Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 12 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 368 (sequence 6)
- Language
- German
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368 Martin Difenbach konnte es gelingen, die Schrift bezw. die Schriften ausfindig zu machen, von deren gefährlicher Wirkung Joseph. Hahn hier spricht. Difenbach führt u. a..die 1634 erschienene Broschüre Resolution etlicher Fragen Einer Gottseeligen Obrigkeit gutes Gewissen und das verfluchte Judenthumb betreffent des Wormser Pfarrers Ludwig Selzer an, die übrigens auch Schudt in seinen Jüdischen Merkwürdigkeiten nennt. Ein Jahr vorher war ein anderes gegen die Juden gerichtetes Pamphlet des gleichen Verfassers erschienen, das den Titel Malitia. Judaica oder Juden Treu gegen Christen führt. Man darf annehmen, dass Selzer, der offenbar hier in Frankfurt so verheerend gewirkt hat, gewiss in Worms ebenso mit seinen Hetzpredigten gegen die Juden voranging wie hier Pauli. Was ist unter den Veränderungen, die damals mit dem Kanmeliterkloster vorgingen, gemeint? Offenbar nichts anderes als die Vertreibung der Karmeliter, die am 17. Juni 1633 erfolgt ist, an dem gleichen Tage, an dem auch die Ausweisung der Kapuziner verfügt wurde. Und auch alles das, was sonst in diesem. Zusammenhang gesagt wird, stimmt unter dieser Voraussetzung, fand doch im Jahre 1655 unter der Führung Oxenstiernas der erste Convent statt, dem im Jahre 1654 der zweite folgte; beide brachten viele Fürstlichkeiten und andere hohe Herren nach Frankfurt. Joseph Hahn fährt folgendermassen fort: „Darum schreibe ich hier drei Regeln für religiöse Auseinandersetzungen nieder. 1. Stellt jemand bezüglich irgend eines Schriftverses eine Frage, dann erwidere man dem Fragesteller, dass er doch gewiss zugeben werde, dass die Bibel, die die Christen in Händen haben, eine Uebersetzung aus unserer heiligen Sprache darstellt Versteht nun der Fragende nicht die heilige Sprache, dann.kann mau auch mit ihm nicht streiten, denn es ist möglich, dass die Uebersetzung sich in etwas von dem heiligen Texte unterscheidet; in Wahrheit weichen ja ihre Uebersetzungen von einander ab. Durch diesen Einwand habe ich oftmals bei Schiffsreisen, in denen ich mit vielen Niditjuden zusammenfuhr, religiöse Dispute von mir ferngehalten. Ich habe .ihnen das durch ein Bild deutlich gemacht: ihre Uebersetzungen sind gleichsam Kanäle, die von dem Quell lebendigen Wassers abgeleitet sind. Die Quelle ist der Ausgangspunkt aller dieser Kanäle. Idi sprach zu ihnen: kommt doch mit mir zur Quelle, dann werde ich Euch die rechte Antwort geben können. 2. Versteht der Fragende aber die heilige Sprache, dann . haben unsere Weisen, deren Gedäditnis zum Segen sei, den Grundsatz aufgestellt: eine jede Stelle der Sdirift, weldie die Gegner zur Veranlassung nehmen, um die heilige Lehre zu bestreiten, hat die Antwort gleidi zur Seite. So haben sie auch oftmals gesagt, „gehe hinab bis zum Ende des Sdiriftverses", Ja auch dann, wenn es im ersten Augenblick wirklich bisweilen so scheinen könnte, wie sie es in ihren Einwendungen gegen irgend einen Schriftvers behaupten, so ist es doch allemal so, dass, wenn wir genau auf die nädistfolgenden Schriftverse achten, sich dann sofort herausstellt, dass ihre Erklärungen im Schriftvers selbst ihre Widerlegung