Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 12 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 369 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094360-3094372--2901-3097656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
369 tum bewusst von dem blinden Hass ab, den seine Vorgänger predigten. Er erinnert in dieser Hinsicht an Johann Christoph Wagenseil (Graetz 10, S. 274ff.), an den im 18. Jahrhundert lebenden David Friedrich Megerlin (Fr. Rabb. III, S. 36ff.) und an .manche neueren Vertreter der Judenmission wie Franz Delitzsch und Hermann L. Strack. . . . Die grundsätzliche Darlegung Joseph Hahns zeigt ihn ganz auf der Höhe seiner Aufgabe und ergänzt das Bild des vielseitigen Mannes, der ganz im alten Judentum ruhte, nach einer ganz neuen Seite. Nicht ohne Interesse ist übrigens, dass Spener, der fast zwanzig Jahre nach dem Tode Joseph Hahns hierher kam, und der sich durch die Gründung der Collegia pietatis innerhalb des Christentums ein dauerndes Denkmal gesetzt hat und als Begründer des Pietismus Weltruf erlangte, in mancher Hinsicht an Joseph Hahn erinnert. Fasste dieser doch unmittelbar nach der Krönung des Kaisers Matathias seine Freunde und Schüler zu einer Art von Tugendbund zusammen, dem sich gleich von vorneherein 18 der angesehensten Männer der Gemeinde anschlössen. Eine eingehende Betrachtung dieses Teiles seiner Wirksamkeit würde erst ganz die Auffälligkeit dieser Parallele deutlich machen. Auch amser Manuskript zeigt in den zahlreichen Anmerkungen eines späten Schülers, die ihm beigegeben sind, an einem neuen Beispiel, wie tief und nachhaltig sein Einfluss gewesen ist. Doch das alles fällt ausserhalb des Rahmens dieses Aufsatzes. Leibesübungen bei den Juden Von Dr. Karl Leibesübungen hat es .immer .gegeben, zu allen Zeiten und bei allen Völkern; denn der Drang nach körperlicher Betätigung, die eigentliche biologische Triebfeder aller Leibesübungen, ist jedem Menschen angeboren. Freilich: die Formen der körperlichen Betätigung und ihre Bedeutung ändern sich. So kann beispielsweise der Tanz bald mehr kultische, bald mehr ästhetische, die Gymnastik eine medizinisch-diätetische oder sportliche Bedeutung haben; sie bleiben aber „Leibesübungen" unter jedem Gesichtspunkt. Wenn also die Leibesübungen bei .den Juden geschichtlich betrachtet werden sollen, so ist nichts falscher als die Anlegung eines lediglich sportlichen Masstabes, wie es in manchen Untersuchungen heute .geschieht. Das führt zu falschen Resultaten. Man muss vielmehr den vielseitigen Motivierungen der körperlichen Betätigung nachgehen, die ihrerseits wiederum nur aus allgemein-kulturellen und geschichtlichen Zusammenhängen verstanden werden können. Die antiken Israeliten der Bibel-Zeit waren ein urwüchsiges Volk von Ackerbauern und Viehzüchtern, die jahrhundertelang in zähem Kampf mit den Bewohnern Kanaans und seiner Nachbarländer standen. Der kräftige, grossgewachsene und schön gebaute Mensch war das Ideal. Das Richterbuch erzählt mit behaglicher Ausführlichkeit von den Heldentaten Simsons, wie auch später die Recken Davids und ihre Taten eingehend geschildert werden. David selbst soll noch als Hirtenjunge den täuberischen Löwen und Bären bezwungen haben. Schau! überragte alle Menschen .um Haupteslänge, Absalom war „von der Sohle bis zum Scheitel makellos", und das Daniel-Buch preist die Schönheit der judäischen Jünglinge, die nach dem Talmud sogar „an Schönheit die Sonne beschämten". .Entsprechend .der ganzen Lebensweise kam dem Reiten eine grosse Bedeutung zu. In der altisraelitischen Frühzeit ritten die Vornehmen auf weissen Eselinnen, wie das Debora-Lied berichtet. Von den „Richtern" jair und Abdon wind nur kurz erzählt, .dass ihre Söhne auf Eseln ritten. Als Reittiere wurden verwendet: Esel, Eselinnen, Maultiere, Kamele und, nach Salamo, auch Pferde. Das Schwimmen ist ein Mal bei Jesaia („wie der Schwimmer seine Arme ausbreitet") und ein Mal bei Jecheskel erwähnt. Es ist aber ebensowenig wie beim Reiten 'anzunehmen, dass es als Sport betrieben worden ist. Das gilt auch für das Rudiern. Rudern und Ruderknechte werden bei Jona (1,15) und Jecheskel genannt. Das Laufen .gelangte im Kriege zu besonderer Bedeutung. Im Laufen tüchtige Männer dienten anscheinend als Meldeläufer. So eilt nach Jer. 51, 31 „ein Läufer nach dem anderen, .um dem Babylonierkönig Kunde von der Einnahme seiner Hauptstadt zu bringen". Achimaaz läuft vom Kampfplatz zu David und überholt sogar noch den von Joab ausgeschickten Läufer. Elijah läuft mit übermenschlicher Kraft vor Achabs Wagen