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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-09-01 · 1 (9.1931) · p. Seite 11

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
1 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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tanzend wollen wir zu Ihm gehen! ... Die Seelen flammen. Die Wolken spalten sieh für uns, des Himmels Tore stehen weit offen. Jn die höchsten Himmel tauchen wir. Vor seinen Thron! Schon stehen wir vor Ihm, aber wir bitten nicht, wir flehen nicht, wir stolzen grossen Juden. Wir sagen Ihm: wir konnten nicht länger warten. Das Lied der Lieder wollen wir singen und singend und tanzend gehen" . . . So singt der Nachkomme, der aus der goldenen Kette, die von Baalschem herauffiihrt, hinausgefallen ist, in der Ekstase sein Lied der Kraft, die über seine Kräfte geht, das Lied seiner. Ahnen, die stärker iund grösser gewesen waren . . . Wir können nicht länger warten! Und dem klugen, wissenden Auge des Skeptikers und Mystikers Perez erschloss sich diese Welt. Diese AVeit voll Grauen vor dem Leben, vor all dem Rätselhaften und Zwecklosen, erfüllt ihn mit dem traurigen Wissen mm das Nichtsein alles Lebens. Gibt es Trostloseres, als dass es nur zwei gibt in dem kleinen Städtchen, die an den Messias glauben, der Narr und der Knabe, 'der .glauben möchte, dem es aber nur ein Kindertraum bleibt, den die Lebensklugheit zerstört? Da ist die Stadt, in der alle, die leben, eigentlich längst tot sind und doch gehen sie umher und handeln wie Lebende, da sind all die Typen am Rande des Lebens, vielleicht schon jenseits seiner, unheimliche Träumer einer anderen Welt, die in Perez' Erzählungen symbolisches Leben gewinnen. Und aus all diesem Wissen lebte in Perez eine Sehnsucht nach starkem, wahrem Leben, ihm schauderte vor all diesem Leben um ihn, das nicht gelebt wird, vor all diesen Leuten, die nicht zu sterben brauchen, weil sie nie gelebt haben. Hatte nicht die jüdische Welt um ihn etwas davon? Und in diese Welt des Leides und der Angst brachte Perez den süssen Trost der Ekstase, die sonnige Wärme der Begeisterung, den Feiertag 'der "Liebe. Er war ein Mensch, der den Frühling in sich trug. Aber es war kein Frühling, der singend und tanzend auf den Ruinen der Welt zu Thm stürmt. Es war ein Frühling, der den Herbst in sich fühlte, wusste, dass er aus Wintersnot stammte und in Laubblätterfall enden werde. Ein Mann, der auf der Scheide steht. Ist es nötig, zu isagen, dass Perez die Philosophie Bergsons liebte und in ihm den Nachkommen chassidiseher Ahnen erkannte, einen, der (gleich ihm Bruchstücke des Traumes seines Blutes stammelte? Der wissende Skeptiker, in dem die Glut der Mystik brennt. Und der alternde Dichter, der den Tod nahen fühlte, sass lange Tage über dem „Kohelct" und übersetzte ihn . . . Und bei dieser Arbeit, als seine Brüder litten wie noch nie nxnd die Welt einem Hause von Narren und Verbrechern glich wie noch nie, erreichte ihn der Tod. Chassidisches Vorbemerkung: Der Verfasser dieser Skizzen, Herr Ignatz Laufer, ist ein Urenkel des dtassidischen Rabbi Hersdi Eidienstein in Zydaczow. Der Rabbi pflegte zu fragen: „Womit hast Du heute Deinen Tag verbracht?" Wenn er die Antwort erhielt: „Ich habe gelernt und ich habe gebetet", pflegte er zu sagen: „Dies alles war für Gott und für Deine Seele, aber was hast Du für Deine Mitmenschen getan?" An einem Versöhnungstag Hess der Rabbi einen grossen Teil der Einschaltungen im Morgengebet ausfallen und hielt statt dessen eine Ansprache. Zum Text nahm er die Stelle aus dem Morgengebet „Tnrmer sei der Mensch gottesfiirchtig im Geheimen" und er erläuterte: Dieser Satz besteht aus zwei Teilen, „vor allem sollst Du Mensch sein" und „Deine Frömmigkeit trage nicht zur Schau". Dann sprach er über das Schriftwort „Die Männer von Sodom