .Religion eine ewige und unver- : rüdebare FunMion der jüdisdien Volkskultur ist, so wird die ' Wirksamkeit einer immanenten Kraft von niemand künstlidi verlündert werden können. Wem die Ueberzeugtlieit von der Richtigkeit dieses Gedankens Trost und die Möglidikeit gibt, mit diesen sogenannten Atheisten zu.arbeiten, der wird nidit versuchen,-. sidi umgekehrt künstlidieiner unaufhaltsamen Entwidmung :entgegenzusteminen. Er hat auch nidit das Bedürfnis dazu. Eiwird sie im "Gegenteil triumphierend vom Standpunkt seiner Gewissheit aus. so beg'rüssen, wie; dei' relir " giöse Jude Hermann Cohen Karl Marx und der 'jerusalemer Rabbi Kuk die Chaluziin begrüsste, als ' „Boten Gottes in der Geschichte", eine Formulierung, gegen die wir im Sinne jenes gehitivus pbjectivus nidits einzuwendeir haben. .1 . ' „ Dr. Hans P omer an z. ■ Ein Gespenst geht <um unter den Juden Europas -- das Gespenst der „roten Assimilation'*. Alle Mädite des Judentums haben sich gegen -das Gespenst verbündet, alle Parteien, Riditungen und Weltanschauungen. Wer daher, als Jude und Marxist," Stellung nehmen will zur Krise der Religion, der wirdsich mit der roten Assimilation auseinandersetzen müssen. Zunächst der Tatbestand: Ein ausserordentlich gros-, ser Teil der jüdischen Jugend ist heute areligiös. Gründe dafür sind das Vordringen "der exakten Wissenschaften, vor allem aber *iudidas unsägliche Elend -um sie herum, die Auffassung, dass "es sidi bei der kapitalistisdien Gesellsdiaft ■ um . ein System der Anarchie und des inneren: Widersinns handelt, das jeder ethischen Fundierüng entbehrt. Legt der junge Mensdi an die Welt die Masstäbe an, die .ihmdie Religion als die allgemeingültigen gepriesen hat, so erkennt er: . es stimmt nicht! '' , Um diese mehr oder minder klare Erkenntnis in die Sphäre der Lebeiisgestältuiig zu heben, inusste als Weiteres -eine -völlig .neue. seelische Grundhaltung hinzukommen. Für die jungen Menschen, von denen hier die Rede ist, ist d e r . Men s eh in seiner Leibhaftigkeit der. M i 11e 1 p unkt, ihm in seiner grossen Masse bessere Lebensbedingungen zu schaffen, ist ihr Ziel. Dabei sind sie allerdings sieher, durch eben diesen hohen Lebensstandard erst die. Möglidikeit - zur Verwirklichung e t Iii s eher F o r d e r u ng e n zu schaffen. Als soldie: aber erscheinen ihnen nicht Demut und Untertänigkeit, sondern der edle Stolz, den das Bewusstsein von der Mensdienwürde gibt. Ein eigenthdi materieller Unterbau dieser Anschauung besteht für den speziellen Menschenkreis der jüdischen Jugend nidit. Vielmehr ist dieses stolze und bejahende Weltgefühl, weil man sidi zum Proletariat hingezogen fühlt, von diesem meistens einfach übernommen. Um die Situation der heutigen jüdischen Jugend etwas -klarer darstellen zu können, sei hier in Kürze ein Vergleich mit der Generation der französis chen Revolution gezogen. Denn gerade <üe rote Assimilation findet in dieser Zeit eine erstaunliche Parallele, wenn auch die politischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen sich grundlegend geändert haben. Es ist kein Zufall, dass die Kinder Moses Mendelssohns sidi taufen Ii essen: denn sie waren damit Expönen- - teh ihrer ganzen Generation, die für das Judentum unmittelbar verloren ging. Mittelbar aber kamen diese Kräfte dem Judentum hundertfädi wieder zu Gute. Waren dodi diese ■Menschen es, die im Befreiungskampf der Menschheit als tapfere Soldaten kämpften; indem sie halfen, den Sieg des Bürgeriunis herbeizuführen, haben sie die damit notwendig gegebene Gleichberechtigung der Juden errungen.-Ihre Saat wurde ausserhalb des. Judentums gesät, die Ernte wurde diesem zur Befreiung. Wie damals das Ghetto nidit gesprengt werden konnte, ehe nidit die bürgerlidie Gesellsdiaft die feudalistische besiegt hatte, so ist heute keine endgültige Lösung der Judenfrage möglich, ehe nidit die sozialistisdie GeseÜschaftsordnung die kapitahstisdie überwunden hat. Die jüdische Religion vermag, wie gesagt, den roten Assimilanten nicht mehr zu fesseln, und für die „nationale Heimstätte" sieht er nur zwei Möglichkeiten: Entweder Verhinderung des Palästihaaüfbaus durdi die kolonial-imperialistischen Interessen Englands, oder, wenn der Zionismus erfolgreich wäre, eine nationalistisch-koloniale, aktiv ausbeutende Politik der Juden. Ausschlaggebend ist jedoch die Tatsache, Rote Assimilation dass auch heute noch; die überwiegende Mehrheit der Juden; wenigstens in .Deutschland, iir?völlig unproduktiven Berufen steht. Denn es ist -natürlidi nicht das Ziel," das Judentum in seiner beu t i gen Form, d. h. als religiöse : Körperschaft. oder als nationalistischen Religionsersatz zu konservieren, sondern sie wollen nur die Judenheit als blütmassig und . kulturell bedingte' Gemeinschaft erhalten. -Dazu aber ist eine soziologisdie Umschichtung notwendig, die .die jüdische- Gemeinschaft erst lebensfällig mächen könnte und die imkapitalistisdien System nidit möglich ist., Denn hier macht es erfahrungsgemass den Mittelstand nur brotlos, ohne ihn in produktive/Berufe (und d. h. vor allem auch als Lohnarbeiter) einzuordnen. \ . .