Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-07-01 · 11 (7.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
9 (1930-1931)
Issue
11 (7.1931)
Date
1931-07-01
Page
[Seite] (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094360-3094371--2890-3097644
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt "7 Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde •Hr. 1 JULI 1931 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Si hriflleilung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzlich«- Verantwortung.-— Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu/**" — An die Jugend und an die Gemeinde! ZjtomHOR («•MIHW«««! . Es gab einmal Zeiten, in denen die Menschen fest und sicher in jenen geistigen Bezirken beheimatet waren, in die eine schicksalsbestimmte Entwicklung sie hineingestellt hatte. Heute sind — eine neue Völkerwanderung — überall Menschenmassen unterwegs, heimatlos, friedlos, weil sie das Wohnrecht in den Häusern ihrer Väter aufgegeben und eine neue Wohnstätte für den ruhelosen Geist noch nicht gefunden haben. Ueberall sind die übergekommenen Bindungen gelockert; in zahllosen Fällen sind sie geschwunden. Die jüdische Gemeinde ist das Heim der Juden,, aller Juden, die Stätte ihres Kampfes und die Stätte ihrer Ruhe, der Ort ihres Lebens und der Ort ihres Sterbens. Nur in der Gemeinde ist der Jude Jude. Die Gemeinde aber trägt, mit allen anderen von Menschen geschaffenen Zentren, das Schicksal dieser Zeit: daß ihre Söhne ihren wärmenden, schützenden aber auch verpflichtenden, zwingenden Mitte entfliehen — von nun an von allem Bindenden freie, aber dafür auch jeden stützenden Haltes bare Menschen. Auflösung droht. Junge Menschen, Kinder dieser alten Gemeinde, Kinder dieser neuen Zeit, bekennen sich in dieser Stunde jüdischer Not zu einem Glauben und zu einer Aufgabe. Zu einem Glauben. Sie glauben an ihre schicksalhafte Verbundenheit mit den ewigen, mütterlichen Quellen des Judentums, wie sie allein aus dem Born der lebenden Gemeinde fliessen. Weil aber eine Form nichts ohne ihren Inhalt, eine Institution nichts ohne ihre Träger, eine Ewigkeit nichts ohne den täglich neu erwachenden jungen Morgen ist, deshalb glauben sie, dass jüdische Gemeinde nichts ist ohne jüdisdie Jugend. Und wie ein Mensch in sich das Blut von unabsehbaren Reihen von Vätern und Müttern rollen hat, wie aus-jedem Antlitz das Auge vergangener Geschlechter blickt, wie ein Heute nichts ist ohne ein Gestern, so glauben sie, dass jüdische Jugend nichts ist ohne jüdische Gemeinde. Zu einer Aufgabe. Jüdische Jugend findet sich zusammen, um mit den Mitteln ihrer Zeit und in ih rem guten Geist, mit ihrer Kraft den Bau zu stützen, neues Leben und neue Zukunft in die ihr überkommene Gemeinde, dereinst ihr jüdisches Erbe, das einzige, zu tragen. Diese Jugend kennt so ihre Gründe, sie kennt ihre Aufgabe, sie kennt ihre Kraft, und sie kennt auch die Weite des Weges und seine wilde, wehe Schwierigkeit. Weil sie aber weiss, dass in der ewigen Wellenbewegung der Geschichte ein Aufwärts folgt auf jedes Nieder, dass die Bewegung der niedergehenden Welle bereits die auftreibende Kraft in sich trägt, deshalb beginnt sie, in einem Zeitpunkt des tiefen Sturzes: mit gutem Glauben. Der Kopf dieser Blätter sagt über ihren Inhalt und ihren Zweck aus: „Jugend und Gemeinde". Die Brücke sollen sie schaffen helfen, um die Jugend zur Gemeinde, die Gemeinde zur Jugend hinzuführen und beide unauflöslich aneinander zu binden. Von allen Sorgen der Jugend sollen diese Blätter sprechen; was jungen Juden heute problemhaft ist, was immer in ihrem Leben sie drängt, treibt, hindert, ihre Not und ihr Glück, ihr Leben: das soll an dieser Stelle ausgesprochen werden und nach Klärung und Verstehen suchen. Und die Sorgen der Gemeinde zu den Sorgen ihrer Jugend machen, das ist die andere Aufgabe dieser Beilage. So schaffen.wir an der Erneuerung jüdischen Lebens. Jugend! Gemeinde! Helft! Ernst Holzer Was bedeutet u Die Frage dieser Ueberschrift steht für die Vielzahl der- Verhältnisse, in denen heute Juden zur jüdischen Gemeinde stehen. Zahllose Juden fragen, was ihnen die Gemeinde bedeutet, sudien nach einem Sinn, der sich in der Existenz der jüdischen Gemeinde offenbart, einem Sinn, der für das Leben des Einzelnen, das augenbliddiche, kurze Leben von Bedeutung ist. Vor allem aber wird die Frage gestellt von der Generation jugendlicher Menschen, denen ein blosses Sein nidit genügt, um es als erhaltenes Werk zu fördern; die ein Lebendiges suchen, das lohnt, dass man sich mit ihm vereinige. Die Gemeinde unserer Zeit ist geworden aus der Kehilla des Mittelalters. Kein stimmungsvolles Bild soll gemadit wenden, in dem alles von „Gemüt" und „Seele" überfliesst. — Klar und nüditern sei festgestellt, was die Kehilla war: Die Zusammenfassung aller an einem Ort lebenden Juden zur gemeinsamen Befriedigung -aller gemeinsameu Bedürfnisse. Zuvorderst, im Zeitalter der Religion, der religiösen Bedürfnisse; die Sorge für den Kultus der Lebenden und Toten; die Fürsorge für die Armen, Zedoko; die Verbreitung jüdischer Lehre und jüdisdien Wissens. Das ist das Gerippe des Baus, das aus dem Mittelalter des Ghettos über das vergangene Jahrhundert zu uns gekommen ist. Das Gerippe der modernen Gemeinde; die Gemeindet bildet noch, nach wie vor, zuerst den Kultus, mit den dazu gehörenden Beamten, die Fürsorge für die vom Glück nicht Begünstigten und die kulturelle Mission der Verbreitung jüdischer Lehre und jüdischen Wissens. Die Grundlage dieses überkommenen Gerippes bilden die Menschen; sie sind das einzige wertvolle, weil unersetzliche Gut. Von wenigen Aussenseitern abgesehen war die Kehilla des Mittelalters einschichtig: geistig und sozial. Die Baale Battim fühlten sich in ihrer Gesamtheit der Religion und überkommenen Tradition verbunden; die „Schul" war der Sammelpunkt, der, wie man weiss, nicht allein dem Gottesdienst geweiht war. Hier war das lebendige Zentrum, in dem alles erledigt wurde, was die Gemeinschaft betraf. — Die Baale Battim waren überdies alle geplagte Menschen, die, unter dem Druck der Ausnahmegesetze und der wirtschaftlichen Situation überhaupt, alle Mühe und Not hatten, das tägliche Brot zu verdienen. Und wenn es einmal einer Kehilla gelang, zu einem Anflug von Wohlstand zu kommen, dann sorgten Judensteuern, drohende Exzesse und Pogrome dafür, dass man sich des Wohlstands nicht freute, dass er eher ein Sorgenspender als Freudenbringer wurde. Diese Einschichtigkeit Hess eine Frage nach der Bedeutung der Kehilla nicht aufkommen; sie war das sichtbare Zeichen des Zusammenhalts und Zusammenlebens gleich Gesinnter und gleich Geplagter,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.