Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 9 (1930-1931)
- Issue
- 11 (7.1931)
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hier ist weit über das Spezielle hinaus Grundsätzliches gefasst. Um die Einmaligkeit, das Unwiderrufliche des Menr schenlebens zu betonen, wird der Baum dem Menschenleben gegenübergestellt. Damit ist ein Problem der modernen Botanik erfasst worden: das Problem der potentiellen Unsterblichkeit des Baumes. (Mit Unsterblichkeit ist hier selbstverständlich nichts Metaphysisches im Sinne eines Lebens nach dem Tode gemeint.) Bei den höheren Tieren und ebenso beim Menschen ist der Lebenscyklus geschlossen. Damit ist folgendes gemeint: Entwickelt sich der Embryo aus der Eizelle, so geht das so vor sich, dass sich jede Zelle immer wieder teilt und so schliesslich ein vielzelliges Individuum entsteht. Hat das Individuum aber ein .gewisses Alter erreicht, so verlieren die Zellen ihre Teilungsfähigkeit, d. h. sie können sich nicht mehr vermehren. Ist dieser Punkt erreicht, so tritt der Tod nach kürzerer oder längerer Zeit mit Notwendigkeit von innen her ein. Dieser Tod ist von der Aussenwelt unabhängig, da er rein auf dem Altern der einzelnen Zellen beruht, die .sich durch Teilung nicht mehr erneuern und somit verjüngen können. Ganz anders ist das bei den Bäumen. Hier ist die Entwicklung im Gegensatz zum Tier nie abgeschlossen. Der Baum besitzt immer Zellen, die sich jederzeit teilen können. Der äussere Ausdruck dafür ist die Tatsache, dass der Baum jedes Jahr um ein Stück weiter wächst, während beim Menschen das Wachstum etwa mit dem 30. Jahre vollständig abgeschlossen ist. Das Austreiben der Bäume im Frühjahr ist nichts anderes als der Beginn einer neuen Teilungsperiode der teilungsfähigen Zellen, die sich im Winter aus äusseren Gründen (Temperatur- und Lichtmangel) nicht geteilt haben. Da aber solche teilungsfähigen Zellen immer vorhanden sind, ist der Tod eines Baumes, wenn ein solcher eintritt, nicht durch innere Gründe bedingt wie beim Tier und beim Menschen, sondern nur durch äussere, z. B.: Der Baum wird so hoch, dass er dem Wind eine zu grosse Angriffsfläche bietet und von ihm umgestürzt wird. Oder der. Baum wird von Menschenhand gefällt. Mit anderen Worten: der Baum ist potentiell unsterblich, da sein Tod nicht wie beim Tier mit Notwendigkeit auf Grund seiner inneren Organisation eintritt, sondern nur durch Gegebenheiten, die zufällig sind. Wir haben deshalb unter den Bäumen die langlebigsten Lebewesen, die wir überhaupt kennen. So gibt es Bäume, von denen wir mit Sicherheit wissen, dass sie 3—4000 Jahre alt sind. Das ist einer der Gründe, warum die gleichnishaf te Antithese Baumleben — Menschenleben zutiefst das Richtige trifft. Doch die Antithese geht noch weiter. Sie ist nämlich nicht nur auf die Differenz bezüglich der teilungsfähigen Zellen gegründet. Sie ist auch darin gegeben, dass ein grundlegender Unterschied in bezug auf die ausgewachsenen Zellen besteht. Die ausgewachsenen Zellen des Menschen können ihre Teilungsfähigkeit, wenn diese einmal verloren ist, in den meisten Fällen nicht mehr zurückgewinnen, während hei den Pflanzen und somit auch beim Baum beinahe jede ausgewachsene Zelle, die sich normalerweise nicht mehr teilen würde, unter gewissen Umständen wieder zur Teilung schreitet. Diese Zellen lassen dann aus sich neue Sprosse, eine neue Pflanze hervorgehen. Das ist z. B. der Fall, wenn ein Baum umgehauen wird. „Wird er abgehauen, so treibt er aufs Neu". Auch die Wurzel vieler Pflanzen besitzt die Fähigkeit, aus sich eine ganze Pflanze zu .gebären. Ja selbst aus einzelnen ausgewachsenen Blattzellen können neue Pflanzen erstehen — eine Tatsache, von der dies Gärtner Gebrauch machen, wenn sie aus einem abgeschnittenen Begonienblatt eine ganze Anzahl neuer Pflänzchen hervorgehen lassen. Alles das gibt es beim Menschen nicht. Bei ihm kann kein Organ das Ganze wieder neu bilden. „Aber der Mann stirbt und liegt hingestreckt, verscheidet der Mensch, wo ist er dann?" V. Oft wird das Schicksal des Frevlers durchs Gleichnis ausgemalt. „Er wird abgerissen werden wie eine unreife Traube vom Weinstock Und wie ein Oelbaum seine Blüten abwirft." Auf den ersten Blick scheint dieses Gleichnis unverständlich. Werden denn die unreifen Trauben vom Weinstock gerissen? Lässt denn der Oelbaum seine Blüten fallen? Der erste Teil des Gleichnisses ist nur zu verstehen, wenn man von einem noch heute dm Orient weit verbreiteten Branch Kenntnis hat. Der Orientale verwendet nämlich die unreifen, noch grünen Trauben zu vielerlei. Er isst sie roh, er isst .sie als Salat, mit ihrem sauren Saft werden viele Speisen zubereitet. Das Gleichnis ist deshalb wohl so zu verstehen: Ebenso wie man die Trauben vor ihrer Zeit vom Weinstock reisst, bevor sie