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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-08-01 · 12 (8.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
12 (8.1931)
Date
1931-08-01
Page
[Seite] (sequence 30)
Language
German
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6 Kulturgutes.--zur Wahrung "jüdischen Lehens um] der jüdi- ~ scheu Lehre — nicht bereit. Es besteht also die ernste Gefahr, dass das .■Jüdische" in allen Auswirkungen weitgehend keine Träger mehr findet. . ..-■■,- Was bedeuten in dieser Situation die Bünde für die E r h altung des J ü d i s c Ii e n? Sie sind zunächst Sammelbecken für jüdische junge Menschen. Dafür ist gleichgültig, ob die Jungen und Mädchen in die Jüdische Gruppe kommen, weil sie in einer, andern nicht aufgenommen wurden, oder weil ihnen die Veranstaltungen der Gruppe gefielen, oder weil man sie ..gekeilt'" hat — sie kommen jedenfalls in ein jüdisches Milieu. Dort gilt der - Jugend-., liehe etwas, während er in der Schule entweder als Jude - beiseite, geschoben wird, oder, weil er intelligenter und . lebendiger ist als seine Mitschüler, nach der andern Seite aus dem Rahmen fällt — in jedem Fall in eine schiefe Situation gerät. In der Gruppe findet er..Menschen, die ihm adäquat sind, und es' können sich Kräfte entwickeln,'die sonst brach liegen oder verbogen würden. Er lebt in einem ihm gemässen J u g e n d 1 a n d : die Kräfte der Gemeinschaft werden in ihm entwickelt und gestärkt. Die hündische Erziehung geht dahin, den Menschen innerlich freizumachen und ihn aufzusdiliessem so dass er mit innerer Wahrhaftigkeit, vor eigener Verantwortung sein Leben gestaltet. Der radikale Geist, der bis an die Wurzeln geht, der die Wahrheit, das Redite sucht, ist kennzeidinend für die jungen Menschen aus der Jugendbewegung. Der Mittlere und Aeltere muss sidi einordnen in die Zeit. Mit grösserer Intensität als die .Unorganisierten setzen sich die hündisdien Jugendlichen in den Gruppen mit den allgemeinen und mit den jüdischen. Problemen auseinander. Die Fragestellung und die Richtung, in der die Antwort, d. h. der zu gehende Weg gefunden wird, sind gefärbt durdi den Kreis von Menschen jüdischer Substanz, die gemeinsam um eine Sinngebung, um eine neue Riditung in ihrem Leben ringen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie . nicht,-• wie die ältere Generation, Ruhe, Glück, bürgerlidie Sicherung' suchen. Das hiesse vorbeisehen an der ungeheuren Not unserer Zeit, die nidit allein eine wirtsdiältliche Not ist. Das neue Leben verlangt Verantwortung und ständige Bemühung, Verantwortung, die. über die private Sphäre des einzelnen hinaus ihn zwingt, grössere Zusanir »menhänge zu erkennen und «ich einzuordnen. In vielen Gruppen steht die ,.j ü d i's,c he Frage" im M i 11 c 1 p u n k t, überall taucht sie jedenfalls einmal auf. sei es auch, dass man für sich zu dem Ergebnis kommt, dass die jüdische Herkunft zu. nichts anderem verpflichtet, als zur Abwehr " des Antisemitismus. Verhältnismässig wenige sehen die Lösung der Frage so. Für alle andern folgt aus ihrer jüdischen Herkunft zunächst die Einsicht, dass. man über diese Gegebenheit nicht hinwegspringen darf. Sie begnügen sich-aber nicht mit Fragestellungen wie Orthodoxie'und Liberalismus.-Sondern sie wollen vom We- . sen des Jüdisdien erfahren dadurch, dass sie zu den Quellen zurückgehen. Sie beginnen zu lernen, unr Kenntnis zu' erlangen von den Werten, die zu ihnen gehören und die ihnen zur Gestaltung ihres Lebens Entscheidendes zu sagen haben. Sie lernen vor allem hebräisch und jüdische ■ Geschichte, sie fragen nach der Arbeit jüdischer Mensdien in den verschiedenen Gebieten menschlicher Wirksamkeit, in Wissenschaft, Kunst, Politik. Sie gehen den Fragen nadi, die sich aus dem Bevolker.ungsaufbau der deutschen Juden "ergeben — (Berufsumsdiichtung). Für Zionisten -und- Niehtzionisten ist der Palästina- Auf bau -wichtig — als ein Ort, an dem Erneuerung des Judentums sidi vollziehen : soll. - V Zusammenfassend ist zu . sagen: A 11 e jüdisch e n B ü n d e sind . S a m nie 1 be c ke n für jüdisdie Menschen und haben als soldie eine wichtige soziologische Funktion. Sie geben den Jüngeren das Jugendland. das sie zu ihrer .Entwicklung brau