Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 12 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 370 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Gehen schadet den Augen, sondern teile dir alles gleichmässig ein". Ueberhaupt soll' man sich nach dem Essen massige Bewegung machen. Wenn man nach dem Essen nicht wenigstens vier Ellen geht, so fault die Nahrung in den Därmen, d. h. wird nicht verdaut (Schabb. 41, a). Auch das Schwimmen wurde gepflegt. Nadi Kidd. 29a ist jeder Vater verpflichtet, seinen Sohn Sdiwimmen zu lehren, ebenso wie Thora oder einen Beruf. Als Grund wird angegeben: das Schwimmen könne einen vom Tode des Ertrinkens retten. Ein anderes Bild zeigt das Mittelalter. Mit Vorliebe wird davon gesprodien, dass die mittelalterliche Denkweise, bei Juden wie bei Niditjuden, Askese und Verachtung des irdischen Lebens, und auch des .Körperlichen überhaupt, mit sidi brachte. Dies ist jedoch nur bedingt richtig. Gerade neuere medizin-historisdie Arbeiten (z. B. Neuendorff, Leib und Leibesübungen im frühen Mittelalter, 1928) konnten zeigen, wie und in welchem Masse man im Mittelalter Leibesübungen getrieben hat. Der Gesichtspunkt war jedoch vorwiegend audi hier ein medizinisch-diätetdsdier. So gibt z. B. R. Chananel, ein arabisch-jüdischer Kommentator des 11. Jahrb.. zu Sdiabb. 47a einige Uebungen an: „Man beugt und streckt die Arme nach vorn und hinten; macht Kniebeugen, bis man sich erwärmt und in Schweiss gerät, was eine Art Arzneimittel ist". Ausführliche Ratschläge erteilt der grosse Arzt Madmonides (zit. nach Muntner, in „Menorah" 1926): „Es gibt keinen für die Leibesübungen ebenbürtigen Ersatz, sie erregen die matürlidie Wärme und bringen die Verdauung des Genossenen in die richtige Ordnung. Mag die Speise noch so schwer verdaulidi, mag mal zuviel gegessen sein, die körperliche UebuHg bringt alles zum Ausgleich; auch der Blutüberfüllung [daher die vielen Aderlässe im Mittelalter, als Surrogat für die Leibesübungen] wird durch die Leibesübung A-orgebeugt. Die Gymnastik hebt den Schaden so mancher übler Gewohnheiten des Menschen auf. Aber nidit jede körperliche Uebung, ob schwer oder leicht, ist eine Leibesübung. Die wahre Leibesübung soll die Atemtätigkeit anregen. Ein Zuviel aber kann auch nicht jeder ertragen; darum ist es das Beste, auch hierin Mass zu halten, am besten eine bestimmte Gruppe von Uebungen systematisch zu trainieren, mit allmählicher Steigerung der Bewegungen. . . .-. Eine Massage tut dem Körper sehr wohl. Töridit sind entschieden die, welche allzuschwere Uebungen vornehmen, z. B. Steinwälzen und Gewichtheben. Nur eine mittelmässig anstrengende Uebung ist eine wirklich hygienische Ledbesübung. Als eine wichtige Bedingung hygienisch vollwertiger Gymnastik kommt eine seelische Lust bei derselben dazu. .... Es soll überhaupt bei jeder Leibesübung mehr auf das seelische Vergnügen als auf die Intensität der körperlichen Anstrengung geachtet werden. Wer daher Uebungen zur Erhaltung seiner Gesundheit betreibt, wie Ballspiel, Ringen, Fechten, Frei- und Atemübungen, wird zwar in den Augen der Unvernünftigen nur Spielerei treiben, die Vernünftigen aber werden ihren Wert einzuschätzen wissen". An einer anderen Stelle, wo Maimonides Lebensregeln aus seiner ärztlichen Erfahrung bringt, heisst es: „Solange einer Leibesübungen betreibt, wird er nicht krank, sondern bleibt gesund und kräftig. Wer aber zu bequem ist und nicht fleissig Leibesübungen betreibt, der verfällt dauerndem Siechtum und seine Kräfte schwinden." Hin und wieder allerdings mag audi der lebendige Drang der Jugend nach «portlidier Betätigung über jene weisen Vorschriften hinaus durchgedrungen sein. So teilt uns M Güdemann (Gesch. d. Kultur- und Erziehungswesen d. abendländ. Juden i. Mittelalter, Bd. II, Note 4) ein Statut der Juden aus Candia (Griechenland) aus dem Jahre 1328 mit, in dessen ersten Abschnitt, der zu fleissigem Synagogenbesudi mahnt, lebhaft geklagt wird, dass die Jugend an Schabbath, Rosdi-Chodesch und hohen Feiertagen lieber Wanderungen in die schöne Umgebung der Stadt oder Ruderbootfahrten aufs Meer unternähme, statt du die Synagoge zu gehen. , Die Renaissance bradite mit der Wiederbelebung der Antike auch eine Wiedererweckung der Leibesübungen des Altertums mit sich. Die Juden, vor Allem dn den europäischen Mittelmeerländern, nahmen damals lebhaften Anteil an all diesen Vorgängen. Es sind uns da auch redit eigenartige Erscheinungen über die Leibesübungen bei den Juden beriditet. Unter Paul II. wurden 1460 Volksfeste in Rom eingeführt, die jährlidi über zwei Jahrhunderte hindurch in der Art gepflogen wurden, dass an jedem Wochentag bestimmte Truppen, in Anlehnung an die Wettkämpfe der Griedien, um