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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-09-01 · 1 (9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
1 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
[Seite] (sequence 37)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 3 SEPTEMBER 1931 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleilung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Ver- - antworlung. — Beiträge für die Beilage, und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten. Religiöse Not! - Not der Religion! Mit besonderer Absicht widmen wir die Feiertagsnummer von „Jugend und Gemeinde" der religiösen Frage. Ob es sich bei dieser Frage um die religiöse Not einzelner Menschen, sogar vieler einzelner Menschen handelt, oder ob die Religion selbst sich in Not befindet — mit anderen Worten, ob es sich um ein Problem handelt, das nur die Individuen angeht und daher individuell, betrachtet und behandelt werden muss, oder, ob es sich um eine Nötlage der Gesamtheit handelt, für die auch nur kollektive Massnahmen in Frage kommen: das ist für Gegenwart und Zukunft des .deutschen Judentums von entscheidender Bedeutung. Wir hielten es für richtig, die Frage von verschiedenen Richtungen her anzugehen; die Beiträge sind als persönliche Meinungsäusserungen zu werten. — Wir wünschen unseren Lesern besinnliche Feiertage. Die Schriftleitung. Gewandelte Religion In einer kritischen Auseinandersetzung mit dein Zionismus ist einmal von .gesetzestreuer Seite ein interessanter Gedanke geäussert worden: .Der Zionismus erkennt zwar den ßeg r i f 1" des Volkes Gottes an, aber er macht unmerklich aus dem genitivus subjectivus einen genitivus objectivus. Das heisst: In dem einen Fall existiert Gott, dessen Schöpfung und dessen Werkzeug das Volk ist, im andern dagegen existiert das Volk und die Existenz Gottes hängt von 9einem Wirken ab („Die Ver wirklichling Gottes durch den Menschen", - Buber): Die Unterscheidung ist nicht generell richtig, : sie kennzeichnet aber ausdrucksmässig meisterlich das Problem für einen weiten Teil der zionistischen. Bewegung. Allerdings scheint uns nicht nur der Zionismus von dieser Kritik, betroffen zu sein. Es ist bekannt, dass sich z. B. das religiös-liberale Judentum, vom .-Standort der Orthodoxie aus 'betrachtet, keiner positiveren 'Beurteilung erfreut. . Leugnung der Verbalinspiration, der unbedingten Göttlichkeit der Thora, des Schöpfungsberichts, der vollen Verbindlichkeit des Gesetzes in allen* Teilen, sind in der Tat keine Gründe, die den liberalen Flügel des heutigen Judentums in seiner religiösen Qualität, vom Standpunkt der echten Orthodoxie aus gesehen, als vollwertig erscheinen lassen könnten. Umso interessanter ist es, dass gerade aus diesem, in seinem religiösen Wert selbst in allen Punkten angezweifelten Kreise,, der Zionismus als „minderwertiger Religionsersatz" definiert wird (z. B. B. Jakob). In dem modernen, als areligiös geltenden Menschen ist eine" 'Entscheidung in -der Richtung konsequenter und unvolkstümlicher Ehrlichkeit vor sich gegangen. Er hat, bei aller . Abgrenzung-.gegenüber der Orthodoxie, ihr gegenüber das Gefühl völliger Klarheit. Er weiss, wohin der gesetzestreue Jude geht, wenn er in die Synagoge geht, und zu wem er im-Gebete spricht. Aber er weiss anderer-, seits nicht, warum auch eine individuelle menschlich-persön- . liehe ' G e f ü h Isireligion bestimmte fixierte Zeiten zu ihren gottesdienstlichen Aeusserungen benötigt, und er weiss . vor allen Dingen nicht, an wen sie eigentlich adressiert ist, nachdem der reale Gottesglaube des orthodoxen Juden bei ihm längst anderen Vorstellungen gewichen ist. Der moderne Jude, der sich dem j ü di s c h ei V o 1 k e zugehörig fühlt, hat zunächst mit dem Bekenntnis zum leiblichen Ich seiner Gemeinschaft eine Betrachtungsweise auf jüdische Zusammenhänge bewusst übertragen, die den Vorzug hat, in der Konjunktur religiöser Bewegungen unwandelbarer und stetiger zu sein als eine gef ühlsmässige Bindung. Er hat aus der Religion das im naiven Sinn Gläubige entfernt und es in einem verweltlichten Sinne neu geschaffen. Ist .der historische Determinismus der : materialistischen Geschichtsauffassung, d. Ii: die Begründung eines Wissens von der Gesetzlichkeit sozialen Geschehens, einer Sozial Wissenschaft also, gleich der Naturwissenschaft, eine merkwürdige Analogie der Lehre von der. göttlichen Vorsehung, in der Richtung verweltlichten Denkens (Max Adler), die weiten Teilen der Menschheit einen Glauben iii konkretem Sinne wiedergab, nämlich den Glauben an die Strükturwandlung einer fehlerhaften Welt in eine gerechtere, so hat die andere, jüdische Zukunftsidee die analoge Verwendung religiöser Denkmethode auf andere, ebenso umfassende Weise vollzogen. 