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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-07-01 · 11 (7.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
11 (7.1931)
Date
1931-07-01
Page
[Seite] (sequence 31)
Language
German
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Diese gemeinsame Lage und dieses gemeinsame Streben erklären es, dass man von einem Gesamtbegriff „Jugend" insbesondere auch innerhalb der jüdischen Gemeinde spre- , chen kann. Dass eine solche Jugend auch tatsächlich vorhanden ist — wer wollte dies bezweifeln? Es ist in der letztvergangenen Zeit riiit dem Worte „Jugend" ein neues.Schlagwort aufgekommen, mit dem viel Unfug getrieben wird. Der Ruf nach der Jugend („Wer die Jugend hat, hat die Zukunft"), hat viel Unschönes an sich. Denn Jugend ist schliesslich nicht durch ihr blosses Dasein etwas Besonderes, es muss schon etwas Besonderes in ihr ruhen oder von ihr ausgehen, damit man sie auch als etwas Besonderes anerkennen kann. Die Tatsache ihres ja naturnotwendigen Daseins allein berechtigt sie noch nicht zu einer Vorzugsstellung. Andererseits ist aber z.u beachten, dass die jetzige Jugend durch ihr frühes Erleben und dadurch, dass sie in ihrer frühesten Entwicklung fast durchweg vor den Ernst der Dinge gestellt wurde, auch zu einer Reife gediehen ist, die ihr die Berechtigung gibt, an den E n t s c h e i d u n g e n d c s Ge m einwesen s mitzuwirken und den ihr zustehenden Einfluß bei ihrer Gestaltung geltend zu machen. Es ist zuzugeben: dem jungen Menschen fehlt es an der E r f a Ii r u n g, die sich der Aelteie kraft seiner Lebensjahre aneignen konnte, es fehlt ihm an der Routine, (las Leben schon von einem geklärteren Standpunkt aus zu betrachten und demgemäss seine Entscheidungen zu treffen. Aber, fragt es sich, ist es nicht recht nützlich, neben den routinierten, erfahrenen und reifen Menschen eine Kraft zu setzen, die noch aus ihrer unverbrauchten Ursprünglichkeit schöpft, durch den Geist der Zeit und durch die Entwicklung dennoch zu einem verantworrungsbewussten Menschen herangewachsen-ist? Wird so nicht die Gefahr vermieden, dass durch lauter Routine und Erfahrung ein erstarrtes System entsteht, das, von seinen Bildnern wohlgefällig betrachtet, den Anforderungen der Zeit doch nicht mehr gerecht zu werden vermag und sich langsam und lautlos selbst überlebt? Erst durch die noch in Wachstum und Entwicklung stellenden jungen Menschen kann die wahre Verbindung mit dem Leben, dem wachsenden und sich täglich fortentwickelnden Leben hergestellt werden, die eine Einrichtung genau so wie eine Bewegung allein befähigt, die Ereignisse und Schwankungen eines längeren Zeitraums zu überdauern. Eine solche Einrichtung, die der Mitgestaltung und Mitbefruchtung durch die Jugend bedarf, stellt aber auch unsere Gemeinde dar, und mit den Bewegungen dürften die Strömungen innerhalb der Gemeinde gemeint sein, wie sie insbesondere in den verschiedenen Richtungen und Parteien ihren Ausdruck finden, die erst das dynamische Bild der Gemeinde ergeben. Auch für sie zeigt sich daher dasselbe Bild hinsichtlich der Bedeutung der Jugend, wie sie für die Gemeinde vorhanden ist. Man hat bisher die M i t a r b e i t d e r Jugend an den Aufgaben der Gemeinde im grossen ganzen vermissen müssen. Mancher mag über diese Erscheinung zufrieden gewesen sein, in der Mehrheit wird man dies aber als einen Mangel betrachtet haben. Woran liegt dies? Schuld ist auf beiden Seiten vorhanden. Auf der einen Seite hat die Gemeinde den Jugendlichen den Weg zu ihr versperrt, indem sie ihren Wünschen und Forderungen allzu wenig entgegenkam, ihnen die Möglichkeit zu wirklicher Mitarbeit und Gestaltung versperrte und damit den Willen der Jugend, ihre Kräfte zur Verfügung zu stellen, vorzeitig abtötete. Mag dies zur Interesselosigkeit der Jugend an den mit der Gemeinde zusammenhängenden jüdischen Dingen geführt haben, wie sich dies hauptsächlich in der biindisch organisierten Jugend bemerkbar macht, oder hat es sogar vermocht, den Willen des Einzelnen zur Positivierung und Abkehr vom Tndifferentismus nicht aufkommen zu hissen, den Schaden trägt jedenfalls die Gesamtheit. Auf der anderen Seite trägt nicht weniger die resignierte Haltung fast der gesamten Jugend, die sie den Angelegenheiten der Gemeinde gegenüber einnimmt, die Schuld an dieser Erscheinung. Und wieviel unverbrauchte Kraft steckt doch gerade noch in den Bünden, die im Interesse der Gemeinde für deren Zweck freigemacht werden könnte, wenn nur die Führung in diese Richtung gelenkt würde? Und wie