Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 12 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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7 selbst wenn es keine Bedeutung mehr für die Gegenwart und' somit für ihn hat. *" In den Bünden lernt.der• Jugendliche die Einseitigkeit seines Denkens erkennen uikI den schroffen Gegensatz .zwischen T h e o r i e u n cl P r a x i s, den der Dichter mit den Worten „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Räume stossen sich die Sachen" treffend zum Ausdruck bringt. Jede währe Kultur ist an Kompromisse gebunden. Dies ist eine schwere Erkenntnis für-den Jugendlichen, der das U n b e dingte will, weil er infolge 'Seiner seelischen Eigeiiart an das Unbedingte glaubt unddie Ideen in ihrer Unbedingtheit und Unverfälschtheit-in die Wirklidikeit umsetzen will. Die Notwendigkeit .des Kompromisses nun müsste jeden Jugendlidien an dem letzten Wertder Wahrheit irre werden lassen; erfährt er doch daran zum ersten Mal eindringlich die Not und die Forderung des täglichen Lebens, des Irdischen gegenüber der Ewigkeit des Unbedingten, Kompromisslosen. Demgegenüber wird ihm eine Erkenntnis gegeben, die mit starken Lustgefühlen verbunden ist. Denn die Arbeit im Bunde mit gleichgesinnten jungen Menschen vervielfacht nicht nur die Kräfte des Einzelnen, sondern gibt ihm vor allem ein starkes Gefühl der Sicherheit, junge Menschen gleichen Rhythmus und gleiches Geistes nahe zu wissen. Nicht zu unterschätzen ist die formale Erziehung, die durch die Bünde den Jugendlichen vermittelt wird. Das Denken wird geschult, der sprachliche Ausdruck gepflegt und die Redegewandtheit durch den häufigen, ungenierten Gebrauch unter Altersgenossen und zu Freunden gewordenen Führern erheblich gesteigert. Die JugeudbUnde lassen sidi aus dem Leben der Jugend dieser Zeit nicht mehr hinwegdenken. Sie bilden nicht nur die Brücke zwischen den Generationen und den Geschlechtern, sondern sie sind gleichsam eine Vorseh nie des Lebens, die kaum einer ungestraft versäumt. - Alfred Speyer: Geistige Jugend! i Wort an d 1 e In d i f f e r e o t e n. . Jede geistige .Entwickeliiug lässt sich graphisch da rstel- 1 en durch' eine W e 11 e n b e w e g u n.g, deren Ausschlagsphasen Täler.'und Berge-sind. Das trifft im allgemeinen , ziu, wie im.•■•■besonderen.. Kein Mensch bleibt immer sidi selbst gleich. Niemand leistet ständig ausschliesslich Gutes oder •Schledites; (bekanntlidi findet audi ein blindes Huhn einmal ein Korn). Der Mensch ist eben keine Maschine. Selbst wenn er das_ wäre, würde das Ergebnis nicht wesentlich anders sein. Jede Maschine versagt einmal. (Das Perpetuum mobile ist noch -nicht erfunden.) Dies alles trifft 'mithin auch bei der J u g e n d b e w e g u n g zu. Die Aufgabe besteht darin, die Gründe und Ursachen ihres Versagens zu finden. Nach,'den vier Kriegsjahren und dem Versailler Diktat 'fänden wir uns in einer scheinbar befriedeten Welt wieder, jeder tat, was ihm zeitgemäss und notwendig erschien. Und die Jugendbewegung trieb neue Blüten. Sie erreichte plötzlich ihren Höhepunkt ohne bedeutsame Schwierigkeiten. Ob dieser Höhepunkt de facto ein solcher war, darüber lässt sich streiten. Aber gehen wir vom Gegebenen aus. Wo sich : Menschen zur Erreichung eines (geistigen oder nicht geistigen) Zieles zusammenfinden, sind die Aktivsten tonangebend. Das sind durchaus nicht immer die Führer. Sie leben in solchen Fällen ein Scheindasein. Wir finden das heute .gerade sehr oft. Damit haben wir den Kernpunkt der Fragestellung erreicht. Und so die Fragwürdigkeit der heutigen Jugendbewegung schlechthin. Damals, als die Jugendbewegung neu aufblühte, (es sind jetzt ungefähr zehn Jahre her), waren die Geistigen f ü h r e n d. Diejenigen, die sich ihnen nicht gewachsen fühlten, versuchten deren Niveau zu erreichen. Schon dieser Versuch war beachtlich. Ob er mit richtigen oder falschen Mitteln unternommen wurde, dies zu untersuchen gehört nicht hierher. Diese Führer entwuchsen aber ihrer Gemeinschaft. Es folgten ihnen Menschen, die die ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen konnten. Menschen, die sich ins gemachte Nest setzten. Menschen, die nie darum gekämpft hatten, jahrhundertealte Begriffe und Traditionen über Bord zu werfen. Menschen, die nie wirklich Kämpfe ausfochten im Elternhause und gegen die bestehende konventionelle Gesellschaftsordnung. Menschen, die nur davon gehört hatten, dass Radikalismus und Kampf der Jingend immanent seien. Menschen, die