Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 12 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3094266-3094360-3094372--2926-3097681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beispiele judischer Jugendpolitik I. Berlin. Wir beginnen heute mit der VerÖffentlidiung einer Artikel reihe, die zeigt, wie man in anderen Gemeinden Jugendpolitik'treibt. Sdiriftl. Die Jüdische Gemeinde Berlin hat sich von dem Augenblick an, in dem sie eine planmässige Wohlfahrtsarbeit begonnen hatte, auch der Arbeit für die Jugend zugewandt. Entsprechend den damals in der Wohlfahrtspflege herrsehenden Tendenzen war der Inhalt der Jugendarbeit überwiegend Arbeit, an gefährdeter Jugend, Jugend fürsorgearbeit. Erst nach einigen Jahren setzte sich die Erkenntnis durch, daß die Gemeinde auch . Verantwortung gegenüber der normalen Jugend zu tragen habe. Es war besonders der Gedanke, dass auch die normale Jugend vom jüdischen Standpunkt aus als gefährdet angesehen werden müsse, weil sie den Zusammenhang mit dem Jüdischen immer stärker verliert, der^ die Gemeindeinstanzen zur Aktivität auch auf diesem Gebiete veranlasste. Dabei begegneten sich die Absichten der älteren Generation innerhalb der Gemeinde mit denen der führenden Schicht der Jugend. Die Jugend hatte schon lange gefordert, dass der Gemeindejugendarbeit grössere Beachtung geschenkt werde. Es kann mit Befriedigung festgestellt werden, dass der Appell der Jugend an die-Gemeinde, sich auch um die normale Jugend zu kümmern, von den Führern der Jüdischen Gemeinde Berlin gehört wurde, wenn auch häufig genug keine Uebereinstimmung über den Umfang und das.Tempo der zu leistenden Arbeit erzielt werden konnte. Worin besteht diese Arbeit? Die. Arbeit gliedert sich entsprechend den drei verschiedenen Personeilkreisen, denen sie zugute kommt, in drei Gebiete: Turn- und Sportreferat, Referat für geistige Jugendpflege und Referat für unorganisierte Jugend. Dem Turn- und Sporireferat - gehörte bis jetzt die besondere Aufmerksamkeit der Jüdischen Gemeinde. Man ging davon aus, dass gerade die Turn- .und Sportbewegung in der Lage sei, grössere Massen der jüdischen. Jugend zu erfassen. Man war sich klar darüber, dass die Entwicklung aller körperb'chen Kräfte des jungen jüdischen Menschen auch seiner geistigen Befreiung förderlich ist. Die Absicht der Gemeinde, bei der Förderung des Turn- und Sportwesens ging dahin, über das Gebiet der körperlichen Ertüchtigung hinaus, neue Bindungen an die jüdische Gemeinschaft zu schaffen. Demgeniäss wurde den Sportverbänden durch die Bewilligung ausreichender Mittel die Möglidikeit gegeben, alle die Einriditungen zu treffen, die zur Durdiführung eines grosszügigen Sportprogramms erforderlich sind. Die vorhandenen Turnhallen wurden den Sportverbänden zur Verfügung gestellt, mit dem städtischen Gesundheitsamt wurde ein Abkommen über die Benutzung des modernsten Hallenschwimmbades an einem Tage der Wodie durch die Sport- und Jugend verbände getroffen, Zusdiüsse für die Anstellung von Gymnastik- und Sportlehrern wurden den einzelnen .Verbänden bewilligt. Im Mittelpunkt all dieser Bestrebungen steht aber der jetzt nahezu vollendete Plan1 der Sdiaffung eines grossen jüdischen Sportplatzes im Westen Berlins. Der Sportplatz soll nicht nur Gelegenheit zu sportlichen Uebungen geben, er soll auch den Angehörigen der Sporttreibenden eine Stätte der Ruhe und Erholung "sein. Dem Referat für geistige J u g e ndp fl e g e untersteht die organisierte Jugendbewegung und die Sdiule der jüdisdien Jugend. -Die in allen, Teilen der Stadt verstreut liegenden Heime der Jugendbünde werden durch dieses Referat unterstützt, für Führerlager und grosse Fahrt werden Beihilfen gewährt. Die Bünde, die kein eigenes Jugendheim haben, finden in dem Gemeindejugendheim am Mo'nbijouplatz zum Teil Aufnahme. Im Mittelpunkt der Arbeit des' Referats für geistige Jugendpflege steht aber die S c h ule der. j ü d i s ch en J u g en d. Die Sdiule vermittelte in den letzten Jahren der Berliner Jugend gründe I.idie Kenntnisse der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschidite und Philosophie und des jüdischen gesellschaftlidien Lebens der: Gegenwart. Es ist gelungen, die bis dahin planlos und unsystematisdi in den Bünden geleistete ■ ■Kulturarbeit; wesentlich vertieft, an e i n'e r