finden. Darum war es für midi fast wie ein Gelübde, niemals eine Schiffsreise anzutreten, ohne die 24 Bücher bei mir zu haben, damit ich so den midi Fragenden zu antworten in der Lage sei. Dank sei dem lebendigen Gotte, dass meine Worte bei allen soldien Auseinandersetzungen Wohlgefallen bei ihnen fanden. . . . Dadurdi konnte id) auch einige Male dem Munde mancher anderen, die auf dem Schiff harte Worte gegen die Juden gebraudit haben, ohne dass ein religiöser Disput vorangegangen war, einen Zügel auferlegen. Dabei bin ich mir sehr wohl bewusst. dass idi nicht kraft grossen Wissens und besonderer Kenntnisse, die sich etwa in mir fänden, Treffliches und Bedeutsames hätte erwidern können. Ich weiss sehr wohl, wie wenig idi weiss, insbesondere wenn es darauf ankommt, bei einem Religionsdisput Rede zu stehen. Auch sind mir die Schriftverse nicht sehr geläufig, und redegewandt bin idi nun gar nicht. Aber der Heilige, der gepriesen sei, hat mir stets die rechte Antwort in den Sinn gegeben zur Heiligung seines grossen und ehrfurchtbaren Namens, sodass ich und meine Worte Gunst, Liebe und freundlichen Eingang bei ihnen fanden. Wollte ich nicht über die Grenze hinausgehen, die ich mir bei diesen Aufzeichnungen gesetzt habe, ich könnte von merkwürdigen Dingen erzählen, die mir begegnet sind. . . . 3. Nachdem viele Sätze in den Büchern, auf die sich ihr ganzer Glauben gründet, und die sie Evangelien nennen, einander widersprechen . . ist es gut für denjenigen, der mit ihnen zu tun hat, dass er in den erwähnten Schriften zuhause ist. Ich habe Dir hier diese drei Regeln vorgelegt. „Der Wissende höre sie und nehme an Weisheit zu" sodass er in jedem einzelnen Falle die rechte Antwort zu finden weiss, „denn Gott hilft dem, der sich zu läutern im Begriffe ist"." Was Joseph Hahn hier sagt, und wie er es sagt, wird erst so ganz verständlich, wenn man weiss, eine wie widitige Angelegenheit die Bekehrung der Juden den christlichen Geistlidien und christgläubigen Laien des 16. und 17, Jahrhunderts war. Die Protestanten gaben in diesem Punkte den Katholiken nidits nadi. Es ist bezeidmend, dass nodi Eisenmenger und Schudt der Frage der Bekehrung der Juden einen ganzen Abschnitt ihrer Werke widmen. In ihren Büchern findet die ganze Literatur zweier Jahrhunderte ihren Widerhall. Zumeist vereinigt sidi ein blinder Hass gegen Juden und Judentum mit "einem Bekehrungseifer, der alle Mittel anwendet und sich glücklich preist selbst die Seele eines Deliquenten, ob er nun schuldig oder 'Unschuldig sein Leben lassen muss, zu retten noch inmitten der grausamsten Qualen, denen er in seinen letzten Stunden ausgesetzt wird. — Die sdion genannten Bücher des ini Jahre 1709 verstorbenen Frankfurter Pfarrers Difenbach, die in vieler Hinsidit kulturgeschiditlich interessant sind, für die Gesdiidite der Judenmission aber eine besondere Bedeutung beansprudien, sind'zugleich kennzeichnend für diesen Geist, aus dein heraus ihr Verfasser schreibt, und der schon in den Titeln der vielen von ihm angeführten und ausgezogenen Bücher einen deutlichen Ausdruck findet. Allerdings ist richtig, was Gottfried Arnold im zweiten Bande seiner Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie bis zum Jahre 1688, S. 596, sdireibt: „ihre Bekehrung ist schwer und fast unmöglidi geworden, ungeaditet die Gelehrten