Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 12 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 371 (sequence 9)
- Language
- German
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371 Antisemitismus im Deutschen Reich. In Russland, in Ruj mä'iiien, in Oesterreich-Ungarn einerseits, in Frankreich an-! cleretiseits war das, was man dem reichsdeutschen Antise-; niitismus vergleichen konnte, von vornherein anders. Aber j ebenso wie die elementare und grausame Form der Judenfeindschaft der Ostländer und die romantische Form des! französischen Antisemitismus war auch schon, in ihren Anfängen die J u d e n f e i n d >s c h a f t im Deutsc h e u i Reich von einer Bewegung getragen, die viel mehr ße- ' achtung erforderte als die antisemitische Parteibildung an j sich und als die antisemitische Verseuchung gutwilliger und j rechtlich denkender Bevölkerungsschichten. Schon im 18. j Jahrhundert im alten Deutschen Reich hatte eine Reaktion j auf das unvergeßlich schöne Bekenntnis der führenden \ Volksschichten zur Aufklärung, zum Fortschritt und zur j Humanität gleichzeitig mit diesem Aufleuchten der höchsten j Idee und höchsten Vorstellungen eingesetzt. Auch die besten j Europäer waren mit der Jadenemanzipation nie- { mals ganz einverstanden. Man braucht nur an Goethe, an j Schiller, an den Freiherrn vom Stein und an Bismarck zu j denken. Bei diesen Männern hat der Antisemitismus gewiss! keine grosse Rolle gespielt, aber sie haben sich gelegentj lieh und beiläufig ganz unprogrammatisch und ohne Nach- | druck zu ihm bekannt. Man findet kaum einen grossen | Deutschen, der nicht auf irgend eine Weise gegen die vollj kommene Judenemanzipation protestiert hätte. Dabei hat I es im Einzelfalle, das heisst bei dem persönlichen Zusam- J mentreffen in Handel und Wandel, auch bei viel grundsätzj licheren Judengegnern, keine besonderen Schwierigkeiten i gegeben. Die wirkliche Schwierigkeit blieb, wenn man wirtj schaftliehe und politische Gegensätze ausser Acht lässt, j wenn man unberechtigte Verallgemeinerung nicht höher einj schätzt, als es ihrer "wirklichen Bedeutung entspricht, mehr bei einer abstrakten, einer rein begrifflichen Abwehr und J bei einem schwer diefinierbaren Grundgefühl, einem Gefühl, J das sich am ehesten dem Gefühl des Christen gegen sein j eigenes Christentum, vergleichen lässt. Dieser Abwehr der j Nichtjuden gegen die Humanität entsprach bei den Juden « ein aufrichtiges Entsetzen und Erschrecken. Denn ihnen hat- I ten Aufklärung, französische Revolution und erstes Kaiserj reich nur Vorteile gebracht, und sie waren darrch ihre Tra-! dition und Art für das bürgerliche Zeitalter des 19, Jahr- | hunderts in Gefühlen und Gedanken geeigneter als die j Nichtjuden. Sie waren durch die frühe Form des Antisemij tismus aus einer sehr naiven Grundhaltung herausgerissen und aufs tiefste enttäuscht. Das alles lag nicht nur an der Natur der Dinge, es lag zu einem grossen Teil daran, dass man die Judenein a n z i p a t i o n nicht radikal genug d w r c hgeführt hatte, dass man die gesetzliche Gleichberechtigung auf dem Verordnungswege aus alter Gewohnheit und nicht zuletzt durch ein Versagen der Kunst der Mensehenbehandlung in wesentlichen Bestandteilen rückgängig gemacht hatte. So blieb nach der Judenemanzipation ein Zustand, in dem die deutschen Juden so etwas waren wie fast gleichberechtigte Staatsbürger. Dieser Zustand hat sich verhängnisvoll ausgewirkt. Die deutschen Juden blieben so gut wie ausschliesslich auf die bürgerlichen Berufe des Kaufmanns, des Fabrikanten, des Arztes und Rechtsanwalts beschränkt. Dieser Druck beeinträchtigte ihre harmonische Entfaltung und verhinderte den gesunden Uebergang aus der Zeit der Gheftoisierung in die Zeit der freien Biirgerlichkeit. Es entstand ein Zwischenzustand zwischen beiden, und die Fehler, die gemacht wurden, lagen sicher auf beiden Seiten. Die Nichtjuden versäumten die Konsequenzen eines neuen gesetzlichen Ziistandes zu ziehen. Die Juden verkannten, dass das Tdcal der Humanität ein Ideal war, und dass Unterschiede zwischen den Menschen nicht nur bei ihren eigenen Gegensätzlichkeiten zu ihrer Umgebung, sondern auch sonst überall eine wichtige kultur- und geschichtsbildende Rolle spielen. Die Zeit dieses frühen Antisemitismus ist aber nicht mehr als die Exposition zu einem Drama von viel gewaltigerer Bewegtheit. Heute handelt es sich nicht mehr um die Verletzung der Humanität durch den Antisemitismus, sondern um den Kampf des jüdisch-christlichen Weltbürgertums mit den völkischen Nationalstaaten. Dieser Gegensatz ist seit