Stelle, der Sdiule der Jugend zu konzentrieren und"dabei auch.diejenigen zu erfassen, die nicht den Jugendbünden angehören. Es wird dabei keineswegs verkannt, dass die. Arbeit der Sdiule der jüdisdien Jugend nur .einen Teil derjenigen Mensdien ergreift, für die sie bestiinmt: ist. ~ . Die Arbeit an der u n o r g än isi e r t en J u g e nd be-t ruht auf der-Erkenntnis, dass weder die Jugendbewegung noch die Turn—und Sportverbände die Formen entwidtelt hüben, die zur Organisierung gerade jenes Teiles der Jugend erforderlidi sind, der im Begriff ist, den Zusammenhang mit der jüdisdien Gemeinschaft zu lösen. Gerade die proletarisierte Schidit der jüdischen Jugend fühlt sidi zu einem erheblichen Teil in den bestehenden Gruppen der Jugendbewegung nidit wohl; Sie fühlt sich durch soziale Lage und ihre abweichenden Erfahrungen .nidit zu dem Kreise der übrigen Jugend zugehörig. Sie bedarf daher eigener Formen ihres Zusammenlebens. Diese sind in dem „Arbeitskreis der jüdischen Jugendgruppe n" geschaffen worden. Hier werden Heimabende, Diskussionen und Fahrten veranstaltet, unter der Leitung von hierzu besonders ausgewählten Führern, die auf die besonderen Bedürfnisse gerade dieses Kreises von Menschen eingestellt sind. . ' ... v Die finanziellen Aufwendungen für Jugendpflegearbeit innerhalb der Gemeinde betrugen in" den letzten zwei Jahren je. etwa RM 75 000.—. - Organisatorisch hängt die Arbeit von dem zurzeit nodi nidit einberufeuen Jugendpflegeaussdiuss der Jüdisdien-Gemeinde ab, der eine selbständige Gemeindekommission unter Beteiligung der Jugendbünde darstellt. Bis zu der Einberufung des Jugendpflegeausschusses wird die Arbeit von einem Mitglied des Gemeindevorstandes in Uebereinstimmung mit den drei, im Einvernehmen mit den beteiligten Jugendkreisen bestimmten Referenten geleistet. Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Arbeit wegen der ausserordentlidi schwierigen Finanzlage der Jüdisdien Gemeinde Berlin sidi zurzeit in einem kritisdien Stadium befindet. Es ist nodi nidit abzusehen, in welchem Umfange die hier geschilderte Arbeit fortgeführt werden wird. Dr. Georg Lubinski. Tribüne Nicht Jugendheim — sondern Judenheim! Jakob Jacobs führt in seinem Aufsatz in der ersten Nummer dieser Blätter aus, dass die Synagoge nidit mehr als Mittelpunkt der Gemeinde angesehen werden könne. Für die grosse Masse der Gemeindeangehörigen ist das zweifellos riditig. Man muss dem hinzufügen, dass eine Synagoge lediglidi als. Gebetsinstitution niemals, audi nidit im Mittelalter, wo von religiösem Substanzschwund dodi wirklich nicht gesprochen werden kann, Mittelpunkt des Gemcindelebens war. Denn die „Sdiul" war ja immer nidit nur das Haus, des Gebetes, sondern viel mehr das Haus der Versammlung, das wirklidie Gemeindehaus. Eine Zeit aber, die das Judentum zu einer rein geistigen Angelegenheit verflachte, ohne die körperlidien, blutmässigen Zusammenhange in gleicher Weise zu pflegen, sie erst madite zur nahezu alleinigen Aufgabe der Gemeinde den Bau und die Unterhaltung der Synagoge als der Stätte des Kultes. Das andere Zentrum, das „irdisdie", mussten in sdileditem Ersatz die verschiedenen Vereine in ihren Vereinslokalen bieten. Die Folge dieser Dezentralisation war ein Auseina'nderreissen der natürlichen Z u sa m nie n h ä n g e , zwischen den einzelnen Gliedern der Gemeinde, darüber hinaus aber ein Versenwinden grosser Teile überhaupt aus ihrem Gesiditskreis. Wenn in derselben Nummer Dr. Hugo Hoffmann vorschlägt, dass ein J u g e n d h e i in durch einen ad hoc gegründeten Verein geschaffen werde, so muss diesem Vorschlug unbedingt widersprochen werden. Einmal handelt es sich darum, dass uns nidit nur ein,Heim für die Jugend, sondern ein Heim, ein Zentrum für die ganze Gemeinde fehlt — wenn natürlidi audi der Jugend als demgeistig besonders aktiven Teil besondere Redite an und in ihm eingeräumt werden sollen. Zum anderen aber muss ja nunmehr gerade verJi i ndert werden, dass ein neues exklusives Vereins-, lokal durch einen privaten Verein gesdiaffen wird, >t<iit einer von Gemeinde wegen für alle Glieder der Gemeinde offen stellenden Heimstätte. Jede Halbheit kann hier nur von Unheil sein! .. T. R. Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriflleitung der Beüage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.