>_• Aus diesen Voraussetzungen ergibt sidi für den jüdischen Marxisten als wichtigsteFrage die folgende: Ist es möglich; die G e m e i n d e als Verwirklichung der Einheit des Judentums, im oben ausgeführten Sinn, in eine weder religiöse noch natiönalistisdie Ye^treterin der Judenheit umzuwandeln, öder ist die heutige Gemeinde, weil unveränderlich, dem Untergang; Verfallen? An diesem Punkt scheiden sich die Geister; und" es sind zwei Riditungen zu untersdieiden. Die Einen glauben in der Gemeinde so fruchtbare und revolutionierende Arbeit leisten zu können, dass; die auch nach ihrer Ansicht notwendige Umwandlung gewährleistet ist. Die. Anderen sehen überhaupt keine Möglidikeit mehr, innerhalb des Judentums Positives zu leisten. Wie stellen sidi nun diese Letzteren ihre und des Jaiden- . tums Zukunf t vor? Nun, sie glauben, dass der Kampf "für den Sozialismus in .Bälde für "die jüdische; Arbeit einen äusJ .serordentlichen \ Ausfall. bringen wird. Deshalb ist es nötig, in der jüdischen vJugend heute das j ü d i s-c Ii e Be wusstsein so zu stärken, dass das Judentum und diese Generar tion selbst den Uebergang z«uhi Sozialismus trotz dieses starken Kräfteverlustes ertragen kann. Diese Erwägungen 'allein halten heute noch die 'grosse Zahl der roten Assünilänten in der jüdisdien Jugendarbeit. Als höhere — und Lebensaufgabe aber betrachten sie es, mit allen ihren Kräften für den S o - zialismus .zu kämpfen. Sie stellen für den Äugenblick ihre jüdischen Sonderinteressen in den Hintergrund; um. ganz aufzugehen im allgemeinen Interesse. Wenn ihnen auch die heutige Situation nicht erlaubt, unmittelbar am Neuaufbau des Judentums zu arbeiten, so wollen sie dodi Wenigstens den Boden und die Grundlage bereiten helfen, von wo aus ein Aufstieg der Judenheit und auch eines neuen J ud entums. einsetzen kann. . . ■ ~■ Diejenigen Juden aber, die sich erhaben "fühlen über die „roten Assimilanten', wollen sidi bitte über dies klar werden: die jungen jüdisdien Menschen, die sieh ganz einzureihen versuchen in die Klassenfront des Proletariats, sind der festen Ueberzeugung, mit dem Kampf für eleu Sozialismus zugleich den Kampf für die Zukunft des Judentums zu führen. Denn das Ziel (und auch die Praxis) des Sozialismus ist ja/nicht „öde Gleidimadierei", sondern das gleichgeordnete Neben- und Miteinander freier Eigenarten. Und" erst in diesem Kreis wird das Erbe im Blut und in der Seele des Judentums,, an das der „rote Assimilant" so gut glaubt, wie nur irgend ein anderer Jude, und von dem er ebenso durchdrungen ist, einen würdigen Platz finden. Kurt Jonas. Die Krise, die wir als Folge der Kriegs- und Nadikriegszeit durchleben, hat die Einstellung der gesetzestreu jüdischen Jugend zum Judentum nur in äusserlidien Dingen verändern können. Es ist eine dreifache Krise: eine wirtschaftlidie, eine gesellsdiaftlidie, eine kulturelle Krise. Ist .das Jude n t«m durch sie berührt oder ersdiüttert worden? Judentum ist für den Gesetzestreuen nicht Konfession allein, also Bekenntnis, es ist nidit Religion allein, also Bindung, es ist in . die Tat umgesetzte Welt-, also L e b e n s a n s c h a u u n g. An der Ueberzeugung, dass das offenbarte und überlieferte Gesetz der mündlidien und ' sdiriftlicben Lehre objektiv Wahres, ja das einzig Wahre 'darstellt, kann kein äusserer Umstand etwas ändern. Die Durchführung der Vorsdiriften und ihre . unbedingte. Verbindlichkeit steht heute so fest, wie in all den Jahrhunderten jüdischer Gesdiidite, in denen Juden viel Sdilim- -meres erfahren haben als das, was uns heute unerträglich Krise und gesetzestreue/Jugend ersdieint. Von einer Krise des Judentums, der jüdischen Religion zu sprechen, geht also für den Gesetzestreüen nicht an. Was sich aber gegenüber früheren Generationen geändert hat, ist die B e z i e:h u n g der gesetzestreu-jüdischen Jugend zum Judentum. Gesetzestreu sein, verpfliditet heute nidit zu medianisdiem Tun, zu gedankenlosem Unterlassen, es erfordert vor allem ein intensives Eindringen in den Bezirk der jüdisdien Lehre, wo es durch die Grösse des Stoffes kein Ende igibt. Für eine Jugend, die Ideale, unerreichbare Ziele bat, ist das Sidiversenken indas „Meer des Talmuds" und der rabbinisdien Literatur kein pfliditgeimässes Handeln nur, sondern sidi steigernde Sehnsucht nadi Erfülltsein mit Jüdischem. ■ Die Zahl derer, die in den letzten Jahren sich an rabbinisdien Lehranstalten (Jeschiwoth) ausschliesslich und in der Freizeit neben -Schule oder Beruf mit Freude und .unter Opfern dem Studium der jüdisdien Lehre hingegeben haben,

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