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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-09-01 · 1 (9.1931) · p. Seite 9

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
1 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
Seite 9 (sequence 11)
Language
German
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Die interessanteste und — im besten Sinne — „modernste" musikalische Durchdringung hat die Melodie im ersten der „Drei Volkstänze" des jungen Moskauer Komponisten Alexander Weprik***) erfahren. Alle konventionellen Klänge sind abgestreift. Mit äusserster Oekonomie der Gestaltungsmittel ist grösste ausdrucksmässige und instrumentale Vielfalt erreicht. Aus denhalbverdeckten, unterirdisch pochenden Anfangstakten erhebt sich ein kraftvoller, knochiger, grotesker und ekstatischer Männertanz: der Gesang des jungen jüdischen Arbeiter-Pioniers — aber auch der des bewussten, fordernden, aktiven Proletariers. \\utä"i*m\\tsM, m jj *LA L=i= Besucht das SCHUMANNTHEATER Täglich abends 8.15 Uhr DIE GROSSE REVUE! Aehnlich wie dies volkstümliche, wirkungsvolle und vieldeutige jüdische Lied haben hauptsächlich Motive aus der europäischen S y n a g o g a 1 musi k und — in zweiter Linie — ostjüdische Volkslieder und Volkstänze (letztere vielfach chassidischen Ursprungs) auf das neuzeitliche Musikschaffen inspirativ gewirkt. So haben die verschiedenen Kaddischweisen viele mehr oder weniger freizügige Bearbeiter gefunden (Engel, Ravel, A. K r e i n , W e p r i k), während ausser den bereits erwähnten Komponisten auch Michael M i I n e r , Jakob Weinberg, J u l i u s z W o l f s o h n u nd von Neueren: Erich Walter Sternberg und Mario Ca stein u ovo Tedesco in ihren Werken den verschwenderischen Melodien- und Rhythmenreichtum ostjüdischer Lieder und Tänze in reichlichem Masse und meist in überaus charakteristischer und origineller Weise verarbeitet haben. Eine besondere Stellung zu diesem Problem hat der palästinensische Komponist' M o r d e c h a i Sandberg. Er ist zwar intensiv an der Erhaltung und Wiederbelebung orientalisch-jüdischer Musik interessiert, verlangt aber doch von einem produktiven Musiker, dass er selber Melodien erfinden und sich bei seiner künstlerischen Arbeit dem traditionellen „Stoff gegenüber nicht allzu rezeptiv verhalten solle. Sandberg selber verwendet kaum überlieferte Motive; ihm geht es mehr ,um den prinzipiellen Sinn der alten jüdisdien und orientalischen Melodik und um die religiösen Inhalte, die darin verborgen sind. Sandbergs Absicht ist es, eine Musik zu schreiben, die an Volkstümlichkeit den vertrauten Nigunim nicht nachtsteht. Trotzdem ist sein Werk von allen Werken moderner Autoren für den europäischen Hörer, der auf orientalische Musikproduktion und ihre eigenartigen Voraussetzungen nicht eingestellt ist, am schwierigsten zu begreifen. Sicher ist aber, dass wir es gerade hier mit einer höchst eigenwilligen schöpferischen Persönlichkeit zu tun haben, die uns das Wesen und die Problematik unserer Musik auf ganz , neue Weise betrachten gelehrt hat. Was nun das zukünftige Schaffen anlangt: bis jetzt sind es im Grunde nur sehr wenige Motive, die verwandt worden sind. Man hat gewisse Wendungen als charakteristisch jüdisch empfunden und sie immer wieder vorgebracht Es ist zu hoffen, dass bei ernsthafter Vertiefung in den vielseitigen Stoff eine Unzahl Melodien, Rhythmen und Formen entdeckt und für das Schaffen zukünftiger Generationen fruchtbar gemacht werden. Jizehak Löb Perez Von Dr. Hans Kohn Hinter all den Unterschieden von Rasse und Volk, von Partei und Klasse steht, sie alle überragend, der Mensch. Im grossen Künstler wächst er empor, so überragend wie Berggipfel, die über alle Niederungen alltäglicher Bestimmtheit sich brüderlich grüssen. Ewige Fragen, die gleichen in allen Jahrtausenden, unter allen Himmeln und an allen Küsten, bestürmen den Menschen, ewige Kämpfe toben in seinem Innern, bei jedem durch die Art seines Blutes, durch die Geschichte seiner Volksvergangenheit anders gebrochen, verschiedenartig getönt. Stimmen der Vergangenheit rufen in jedem, Väter und Mütter hinterliessen ihr Erbe, Glied in einer