Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 12 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- Seite 366 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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366 muss vor 14S0 gesetzt worden sein; nach der Meinung eines russischen Gelehrten ist es das früheste gedruckte jüdische Buch. Es würde zu weit führen, die zahlreichen anderen wertvollen Erstdrucke der Bibliothek zu erwähnen. Die Orte, in denen sie erschienen sind, seien es Druckereien in Spanien, Portugal. Saloniki, Konstantinopel, Venedig oder eine Stadt in Deutschland, beweisen, dass überall, wo es mehr oder weniger bedeutende Gemeinden gab, die Juden alsbald Guttenbergs Erfindung.benutzten, um ihr religiöses Erbgut und die Schätze ihrer Denker allen über die Welt zerstreuten Glaubensgenossen zugänglich zu machen. Die Sammlung einzigartiger Drucke (Unika) in der Bibliothek ist ebenfalls ungewöhnlich, auch sie stammen aus vielen Ländern, und alle Zweige der jüdisdien Literatur sind in ihnen vertreten; Unter anderem finden wir einen Reichtum von Ritualen und Gebetsammlungen, und ein Gelehrter könnte hier alle Riten durchforschen, die jemals irgendwo in der Judenheit in Gebrauch, waren. Hier haben wir die Festgebete der katatonischen Gemeinden (Saloniki 1527), die täglichen Gebete der Gemeinden von Aragon und die Hoschanot aus dem Sukkotgottesdienst der Gemeinden Siziliens. Ebenso selten ist ein kleines Gebetbuch nach dem römischen Ritus (Fano 1503), von dem ein zweites Exemplar in der Wiener Hofbibliothek vorhanden ist. Dann gibt es eine grosse Sammlung von Gebeten aus einem hebräischen Festgebetbuch nach dem Ritus von Aleppo. Berliner, in dessen Besitz das kleine Buch gewesen war, berichtet, dass er es im Dachstock eines Hauses in dem römischen Ghetto fand, wo es unbemerkt unter altem Gerümpel mehrere Jahrhunderte gelegen haben mag. Nodi viele andere merkwürdige Gebetsammlungen wären zu erwähnen, aber wir wollen uns mit einem Hinweis auf einige K <u riositäten begnügen, wie z. B. eine Haggada aus Prag (1717), die auf rotem Papier gedruckt ist und ein spanisches Gebetbuch mit roten Typen auf blauem Papier, 1715 in Amsterdam gedruckt. Die meisten dieser Werke bieten mit ihren kostbaren Einbänden und Schliessen einen entzückenden Anblick, auch wenn es sich nicht um besonders seltene Werke handelt. Die Frankfurter Sammlung von Talmud ausgaben ist aussergewöhnlidi reidi und kann nahezu als vollständig bezeichnet werden. Die ersten gedruckten Ausgaben des Talmuds, welche die Bibliothek nidit besitzt, sind nur in einem Exemplar vorhanden. Besonders seltene und kostbare Ausgaben der Bibel fehlen natürlich nidit. Es genügt, die erste rabbinisdie Bibel zu erwähnen, in der Druckerei von Daniel Bomberg auf Pergament gedruckt (Venedig 1516—17) und ein Exemplar des Budies der Klagen mit Kommentar von Joel ibn Sdiuaib (gedruckt in Saloniki 1522). Die Bibliothek besitzt weiterhin eine ungewöhnlich grosse Anzahl von Werken in dem jüdisch deutschen Jargon von anonymen Sdiriften usw. Kurz, kein Zweig wurde vernachläsigt, und es sind zahlreidie Exemplare von Büchern aus allen Städten vorhanden, in denen es Druckereien gab, nidit nur in Europa, sondern auch in Asien und Afrika. Wer könnte auch nur annähernd alle diese Sdiätze aufzählen! Nur einige spätere Werke, die eine besondere Geschichte hatten, seien erwähnt. Da ist ein Büdilein in jüdisdideutsdier Spradie und Sdirift, veröffentlidit von Midiel Gottsdialk, Frankfurt a. O. 1774, das 86 Oktavseiten umfasst. Der unbekannte Herausgeber bemerkt im Vorwort, dass eine Neuauflage des kleinen Buches, das 1705 zuerst ersdiien, auf die Dauer von 10 Jahren unter Banndrohung verboten war. Nun seien mehr als 10 Jahre verstridien, sodass einer Neuauflage nidits mehr im Weg stand. Jedodi sei mandies, was in der ersten Ausgabe stand, weggeblieben, weil es in der Zwisdienzeit anderwärts ersdiienen war, andererseits wurde neues Material hineingearbeitet. Ein anderes kleines Budi, in dem man einen Hauch der französischen Revolution spüren kann, ist eine in Berlin 1792 veröffentlichte Abhandlung über einen Plan, zur Verbesserung der Lage der Juden. Sie hat. die Form eines Gesprädis zwischen einem von liberalen Ansiditen beseelten König mit seinem Ratgeber. Die