den Siegespreis streiten sollten. So war der Dienstag den Spielen der Juden vorbehalten. Als Preise müssten die Juden kostbare Decken liefern, was anfänglich gerne von den Gemeinden getan wurde, bis später Ausartungen bei den Spielen die Gemeinden zair Ablehnung ihrer Teilnahme an den Wettkämpfen veranlassten. Vom Jahre 1530 soll ein Gedicht über den Lauf der Juden, über einzelne Teilnehmer sowie deren Preise erhalten sein (s. S. de Pennis, Cronica della festa inagnilica, Firence 1891). Aus den folgeaidie n Jahrhunderten besitzen wir allerdings bis jetzt keine Nachrichten über Leibesübungen bei den Juden. Die immer mehr überhandnehmende strenge Talmudistik und kabbalistisdie Mystik jener Zeit, die in Mitteleuropa sogar sdion Jahrhunderte früher einsetzte, führten zu einer wadisenden Geringschätzung des Leiblichen, wie wir sie audi nodi heute in manchen Kreisen vorfinden, bdion im frühesten Kindesalter wurde die Judend iim dumpfen Cheder mit schwierigstem talmudischeu Wissen beschäftigt, wenn auch die Sehnsudit nach freier Bewegung in der Natur manchmal, wie dies Bialik so schön in seinem „Hamatmid" schildert, durchgebrochen sein mag. Audi aus dem 19. Jahrhundert ist nidit allzuviel zu berichten. Die Juden in Mittel- und Westeuropa bemühten sidi, sich an die Umwelt zu assimilieren. Daher sehen wir . auch, dass viele Juden sidi der nicht jüdisdien T u r n - b e w e g u n g anschlössen, .die damals noch ganz in den Anfängen stedvte. Die deutsdie Turnersdiaft hatte in den 80er Jahren hervorragende jüdisdie Turner in ihren Reihen. 1881 gab sie eine längere Abhandlung über die Leibesübungen bei den Juden in ihrer Turnzeitschrift heraus. Um die Jahrhundertwende trat ein entscheidender Umsdiwung ein: Das Entstehen einer jüdischen Nationalbewegung bedeutete audi die Geburt einer jüdischen Turnbewegung, eine Ersdieinung, die wir audi bei anderen Nationalbewegungen (z. B. den tschechischen, deutsdien usw.) beobachten können. Die Zionistenführer Nordau und Mandelstamm stellten sidi an die Spitze einer neugegründeten Turner-Organisation, des späteren Makk a b i - W e 11 v e r b a n d e s, der heute über 30 000 Mitglieder zählt und die einzige jüdisdie allweltliche Turn- und Sportbewegung darstellt. Gemeinsam betriebene Leibesübungen stehen hier im Dienste nationaler Erziehung. So veranstaltet auch, der Makkabi 1952 eine Makkabi ah, eine Art jüdisdier Olympiade, in Palästina, bei der sidi jüdisdie Sportler aus der ganzen Welt im altneuen Lande zu gemeinsamem Wettkampfe treffen werden. Es wird dies nicht nur ein jüdisdies, sondern auch ein sportliches Ereignis ersten Ranges werden. Der enorme Aoifsdiwung der Sportbewegung der letzten Jahre führte auch viele Juden in die n i e h t j ü d i s c h e n Sportvereine. Zum Teil schloss man sidi audi in jüdisdien Verbänden zusammen, die jedoch meisj kaum über die entspredienden Landesgrenzen hinaus von grösserer Bedeutung sind. Eine grosse Rolle spielen heute die Leibesübungen in Erez Israel. Dr. Fritz Simon, einer der Führer der jüdisdien Sportbewegung in Palästina, veröffentlichte 1928 einen Beridit darüber in den „Leibesübungen", dem ich folgendes entnehme: „Palästina, das alte heilige Land,, der Ausgangspunkt dreier Weltreligionen — und Leibesübungen — das klingt wie ein Gegensatz und ist doch keiner. Audi in dieses kleine Länddien, bis vor kurzem nur ein Sammelplatz gläubiger Pilger und neugieriger Reisender, istseit einigen Jahren der alles besiegende Sport eingedrungen. Selbstverständlidi ist die Turnspradie hebräisch, und dem aussenstehenden Beobachter, dem hebräisdi nur als tote, klassisdie oder ködistens im Gebete lebende Sprache bekannt war, mag es wunderlich genug erscheinen, dass man sidi heute mit Ausdrucksmitteln der Bibel über Tiefstart, freie Felge und Mittelstürmer unterhalten kann". Die Zeiten ändern sich. Wir fanden einstmals ein kräftiges, urwüdisiges Wüstenvolk, das Palästina eroberte, wir salien den friedlidien Ackerbauer und Winzer, der im Kampf um seine Freiheit wohl seinen Mann zu stellen wusste, wir sahen den körperlich schmäditigen, in unsaubere Ghettos eingesperrten Juden, und sehen heute, dass eine Bewegung besteht, deren höchstes Ziel wieder der sdiöne, wohlgestaltete und würdige Jude ist. Der Antisemitismus 1931 Von Uuiversitätsprofessor Dr. Richard Koch. Antisemitismus ist heute schon ein veraltetes Wort. Es geht um mehr. Als der Antisemitismus entstand, war er eine Bestrebung unter sehr vielen, und er zeichnete sidi vor allem durdi seine Dürftigkeit, durdi seine Gesdimacklosigkeit und durch seine geistige Unanständigkeit aus. Aber schon damals galt das nur für seine Erscheinungsform, nicht für sein Wesen. Es soll hier nur die Rede sein von dem