Kette ist er. Aber im .grossen gewinnt die Tragödie seines Lebens — und es gibt kein grosses Leben, das keine Tragödie wäre, über der nur die Grösse dieses Lebens als versöhnendes Lächeln schwebt —, die aus der Tradition seines Volkes hervorwächst, die Bedeutung einer allmenschlichen Tragödie, in welcher Sprache und in welchem Lebensrhythmus auch immer sie sich abgespielt hat. Der erste grosse Künstler in der ostjüdischen Literatur, von dem wir das sagen können, war Isaak Löb Perez. Eine zerklüftete und ringende Persönlichkeit von einer Weite, in der alles Individuelle nationale und darüber hinaus allmenschliche Bedeutung erhielt. Er hat als Künstler den engen Rahmen der ostjüdischen Volks- und der Jeschiwageist atmenden Haskalaliteratur gesprengt, er hat eine europäische o s t j ü d i s c h e Literatur in moderner Form .geschaffen, er hat, im Ghetto .und in der Haskala wurzelnd, beide überwunden. Perez war zutiefst Jude. Ihm wurzelte sein Volk nicht in Parteiprogrammen und Gegeuwartskämpfen, ihm schwebte ein grösseres, feiertägliches Judentum vor, im Vergleich zu dem alle Fragen der Politik des Heute nur nebensächlich waren. Er war sich der ungeheuren Vergangenheit bewusst, aus der er hervorwuchs, und Ungeheures forderte er. Das Alltägliche ward ihm fremd. Und doch war er selbst ein Kind des modernen Alltags mit klarem, eiskaltem Verstände, ein später Nachkomme der Haskala, ein Intellektueller, dem die innere Einfachheit und die ungebrochene Kraft des Gläubigen lange verloren ist. Aber er schuf sich einen Gott und.dieser Gott wurde ihm die Masse; dieser innerlich aristokratische, der Masse unverständliche, in einer völlig anderen Welt lebende Mensch wurde ein glühender Demokrat. In seinen Erzählungen leben die einfachen Leute des Volkes, die ganz Kleinen, denen sonst keiner die Stimme leiht, aber nicht als soziale Typen, sondern als psychische Individualitäten. So wie Perez hat keiner sonst sie zu schildern gewusst. Aber Perez lebte nicht mit dieser Masse, er sehnte sich nur nach ihr, in Wirklichkeit schwebte sie hoch über ihm wie die blaue Blume und auf seiner romantischen Reise nach ihr traf er auf den Chassidismus. Perez wurde sein Sänger. Die ganze warme, selige Atmosphäre der Stube des Zaddik, voll mit einfachen, gläubigen, erfüllten Menschen, in deren Innern das Feuer glüht und die von ihrem Zaddik erzählen, all das nahm ihn gefangen. Was ihn am Chassidismus zuerst fesselte, war sein „Demokratismus", seine Liebe zur Masse, zum Einfältigen, zum Am-ha-arez, dem mittellosen Menschen aus den einsamen Dörfern an den Karpathenhängen, der nichts hatte als die Natur und sein schlichtes Herz. Später sah er tiefer: ihn, der selber eine grosse, ringende Persönlichkeit war, entzückte die Bedeutung, die die Persönlichkeit im Chassidismus gewann: zum erstenmal fand er hier im Galuthjudentum überragende, vielseitig entfaltete Individualitäten, die das Herz der Masse erobert hatten und in ihr lebten und um die sich der Kranz duftender Legenden rang. Und sein in der Kälte des Intellekts und in dem resigniert-wehmütigen Wissen des klugen Skeptikers erstarrtes, sehnsuchtserfülltes Herz traf hier auf die Glut der Ekstase, das Feuer der Begeisterung und das Evangelium der Freude, der jeder Kleinmut und jeder Zweifel Sünde dünkten und die sich in seligem Vertrauen geborgen wussten in der Kette aller Dinge, worin sie Glied und Bruder waren. Da griff die Seele des gebrochenen, intellektuellen, zwiespältigen Europäers Perez, der ein Kind der Haskala gewesen war, nach dem vollen Becher der Mystik, der sich ihm darbot, und trank in durstigen Zügen daraus. Ihm aber wurde der Wein der Ekstase zum Sange. Aber über Dichter und Denker stand der Mensch. Und der erlebte im Kampfe vergangener Geschlechter seinen eigenen Kampf, fühlte „in ihren Träumen, Wünschen und Taten sein Ich mitlebend erleben. Da entstand seine Erzählung „Zw i sehen zwei Berge n". Das ist der Zusammenstoss zweier Weltanschauungen, beide in ihrer Art gross, beide durch Fürsten ihres Reiches dargestellt. Ein alter Melamed erzählt aus seinem Leben: von dem Gröss-

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