reif sind und ihreeigentliche und vornehmste Bestimmung erfüllt haben, nämlich die, zur Weinbereitung zu dienen, so wird der Frevler vorzeitig hinweggerafft. Im zweiten Teil des Gleichnisses ist vom Oelbaum die Rede, der seine Blüten fallen lässt. Wenn man irgendeinen Obstbaum zur Blütezeit betrachtet, wie er ganz mit Blüten übersät ist, so sieht man sofort, dass unmöglich alle Blüten Früchte tragen können, da sonst der Baum unter der Last der reifen Früchte zusammenbrechen müsste. Diese Gefahr wird dadurch vermieden, dass eine grosse Anzahl der Blüten keine Früchte ansetzt und einige Zeit nach der Blüteperiode abfällt. Der Baum entledigt sich damit der überflüssigen Esser, wenn man so sagen darf; denn alle Organe verbrauchen Nährstoffe, die bei den unbefruchtet gebliebenen Blüten umsonst verschwendet wären, da ja diese Blüten zu nichts mehr nutze sind. Der Oelbaum übertrifft nun in dieser Beziehung alle anderen Bäume. Er lässt im äussersten Falle bis zu 98% seiner Blüten fallen, die offenbar unbefruchtet bleiben. Selbst bei den besttragendsten Sorten werden noch 50% der Blüten vom Baum nach Beendigung der Blütezeit abgestossen. Und deshalb ist das Bild vom Frevler so treffend, der ebenso vom „grünen Baum der Menschheit" als Ballast abgestossen wird, wie der Oelbaum seine unbefruchtet gebliebenen wertlosen Blüten fallen lässt. VI. Um die Grösse seines Unglücks zu kennzeichnen, klagt Hiob, dass ihn selbst die Elendesten unter den Elenden verlachen. Diese Armen werden näher beschrieben. „Sie pflücken Maluach um die Siach-Büsche und Retamwurzel ist ihr Brot." (30, 4). Ferner 30, 7: „Zwischen Siach-Büschen stöhnen sie, unter Charul kauern sie sich zusammen." In diesen beiden Versen werden vier Pflanzen genannt, die alle Charakterpflanzen der Wüste sind. Maluach ist die Salzmelde (Atriplex Halimus), ein kleines, an sich unscheinbares Kraut, das nur in der vegetationsarmen Wüste auffällt und hier auch einige Bedeutung besitzt. Denn die salzig schmeckenden Blättchen des mit unserem Spinat verwandten Krautes werden vom Vieh gefressen. Der Mensch wird nur in äusserster Not seine Zuflucht zu dieser Nahrung nehmen, und gerade das soll ja in unserem Vers ausgedrückt werden. Mit R e t a m ist der Retamstrauch gemeint (Retama Roetam). Der Retam ist ein niedriger Strauch, der zur Blütezeit mit weissen kleinen Blüten übersät ist und dann eine in der Wüste recht auffallende Erscheinung darstellt. Er ist mit unserem Ginster verwandt, und deshalb haben wohl einige Uebersetzer Retam mit Ginster wiedergegeben. Der Retamstrauch ist einer der typischsten Wüstenbewohner. Er wächst in der Wüste, die sich südwärts von Palästina gegen den Sinai zu erstreckt und findet sich auch auf der Sinaihalbinsel selbst. Er ist eine der wenigen holzigen Pflanzen der Wüste und findet verschiedenste Verwendung. So stellen die Beduinen aus ihm Holzkohle her (Psalm 120, 4: Chize gibbor schenunim im gachale retamim, d. h.: Eines Mächtigen Pfeile sind schon geschärft nebst immer glimmenden Retamkohlen). Die Schafe fressen seine kleinen Beerenfrüchte, seine Wurzel wird wie die mancher anderen Hülsenfrüchte (zu dieser Familie gehört der Retam) vom Menschen gegessen. Die Wurzel schmeckt sehr bitter und ist ebenso wie die Maluach-Blätter eine Speise, die nur die Not dem Menschen schmackhaft machen kann. Was ist nun S i a c h? Nach Mittwoch hat das Wort eine spezielle und eine allgemeine Bedeutung. Die allgemeine Bedeutung ist Strauch, die spezielle ist Artemisia Herba alba, der weissblättrige Beifuss. Alles spricht nun dafür, dass an dieser Stelle die spezielle Bedeutung passender ist als die allgemeine. Denn der weissblättrige Beifuss ist eine holzige Pflanze, die in den Wüsten und Steppen Asiens und Südeuropas vorkommt und dort so zahlreich ist, dass sie die Physiognomie der Wüste prägt. In Palästina findet sie sich im Hochland von Judäa und im Gebiet südlich von Nablus. Da nun an dieser Stelle schon zwei andere typische Wüstenbewohner genannt sind, wird man wohl mit Recht annehmen, dass unter Siach hier der kleinblättrige weissfilzige Halbstrauch der Wüste, Artemisia Herba alba gemeint ist. Das Wort Charul bereitet einige Schwierigkeit. Es lässt sich nicht entscheiden, ob allgemein nesselartige Pflanzen gemeint sind, oder ob eine bestimmte Nessel damit bezeichnet werden soll. Aus der soeben behandelten Hiobstelle lassen sich nun, wie ich glaube, einige Schlussfolgerungen auf Heimat und Lebensraum des Hiobdichtersziehen. Denn in diesen beiden Versen verrät der Hiobdichter eine spezielle Kennt, nis des Pflanzenlebens der Wüste. Nimmt man hinzu, dass auch die Tierwelt der Wüste und die Wüste an sich an einigen Stellen eingehend und genau beschrieben wird, so drängt sich die Vermutung auf, dass der Verfasser des Hiob