Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-09-01 · 1 (9.1931) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
1 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094373-3094374--2933-3097691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2. Der Vater in leitender Stellung in einer Fabrik ist ganz plötzlich gestorben. Gleichzeitig ist das Unternehmen, in dem er beschäftigt'war, zusammengebrochen, sodass an eine Unterstützung der Hinterbliebenen nicht zu denken war. Die Frau bleibt mit vier Kindern zurück, von denen ein 17jähriger Junge leidend ist und deshalb noch keinem Beruf zugeführt werden konnte. Er bedarf der sorgsamsten Pflege und könnte dann vielleicht nach Aussage der Aerzte in 2—3 Jahren arbeitsfähig werden. Eine Tochter von IS Jahren ist jetzt in ein kaufmännisches Geschäft als Lehrling eingetreten, die beiden Kleinen sind nodi schulpflichtig. Die Frau, die früher über grosse Geldmittel verfügte, erhält durch das Städtische Fürsorgeamt die Vorzugsrente. Sie hat seither, eine grosse, gut eingerichtete Wohnung bewohnt, musste sie mit einer Siedlungswohnung vertauschen und bemüht sich durch Anfertigen von schriftlichen Arbeiten zu ihrem kleinen Einkommen einen Zuschuss zu verdienen, trotzdem sie, die das niemals gewohnt war, die ganze Hausarbeit und die Wäsche für die vier Kinder allein macht. Die Einkünfte durch die Schreibarbeit sind fast nicht mehr in Betracht zu ziehen. Die Miete für die kleine Wohnung aufzubringen, ist für sie unmöglich, kaum dass sie die Kinder satt machen kann, und an eine Pflege für den kranken Jungen ist ohne fremde Hilfe nicht zu denken. Eine Dame der Mittelstandsfürsorge besucht die Frau von Zeit zu Zeit, und schon zweimal konnten aus städtischen Stiftungen Zuwendungen erlangt werden. Es hat sich zwischen den beiden Frauen mit der Zeit fast ein Freundschaftsverhältnis herausgebildet, sodass es der Witwe möglichst leicht gemacht wird, die Hilfe, die man ihr heute bringen kann, anzunehmen. 3. Eine Familie, der Vater meistens unterwegs, die Mutter mit drei Kindern, wohnt in einer Wirtschaft, bis sie immer wegen Mietschulden hinausgesetzt wird. Die Mutter lässt ihre Kinder nachts allein, sie besucht Spielklubs und treibt sich herum. Der älteste Junge wurde mit 12 Jahren in eine Pflegestelle aufs Land gegeben, um ihn dem schlechten Einfluss der Mutter zu entziehen. Er entwickelte sich dort sehr gut, seine Schulzeugnisse gehörten zu den besten in seiner Klasse. Nach Schulentlassung findet er eine Lehrstelle in der Landwirtschaft und wird dort so ausgebildet, dass er nach dreijähriger Lehrzeit eine Gehilfenstelle ausfüllen und sich selbständig ernähren kann. Durch das frühzeitige Eingreifen der Jüdischen Wohlfahrtspflege war es möglich, diesem jungen Menschen eine gute Erziehung zu geben und ihn auf eigene Füsse zu stellen. Die Eltern sind in der Zwischenzeit mehrmals mit dem Strafgesetz in Berührung gekommen, und der Junge wäre grossen Gefahren ausgesetzt gewesen. 4. In einer kleinen, feuchten Wohnung wohnt ein Ehepaar mit fünf Kindern im Alter von 11 bis 3 Jahren. Der Vater konnte in früheren Jahren die Familie recht gut ernähren — er betrieb einen kleinen Handel — musste aber dann durch eine schwere Erkrankung seinen Erwerb aufgeben. Um den Mann wieder erwerbsfähig zu machen, wurde er zu einer längeren Kur in eine Lungenheilstätte verschickt; leider waren aber inzwischen schon seine Frau und vier Kinder infiziert. Auch die Mutter musste aus dem Haushalt heraus — durch ihr Leiden sehr geschwächt, konnte sie ihren häuslichen Pflichten nicht mehr nachkommen — ausserdem waren die Kinder auch gesundheitlich bei ihr sehr gefährdet. Die Kinder mussten nun alle untergebracht werden. Sie kamen teils in Pflegestellen aufs Land, wo sie bei guter Verpflegung und frischer Luft sehr gekräftigt wurden, das an Tuberkulose erkrankte Kind kam für viele Monate in eine Heilstätte. Das jüngste Kind war in einem Kinderheim. Die entstandenen Kosten wurden von der Jüdischen Wohlfahrtspflege getragen. Heute versucht die Ehefrau, die Familie zu ernähren, da der Mann wiederum erwerbsunfähig ist. Da sie tagsüber einem Verdienst nachgehen muss, hat die Jüdische Wohlfahrtspflege die Kinder untergebracht, eine Zuschussleistung der Eltern ist unmöglich. Zwei Kinder besuchen den Kindergarten, die schulpflichtigen gehen von der Schule in den Hort, wo sie auch mittags Essen erhalten, und ein Kind ist seit vielen Monaten in Heimpflege, da es an einer schweren Knochentuberkulose erkrankt ist. M. wurde durch die deutsche Behörde während des Krieges hierher zur Arbeit gebracht. Infolge der Unruhen im Osten blieb er hier und kümmerte sich nicht um seine Passange legenheit. Als Arbeiter schlug er sich durch, im