Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 11 (7.1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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sie war die einzige Möglichkeit für die Juden, ihr gesellschaftliches Bedürfnis — das wie der Hunger als Trieb dem Menschen innewohnt — in Leben umzusetzen. Mit der Wandlung von der Kehilla zur Gemeinde ist das alles anders geworden. Was" die. Kehilla als Zusammen/kalt hatte, ist heute Gegenstand der Auseinandersetzung: Religion — Tradition — Kultus —. Kunst und Wissenschaft sind die mehr lebendigen als klaren Quellen, aus denen heutige Juden (neben der Religion) die Grundlagen für ihre Ansdiauung von der Welt ziehen. Gläubige und Ungläubige, auf die Tradition Schwörende und den Fortschritt aus Leidensdiaft wollende, nationale Juden, religiöse Juden, atheistisdie Juden, alles findet sidi in dem Menschensdiatz bunt durcheinander. Wie sollte da die Pflege des Kultus allen Veranlassung geben können, die Existenz der Kultusgemeinde (als die sie sidi bezeidmet) soweit zu bejahen, dass sie ihnen etwas bedeutet? Und von der verbindenden .sozialen Einschiditigkeit der Kehilla . kann in der Gemeinde von heute längst nidit mehr die Rede sein. Millionäre und Grosskapitalisten, Mittelständler (aufsteigende und im Abgrund versinkende), Proletarier und Verelendende, sie alle stehen in den Kartotheken der Gemeinden hintereinander. Wie sollte da das Ideal einer anständigen, mittelmässigen Bürgerlidikeit, das als soziale Tradition uns von der Kehilla überkam, nodi Lebenskraft haben? Politisdie Tätigkeit, künstlerisdies Arbeiten und wissensdiaftlidies Wirken stehen dem Juden, sofern er die Qualitäten mitbringt, offen. Wie sollte da die Gemeinde nodi der Ort sein, um die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen? Das sind die Kanäle, durdi die Menschen aus den Gemeinden herausströmen; weil sie nidits Lebendiges .zu sein sdieint, weil sie ein überkommenes Gerippe konserviert, ohne die Zeidien einer neuen Zeit, die blutig wie kaum eine andere hereinbradi, zu berücksiditigen. Aber, Menschen bilden die Gemeinde, und die Gemeinde ist mehr als die Summe der Mensdien, die sie bilden. Und da sind viele junge Mensdien, die aus all den vielen Gründen und Motiven, die man erkennen.kanu, im Judentum (jeder nadi seiner Auffassung) wurzeln, und wünschen und hoffen, dass es wieder die Stätte der Freude und des Lebens, ihrer Freude, ihres Lebens sei. Allen diesen Mensdien, und das sind wir, bedeutet die Gemeinde zweierlei: eine Realität und ein Wunschbild. Eine R e a 1 i t ä t! Die Gemeinde ist die einzige Realität jüdischen Seins in dieser Zeit. In sie wird man hineingeboren, durch die Kraft des Blutes, das sidi vererbt von der Mutter auf die Kinder. — Die Gemeinde ist die Organisation, die die jüdisdien Mensdien und ihre offiziell anerkannten Bedürfnisse verwaltet. — Viel, sehr viel für eine Mensdiengemeinsdiaft, die nidit mehr oder nodi nicht, feste, man niödite fast sagen, irdisdie Dinge binden — Territorium, Spradie — aber nidit genug, um Mensdien auszufüllen mit den vitalen Krähen, die treiben, anfeuern, erfreuen und begeistern. Deshalb ist uns die Realität der Gemeinde eine Grundlage, ein Willkommenes, um unser Wunschbild zu verwirklidien. Das heisst, dass die Gemeinde sidi hier'entwickeln muss zu den Erfordernissen und Notwendigkeiten dieser Zeit. Unabänderlich ist der Rahmen, das feste Gefüge des Judentums und der Gemeinde; sinnvoll ist es und in alle Ewigkeiten dauernd. Aber veränderlich und anpassungsfähig ist sein Inhalt. Als Rabbi Jochanan ben Sakkai,. clie politisdien Notwendigkeiten der Situation erkennend, das Gebet anstelle des Opfers einführte, da war dies eine Tat, die die Zeit geboren hatte, und die die Basis unserer heutigen Gemeinde sdum enthielt. Das Erlebnis unserer Zeit ist nicht minder sdi wer wiegend, umstürzend, als das Erlebnis der Generation, die Jodianan ben Sakkai führte. Sie sah den Tempel stürzen — und hatte das Glück, einen Jochanan ben Sakkai zu besitzen. Wir sehen alles stürzen, was scheinbar" fest und sidier um uns stand — und stehen allein. Zwei Dinge von vielen mögen uns klar zeigen, was not tut: - Die Synagoge ist, vom Gesichtspunkt der Gemeinde aus betrachtet, ^er Mittelpunkt der Dinge. Sie ist es nidit vom Gesiditspunkt der Mensdien. Wären nicht Organisationen entstanden, die