Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 1 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
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geheimnisvollen Wesen, die Gottes Thron umstehen. In den responsorischen Weisen „Apid neser ojaum" und „adonoj meledi" ist der Aufbau symmetrisch; wir sehen kontrastierende Linien, die abwechselnd aufsteigen und sich senken oder umgekehrt. Auch punktierter Rhythmus findet sich vor. Man glaubt, dem Auf- und Niederschweben der Seraphim zu folgen und mit ihnen an der Huldigung Gottes teilzunehmen. Noch stärker werden wir mitgerissen in den einzigartigen Weisen des „Seh el seh schaualim" am Jörn Kippur, die audi zur Keduscha überleiten. Der Text der Vision Jesajas ist vom Piut-Diditer auf eine musikalische Art variiert und erweitert. Die Vortragsweise hat etwas Alarmierendes; sie ruft den -Menschen auf, miteinzustimmen in das dreifache „Heilig" der Engel. Bisweilen begegnen wir volkstümlichen, nur selten trivialen Melodien; sie sind ein rührendes Zeugnis dafür, dass man sich früher und heute noch in frömmeren Gemeinden in der Synagoge wirklich heimisch fühlte, sein ganzes Leben mit hereinbrachte und nichts als „profan" draussen Hess. Sind doch sogar in einer Anzahl von Kaddischweisen Anklänge an weltliche Volkslieder zu finden, die sich merkwürdig genug an ihre neue Bestimmung anpassten. Ein echt synagogales Kaddisch mit starken Stimmungskontrasten leitet das Mussaf gebet ein. Der Mittelpunkt des religiösen Erlebens ist nunmehr das grosse Schicksalslied des Neujahrstages, das „U'nesaneh t a u k e f". Wie bei den früher erwähnten Kernstücken des Gottesdienstes tritt in seL.er Vertonung eine Mischung von erhabenen und innigen, herben und weichen Elementen zutage, die zu einer Einheit verschmolzen sind. Eine ständig in Spannung gehaltene Stimmung gibt den Weisen einen eruptiven und rhapsodischen Charakter. Eine tiefe Bangigkeit, ein Erbeben und Erzittern vor dem Gotte des Weltgeridits bestimmen das Wesen dieser dramatischen Diditung. Gleichnisse von der Vergänglichkeit alles irdischen Lebens — „verwehender Hauch", „dahinfliegender Staub", „flüchtiger Traum" finden hier eine musikalische Ausdeutung, die unsere Seele zu tiefst ersdiüttert. Alle Phasen unseres Lebens spiegeln sich im sdinellen Wedisel wieder; Melodie und Text ersdieinen wie Brudistücke: Ein Ausdruck der atembeengenden Angst, die der sündige Meiisdi vor dem Geridit empfindet. Das ewige Sein der Gottheit, die Grenzenlosigkeit ihrer Majestät wird dem staubgeborenen Menschen gegenübergestellt. Diese Spannung löst sich in den Machtakkorden der Kedusdia, in weldier der Mensch seine Nichtigkeit vergisst und nur Gottes Heiligkeit und Allmacht anerkennt und preist. Die Kedusdia-Kantilene verläuft sodann der Anfangsperiode der „Awoda" parallel. Im weiteren Aufbau des Mussaf gebets werden Gottes reich, Gericht und Offenbarung behandelt. Den Beginn der ersten Stufe bezeichnet das „Olenu", wieder ein Höhepunkt der gesamten Mussaf-Tefilla. Die tiefe Demut vor der Schwere unserer Aufgabe, Gott vor aller Welt zu dienen und sein Reich vorzubereiten, kommt in der Melodie zum Ausdruck, die das eindrucksvolle Niederknieen der Gemeinde umspielt. Auf das dreimalige Scholar blasen, das jeweilig die drei Gebetsgruppen der Mussaf-Tefilla besdiliesst, folgt regelmässig das ersdiütternde „Hajom haras aulom" — heut ist ein Tag voll Ahnung der Ewigkeit. In seinen verschiedenen Weisen findet besonders das Erbarmen und die Herablassung Gottes, der sidi „als Vater seiner Kinder erbarmen möge", musikalisdi beredten Ausdruck. In einer dieser Varianten . finden die Worte: „Im k'bonim radiamenu" durdi einschmeichelnde Koloratur eine geradezu bildhafte Verdeutlichung. In einer andern, im herben Moll mit vier abwärtssteigenden Quintenschritten beginnenden Weise schlägt die geängstigte Stimmung plötzlich um; milde Klänge lassen uns ahnen, dass Gott niemals nur ein vergeltender, strafender Gott ist, sondern immer zugleich ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Der Jörn Kippur erweist sich auch musikalisdi als das Siegel der ernsten mit Rosdihaschonoh beginnenden Busszeit; ein grosser Teil der Gesänge ist beiden Feiertagen gemeinsam; andere bedeuten eine letzte Steigerung. Am Vorabend des grossen Tages erklingt zu Beginn die audi ausserhalb der Synagoge zu nur allzu grosser Beliebtheit gelangte Kol-Nidre-Weise. Aus düsterer Mollstimmung ringt sie sich zu ersdiütternden Durklängen hindurch, um sdiliesslich in hellerer Tonfärbung sanft aetherisch zu verklingen. Der ganze Jammer bis in den Tod verfolgter Seelen spricht aus diesem erst leisen, dann immer stärker werdenden Gesang; bei der dreimaligen Wiederholung hebt