dem Kriege zur grossen Politik, zum Kampf um Dasein und Heimat, zur Schicksalsfrage für das Menschentum der Menschen geworden. Heute kämpfen die alten scheinbar vergessenen K r i e g s g ö 11 e r der Stämme mit dem Gott des Fliedens, der sich in ■der Geschichte des Judentums und Christentums als die stärkste durchgesetzt hat. In diesem grossen Kampfe ist die Frage nach der Bedeutung der Rasse und auch die nach den anthropologischen Unterschieden der Menschen eine spiessbürgerliche Frage geworden, was nicht heissen soll, dass der gegen ein wehrloses Land gerichtete Pazifismus hochgerüsteter Staaten eine Beantwortung ist. die zu einem guten Ende führen kann. Juden und Nichtjuden haben heute die Wahl, auf welche Seite sie sich steilen wollen. Kein Mensch kann Schicksale voraussagen, aber man kann Gewissens-fragen sich selbst beantworten. Wenn mau sie falsch beantwortet, arbeitet man mit au dem Verfalle unserer Welt. (Aus den „Abivekrblättern".) Ein jüdischer Perlenarzt Von W o 1 f g a n g E. Ollendorff. Die Vorliebe für Perlen geht wahrscheinlich auf aHerälteste Zeiten zurück. Im Orient hatten die Perlen als kostbarer Gegenstand des Luxus schon sehr früh eine ausserordentliche Bedeutung. Auch heute werden sie dort noch fast meingeschätzt und gewürdigt als in Europa. Wann man eigentlich begann. Perlen als Sdiiniickgegeiistände zu benutzen. — es inuss in unendlich früher Zeit gewesen sein — ist mit absoluter Genauigkeit nicht festzustellen. Sicher aber ist die Herkunft ihrer Schätzung ex Oriente. Von den Phön i/. i e r n w eiss man, dass sie als erste einen ausgedehnten Handel mit Perlen getriel>en haben. Bei den Griechen erwähnt sie zum ersten Male Theophrast. Nach Rom kamen sie während der jugiirthinischen Kriege. In letzter Zeit, als die künstlichen Perlen in einem bis dahin nie gekannten Ausmasse den Markt zu überschwemmen begannen, von aller Welt getragen und sozusagen „gesellschaftsfähig" wurden, wandte sich auch andererseits wieder ein gesteigertes Interesse der besonderen Forin. Farbe, Schönheit und Veredelung der echten Perlen zu. Auch der Veredeln ng! Denn mau hat in unseren Tagen — vor relativ kurzer Zeit — die Entdeckung gemacht, dass Perlen behandelt, wie Lebewesen von Krankheiten geheilt, ja sogar verjüngt und verschönt — somit im Werte gesteigert werden können. Allerdings gibt es nur ganz Wenige, die sich im Besitze des Geheimnisses der Perlen-Heilung und -Behandlung befinden. Und unter diesen sind es — mit Ausnahme einiger Inder — fast ausschliesslich Juden, die dies kunstvollste Handwerk auszuüben verstehen. Einer von ihnen ist der in Paris lebende berühmte Leonh a r d R o s e n t h a I. der einzige, der in ganz Frankreich die Kunst der Perleuheihing versteht. Seit einiger Zvit besitzen aber auch wir in Deutschland einen jüdischen Perlenarzt. Er heisst — nomen est umen — ( haim Lichtblau und ist von Geburt Russe: erst seit 1914 lebt er in Deutschland. Ihn hatte schon in jungen Jahren stets das Problem dieses geheimnisvollen Handwerks aufs stärkste l>eschäftigt. Leonhard Rosenthal bot er viele tausend Mark, um nur einen einzigen Tag in dessen Werkstatt verbringen zu dürfen: er versuchte in. der Londoner Perlenklinik eingehende Studien zu machen — alles vergeblich: Keiner von denen, die das Geheimnis kennen, gibt es preis: jeder hütet es wie seineu Augapfel. Aber durch lange und intensive Beschäftigung mit den Perlen, durch einen durchdringend scharfen, kombinatorischen Verstand, durch den Fanatismus des Wunsches und nicht zuletzt durch die grosse Liebe zu seinem Gegenstand vermochte es der •deutsch-jüdische Peilenarzt schliesslich doch, tlas Problem auf seine Weise allmählich zu lösen. Und heute übt er schon seit einigen Jahren — als einziger seines Handwerks in Deutschland — den Beruf eines Perlenarztes aus. Welcher Art sind nun die Krankheiten der Perlen, die er heilt, und wie entstehen sie:* Die P e r I e n - K r a n k Ii e i - ten, früher als unabwendbar angesehen, beruhen genau wie beim Menschen häufig auf falscher ..Lebens"fiihrung und — auf falscher Behandlung. Allerdings sind die Lebensgesetze der Perlen denen des Menschen geradezu entgegengesetzt. Was für den Menschen gut ist: Hygiene. Sauberhaltung. Waschen mit warmem Wasser und Seife wirkt zum Beispiel auf die Perlen wie Gift. Sie besitzen eine feine poröse Haut, und durch diese dringt das seifige Wasser in ihr Inneres und verletzt sie. In solchen Fällen wäre eine Heilung recht schwierig. Perlen, die die rosige Farbe der Jugend, sei es durch den Einfluss der Jahre, sei es durch falsche Behandlung ihres