vergangenen Jahre wurde er arbeitslos und ging auf Wanderung. Als er zu uns kam, stellten wir fest, dass ihm jegliche Papiere fehlten. Wir bemühten uns um seine Papiere. Zwischendurch wurde M. bei einer Razzia mitgenommen; er wurde mit 14 Tagen Haft wegen Passvergehen bestraft und Ausweisung drohte. Durch unsere Bemühungen gelang es, die Ausweisung zu verhindern. Nach wochenlanger Korrespondenz mit dem Auslände hatten wir die erforderlichen Unterlagen bekommen, die wir der Polizei vorlegten. M. wurde staatenlos erklärt. Mit Hilfe des Arbeitsnachweises gelang es uns, M. auswärts unterzubringen. Wäre dieser Mensch nicht durch uns aufgefangen worden, so wäre er von Gefängnis zu Gefängnis gewandert und aus dem Zwang der Verhältnisse sicherlich asozial geworden. Die Stimmung der hohen Feiertage in der Musik Von Dr. Hans Samuel. In den traditionellen Synagogengesängen, Rezitativen und Chören der hohen Feiertage erblicken wir die grössten Schätze synagogaler Musik. Der erhabene Charakter der „jomim noroim" gibt den Melodien ihr Gepräge. Am Rosch-haschonoh ist Gott vor allem der Weltenrichter, zugleich aber auch der barmherzige Gott, der sich „wie ein Vater seiner Kinder erbarmt". Am Jörn - Kippur sucht der Mensch die Versöhnung mit Gott durch völlige Hingabe. Kasteiung, durch Bekenntnis seiner Sündhaftigkeit zu erringen. In den Gebeten beider Feste sind vertrauensvolle Hingabe und Ehrfurcht unlöslich miteinander verknüpft; diese Stimmung von Erhebung und Erwartung und von lastender, drückender Schwere, lyrischer Weichheit und inniger Gottesverbundenheit verleiht den Gesängen ihr einzigartiges Wesen. An den Vorabenden führt die feierliche Weise des „Bor diu" in die Sphäre der heiligen Tage ein. In östlichen Ländern besteht die Sitte, die Weihe besonders geheiligter Melodien durch einleitende, wortlose Perioden noch zu erhöhen. Man verweilt gewissemiassen im Vorhof des Heiligtums, bevor man ganz von seinem Innersten Besitz zu ergreifen wagt. Diese wortlosen Melodien gehen ohne Unterbrechung in das Rezitativ über. Sie sind vielleicht noch Reste eines religiösen Tanzes, der im Orient häufig mit dem Gebet verbunden war. Eine ältere, derartige Weise des „Borchu" beschreibt eine allmählich ansteigende Kurve; vom absteigenden Terzintervall ausgehend, das ein Symbol für Innigkeit und Gottessehnsucht darstellt, und das wir auch in der Mussaf-Keduscha und der „Awoda" wiederfinden, steigt die Melodie stufenweise über . terrassenförmig übereinandergelagerte kurze markante Abschnitte in höchste Höhen empor. Ihr eigenartiger Aufbau, in deni das Terzintervall wie ein Leitmotiv zugrundegelegt ist, verbindet religiöse Innigkeit mit erhabener Grundstimmung. Es gibt eine Reihe Varianten von dieser Melodie, von denen die von Lewandowsky aufgezeichnete besonders bekannt geworden ist. Sie ist bei näherem Zusehen aus der traditionellen herausgewachsen, hebt mit den Tönen an. die in der alten Weise auf mittlerer Höhe liegen und kürzt ihren Weg bis zur Schlusskadenz stark ab; während jene eine Art sprunghafter Intervall-Skala vorn Grundton bis zu dessen Oktavton formt. In den weiteren Abendgebeten herrscht ein einheitlich-melodisches Rezitativ vor. das durch seine stete Wiederholung einprägsam auf das Gemüt wirkt. Für den Gemeindegesang „Tik'u bachaudeseh" gibt es u. a. eine ältere Weise, die durch ihre auf- und abwärtszuckenden Quarten- und Quintensch ritte an das Schofarblasen erinnert. In neuerer Zeit bevorzugt man eine erhabene Choralweise, ein Sinnbild für die Hoheit des Festes. In den Gesängen des M o r g e u - und M ti s s a f g e - betes bildet das „Hamelech"-Rezitativ mit seiner reichen Ornamentik den feierlichen Auftakt. Wie Jakob Schönberg in seinem Werke „Die traditionellen Gesänge des isr. Gottesdienstes in Deutschland" darlegt, erklingen hier bereits die ersten Takte des Kol-Nidre-Motivs. Es ist die Bezeichnung Gottes als „König", die aus der Bedeutung beider Feste hervorgeht und für die Stimmung dieser Weihetage richtunggebend ist. Das Gegengewicht zu „König" ist das Attribut „Vater". Im „Owinu mtilkenu"-Gebet sind beide Pole, zwischen denen die Stimmung des Tages hin- und herschwingt, der richtende und der erbarmende Gott, miteinander vereinigt, beides musikalisch ineinander verschlungen. — Die „Tefilla" hat entsprechend ihrer Bedeutung im Gottesdienst einen gemessenen Vortrag; man schreitet von Abschnitt zu Abschnitt wie auf Stufen zur Höhe hinauf. In den vorderen Gebetsstücken, zumal in dem ergreifenden „M'chajje mesim" werden von Dur zu Moll übergehend immer höhere Lagen erreicht. Besonders volkstümliche Gesänge leiten sodann zur Keduscha über. In ihnen ist von Engeln die Rede, jenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.