neue Zentren bauten, die meisten Gemeinden wären vielleidit sdioii zerfallen. Erfordernis der Gemeinden ist es, die Stätten der Diskussion, der Geselligkeit, des gemeinsdiaftlidien Lebens zu schaffen, die ungenügend (und zum Teil exklusiv) bestehen. Vera r m u n g ist Massenschicksal geworden. Erkannt, nicht mehr als der Fludi eines Gottes über eine unwürdige Generation, sondern als das Ergebnis einer Wirtschaftsordnung. Aufbau vorbeugender H ilfsmassna h m e n ist als Hilfsmittel notwendig. Aber uneilässlich ist die Stellungnahme der Gemeinde in den . .grossen A u s e i n a n d e r s e t z u n - g_e n, in denen politische und wirtschaftliche Mädite miteinander ringen. Das sind Dinge,, die in unserem Wunschbild der Gemeinde keine Frage mehr sein dürfen; die beantwortet" sein müssen im Sinne der Neuorientierung der Menschheit, gegen die alle reaktionären, profitierenden Mädite kämpfen. Und unser ganzer Glaube an die Gemeinde hängt daran, dass sie sidi nidit «mit den reaktionären Mächten verbinden kann; dass in ihr alle Juden gleich sind. W i r b e j a h e n die Ge meinde, wir kämpfen um sie; nidits Neues, Grosses, Lebendiges wird ohne den Kampf, den sdion Moses mit den Wiederstrebenden, Satten kämpfen musste. Die Gemeinde bedeutet uns die Form, in die wir unser Erleben, uiiser Feuer, unseren Willen, unsere vorwärtsstürmende jüdisdie Kraft giessen wollen, auf dass sie Gestalt gewinne; wir verspüren in uns den Willen, „das Antljtz.- Gottes aus dem Stein dieser Welt herauszumeisseln." Unsere Zeit ist gekennzeichnet durdi den Willen zur sozialen Er n e u e r u n g der 'Weltordnung. Dieser Wille, dem Judentum immanent, muss sidi auswirken in allem, was die Gemeinde ist und hat. Die Gemeinde muss die Stätte unserer Freude und unseres Kampfes, unseres Erlebnisses und unserer Ruhe sein können. Und Aver mödite meinen, dass die Summe der Gemeinden in den Aeusserungsformen des Lebens und des Geistes, die siesdiaffen, etwas anderes sei, als das lebendige Judentum; oder dass das Judentum, wenn ihm nodi Gestaltungskraft innewohnt, wenn es keine museale Angelegenheit ist, etwas anderes sein kann, als die geistige Substanz gewordenen Menschenkräfte, die in den Gemeinden alte, „ jüdische Ideale mit neuen Mitteln und den Formen einer neuen Zeit verwirklichten? Wir deuten den Sinn des Judentums — deswegen bedeutet uns die Gemeinde diese Aufgabe, die wir in ihr zu erfüllen haben. Jakob Jacobs Was bedeutet die Jus - Zunächst bedarf es der Aufklärung, ob man überhaupt von einer geschlossenen Gruppe, die mit Jugend zu bezeidmen wäre, im Hinblick auf die Gemeinde sprechen kann. Die Gemeinde bestellt aus Mitgliedern aller Jahrgänge, älteren und jüngeren Menschen. Nur wo man jedem Fortsdiritt und jeder Entwicklung fremd gegenübersteht, wird man audi hinsichtlich der Jugend eine indifferente Stellung einnehmen und umgekehrt wird die Jugend keine Probleme in ihrer Haltung zum Ganzen kennen. Sieht man aber hiervon ab, so hebt sich doch aus der . Masse, die durdi die Gemeinde verkörpert wird, eine Gruppe, ein Kreis von Menschen ab, denen ein eigener Stempel auf gedrückt ist. Wie im Staatsleben, in der Politik, in. Kunst und Wissensdiaft, lässt sich auch aus der Gesamtheit der Gemeindemitglieder eine Sdiicht loslösen, die in sich eine Gemeinsamkeit darstellt: die Gruppe der J u g e n d 1 i c h e n. Zusammengefasst durdi ein Erlebnis oder id für die Gemeinde? besser einer Kette aus sidi heraus immer weiter entwickelter Erlebnisse, nämb'di die der Kriegs- und der Nachkriegszeit, des Zusammenbrudis des Vaterlands und des sidi daran ansdiliessenden wirtsdiaftlidien Zusammenbruchs des Ganzen und der vielen Einzelnen, hat sidi bei ihnen, den Menschen, deren ganze Entwicklungszeit nur in den Ablauf dieser Gesdiehnisse fällt, eine Gemeinsamkeit entwickelt. Und wenn sich dies allgemein unter der Jugend feststellen lässt, wieviel mehr trifft es gerade hei der deutsdien jüdisdien Jugend zu, diesen jungen Mensdien, die sidi nicht an alten Erinnerungen der Vorkriegszeit laben und. berausdien können, sondern die von ihrer Kindheit an vor die Tatsachen sdiärfsten politischen und wirtsdiaftlidien Existenzkampfes gestellt sind. Zumeist aus dem bürgerlidien Mittelstandskreis stammend, sudien und kämpfen sie darum, zu einer festen und ehrlichen Stellung, wie sie ihrer sozialen Lage entspridit, zu gelangeu.