einher und Hiob klagt, seine „Tage eilen schneller als ein Läufer". Die .im Kriege notwendige Kunst des Bogenschiessens wurde auch in Friedenszeiten geübt. David forderte, die judäischen Jünglinge in der Handhabung des Bogens zu unterweisen (2. Sam. 1, 18. Von bibelwissenschaftlicher Seite wie Wellhausen, Driver, Perles, Klostermann, Grimme u. a. wird jedoch eine andere Lesart vorgeschlagen). Dass man überhaupt das Bogenschiessen übungsweise betrieben hat, dürfte aus der Jonathan-Geschiehte hervorgehen. Auch von richtigen Kampfspielen, also „Wehrsport", ist einmal die Rede (2. Sam. 12, 14), wie sie jedoch sicher öfters Angekommen sind. - Einen wichtigen Raum im Leben nahm der Tanz ein. Die Bibel kennt sechs verschiedene Ausdrücke dafür, der Midrasch sogar 80 verschiedener Arten. Zum Feste führten Guggenheim. | die Mädchen Reigentänze in Schiloh auf, tanzend bejubeln sie Davids Philistersiege, tanzend begrüsst Jiftahs Tochter ihren Vater. Der Ursprung des Tanzes liegt aber, wie bei allen Völkern, im Kultischen. Sicher war der Tanz die älteste Form des Gebets. Bekannt ist der Tanz ums .goldene Kalb und der Tanz der Baalspriester an ihrem Altar. Auch Mirjam tanzt zu. den Lobgesängen am Schilfmeer, wie David vor der Gotteslade, und aus den Psalmen geht hervor (149, 3. 150,4), dass auch in späterer Zeit moch zum Gottesdienst mit musikalischer Begleitung getanzt wunde. Auch die t a l m u cl i s c h e Zeit war keineswegs, wie oft angenommen wird, körperfeindlich. Zur selben Zeit, als die Römer das Wort „Sit mens sana in corpore sano" prägten, sagt ein Talm.udlelirer: Im gesunden und wohlgestalteten Menschen offenbart sich Gottes Allmacht. Aehnlich klingt der Ausspruch: „die .göttliche .Herrlichkeit ruht in grossgewachsenen Menschen". Gewiss, das Menschen-Ideal war ein anderes als zur Bibel-Zeit, aber Kraft und körperliche Schönheit galten als sichtbares Zeichen göttlicher Gnade. Als Priester wurden zum Tempeldienst nur gesunde und schön gebaute Menschen zugelassen. Jesais Sirach besingt die Schönheit des. Hohepriesters Sinaar ben Jochanan (um 200 n.). Von R. Jochanan erzählt der Talmud: „Wer die Schönheit des R. jochanan sehen will, der nehme einen silbernen Becher, fülle ihn mit Kernen roter Granatäpfel, bekränze ihn mit einem Kranze roter Rosen und halte ihn gegen die Sonne — das ist ein Abglanz erst der Schönheit •des R. Jochanan". Auch sein Freund R. Simon ben Lakisch soll von kraftstrotzender Schönheit gewesen sein. Dass die Juden tatsächlich damals ein körperstarkes Volk gewesen sind, geht aus zahlreichen jüdischen und römischen Berichten über den Jüdischen Krieg und den Bar-Kochba-Aufstand hervor, und selbst Tacitus kann nicht aunhin, festzustellen (Hist. 5, 6): „ihre Körper sind gesund und den Strapazen gewachsen". Allerdings, die jüdische Jugend trieb damals auch anscheinend regelmässig Leibesübungen. So berichtet der Kirchenvater Hieronymus (Ende des 4. Jahrh.), der selbst bei jüdischen Lehrern gelernt hat und mit den Juden in enger Verbindung stand (vgl. E. H. Weiss, Der dor wedorschav, IH, 127): „Es ist üblich in den Städten Palästinas und wird als alter Brauch in ganz Judaea .gepflegt, dass man in den Dörfern, Städten und Festungen runde Steine von sehr schwerem Gewicht aufstellt, an denen die jüdische Jugend trainiert und die sie zur körperlichen Ertüchtigung stemmt" (ed. Migne, Bd. 5/6, S. 1183). Der Einführung der Gymnastik haben sich die Juden niemals widersetzt, wie z. B. Ewer (Pagel-Neuhurgers Handb. d. Med.-Gesch. III, 542) behauptet, sondern nur den Gymnasien, in denen ja bekanntermassen ausser den Leibesübungen auch recht häufig die Unsittlichkeit gepflegt wurde. Nachdem Bad, vor Allem dem Warmbad, trieb man regelmässig Gymnasti k. Der entsprechende taimudische Ausdruck heisst: „Hithamluth", worunter jedoch nach Raschis (f040—1105) Vorgang Nissim ben Ruber! (14. Jahrh.), Obadja aus Bertinora (um 1500) und Lippmann Heller (17. Jahrh.) Massage verstehen wollen. Maimonides (1155—1205) aber meint: „Was ist „Hithamel"? Man knetet den Körper kräftig, bis er müde wird und in Schweiss gerät,'oder man soll laufen, bis man müde wird und in Schweiss gerät". Also Massage und Gymnastik. Die Gymnastik wurde im Rahmen der medizinischen Diätetik betrieben, ist also eine Art Heilgymnastik. Als Uebung z. B. wird in Kalla rabb. IX, 54d empfahlen: „man stecke den Kopf zwischen die Füsse". Der schon oben erwähnte R. Jochanan sagte': „Sitz nicht zu viel; denn das Sitzen erzeugt Hämorrhoiden. Steh nicht zu viel; denn das Stehen schadet dem Magen. Geh nicht zu viel; denn das