Wortführer sind ein Kleriker als Gegner und ein General als Vorkämpfer der Juden. Ein einzigartiges .Budi aus der napoleonischen Aera hat eine merkwürdige Geschichte; es ist ein kleines italienisdies Budi von A. Fernando, gedrückt in Leghorn 1810 -und handelt von einem „philosophisdien Projekt, die Gottesverehrung und politisch-moralische Bildung der Juden zu verbessern". A. Fernando war zuerst Lehrer und dann Beamter unter Napoleon, den er als den grössten Erlöser der Mensdiheit betraditet. Er hofft, dass zu einer Zeit, wo der überragende Heros eine neue, eine bessere Welt aufweist, audi dem Judentum durdi geeignete Reformen neues Leben einzuflössen sei.,Bald nadi der Veröffentlidiung dieses Budies, das in seiner Begeisterung gut gemeint war, zeigten es die Juden dem Präfekt und dem Bischof von Leghorn als religionsfeindlich an, mit der Bitte, dass es durdi Sadiverständige geprüft und das Erscheinen des zweiten Bandes verhindert würde. Die Prüfung verlief nadi dem Wunsch der Kläger. Die Häupter der jüdischen Gemeinde besdilagnahmten die ganze Auflage und verbrannten sie. Das einzige Exemplar, das dem Autodafe entrann, war das des Verfassers selbst, das Korrekturen von seiner eigenen Hand enthielt, und eben dieses Exemplar ist jetzt in der Frankfurter Bibliothek zu finden, ein Unikum im vollsten Sinn des Wortes. Eine andere Kuriosität ist ein hebräisdier Kalender des Jahres 4 der französisdien Republik, veröffentlidit von Abraham Speier in Metz im Jahr 1796; parallel mit dem jüdisdien Kalender ist die ebeu eingeführte Einteilung in Dekaden anstelle von Wodien, anstatt der Feiertage sind nur die Feste der Republik aufgeführt. Ebenso erstaunlidi wie die Sammlung von Druckschriften ist der Reichtum der Bibliothek an alten Manuskripten. Die Fragmente aus Aegypten wurden bereits erwähnt. Dazu kamen aus der Merzbacher-Sammlung allein 150 Manuskripte, darunter 20 auf Pergament aus dem 15. und 14. Jahrhundert, einige mit Illuminationen versehen. Besondere Beobaditung verdient ein altes Bibelmanuskript aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts, das mit einer Reihe sdiönei ganzseitiger Bilder gesdimückt ist. Späteren Datums sind ein Werk „Nadiriditen aus den Hussitenkriegen" und die Memoiren der Glückel von Hameln, die späterhin von Kaufmann veröffentlidit wurden und ihren Weg durdi die ganze Welt genommen haben. Zur Kulturgeschichte der Frankfurter Juden während des Dreissigjäiirigen Krieges Von Gemeinderabbiner Dr. Jakob Horovitz. Seit dem Ersdieinen des zweiten Teiles der Frankfurter Rabbinen meines Vaters s. A. ist die Persönlichkeit des Frankfurter Rabbinatsassessors Joseph Hahn, der 1570 hier geboren und 1657 gestorben ist, einem weiteren Kreis erschlossen worden. War auch dessen Budi Josif Omez den Kundigen längst bekannt, so erfuhr man dodi erst jetzt, von welcher weitgreifenden Bedeutung die Wirksamkeit dieses Mannes gewesen ist, der in jenen sdiweren Zeiten der von allen verehrte Vertrauensmann «und Ratgeber seiner Gemeinde war, eine ganz nadi innen gerichtete stille Gelehrtennatur und doch auf der anderen Seite ein Mann der lebendigen Tat. Zu der anerkannten Bedeutung, die sein Budi für den Frankfurter Minhag besitzt, erwies es sidi zugleich als eine der ganz wenigen jüdisdien Quellen für die Geschichte der Juden während des dreissigjährigen Krieges^und als eine bedeutsame Zusammenstellung edelster Grundsätze jüdischer Sozialethik. Besonderen Eindruck madite das, was Josef Hahn aus ihrem Geiste heraus an selbständigen Gedanken über Kindererziehung, Armenwesen, Behandlung der Dienstboten u. a. m. entwickelt. Vor jetzt mehr als zwei Jahrzehnten habe ich eine Handsdirift des Werkes, die in der Bodleianä in Oxford-ruht und bisher noch nicht veröffentlidit ist, abschreiben lassen. Eine der interessantesten unter den vielen bedeutsamen Zusätzen*, die diese Handschrift bietet, erscheint in diesen Tagen in einer von der Soncino-Gesellsdiaft aus Anlass des sedizigsten Geburtstages von A. Freimann herausgegebenen Festsdirift. Bei der grossen Verehrung, die Rabbi Joseph Hahn hier in Frankfurt stets, gefunden hat, — sie kommt u. a. in einer 1928 erschienenen Neuausgabe seines Budies zum Ausdruck — dürften vielen Mitgliedern, unserer Gemeinde einige Mitteilungen über jene Kapitel erwünscht