'Eine klare Erkenntnis hängt mit dieser Wandlung zusammen. Die Erfahrung, für die der kluge Teil jeder religiösen Richtung empfänglich sein sollte, dass die Variat i-o n der r e I i g i ö s e n V o r s t e 11 u n ig en.bereits heute in uhserni Volke derart gross ist, dass es nicht mehr zulässig ist, von einer Glaubensgemeinschaft dieser Typen zu sprechen. -Es ist klare Erkenntnis, dass der Volksgedanke innerhalb dieser Vielgestaltigkeit, der einzige, der bindende und treffende Generalnenner ist: Die Zugehörigkeit zum. jüdischen Volke ist für alle richtig, wie verschieden auch die Variation der Typen sein mag. Mit dieser Erkenntnis, dass die Religion nicht ausreicht, um die gesamten Lebensäusserungen eines yolklichen Organismus zu fassen, also auch nicht zur vollen Wesensbeschreibung heutigen Judentums allein geeignet sein kann, ist die Säkularisierung als Ereignis .der jüdischen Geschichte bereits anerkannt. Die Idee dieses neuen Judentums, das die Kontinuierlichkeit seiner .Geschichte wieder aufnimmt, und an der Entwicklung der modernen Welt aktiven Anteil hat, hat ungeahnte Kräfte in ihm geweckt. Wer erkannte, dass der ■ethische Impuls eines Mannes wie. KarL Marx aus seinem Judesein herrührte, wer verstand, wie dieser, aus einer freiheitshungrigen jüdischen Generation stammende Mensch den gleichen Drang einer anderen emanzipationsbedürftigen Schicht zu begreifen psychisch prädestiniert war, konnte die Tragik nicht übersehen, die darin begründet liegt, dass ein Volk seine grössten und schöpferischsten Söhne verliert und erst mit Hilfe der Tiefenpsychologie ihir verschüttetes Jude sein zu ermitteln genötigt ist. Karl Marx, der Sozialist, ist Lehrer auch für den sozialistischen Zionisten, Karl Marx der gewesene Jude, ist ein Indiz für die tragische Existenz des' jüdischen Volkes im Gallith. Die zionistische Jugend hat aus Beidem, der Biographie und der Lehre, gelernt. Sie folgte der Parole der Heimkehr und ging ins Volk; sie übernahm die Verwirklichung der Aufgabe, die sich dieses Volk in dieser Generation mit dem sozialen Aufbau Palästinas gestellt hat. ..Minderwertiger Religionsersatz", dass eine ehaluzische Jugend den Kultus der Arbeit, der Produktivität erfand, von Herzl die Idee der neuen Gesellschaft übernahm? Wohlbekannte Gedanken bilden ihren Lebensinhalt, die kein orthodoxer Rabbiner als areligiös bezeichnen kann: Der Boden als Eigentum des Volkes, die gegenseitige Hilfe, die Selbstarbeit, die Idee, der jüdischen Gesamtheit auf immer verhaftet und den freiheitlichen Menschen der ganzen Welt solidarisch verbunden zu sein. Kein Zweifel, dass die geschriebenen Dokumente des traditionellen Judentums für vieles ihre Autorenschaft geltend machen werden. Die Verweltlich u ni g des Denkens hat das heutige Judentum nicht etwa grundlegend verändert, aber doch seine Bahn geändert. Jawohl, durch diese Ideologie wird das jüdische Volk zu einem Volk „gleich" den andern Völkern gemacht. Diese Notwendigkeit ist tief begründet worden und einer der bedeutendsten Kritiker des Zionismus, Franz Rosenzweig, hat um dieser Ideologie willen von ihm als genialem Diagnostiker und schlechtem Therapeuten gesprochen. Ob der Zionismus ein schlechter Therapeut ist, wissen wir heute noch nicht, die Diagnose aber ist richtig; sie, ging von einer Analyse der Lage der- Juden in der Welt aus und erklärte die besondere Tragik jüdischen Schicksals aus einem Vergleich der Lebensform des jüdischen Volkes mit derjenigen normaler Völker. Sie gab auf diese Weise der Forderung der Normalisier u n g jüdischen Lebens ihren Sinn, zeigte warum sie notwendig ist und bewies, dass sie die Lage der Juden in der Welt grundlegend' verändern muss. Um die Gleichheit der Lebensga-undlage gesunder Völker handelt es sich. Die Welt ist aber, wie gerade wir wissen, eine arbeitsteilige. Gesellschaft, bei der der individuelle Kulturbeitrag deseinen Teiles den des anderen voraussetzt. Niemand sagt, dass die jüdische Kultur derjenigen eines anderen Volkes gleich sei.

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