waren böse und sündhaft gegen den Herren gar sehr" und erläuterte, auch dieser Satz bestehe aus zwei Teilen: Das erste bedeute, dass die Sodoniiter gegen ihre Mitmenschen böse und sündhaft waren, das zweite, dass sie, wenn es sich um Gottesdienst handelte, sich stets sehr eifrig zeigten. Der Rabbi hatte ein sehr grosses Einkommen, gab aber restlos alles den Armen, für sich selbst begehrte er nichts und gönnte sich kaum das Essen. Eines Tages berichtete ihm jemand, dass einer der vom Rabbi unterstützten Juden häufig Zigarren rauche und Wein trinke. Der Rabbi dankte fiir die Mitteilung und erklärte, er müsse von jetzt ab die Unterstützung erhöhen, damit der Mann ruhig rauchen 'lind trinken könne. Ein Schüler pflegte dem Rabbi mit der Frage zuzusetzen, warum Gott auch solche Menschen am Leben lasse, die seine Gebote und Vorschriften nicht beobachten. Der Rabbi pflegte ausweichend zu antworten, aber als der Schüler herangewachsen war. erzählte er ihm folgende Geschichte: Tn einein Dorf lebte ein Mann in tiefster Armut, die Frau war krank, die Kinder hungerten. In seiner Verzweiflung wendete er sich an einen frommen und wohlhabenden Nachbarn, der ihn liebenswürdig empfing, sich alles genau erzählen Hess und dann den Armen mit den Worten wegschickte: ..Gehe getrost nach Hause, der liebe Gott wird Dir schon beistellen." Damit war aber dem Armen nicht geholfen, seine Lage wurde immer hoffnungsloser, und er entschloss sich schliesslich, zu einem andern Nachbarn zu gehen, der ebenfalls vermögend war, aber weder Sabbat noch Feiertage, noch irgend ein Gebot beobachtete. Dieser empfing den Armen mit aufgeregten Schimpfworten und schrie ihn an, er wolle nichts mit seinesgleichen zu tun haben, er habe seine eigenen Sorgen. Schliesslich warf er dem Armen 500 Gulden vor die Füsse und hiess ihn sein Haus verlassen. (Jeberglücklich kehrte der Arme nach Haus zurück, all seine Not war gestillt. Der Sohn des reichen Mannes, ein Arzt, fragte seinen Vater: „Vater, wenn Du schon mit diesem Menschen nichts zu tun haben willst und auf ihn schimpfst, dann brauchst Du ihm doch nicht 500 Gulden zu geben!" Die Antwort war: „Wenn ich ihm nicht helfe*, wer sonst soll ihm denn helfen?" * Ein wohlhabender Mann hatte seinem Sohn eine ausgezeichnete Erziehung zuteil werden lassen, verlor aber bald sein ganzes Vermögen und starb. Ein ebenfalls wohlhabender Verwandter nahm den verwaisten Knaben zu sich, sorgte väterlich für ihn und bestellte ihn zum Verwalter über seine Güter. Eines Tages Hess der Pflegevater ihn kommen und sagte: „Da es nicht sicher ist, dass meine Frau und meine Kinder nach meinem Tod Dich behalten werden, gebiehDir hier einen grossen Geldbetrag, damit Du Dich selbständig machen kannst." Der Pflegesohn entschloss sieh, nach Indien zu reisen, erlitt aber Schiffbruch und konnte sich nur mühsam auf eine Insel retten. Dort stiess er nach langem Wandern auf eine Menschenansammlung, die ausrief: ..Es lebe der König". Als der erstaunte Wanderer näher kam, wurde ihm bedeutet, dass die Zurufe und königlichen Ehren ihm zugedacht seien, er wurde in ein Sehloss geleitet und des Jubeins war kein Ende. Dem Fremdling erschien dies alles wie ein Traum. Eines Tages fragte er seinen Leibdiener, ob er ihm das merkwürdige Geschehnis erklären könne. Der Diener konnte ihm nur zur Antwort geben: „Selbst wenn es ein Traum wäre, sollst Du, o Köniu;, es hinnehmen". Den König konnte diese Antwort nicht befriedigen und er legte seine Frage einem der Grossen des Hofes vor. Dieser sagte ihm: „Seit unvordenklichen Jahren ist es bei uns Sitte, dass der König nur Aussergewöhnlich gross sind die Vorteile beim M3BELEINKAUF in unserem bekannten grossen Spezial-Haus NASSAUISCHI MOBE1INDUSTRIE Kaufhaus Frankfurt G. m. b. H. GROSSE FRIEDBERGERSTRASSE 13—17

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