nach ihrem Begriff allerhand Anschläge und Mittel vorgebracht, sie zu gewinnen." Man darf aber darum dodi nicht unterschätzen, welchen Gefahren die Juden zur Zeit Joseph Hahns oft ausgesetzt waren, wenn sie diesen Bekehrungsversuchen Stand hielten. Sehr interessant ist eine von R. Grabau in seinem Budie Das evangelisdi-lutherisdie Predigerministerium der Stadt Frankfurt a. M. veröffentlichte Eingabe vom Jahre 1567 in der es u. a. heisst: „Es sind aber darneben so uil Irrthumb und verfelsdiung der warheit Inn disser Stadt, und werden teglidi mehr und grösser, das Zu besorgen, woh Ihnen nit bald gewehret, so werde die reyne lehr hir nit lang räum haben können. Dann an einem ort wirt sie angefoditen von der Judensdiul hir, welche nit klein ist, und offentlidi unserem Herrn Chro, widerstrebet, wie die Juden selbs nit leugnen können. Und da man schon sagen wolte, sie thuen kein schaden, dieweil sie nicht trachten, die Christen zu Ihren glauben Zu Ziehen, so ist dodi dasselbig nit gnug Zur entsdiukligung. Dann Ihr lehr und gottesdinst ist Inn der that selbst eine schmach unseres Herrn Jesu Christi, bej weldier sie aber eben so wol gehandhapt werden, als bej eusserlicheu rechten und freiheiten. Auch folget ergernis darauss, dass von manchem Christen diese Wort gehört werden, die Juden können so wol selig werden als wir Christen, dann sie haben Ihr gesetz bass dann wir, diss konipt a oii der-Juden rhümen her, und ist eine rechte schmach des leidens und Sterbens Chri. - Derhalben so wenig 'der Jenig, der wissentlich einen Editer hausset und herberget, beim Kayser kann entschuldigt werden, so wenig (ist Zu besorgen) werden wir für Gott der Juden halb entschul digung finden." Gehört dieses Dokument der Zeit unmittelbar vor Josef Hahn an, so stellt Difenbach ausdrücklich fest, dass das gesamte Frankfurter Predigeramt sidi die Bekehrung der Juden „sowohl müudlidi als sdiriftlich" während des 16. und 17. Jahrhunderts habe augelegen sein lassen. Unter den Männern, die in dieser Einsicht eine besonders lebhafte Tätigkeit entfalteten, ist der als Kind getaufte ehemalige Jude Georg Philipp Liditeustein. der drei Jahre vor dem Tode Josef Hahns hierher berufen wurde, sowie Bernhard Waldschmidt, der ein Jahr nadi dessen Tod sein Pfarramt antrat,, besonders aber Philipp Jakob Spener zu nennen, der 1666 als Senior hierher kam. Im lahre 16S1 stellte er beim Magistrat den An-, trag, eigens für die Juden bestimmte Predigten, zu denen sie zwangsweise ersdieinen sollten, einzuführen, den er 16S4 erneuerte. Er •meint u. a.: „Es steiget uns aber billig zu Herzen' das Elend der armen, unter uns lebenden verstockten Juden, denen wir gewisslidi mehr Liebe, als wir ihnen erzeigen schuldig sind . . . aber dieses erfordert die ■ christliche Liebe für solches Volks Belehrung mit Ernst zu sorgen." (Sachsse, Ursprung und Wesen des Pietismus, S. 88.) Dass der Rat diesen seinen Vorschlag sowie andere Wünsdie zurückwies, war für Spener mitbestimmend, ini Jahre 16S6 Frankfurt zu verlassen und einen Ruf als Oberhofprediger nadi Dresden anzunehmen (Grabau, a. a. O., S. 375f.). Blieb dieser hervorragende Mann auch im Punkte der Judenbekehrung den Ueberlieferungen des Predigerministerimns treu, so wendet er sidi doch, wie nidit zu verkennen I ist, bei allen seinen Vorurteilen gegen Juden und Juden-