Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 1 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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gelt sich so recht wieder in der Kaddisch-Weise und der nach derselben Melodie gesungenen Tefilla. Ein beglückendes Gefühl erfasst uns ganz. Bevor der Tag sich wendet, ertönen noch sehnsüchtige Klänge. In den Weisen „P'sach lonu schaar", „hajom jifneh", „b'mozoe m'nuchoh" kommt die Neilah-Stimmung am echtesten zur Geltung. Wenn wir die Weisen des Neujahrs- und Versöhnungsfestes im ganzen überschauen, so erweist sich, dass religiöses und künstlerisches Gefühl fast eine untrennbare Einheit bilden. Selten steht der Verlauf einer Melodie nicht im engen Zusammenhang mit dem Inhalt des untergelegten Textes; zumeist ist die musikalische Ausdeutung konform den in den Gebeten und Dichtungen ausgesprochenen Gedanken. Ein wunderbares Stilgefühl haben also die Erfinder dieser Melodien gehabt; Kontrastwirkungen von Moll und Dur, von Perioden und Motivgruppen aller Art sind nicht äusserlich oder willkürlich angewandt; sie sind gleichzeitig symbolische Ausdeutung tief religiöser Ideen. Die Bewunderung wird umso grösser, wenn man bedenkt, dass ein grosser Teil der Gebetstücke als reine Prosa angesehen werden muss und daher ursprünglich für symmetrische Melodiebildung wenig geeignet war. Trotzdem sind organisch entwickelte Musikstücke entstanden, die einen unverlierbaren Schatz der betenden Gemeinde bilden. Ueber Piut-Dichtung Von Else Sdrobert-Christaller. Wenn man das Gebiet der hebräischen Poesie in den anderthalb Jahrtausenden nach der Zerstörung des Tempels überblickt, so fallen einem drei grosse, ihrem Wesen nach verschiedene Gruppen ins Auge: die Dichtung der alten Zeit, der eigentliche Piut des Mittelalters und die Blütezeit in Spanien. Die Dichtungen der alten Zeit, auf Palästina beschränkt, zeigen noch deutlich ihre Verwandtschaft mit den Psalmen. Sie sind noch nicht, was man ein Gedicht nennt. Reim und Metrum fehlen. Es sind die einfachen Kunstformen der Psalmen, die hier herrschen: die sanft aneinander gereihten, nur ungefähr gleichlangen Zeilen, als poetischer Schmuck zuweilen Parallelismus der Glieder oder alphabetische Ordnung, häufig aber nur die gehobene, reine und edle Sprache. Sie sind Ueberfliessen eines frommen Gemüts, ohne dichterischen Ehrgeiz und ohne Künstelei. Da sie aus einer Zeit stammen, wo man schriftliche Aufzeichnungen scheute, sind nur wenige, die einen festen Platz in der Gottesdienstordnung sich errangen, uns erhalten geblieben. Sie sind meist namenlos überliefert, doch werden auch einige berühmte talmudische Namen genannt, wobei es ungewiss ist, ob es sich dabei um den Dichter handelt oder um den, der das Stück in den Gottesdienst eingeführt hat. Vielleicht sogar wurde nur für ein bedeutsames Stück, das im Dunkel der Namenlosigkeit lag, ein bekannter Verfasser gesucht. Zu den schönsten dieser alten Dichtungen gehören die klassisch grossartigen Gebete aus dem Rosch haschonoh-Gottesdienst, die ja jedermann bekannt sind, das prophetische „Uw'chen teri pacnd'cho" und die Tekiot von Rab, der für die Ausgestaltung" des Gottesdienstes sehr tätig war. Aus dieser alten Dichtung begann um das Jahr sechshundert in Palästina der eigentliche Piut sich zu entwickeln, der das Mittelalter über blühte und mit seinem Ausgang abstarb. Er soll in der saboräischen Zeit als Ersatz für verbotene Gebete und Lehrvorträge im Gottesdienst heimisch geworden sein. Der Ausdruck Piut, aus dem Griechischen stammend, bedeutet ursprünglich nur Poesie, doch wird sein Gebrauch allmählich auf die synagogale Dichtung eingeengt. Da die weltliche hebräische Dichtung auf eine kurze Zeit und engen Kreis (spanische Blütezeit) beschränkt blieb, so ist er als die Hauptader der hebräischen Dichtung zu betrachten. Die Anfänge des Piut liegen uns nicht vor. Sie gehörten dem fliessenden Leben an und wussten nichts von Papier und Tinte. Wie überall in den Anfängen der Dichtung war der Dichter und Sänger, hier der Dichter und Vorbeter, eine Person. Im feiertäglichen Gottesdienst, — sei es, dass der Vorbeter sich vorher bedachtsam überlegte, was er zur Feier des Tages, zur Erbauung der Hörer vortragen wolle, sei es, dass der Augenblick vor der andächtigen Gemeinde ihn überwältigte und begeisterte zu einem Ueberströmen, — lag der Quell dieser Dichtung. Die Legende erzählt ein solches Entstehen, wie Rabbi Amnon aus Worms, von grausamer Strafe und Misshandlung zu Tod verstümmelt, zum letztenmal in der Synagoge seine Stimme erhob und jenes erschütternde Gebet voll Vergänglichkeit und Ahnen des Gerichts und der Ewigkeit „un'sanneh taukef" sprach. Jose ben Jose ist der erste Piutdichter, der uns mit Namen begegnet. Noch steht er in der alten Dichtung, ohne Reim und Metrum, mit der reinen, klaren, einfachen Sprache, aber doch betritt er schon das neue Land. Zarter sind seine Gebilde, musikalisch wirkt strophische Gliederung und Refrain. Voll auf aber bricht die Quelle etwa ein Jahrhundert später in Eleasar Kalir. Er war der fruchtbarste der synagögalen Dichter, und wenn auch seine vielen Werke nicht von gleichem Wert sind, wenn er auf und ab schwankt zwischen grosszügigen, innigen Schöpfungen und Sleichgültigen unklaren Machwerken, so war er doch für ie Entwicklung des Piut von grosser Bedeutung. Der Aufbau seiner Poesien wurde zum Muster für seine Nachfolger, die Stellen, an denen er in das Gebet Piutim einflocht, wurden allgemein dazu benutzt und anerkannt. Er verschaffte dem Piut einen festen Platz im Gottesdienst. — Ebenso wurde er für den Inhalt massgebend, die .ganze Welt des Midrasch zog er zur dichterischen Bearbeitung heran und schuf damit den für den Piut charakteristischen lehrhaften Einschlag mit den oft schwer verständlichen Anspielungen auf hagadische Ausdeutungen. Am bedeutsamsten aber war wohl, dass er sich schöpferisch der Sprache bemächtigte. Die alte strenge Form der hebräischen Sprache war den neuen Erfordernissen nicht ganz gewachsen. Hier war manche Kühnheit nötig, manche neue Formbildung, um der Sprache die Geschmeidigkeit zu geben, dass sie sich in den Reim und andere Kunstformen fügen konnte. Fehlgriffe wurden freilich, besonders bei Kalirs Nachfolgern, nicht ganz vermieden, denn keine lebendige Sprache war vorhanden, an der gemessen die Missbildungen von selber lächerlich wurden. Doch war die schlafende Sprache einmal erwacht und hatte die Möglichkeit einer Zukunft. Im zehnten Jahrhundert siedelte der Piut nach Europa über und verbreitete sich da über die Länder. Aber irgendwie schien seine Blüte gebrochen, eh sie sich ganz entfaltet hatte. Wohl waren die Nachfolger Kalirs und ihre Werke zahlreich. Aber zu dichten war mehr eine Sache der Mode als der Begabung und des Herzens. Im Wunsch nach Fortschritt suchten sie ihr Vorbild zu übertreffen an Künstlichkeit der Form. Alphabetische Ordnung, Akrostichon, verschlungene Reime, Ringwörter, die den einen Vers enden und den nächsten beginnen, auf die verschiedenste Art eingeflochtene Bibelverse und noch mehr, nahmen die Aufmerksamkeit des Verfassers so in Anspruch, dass er darüber den Inhalt vergass. Manche dieser Piutim muten fast an wie eine Stickerei, ein kunstvolles Ornament, die Worte scheinen in ihrem Tanz vergessen zu haben, dass sie etwas sagen sollen, Gedanken und Bilder vermitteln. Dabei sollte das arme Gedicht auch noch oft Zeugnis ablegen von der Gelehrsamkeit des Verfassers und seine Belesenheit zeigen. Nun war der Piut keine Poesie mehr, die unmittelbar zum Herzen spricht, sondern ein Werk, das einen Kommentar nötig hatte. Die kaum neu belebte Sprache brach darunter zusammen. Aus den Banden der Grammatik entlassen löste sie sich auf in Dunkelheiten. Selbst dem Kenner wird es oft schwer, sich hindurch zu finden. Trotzdem ist auch hier mancher tüchtige, warmherzige und gedankenvolle Dichter und die Last der äusseren Form kann nicht alles Leben ersticken. Der Piut dieser Zeit ist ein kleines Ghetto und muss daraus verstanden werden. Seltsam spiegelt er die unterdrückte Geistigkeit, der die grossen Aufgaben fehlen und die in Kleinlichkeiten sich über§chärft, die alles Mass verliert, weil sie den Masstab der Tat entbehren muss. Einem Streifen im Gemäuer alter Ruinen gleicht es oft, wenn man sich mit dieser Dichtung beschäftigt. In der Selicha, dem Bussgebet, und der Kina, dem Klagelied, wird die dunkle Trauer dieses Lebens besonders spürbar. Bei den Trauerliedern wurde nicht so künstliche Form gefordert, freier floss das Worl und an Erlebnissen der Bitterkeit und Not hatte das Herz keinen Mangel. — Während so in den christlichen Ländern mehr oder weniger Bedrückung herrschte und in der Dichtung sich spiegelte, war in Spanien seit der Eroberung durch die Araber Freiheit. Hier wo die Juden ohne Zwang und Beschränkung dem Leben des Landes eingeordnet waren, teilnehmend an der Wissenschaft und dem Staatsleben, angeregt von einer verwandten Sprache mit hochstehender Dichtkunst, entfaltete auch die hebräische Dichtung ihre natürlichen Schwingen und sprengte die Gestalt des Piut. Grosse Helle tritt vor den Blick, wenn man von der Dichtung der anderen Länder kommend sich der spanischen zuwendet Nicht anders kam der Piut nach Spanien als nach den übrigen Ländern: Kalirs Weise, unter seinen Nach-