dien. Sie erziehen den jungen Menschen zu einer bestimmten Haltung, die gekennzeichnet ist durch den „radikalen. Geist". Der junge Jude wird zur Auseinandersetzung mit der jüdischen Frage und zur Entsch eidung über seinen jüdischen Weg geführt. Um .Anschluss zu gewinnen, beginnt er zu lernen, innerhalb der Gruppe, iu der von den Bünden getragenen „Sdiule der jüdisdien Jugend". Viele werden auf diesem Wege dem Judentum in Wirklidikeit erhalten, sie setzen sidi ein in der Gemeinde, in der Sozialarbeit — im ganzen Umkreis jüdischen Lebens. Wie weit die Bedeutung der Bünde für die Erhaltung des Jüdischen reichen wird, kann man heute nidit absehen. Ansatzpunkte sind überall vorhanden; ob das Beginnen gelingt, hängt von der Hingabe und von der Bewährung jedes einzelnen in seinem Leben ab. Trude Stern. Die pädagogische Aufgabe der Jugendbünde Zwisdien Schule und Leben besteht nodi immer eine tiefe Kluft, obwohl die Sdiule sidi. bemüht, lebensnahe zu sein. Diese Kluft überbrücken zu helfen, ist eiue wichtige Aufg-abe der Jugendbünde. Sie wecken bei ihren Mitgliedern' -das Verständnis für die Vielgestaltigkeit des Lebens und seiner Probleme. Dadurdi unterstützen sie die Schule in ihrer- Aufgabe, die jungen Menschen ins Leben hineinzuführen. Auf der anderen Seite aber übernehmen die Bünde die wesentlidie pädagogische Aufgabe, den geistig und körperlidi Wadisen den zu einem ge se 11 s c h a f 11 i c h e n Wesen zu inadien, ihm das Asoziale abzustreifen und ihn zu einem sdiaffenden Glied der Gesellsdiaft zu bilden. Wie wirkt sidi tatsächlidi die pädagogisdie Bedeutung der Bünde für den jungen Mensdien aus? Stellen Sie einmal zwei geistig gleidiwertige, aus demselben Milieu stammende junge Mensdien nebeneinander! Der eine ist von früher Jugend an durch alle Phasen eines Jugendbundes gegangen, der andere hat neben seinem häuslichen Kreis (Eltern. Geschwister und Verwandten) nodi . 1—2 Freunde, mit denen er in gewissen Zeiträumen mehr oder weniger zusammen war. Der Untersdiied ist ein gewaltiger. Der eine ist ein frischer, gewandter Mensdi, gewohnt, sidi mit anderen Mensdien zu verstehen. Der andere ist ein Sonderling geworden, der, wenn er ins Leben tritt,, jetzt erst die Kunst, mit anderen Mensdien zu leben, lernen muss, eine Kunst, die der Erstere im Jugendbund längst gelernt hat. Warum ist das so? Die Arbeit in den Bünden lehrt die Jugend, dass es Mensdien mit versdiiedenen Lebeiisgewohnheiten und Auffassungen .gibt. Man lernt Jugendlidie kennen, die andere Ansichten mit demselben Ernst, mit derselben- Beharrlichkeit und Ueberzeugungstreue vertreten, wie .man selbst. Gerade die Ehrfurcht und Achtung vor jeder ehrlichen Ueberzeugungiehlt unserer, von schweren politischen Kämpfenzerrissenen Zeit. Da erfüllen die Bünde eine hohe Aufgabe, wenn sie den Jugendlichen hierzu erziehen. Am besten werden soldie Bünde dieses Ziel erreichen können, die weltanschaulich nicht zu eng gebunden sind. Bei ihnen können mit weit grösserem Freimut alle Strömungen und Gegenströmungen unserer Zeit behandelt werden, da die Furcht nicht besteht (wenigstens nicht in dem Masse, wie bei. ■weltanschaulich eng gebundenen), der Jugendliche könne einer bestimmten Weltanschauung abtrünnig gemacht werden. Der Jugendliche -hört-- z. B. ein Referat über eine Zeitfrage. Nach Beendigung des Referates legt er dar, worin er mit dem Vortragenden nicht übereinstimmt. Seine Ansicht wird vom Vortragenden widerlegt, aber der junge Mensch gibt sich erst darin zufrieden, wenn-.er über die strittigen Punkte klar geworden ist. Er wird gewahr werden, dass er mitunter gerade durch einen Standpunkt, der dem seinigen entgegengesetzt war, viel gewonnen hat. Sein Denken, seine Weltanschauung entwickeln sidi mit dem Denken und der Weltanschauung anderer. Er sieht, wie ernst sie darum'ringen, und so entstellt in -■■ihm die Achtung vor dem Werdenden, die Ehrfurdit vorder Entwicklung. Und wenn Kultlirströmungen einer vergangenen Zeit entwickelt werden, so erkennt der Jugendliche, dass das Gewordene auch einmal ein Werdendes war, ebenso wie die bedächtigen gesetzten Alten einst Jünglinge in der Entwicklung waren. So lernt er das Gewordene verstehen und schätzen^

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