der Kantor jedesmal um einen halben Ton höher an, um der allmählichen Steigerung noch sinnfälliger Nachdruck zu verleihen. Auf das Kol-Nidre folgt „W'nisslach", eine rührende Bitte um Verzeihung für die Sünden des ganzen Volkes. Der flehende Ausdruck dieses Gebetes findet musikalisch seine charakteristische Ausdeutung; die sehnsüchtig klingende Kantilene ist nicht so sehr aus Akkordintervallen, wie bei der überwiegenden Anzahl synagogaler Weisen, sondern mehr diatonisch, von Ton zu Ton an- und absteigend gebildet; der eigenartige Rhythmus, die feinen dynamischen Schattierungen, das leise Ausklingenlassen betonter Silben, die sequenzartigen Bildungen gegen Schluss intensivieren noch die Innigkeit des Vortrags. In der „Omnom ken"-Weise, einer nur im östlidien Ritus gebräuchlichen Melodie mit triumphierenden Rhythmus, drückt sich die Zuversidit der betenden Gemeinde aus, ihr werde verziehen werden. Eines der herrlichsten Responsorien zwischen Vörbeter und Gemeinde ist sodann das „Jaaleh". Die Stimmung ist von durchsichtiger Helle. In kristallklaren Durklängen, von denen eine unendlidie Milde ausgeht, 'steigt das Gebet empor; nur gottvertrauende Herzen können in soldien Tönen zu Gott flehen. Von Abend zu Abend, von Beginn bis zum Ausgang des Versöhnungstages soll das inbrünstige Bitten Gott wohlgefällig sein. Dieser Kreislauf des Tages wird symbolisch dangestellt durdi einen soldien der Melodie. Den sdiärfsten Kontrast dazu bildet die folgende Weise „Sdiomea t'filloh" (Erhörer des Gebets). Sie sdiwingt sidi stufenweise in punktierten Rhythmen ansteigend empor. Dieser aufrüttelnden hochgesdiwungenen Halbsatzperiode steht ein mattes in der Schwebe bleibendes Echo gegenüber. Typisdi für diese und viele ähnliche Melodien ist ihr ausserordentlicher Tonumfang: Eine Dezime, ja 2 Oktaven sind nichts Seltenes. Dadurch erhalten diese Weisen etwas Grosszügiges, Weitgespanntes. Zu den schönsten Gesängen gehören die traurig-wehmütigen Weisen der Akeda, wie „Tumas zurim w'diassdom" und aller übrigen. Das motivisdie Fundament wird von zwei hinab- oder hinaufgleitenden Terzen gebildet; das erste fallende Terzintervall klingt wie aus der Ferne, wie eine stille heimliche Frage, das zweite wie eine beruhigende Antwort auf sie. Ein Höhepunkt des Jom-Kippur-Gottesdienstes ist das jeweilige Widduj-Gebet, das Sündenbekenntnis, für das es zahlreidie Vortragsweisen gibt. Einen grossen Raum nehmen in ihnen alte Volksmelodien ein. Zwei von Arno Nadel aufgezeichnete Widduj-Melodien halsen -etwas kindlidi Vertrauendes, eine stille Wehmut, ein kerzzer reissend es Leid liegt in ihnen verborgen. Bevor der Vorbeter, dann die ganze Gemeinde den vollen Laut des ersten Bekenntnisses, anfangend mit dem Budistaben Alef und dem Vocale O, hervorbringen, sprechen sie ein zagendes „Ah! Ah!" laut davor. Sequenzartige Elemente, die innerhalb einer reinen Dreiklangsmelodik liegen, durdiziehen diese Melodien. Es mag nodi unzählige ähnliche Widduj-Weisen geben, zweifellos gehören jene zu den wertvollsten. Leider sind in die Synagogen vielfach redit unbedeutende, banale Volksmelodien eingedrungen. Das Gegenstück zu der Niedergeschlagenheit des „Widduj" ist die grosse, poetisdie „A w o d a" die Erinnerung an den gottgeweihten Dienst des Hohepricsters am Versöhnungstage. Die unvergängliche Wirkung des grossen Sühnewerkes sudien die Weisen des „W'hakohanim" lebendig zu madien, das dreifache Sündenbekeiintnis des Hohepriesters mit der Anrufung des göttlichen Namens, und die Erinnerung, wie Priester und Volk beim Aussprechen dieses Namens sidi niederwarfen. Die musikalische Gestaltungskraft wirkt sidi hier am stärksten aus. Eine atemraubende, sdiauerlidie Spannung liegt über dem Ganzen. Ein explosives, erschreckendes Element hemnnt den zunächst ruhigen Fluss der melodischen Linie; die Orgel übernimmt in liberalen Synagogen Teile des traditionellen Gesanges. Auf den Ruf „Es hasehem" antwortet sie mit einem gewaltigen Echo, um dann zu einer Koleratur überzugehen, deren auf- und abzudcende Läufe und fluchtartig abwärtsstürmende Triolengänge die Erregung der zusammengestürmten Volksmenge ausdrücken. Dem Niederfallen der Gemeinde geht parallel ein Sinken der melodischen Linie. Beim Wiederaufstehen löst sich die Spannung in einem stark aufjubelnden Lobgesang: „Gelobt sei der Name seiner Herrlichkeit für immer und ewig!" Die Neülah-Gesänge bringen bei der Neige des Tages das Gefühl vollkommener Verklärung herbei; bevor die Tore des Lichtes zufallen wollen, soll uns -die Empfin- . dung beseligen, Gott näher gekommen, ja bis zu den Pforten des Himmels gedrungen zu sein. Diese Stimmung spie- L.&M.Neithold Das Pholohaus mit fachm. Bedienung. Schlllerplatz 7 und Zellas