Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 1 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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.folgern zur Manier geworden. Aber bald ist ein freierer Atem zu spüren, die eigene Persönlichkeit der Dichter überwindet das Schema. Die arabische Poesie bringt Anregung, hauptsächlich das Metrum. Auf seiner Goldwage wurde wie ein köstliches Gut die Sprache gewogen. Die aufblühende grammatische Wissenschaft, die Kultur der verwandten arabischen Sprache hatte das Sprachgefühl geschärft. Die früheren Missbildungen Avurden vermieden. Freiheit in edlem Mass beherrschte die Poesie. In verhältnismässig kurzer Zeit war eine Kultur der hebräischen Dichtkunst erreicht, die Kalirs Piutim nodi nicht hatten ahnen lassen. Der ernste gedankenvolle G a b i r o 1 beginnt die Reihe dieser grossen Dichter. Ihm folgen Mose ibn Esra, Jehuda Halevi und Abraham ibn Esra, jeder eine klar umrissene Persönlichkeit. Jehuda Halevi ist der Grösste unter ihnen, mit einem Reichtum an Klang, Wärme, Anmut und Frömmigkeit, der nodi heut unsre Herzen unwiderstehlidi ergreift und ihn lieben lässt. Er gehört zu den zeitlosen Gestalten, deren persönlicher Reiz nicht abstirbt und. nicht vermodert, denen eine ewige Jugend anhaftet. Diese Männer hatten den Zauberstab, der die Sprache zum Klingen brachte. Sie war lebendig geworden. Ohne Anstoss, ohne Schwierigkeit konnte sie alles sagen, so wundervoll selbstverständlich wie ein Naturlaut, — machtvolj wie der Donner, geheimnisvoll wie das Meeresrauschen, süss wie Vogelsang. Und wie die Dichter in der Sprache zum Natürlichen zurückkehrten, so versdiwand auch die Last der Gelehrsamkeit, die man den armen Gebilden, die aur von Schönheit und Innigkeit reden sollten, aufgebürdet hatte, mnd nur noch die Bibel gab die Bilder, natürlidi wie die Natur der Poesie Bilder gibt. Hier entstand auch zum erstenmal eine weltliche Poesie. Natur, Freundschaft, Liebe und Sieg wurden besungen, Aber das Grösste schufen sie doch in ihrem Erbteil, auf dem angestammten Gebiet der Religion, nur ausgedehnt in grösseren, freieren Massen als bisher. Die in einem Gebet eingeschalteten verschiedenen Piutim vereinten sie zu einem sorgfältig aufgebauten Ganzen, zu einer grossen zusammenhängenden Komposition von musikalisdier Steigerung. Die einzelnen Stücke darin aber sind lidvte leidite Gebilde voll Musik und Klang, fein versdilungene Ornamente voll Reiz und Schönheit. Es will einem unbegreiflich scheinen, soviel Leichtigkeit und Anmut aus der sonst mehr schweren und düsteren hebräischen Sprache gezaubert zu sehen, während doch der tiefe Ernst der Gedanken gewahrt bleibt. Diese seltene Blüte.hat gezeigt, was die hebräisdie Dichtung yermag. Sie ist nicht wieder erreicht worden, ja, jene Werke selbst sind verschüttet worden in der nächfolgenden Elendszeit Spaniens und sind heut noch schwer zugänglich, den meisten nur dem Namen nach oder höchstens "aus Uebersetzungen bekannt. Man hat den Piut öfters zu übersetzen unternommen, versucht, andere an dieser Freude teilnehmen zu lassen, den vergrabenen Schatz zu heben. Aber selbst die feinsinnigen, mit höchster Hingabe an das Original gestalteten Uebersetzungen von Franz Rosenzweig geben kein ganz echtes Bild. Kann man einen Naturlaut übersetzen, den Vogelsang, das Rauschen des Windes? Leichtes wird sdiwerfällig, Selbstverständliches gewunden. Die Uebersetzung verliert entweder die Eigenart des Wohlklangs oder die Natürlichkeit des Ausdrucks. Wer den Piut kennen und lieben lernen will, muss ihn in seiner eignen Sprache aufsudien. Die hebräische Sprache hat ganz andere poetische Möglichkeiten als die deutsdie. Diese ausdrucksvolle Kürze, der Mangel an satzbildenden Kleinwörtern, ermöglicht eine Eindringlichkeit, die sofort verschwindet, wenn man statt drei Worten sechs oder mehr braucht. Der Reim, der häufig das ganze Gedicht durchzieht oder gliedert, verliert in der Uebertnagung die Schlichtheit und Ungezwungenheit, denn die deutsche Spradie hat überhaupt keine Möglidikeit, zwanzig, dreissigmal auf das selbe Wort zu reimen, ohne sich zu verrenken. Dann das geistreidie zierliche Wortspiel, die orientalische Fülle von Ausdrücken, wenn z. B. die fast unzähligen ähnlich klingenden Wörter des Preises wie Wasserfälle stürzen und über den Hörer hinrausdien, dass ihm sdiwindeln möchte. Und zuletzt das eine, das der hebräischen Poesie ihr besonderes Gesidit gibt: das biblische Zitat. Als Refrain, als Versabschluss, mosaikartig zusammengefügt oder einen Höhepunkt krönend, manchmal nur ein Wort, das auf eine Stelle anspielt, — immer liegt die Bibel als eine zweite Ebene über dem Piut, der nur mit einem Wink den Blick auf sie frei gibt, mit einem Wort ihre Welt anklingen lässt als das wahrhaft und wirklich hinter allen Zeiten stehende, und so seinen Gefühlsgehalt unerhört bereichert. Diesem biblisdien Zitat ist es wohl hauptsächlich zu danken, dass die hebräische Poesie in den verschiedensten Ländern immer als aus einer Heimat, einer Wurzel kommend empfunden wird. Und die neu erwadite hebräische Sprache in unserer Zeit gewinnt wohl auch dieser Diditung Ohren, die sie hören und Herzen, die sie lieben. Altes Kultgerät in neuer Form Von Dr. Bertha Badt. Eine der verdienstvollsten und erfreulichsten Arbeitsgemeinschaften unserer Tage, der „K u n s t - D i e n s t" in Dresden, strebt nach Verinnerlichung und Erneuerung der Thoravorhang von Harry Rosenthal religiösen Kunst aus den Formansdiauungen der Gegenwart In seltenem Nebeneinander stellt diese Vereinigung den Siebenarmigen Leuditer neben das Kreuz, wenn sie ihre Ziele zusammenfasst. Und so gab denn auch die Ausstellung „Kult und Form", die der Kunst-Dienst im Berliner Kunstgewerbemuseum veranstaltete, reidie Gelegenheit, die Erneuerung und Umformung jüdischen Kultgerätes in unserer Zeit zu überblicken. Weldie Möglichkeiten bieten sidi dem Künstler, der Hawdolohgerät von S. u. D. Löwenthal heute danach strebt, unsern altehrwürdigen Geräten neue Formung zu verleihen? Franz Marc, der durch den Krieg allzu früh uns Geraubte, hat aller Kunst einmal den doppelten Weg gewiesen: entweder, so sagt er, muss man T r aditionen wah reu— oder neue Traditionen schaffen. Beide Wege werden von unsern jüdischen - Künstlern und Kunstgewerblern beschritten. Das zeigte die äusserst reidihaltige Ausstellung der Kunstsammlung der Ber-