dieses nachbeteten, ohne ihre Forderungen an die Tat umzusetzen. Die Tat war bis dahin die Hauptsache gewesen. Mindestens aber unternahm man den Versuch ihrer Ver wirklich ring. Es kann nicht geleugnet wenden, dass viele scheiterten. Aber sie Hessen es doch wenigstens auf den Versuch ankommen. Ja, es geschah oft g"enug, dass die theoretische Forderung der praktischen Tat erst folgte. Eine Jugend, deren oberstes Losungswort war und auch noch ist: B e qu e m Ii c h k ei t! Die Folge ist eine wachsende Ungeistigkeit nicht nur innerhalb der Bünde, sondern auch hei der grossen Zahl d e r Aussenstehenden, die in diese Bünde gehören. Man fand in den Bünden nicht mehr das, was man linden wollte, oder doch wenigstens Finden zu müssen glaubte. Dieses Versagen hätte-die Jugend selbst zu vertreten. Die Schuld schob sie aber der jüdischen £der Nachdruck liegt auf jü disch) Jugendbewegung in die Sdiuhe. Neue Aktivität fand sie innerhalb des radikalen politischen (nicht jüdischen) Parteiwesen s. Dort konnte sie sich betätigen, ohne Gefahr zu laufen, ihre Forderungen verwirkliehen zu müssen. DenU die Anhänger dieser Bewegungen leben das Leben der Allgemeinheit, d.- i. der (grossen Zahl der Bürger,die kein kämpferisches Leben leben und nicht jenes, das ihnen erstrebenswert erscheint. Unbeschwert von Kenntnissen wunde, diese Jugend Mitläuferin des Marxismus. Sie kennt weder seine Geschichte, seine grundlegenden Werke (wer von diesen Menschen hat „Das Kapital" gelesen?) noch seine augenblickliche Situation. Durch ihre Mitläuferschaft betrügen sie sich selbst. Aber ..... Und .damit ist das geistige Problem ihrer derzeitigen Lage angeschnitten. Noch vor wenigen Jahren stellte ein Rabbiner, der damals in der Jugendbewegung eine bedeutsame Rolle einnahm, die Behauptung auf, die jüdische Jugend sei im Verhältnis viel intelligenter als die christliche. O tempora, o mores! Diese Ueberlegenheit sieht jetzt — an wenigen Beispielen dargetan — so aus: Sie muss jeden bekannten Tonfilm unbedingt kennen, jeden neuen Sdilager nach Text und Melodie beherrschen, ständig nach t der allerneuesten Mode gekleidet sein und jede Woche min^ destens ein Mal Tanzen gehen können. Damit ist ihr Lebenszweck erfüllt. Im Zeitalter der Weltwirtschaftskrise und der täglichen Notverordnungen. Diese Jugend geht auch manchmal in einen Vortrag. Gewiss. Weil es zum .guten Ton gehört. Sie kommt, unterhält sich und geht. Eine Feindin .des Gespenstes Geist. — Die ältere, die erste Nachkriegs-Generation aber kann die Eierschalen der Jugendbewegung niemals völlig abstreifen. Sie betrachtet ihre Nachfolger in den Bünden als Kinder, die sie auch wirklich sind, umd damit ist der Bruch vorhanden. Ich bin weder Moralprediger noch Asket. Aber wenn diese Bequemlichkeit nicht aiifhört, dann hört eben unser Judentum eines Tages auf. Und wir mit ihm. Schuld daran ist Euere eigene Vendummung. Werdet wieder jung! Werdet wieder geistig. Erobert Euch den Idealismus der Jugend wieder! Kämpft gegen die Einstellung jener älteren Menschen, die uns Führer und Helfer sein wollen, . die uns aber als Damen und Herren (im eigentlichen Sinne des Wortes) begegnen, ahne es indessen immer zu sein. Führer sein heisst, ein Stück unserer selbst und nicht Respektsperson sein. Wer Unterwürfigkeit und Bittgänge verlangt, mag sich als Führer fühlen; er ist es aber nicht. Ein Führer , ist stets bereit und immer zu sprechen. Nicht erst nach vorheriger Anmeldung zu einer bestimmten Zeit. Freunde! Denkt daran, dass unsere Zeit Probleme zur Diskussion stellt. Mehr als genug. Erobert Euch Euern Geist wieder. Legitimiert Euch als Menschen Eurer Klasse. Lasst nicht den Geldbeutel für den Wert eines Menschei) ausschlaggebend sein. Bildet Euch selbst. Und bildet Euch gegenseitig. Noch immer gilt das Wort: Jugend hilft der Jugeud. Wendet wieder jüdische Menschen. Zerstört nicht. Baut auf. Damit wir wieder ruhigeren Tagen entgegengehen und das gilt was Christian Morgenstern einmal schrieb: „Wir leben in einer bewegten Zeit. Ein Tag folgt dem andern, und neues Leben sprosst aus den Ruinen". Hieraus ergibt sich eine doppelte Forderung: Führer! Gestaltet Euere Bünde wieder geistig. Zwingt durch eine klare geistige Grundhaltung die Indifferenten zu kommen. <• Aussenstehen.de! Die Ihr diese Gefahr der Bünde erkennt, kommt in die Bünde. Helft diese geistige Forderung erfüllen. . Jung sein heisst geistig bewegt sein. Dies alles umfasst und enthält das Wort: Jugendbewegung! Herberf Müller.