wäre es gerade Aufgabe der Jugend, die jüdischen Dingen abseits stehenden Indifferenten wieder jüdischen Interessen irgend welcher Art zuzuführen, durch das Einbringen neuer Ideen, neuer Formen und fortschrittlichen Geistes! Die Sorge, die Kraft der Jugend für die Aufgaben der Gemeinde nutzbar zu machen, darf auf beiden Seiten nicht mehr ausser Acht gelassen werden. Die Aelteren mögen einsehen, dass sie ihre bisherige Abschliessung aufgeben und der Jugend die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Kräfte geben müssen. Sache der Jugend ist es aber, aus dem engen nur für sich wirkenden Kreise des Bundes herauszutreten, sich den für die Erfordernisse der Gemeinde als der jüdischen Gesamtheit notwendigen offenen und weiten Blick zu verschaffen und das Erworbene den Interessen der Gemeinde zur Verfügung zu stellen. Werner Hochheimer Jugendleiter Die Israelitische Gemeinde hat seit einigen Jahren der Frage einer Förderung der Jugendbewegung ihr besonderes Augenmerk zugewandt. Der Gesamtheit ist dies allerdings bisher nur dadurch bekannt, dass in den letzten Jahren Subventionen für die verschiedenen Bünde zur Verfügung gestellt wurden. Der Schreiber dieser Zeilen hat bereits im Jahre 1927 in der Gemeindevertretung den Vorschlag gemacht, ein Jugenddezernat zu bilden, dem ein mit den Fragen der Jugendpflege und Jugendbewegung vertrauter Leiter vorstehen möge. Ebenso wurde seit dieser Zeit immer wieder die Notwendigkeit der Gründung eines Jugendheims hervorgehoben. Das Letztere ist nunmehr seit etwa einem Jahr vorhanden, jedoch bisher in noch sehr ausbaubedürftigem Masse. Die Wahlen des letzten Jahres führten zur Bildung einer J.ugendkommiss'.ion, der neben 2 Mitgliedern des Gemeindevorstandes und 5 Gemeindevertretern 6 Vertreter der Jugend-Organisationen angehören. Forderungen der Jugendwaren vor allem die Anstellung eines beamteten Jugendleiters und die Förderung der Frage des Jugendheims. Beide Forderungen sind von sämtlichen Parteien, vom Vorstand 'und der Gemeindevertretung als berechtigt anerkannt worden. Die praktische" Förderung der Frage nach einem Jugendleiter ist soweit gediehen, dass die Jugendkom. mission — also ausser den direkten Vertretern der Jugend 2 Vorstandsmitglieder und 3 Gemeindevertreter — die Ausschreibung eines hauptamtlichen Jugendleiters vorgeschlagen Iiaben, der Verständnis für alle Fragen der Jugendpflege, Jugendbewegung und Jugendfürsorge, sowie Kenntnis de^-jüdischen Lebens lind jüdischen Wissens besitzen muss. Die Jugendvertreter haben kein Hehl daraus .gemacht, dass die Stelle dieses Jugendleiters in -erster Linie einer Persönlichkeit anvertraut werden muss, die aus der J u - Jugendheim gendbewegung stammt und deshalb von sich aus bereits den persönlichen Konnex mit der Jugend hat. Wenn auch Unterrichtskeniitnisse und pädagogische Fähigkeiten keineswegs fehlen dürfen, so muss (loch die Häuptfähigkeit dieses jugendleiters darin bestehen, die Jugend als solche heranzuziehen, sie durch persönliches Einwirken für die Gemeinde zu interessieren, sie für den Religionsunterricht zu erwärmen, Missverständnisse auf diesem Gebiet — und deren bestehen viele — aufzuklären, die bestehenden Jugend-Organisationen in gemeinsamen , Fragen zusammenzuführen, die Zersplitterung der Jugendbewegung durch Zusammenschluss verschiedener Gruppen zu beseitigen, vor allem die nichtorganisierten Jugendlichen für die Gemeinde zu gewinnen, — kurz, das eigentliche Bindeglied zwischen der Jugend und der Gemeinde zu sein. Aus diesem allgemeinen Ueberblick der Tätigkeit des Jugendleiters geht hervor, dass die Hauptfähigkeit des Jugendleiters in seiner Persönlichkeit liegen muss, und dass die Kenntnisse jüdischen Wissens und die pädagogische Tüchtigkeit nur ein Hilfsmittel für diese seine Hauptarbeit sein soll, allerdings ein Hilfsmittel, das nicht unterschätzt werden darf. Das Jugendamt, welches dieser Jugendleiter einzurichten hat, müsste sich mit der Zeit mit einer ganzen Reihe weiterer Fragen befassen. Es müsste allmählich eine Kartothek angelegt werden, die jeden Jugendlichen von Geburt an bis zur Volljährigkeit in seiner Entwicklung verfolgt. Auf diese Weise würde man einen Ueberblick. über die gesamte Jugend der Gemeinde, über ihre Beweglichkeit, Krankheit, Unterricht, Berufsausbildung, Selbständigmachung und vieles mehr erhalten. Dem Jugendamt fiele ferner die Aufgabe zu, gemeinsam mit den Wohlfahrtsstellen und Jugend vereinen zu wirken. Besondere Arbeitsgebiete wären die Ueberwachung der ge-

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